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Die Stimme · 1936-03-24 · Heft 534 (24.3.1936) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 534 (24.3.1936)
Date
1936-03-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Salt« 4 Oll ST1MMI Nr. 534 — 24. März 1986 EREZ ISRAEL Besuch in Bath Yalla Von befreundeter Seite wird uns der folgende, liebenswürdig-frische Brief einer jüdischen Frau an ihre Schwester in Wien zur Verfügung gestellt: ... Du kannst Dir nicht denken, wie schön, wie interessant, wie unbeschreiblich, manchmal auch ein bissel unheimlich diese Stadt (Jerusalem) ißt. Sicher haben die Eltern hier auch viel gesehen, wahrscheinlich schon mehr als ich bisher, aber wenn man so Zeit hat und alle« mehr a.uf sich wirken lassen kann, manches zium zweitenuni drittenmal sieht, dann merkt man erst die Ungeheuerlichkeit des Erlebens. Ich bin doch jetzt kein junger, um nicht zu sagen alter und müder Mensch, und ich hätte nicht gedacht., daß mich trotz aller Sorgen noch je etwas so packen könnte, wie dieses Land und vor allem diese Stadt. Also stelle Dir so einen Tag vor. Morgens legst Du schön brav und bieder Deine Betten aus. wie in Posemukel oder St. Pölten, schaust einen Moment vom Balkon, den ich Euch schon so oft geschildert habe, dann wird geräumt und Kleider gebürstet, siehe St. Pölten, und dann ruft auf einmal die Frau Nachbarin vom dritten Stock, natürlich auch eine Arztensfrau: „Wollen Sie nicht heute mit mir nach Bath Yalla, da hat mein Mann seine Praxis“. Also schnell Essen vorgerichtet, dem Schlemasse.1 eingetriobtert, was sie machen soll — sie macht es doch verkehrt, aber en dawar. angezogen und hinunter zum Jaffator. Hier ist schon der richtige Orient: Sonne, Farbe, Menschen und Düfte. Ein Basar heißt sogar Straße der Wohlgerüehe, dort stinkt es ganz besonders! Darm nehmen wir uns zu drei Damen ein Taxi und fahren an all den schönen Kamelen vorbei bis beinahe Bethlehem, an Rachels Grab vorüber und nun geht es einen ganz steilen Berg hinauf in ein Araberdorf, das ganz hoch am Hang liegt, beinahe 1000 m hoch, und da sieht man über die Berge bis tief hinab zum Toten Meer, das, wie Du weißt, tief unter der Meeresfläche liegt. Oben blühen die Mandeln, die Misch-Mischbäume, das heißt die Aprikosen, alle Frühlingsblumen —, man hat 60 richtig die Empfindung, hier ißt das gelohte Land, und man vergißt ganz, wie besonders hart das Leben gerade hier sein kann. Geht es nach aufwärts, ist es herrlich, aber wehe, wenn es nach abwärts geht. Diese arabischen Dörfer sind für mich immer ein bißchen unheimlich, vielleicht steckt mir der Vergleich mit meiner vergangenen treulosen Heimat zu sehr im Kopfe, denn man soll nicht vergleichen. Spricht man dann mit den Leuten, .soweit das möglich ist, dann sind sie liebenswürdig und zutunlich wie Kinder. Selbstverständlich mache ich mit Besuch beim Hauswirt des Doktors. Er sieht aus wie der liebe Gott persönlich. Die Frau hat die herrliche Haltung der Frauen des Orients, die durch keine jahrelange Schule der rhythmischen Gymnastik ersetzt werden kann. Man wird mit Saida und Schalom begrüßt, bekommt sehr süßen Schnaps, Schokolade und natürlich auch Kaffee und sitzt erst eine Zeit unentwegt umeinand, wunderschön im Kreis wie in der Tanzschule; sie verbeugen sich und reden etwas, wir verbeugen uns und reden etwas, keiner versteht den andern, die jungen Mädchen kichern, jetzt wieder wie in St. Pölten, die Söhne sehen aus wie unsere jüdischen Junge ns, sprechen etwas französisch, einer englisch, einer lernt hebräisch. Man hat die Empfindung, wir sind eigentlich doch eine Familie, wir sind uns gar nicht fremd, und das ist sehr schön. Wenn man dann später durchs Dorf geht, ist es nicht immer so, man wird nicht zu liebenswürdig angesehen und kann als Frau gar nicht vorsichtig genug sein. Dann nachdem wir eine Zeit abgesessen haben, werden wir würdig mit tausend Segenswünschen begleitet, klettern noch in die Höhle, wo Samuel und Saul gesalbt hat, sehen in diese herrliehe Landschaft und jetzt ist es gar nicht St. Pölten. Dann wieder im Taxi schleunig nach der Stadt, ganz erschüttert von dem Gesehenen, Mittagessen richten, sehen, was wieder falsch gemacht ist, Wäsche weglegen und dann kommt natürlich Besuch. Abende sind wir zum Kino eingeladen, aber außerdem sollen wir zu Bekannten. Also gehen wir erst ins Kino in die ProphetcnstraJße. Ich stolpere immer noch über so profane Angelegenheiten in so hochtönenden Namen. ... Heute haben wir wieder eine besonders schöne Wanderung durch die Altstadt gemacht, unter Führung unseres Trierer Freundes, des Architekten und eines vornehmen jungen Arabers, der uns eigentlich in sein Haus mitnehmen wollte. Leider aber hatte sich unsere Gesellschaft unliebsam vermehrt und außerdem waren im Hause des Arabers junge Mädchen zu Besuch und empfinden, w o man steht, daß von diesen Stellen die Religionen der ganzen Welt ihren Ursprung haben, jahrtausend altes Geschehen, Geschichte und Sago. Natürlich war diese Führung durch den Araber besonders interessant, weil er uns mit seinem merkwürdigen Englisch alles erklärte. Was sind wir doch für ungebildete Menschen gegen die kleinen Ostjuden und Asiaten, dlie beinahe alle drei bis vier Sprachen sprechen, nicht zu reden von den gebildeteren Ständen. Dann waren wir in den Ställen Salomos im Kidrontal, in der Via Dolorosa, im Gefängnis Christus und in einer ungeheuren phantastischen Höhle, die Steinbrüche Salomos genannt. Es geht, über 100 m unter die Erde und man kann genau da durften keine fremden Männer ins Haus. | sehen, wie mit großen Holzblöcken Steine Dafür waren wir in einer ganz alten Mühle, wo Sesam gemahlen wurde, die aussah, wie eine Inszenierung von Samson und Dalila —. in herrlichen Basarstraßen und dann last not least auf dem Tempelplatz. Man muß allerdings zu den offenen Augen auch noch Geschichte kennen und die Bibol. Das Sehen allein ist nicht alles, man muß auch aus dem Fels gesprengt worden sind, für den Tempel Salomos angeblich. ... Jeder Tag bringt neues. Gestern war ich das erstemal auf dom Ölberg mit einem jungen Araber, einem Freund unserer Freunde. Ein herrlicher Blick auf Jerusalem und nach der anderen Seite über die transjordanischen Berge und auf das Tote Meer, Die Dreiteilung der arabischen Bewegung Von M. y. Ben Gavriel Die Vorgänge in Syrien und in Ägypten lenken die Aufmerksamkeit des europäischen Zeitungslesens ein wenig von den seit Monaten aktuellen Angelegenheiten um Abessinien ab. Einen Augenblick lang taucht eine andere Frage am Horizont auf, die Interesse erheischt, die arabische. Diese arabische Frage nun teilt sich, was der europäische Laie zumeist nicht weiß, i n drei durchaus verschiedene Gebiete, die nicht nur geographisch voneinander geschieden sind, sondern gleichzeitig auch wa6 ihre Äußerungsform betrifft: die unabhängigen arabischen Staaten, Ägypten und Syrien und schließlich len mehr als 500.000 Analphabeten. (Unter den arabischen Christen ist das Verhältnis besser: hier kann etwa die Hälfte schreiben und lesen.) Dieser Zustand ist, wenn man weiß, daß die Araber im allgemeinen gerne lernen, be fremdend. Die Erklärung ist, wie oben angedeutet, in der Tendenz zu suchen, das Hauptgewicht aller geistigen Aktivität auf das Politische zu legen, so daß für anderes wenig Zeit und beinahe keine Lust bleibt. Es ist interessant, daß sogar kulturelle und religiöse Bewegungen des Auslandes, die grundsätzlich — im Lande ihrer Entstehung — sich der Politik verschließen, in Palästina. Diese Dreiteilung ist keine willj Palästina sofort politisiert werden. So wurkürliche, sondern eine durch den politischen j Jen in Ägypten vom „Kongreß der Jugend und kulturellen Zustand in diesen Lebens-, zur Förderung der guten Sitten“ die sogeräumen bedingte, welcher der Entwick-' nannten „Tne und unterlasse“-Klubs ge lungsschnelligkeit und der Entwicklungs-!gründet, die die Erziehung der Jugend im richtung in diesen Räumen verschiedene Sinne der Vorschriften des Gesetze vorschreibt. . (Koran, was zu tun und was zu unter- Während die unabhängigen Staaten, auf Grund ihrer Unabhängigkeit, eine Rolle in der Orientpolitik spielen, die allgemein bekannt i6t, und während in Ägypten und in Syrien der erwachende arabische Nationalismus immer schärfer akzentuiert neben den rein politischen, auf die Unabhängigkeit dieser Gebiete zielenden Anstrengungen, eine kulturelle Höherführung der Nation zum Ziel hat, sind die Verhältnisse in Paläs t i n a durchaus andere. Hier ist der Ausdruck der nationalen Bewegung ein beinahe ausschließlich politischer, ohne greifbar erkennbare kulturelle Nebenformen. Dies ist, um die Erklärung dieses merkwürdigen Phänomens vorwegzunehmen, vielleicht aus der Tatsache zu verstehen, daß Palästina jahrhundertelang eine überaus vernachlässigte und brutalisierte türkische Provinz war, die kein bemerkenswertes politisches oder kulturelles Eigenleben führte. So ist es erklärlich, daß die Reaktion auf diesen Zustand eine fast uferlöse Politisierung aller in der intellektuellen und halbintellektuellen Gesellschaft vorhandenen Energien auslöste. Diese Tatsache, die auch jedem Fremden sofort auffällt, bringt es mit sich, daß in Palästina nichts, aber auch gar nichts geschieht oder unterlassen wird, das nicht sofort von der arabischen Presse politisch ausgewertet wird. So ist es auch erklärlich, daß das arabische Palästina über beinahe gar keine kulturellen Institutionen verfügt, kein Theater hat, eine einzige niohtpolitischc Zeitschrift, verschwindend wenig Dichter, kein Musikirnstitut — das neubegründeto staatliche Radio mußte monatelang nach einem geeigneten Leiter der arabischen Abteilung suchen — und kaum eine Spur kultureller Interessiertheit, die über den gelegentlichen Import schlechter ägyptischer Filme hinausginge, aber dafür bei einer mohammedanischen Bevölkerung von rund 700.000 Seelassen ist, sich als Ziel gesetzt haben. Derartige Vereine, die, was ausdrücklich festgestellt werden muß, ausschließlich der seelischen und der moralischen Höherführung auf Grund der mohammedanischen Ethik dienen sollen, wurden auch in Palästina gegründet, hier aber war das Ziel vom ersten Tag an 'ein politisches: Kampf gegen den Zionismus und bewußte Unterordnung der moralischen Erziehung der Jugend unter dieses Ziel. So ist es fast selbstverständlich, daß der Kongreß der muslimischen Geistlichen, der vor kurzem in Jerusalem stattfand, hochpolitische Resolutionen beschloß. Da aber Politik auf die Dauer doch nicht die konstruktive Basis für den Aufbau eines Volkes sein kann — und das arabische Volk Palästinas befindet sich nach der Türkenherrschaft genau so im Aufbau wie las jüdische —, ist die Entwicklung des Arabertums in Palästina ganz anders als in den Nachbarländern, eine durchaus einseitige, die sich früher oder später rächen muß. Sie wird sich schließlich an sich selbst rächen, dadurch, daß diese Politik eines Tages Ieerlaufen wird, zur Politik um der Politik willen werden wird, und anderseits den Gegensatz zwischen den intellektuellen Führern, die zumeist Großgrundbesitzerfamilien entstammen oder Lehror sind, die in der Stadt wohnen, und den Geführten, den in fast unvorstellbarer Weise verarmten Fellachen, zu einem unüberbrückbaren machen. Diese Bauern, die unter dem Einfluß des jüdischen Beispiel im Lande mählich aus ihrem jahrhundertelangen Dahindämmern erwachen, werden sich gegen die Verantwortlichen ihrer Nation wenden müssen, die ihnen wohl Politik, aber weder ökonomische Besserstellung, noch auch kulturelles Höherffihning ihres auch geistig unsagbar armen Lebens geben. wo wir zum nächsten Vollmond hinfahren wollen. Der ölberg trägt seinen Namen mit Recht, ganze Wälder von Olivenbäumen und denk Dir nur, ich war dann zum ersten Mal in einem richtigen Harem. Der Araborjüngling stellt mich auf der Straße drei tief verschleierten Damen vor ans seiner Familie, eine davon sprach etwas italienisch, der Mann englisch. Ich wurde aufgefordert, nachher in« Haus zu gehen. Ein großes arabisches Haus und eine Ölmühle. Der junge Mann durfte nicht in das Frauengomach, denn cs war viel weiblicher Besuch da. Ich wurdo also hin auf komplimentiert und dann sah cs ganz anders aus, als man sich das im Kino vorstcllt.. Tm großen Kreis stehen Sessel und Sofas, schlimmster Kitsch mit gopreßtem, buntem Plüsch überzogen. Das einzig orientalische im Raum ist ein großes Kupferbecken mit glühender Holzkohle. Eino Anzahl europäisch angezogener Damen sitzt im Kreise hemm und macht teils geschmackvolle, teils gräßliche Handarbeiten. Wenn sie kommen und gehen, tragen sie einen dichten schwarzen Schleier, begrüßen mit tiefen Verbeugungen und Saida und Masalami, was ma.n eich an Scha.lom und Salami gut merken kann, aber aohtgoben muß, daß man nicht irrtümlich Lebenvunst sagt. Gereicht werden Sonnenblumcnkerno, Apfelsinen und ein ausgezeichneter Kaffee. Man wäre restlos unhöflich, wenn man gehen würde, bevor der Kaffee serviert wird. Verständigung teils gar nicht —, eine sehr schöne junge Frau spricht etwas Italienisch, eine ein paar Brocken englisch; am besten habe ich mich mit einem bezaubernd schönen Mäderl von ungefähr drei Jahren mit Augen- und Zeichensprache unterhalten. Ich war dann doch froh, als ich mit meinem kleinen Araber wieder im jüdischen Omnibus saß, der von der hebräischen Universität abgeht. Der Boy hatte taktvoll seinen Fez fortgesteckt, mir war es auch lieber so. Es sind hier auch viele schwere Fragen, die man nicht nur ganz einseitig betrachten soll. Aber wir müßten uns verständigen. Wo sollte es hfinführen, wenn wieder Unruhen kämen? Übrigens sprechen merkwürdig viele Araber deutsch; ich weiß nicht, ob esgutist, denn so sindsie der deutschen Propaganda viel zugänglicher. Das neue Museum In Tel-Aviv Die Eröffnung des neuen Helms des Museums von Tel-Aviv, über die an dieser Stelle vor kurzem berichtet wurde, lenkt die Aufmerksamkeit von neuem auf diese wichtige Kulturinstitutionen, die vom Bürgermeister Diezengoff gegründet, von Dr. Karl Schwarz, dem der frühere Leiter Kanyuk zur Seite steht, geleitet wird. Wenn auch das Museum natürlich noch keinen umfassenden Überblick über das Kunstschaffen dieser und der vergangenen Epochen geben kann, enthält es doch eine verhältnismäßig große Anzahl wertvoller Stücke, so einen Rubens, die „Jüdische Hochzeit“ von Israels, zwei Utrillos, den bekannten Chagall „Judo mit Thorah“ einen eigenen Liebermann- Saal und noch vieles andere, das bemerkenswert ist. Es wäre freilich die Frage aufzuwerfen, ob das Milieu des Landes, seine Lichtverhältnisse, seine Tradition und sein Weg in die Zukunft nicht die Erziehung der Jugend zu einer anderen Art des Schauens erfordert, die ein nach europäischen Prinzipien gestaltetes Museum nicht bieten kann. Allenfalls aber ist die Gründung des Institutes eine anerkennenswerte Tat. Fiir den Neubau zeichnet der in Wien ausgebildete Architekt Rubin, der letzthin durch einen Unglücksfall schwer verwundet wurde. Abschiedabend Ludwig Hardt •u Jüdischen Kulturtheater. (I., Kai 3, R 28-2-36.) Nach dem sensationellen Erfolg seiner beiden Rezitationsabende liest Ludwig Hardt Mittwoch, 25. März, 10 Uhr 15 | „A u s d o r B i b e 1 u n d b i b 1 i s c h e G e-! s c h i c h t e n der Weltlitoratu r“. Karton in der Jüdischen Kulturstolle, I., Kai 3, R 28-2-3'd, bei Gronnor, 1.. Graben ' Nr. 28. Ii 22-4-45, bei Ratli,’ II., Taborstraße 20a, und Mejstrik, I., Wollzeile 6.

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