Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 532 (17.3.1936)
- Date
- 1936-03-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3053752-3054243-3054288--5752-3061522- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. m — 17. Mn im DIB STIMM! Seite 3 fizieren. Schwierig* war diese Arbeit und wir hatbeo ihr viele neun Erkenntnisse zu dem gegenständlichen Thema zu verdanken. Eg gibt wohl kaum einen wichtigeren Ort in Nieder* Österreich' dessen nicht in diesem Werke irgendwie Erwähnung getan wird. Groß ist auch die Zahl der jüdischen Friedhöfe, von denen es berichtet. Unter den schwierigsten Verhältnissen und den größten Opfern hat Moses dieses Werk vollendet. Eine historische Karte der jüdischen Siedlungen in Niederösterreich und eine Menge guter Photographien erhöhen noch den Wert dieses Werkes. Jeder Jude wird es mit großem Nutzen lesen. Dem Buch ist größte Verbreitung zu wünschen. Dr. Leo Menczer. Ein Pogrom in Przytik Die Juden in Niederösterreich*) Tn dieser Zeit tiefer jüdischer Erkenntnis erleben wir eine engere Beziehung zu unserer Geschichte, die sich in erster Linib In der Herausgabe jüdisch-literarischer Werke äußert. Die verschiedensten Länder und mannigfachsten Epochen und Persönlichkeiten werden erforscht und uns nah ege bracht. Jeder aber, der sich je mit Geschichte der österreichischen Juden zti befassen hafte, mußte wahniehmen, daß fast olle unsere Bundesländer schon bearbeitet, Niedorösterreioh jedoch im allgemeinen noch brach ge legen war. Außer gelegentlichen Hinweisen in einzelnen Stadt geschieh ten und einer ungefähren Schilderung der Geschichte det Juden in Wiener-Neustadt ist eigentlich nichts über die Juden ln der niederösterreichisohen Provinz bekannt gewesen. Diesem Mangel sucht nun das Werk von L. Moses abzuhelfen. Es führt uns in die Geschichte der Juden dieses Bundeslandes ein. Es ist schon seit langem bekannt, daß unsere Geschichte nicht, allein politisch und kulturell interessant und für den Forscher überaus ergiebig ist. Auch sozial-wirtschaftliche Fragen und Verhältnisse in der Vergangenheit unseres Volkes haben seit jeher das Interesse der Gelehrten und Historiker geweckt. Dieses Werk trägt, nun ganz besonders diesem Umstand Keclnmng, was wohl in der Natur der Sache begründet erscheint.. So ist Überhaupt ©ine fundamentale Sozial- und Wirtschaftsgeschichte fiei- Juden in Niederösterreich. Gewaltig ist die Literatur, die Moses Vorgelegen war. Er hat sie in ihrer Gänze neu bearbeitet. Viele neue Quellen wurden durch ihn aais Tageslicht ge* fördert und mit den schon bekannten ver* glichen. In mehreren Punkten korrigiert er die Meinung der zünftigen Gelehrten, und gar oft scheint er recht zu behalten. Die Hauptquelle der vorliegenden Arbeit sind die Stücke der Sammlung von Büchern und Handschriften des niederösterreichischen Vize* domamtes, die im Zusammenhang mit anderen Quellen von Moses zuerst kritisch behandelt werden. Sehr groß sind gerade die Ergebnisse dieses Teiles der Arbeit. Sie gewähren tms einen ausgezeichneten Einblick ln die Vermögens- und Steuerveaiiältofese der Juden. Wir erfahren aus diesen Quellen die Berufe, in denen Juden tätig waren. Wenn es a-uch schon längst bekannt ist,, daß sie sieh dem Handelsstande zuwenden mußten, da man sie Jahrhunderte lang zu keinem anderen Berufe zuließ, so ist es doch interessant zu erfahren, welche Zweige dieses Berufes besonders von Juden erfüllt waren. Sie befaßten sich zum Beispiel sowohl mit Tuch lief erungon als auch mit der Herstellung von Uniformen. So haben sie ihrem Staate und ihrem Landesfürsten sehr große Dienste erwiesen. Man muß amuehmen, daß ihre Arbeiten sehr gut und preiswert -waren, denn sonst könnte man es bei der da* mals herrschenden öffentlichen Meinung nicht begreifen, daß gerade Juden Heereslieferanten gewesen sind. Wir erfahren wieder einmal, daß auch in der niederösterrelcblschen Provinz — und um diese allein handelt es sich in diesem Werk — der jüdische Durchschnittstypus des 17. Jahrhunderts der Hausierer gewesen ist. Enge mit dieser Tätigkeit verbunden war der Handel mit Fellen, Federn und Abfallprodukten, ein Berufszweig, der auch heute noch sehr oft von Juden ausgeübt wird. Auch vom Jahrmarktbesuch durch Juden erzählt uns dieses Werk interessante Einzelheiten. Sehr oft sehen wir, daß Juden auch im Münzwesen, im Weinhandel und als Pferdehändler in hervorragender Weise tätig waren. Es ist ganz unmöglich, alle Berufsarten der Juden aufzuzählen oder sie gar näher zu besprechen. In klarer Diktion gibt uns der Verfasser einen Überblick über die gesetzliche und soziale Lage der Juden in dem genannten Gobiete. Man darf aber nicht fürchten, hier eine tfockeno statistische Arbeit vorzufinden. Das wäre vollkommen verfehlt! Abgesehen von der sehr interessanten Darstellungsart der wirtschaftlichen Frageu gewährt uns dieses Buch auch einen Einblick in die kulturelle Situationfion der Juden; ebenso gibt es uns einen erschöpfenden Bericht über alle jene Städte, Marktflecken und Dörfer, in denen Juden gewohnt, haben oder wo wenigstens irgend ein Hinweis auf sie zu finden war. Da ist das Ergebnis wirktioh überraschend. Orte, in denen man wohl kämm Juden vermutet hätte, die heute vollkommen judenleer sind, haben oft in früheren Zeiten für uns doch irgend welche Bedeutung gehabt. Nicht selten gelang es dem Verfasser selbst, nach mühevoller Forscherarbeit hier eine Scheune, dort einen Stall oder auch ein Häuschen als Synagoge zu ideiiti . *) Verlag Dr. Heinrich Glanz, Hlea 1985. Aus Warschau wird uns gemeldet: Am 10. Mär« ist es in der Stadt Przyt i k im Bezirk Radom zu schweren Unruhen gekommen. Nationaldemokratische Agitatoren hielten Hetzreden, deren Folge ein Pogrom war. Pöbelbanden drangen in die jüdischen Geschäfte und auch in die Privatwohnungen ein, zerschlugen die Fenster und Türen und demolierten die Inneneinrichtung. In den Läden wurden die Waren geplündert. Bettzeug und Matratzen wurden aus den Wohnungen auf die Straße geworfen und zerschnitten, so daß die Straßen in einen Nebel von Bettfedern gehüllt waren, ein Charakteristikum der einstigen russischen Pogrome. In den Straßen und in den Läden und Wohnungen angetroffene Juden wurden auf das brutalste mißhandelt. Der Jude Pesach Minkowski und seine Frau wurden getötet, ihr löjährlger Sohn Gabriel wurde blutig mißhandelt und liegt lebensgefährlich darnieder, elf weitere Juden erlitten schwere, viele andere weniger schwere Verletzungen. Einige von ihnen erhielten gefährliche Schußverletzungen. Die ganze Stadt bietet ein Bild der Verwüstung. Die Juden setzten eich zur Wehr. Einige der Angreifer wurden verletzt, einer davon tödlich. Die Banditen behaupten, daß die Juden aus den Fenstern auf sie gefeuert hätten. Im Zusammenhang damit wurden vier Juden verhaftet, obwohl die polizeiliche Suche nach Waffen in den jüdischen Häusern vollkommen ergebnislos verlief. Aus Radom und Kielce trafen große Polizeitrupps ein und stellten die Ordnung Wieder her. Es steht fest, daß die Radonter Distriktsbehörden von jüdischer Seite Atiktlonshaus ALBERT KENDE, Wien I., KSrrtfterstraße ü Telephon R 26-3-78 Donnerstag den 19. bis einschl. Samstag den 21. März 1936, ab 3 Uhr nachmittags Besitz bekannter Wiener Sammler Gemälde erstklassiger alter und neuerer Meister, Aquarelle und Miniaturen, Antiquitäten, Glas, Porzellan, Fayencen, Bronzen, Zinn, Silber, Kunstmobiliar, ein spanischer Samt-Gobelin (1745), Perserteppiche, Ortentallka usw. Freie Besichtigung: Heute, Dienstag und morgen, Mittwoch, von 10 bis 6 Uhr Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, hat die polnische Regierung die Schächtfrage mit den Vorsitzenden von Sejm und Senat besprochen. Die Regierung vertrat den Standpunkt, daß ein vollständiges Schächtverbot im Hinblick auf die in der Verfassung gewährleiste- Warschau, 13. März. (£. T. A.) Die gesamtpolnische jüdische Gemeindekonferenz zum Protest gegen das von der Verwaltimgskommission des Sejm angenommene Schäohtverbotgesete gestaltete sich zu einer grandiosen Manifestation. Er erschienen über 800 Delegierte aus 276 jüdischen Gemeinden Polens, in der Regel die Gemeindeführer und die Rabbiner. Präsident M a z u r eröffnet© die Beratung mit dem Hinweis, daß heute das Judentum eine seiner schwersten Epochen durchmacht. Er entschuldigte das Nichterscheinen der Deputierten Sommerstedn und Rabbi Rubinstein, die sich nach Przytik begaben, um der dortigen jüdischen Gemeinde beizus teilen. Bei der Erwähnung des Namens Przytik erhoben sich alle Versammelten von ihren Plätzen und verharrten eine Minute lang in einem Schweigen der Trauer. Der Präsident berichtete sodann über die Tätigkeit des Komitees zur Verteidigung der 'Schechita, die auch emo umfassende! Propagandatätigkeit unter der polnischen' gewarnt worden waren. Vor wenigen Tagen erst erschien eine Abordnung der Juden von Przytik beim Distriktskommissar Tremarileet in Radom und erklärte ihm, daß die hemmungslose antisemitische Propaganda in Przytik und Umgebung bereits Zustände gezeitigt habe, daß mit einem Ausbruch der Leidenschaften unmittelbar zu rechnen sei. Der Distriktskommissar, der die höchste Regierungsautofität in dem Distrikt vOrstellt, erwiderte gereizt: „Was wollt Ihr Juden eigentlich? Bisher ist kein einziger Jude getötet wordenDerselbe Kommissar erschien nach dem Pogrom in Begleitung mehrerer Beamter in Przytik. um eine Untersuchung der Vorgänge enizulejten. Seine erste Erklärung gegenüber dem ihn befragenden Sonderberichterstatter der Jüdischen Telegraphen-Agentur war: „Eine unparteiische Untersuchung hat bereits ergeben, daß der Pogrom auf jüdische Provokation zurückzuführen ist." Er sprach diese Worte kurz nach seiner Ankunft im Büro der Przytiker Ortspolizei, als von dem Abschluß der Untersuchung noch in keiner Weise die Rede sein konnte, da noch kein einziger Augenzeuge der Geschehnisse einvernommen worden war. Aushungerung! Die Judenschaft von Przytik ist vollkommen ruiniert. Durch die Terror- und Boykottaktionen der letzten Monate stark verarmt, ist sie jetzt infolge der Zerstörungen und Plünderungen und durch die Arbeitsunfähigkeit zahlreicher verletzter Familienoberhäupter vollends an den Bettelstab gebracht. Die jüdische Einwohnerschaft vön Przytik hungert. Die Bauernschaft der benachbarten Dörfer weigert sich aus Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen der Antisemiten und selbst durch die antisemitische Agitation gegen die Juden aufgelietzt, Nahrungsmittel an die Juden zu verkaufen. Die gesamte jüdische Bevölkerung der Stadt ist auf Hilfe angewiesen. Der Sejmdeputierte Rabbi Rubinstein ist in Begleitung eines Warschauer jüdischen Anwalts in Przytik eingetroifen, um eine Untersuchung der Pogromvorgänge einzuleiten. Das Warschauer Büro des Joint Distribution Committee leistete den Juden von Przytik die erste finanzielle Hilfe und entsandte einen Stab, der ihnen bei der Beschaffung von Nahrungsmitteln behilflich sein soll. ten religiösen Rechte jeder anerkannten Glaubensgemeinschaft verfassungswidrig wäre. Die Regierung ist deswegen der Ansicht, daß der Gesetzentwurf vom Sejm in der Weise abgeändert werden sollte, daß von einem vollständigen Schächtverbot abgesehen wird. Bevölkerung durch Herausgabe von Zirkularen und Broschüren in polnischer Sprache entfaltet. Eben erst ist eine große Broschüre als Antwort auf die von Unverschämtheiten und Ignoranz strotzende „Expertise“ des Geistlichen Tsesiak. erschienen. Demnächst erscheint eine weitere Broschüre, in der die Urteile von 500 hervorragenden Physiologen, Veterinärärzten und Gelehrten, wonach das jüdische Schächten die humanste Art der Tötung von Tieren sei, enthalten sein wird. Die Konferenz nahm eine Entschließung an, in der gegen den Schächtverbofcbeschluß der Verwalfcungskommission des Sejm, sowie gegen die Propaganda für das Sehächtverbot überhaupt schärfster Protest eingelegt und erklärt wird, die Schächtgegner haben bewiesen, daß sie r *h durch aus nicht von humanitären Gesichtspunkten leiten lassen, .und daß sie verleumderische Legenden und falsche wirtschaftliche Argumente in die Debatto werfen, um die! öffentliche Meinung irrezu- 'führen; die ganze Propaganda gehe da*- Sonntag, 22. März, 11 Uhr vm. I., ROTENTURMSTRASSE DAS LAND DER VERHEISSUNG ANSPRACHE: IRENE HARAND KARTEN BEI* Jüdlsthe Kultursteile, I., Franz Josefskai 3, Tel. R 28*2*36 - Bücherstube R. Löwlt, l.; Wollzeile 6, Telephon 25-4-53 - Buchhandlung Lanyi, I.» Kärntnersfcraße 44, Tel. B 26-3-33 und an der Kinokassa, Telephon U 22*1*12 auf hinaus, das Judentum als solches durch Vergewaltigung seines religiösen Gewissens zu treffen und somit auch die die Gewissensfreiheit garantierende polnische Verfassung zunichte zu machen. Weiter wurde beschlossen, daß sich die gesamte polnische Judenheit zürn Zeichen des Protestes gegen diese Anschläge gegen das Judentum einen ganzen Monat lang des Fleisch ge nüsses enthält und daß zum Zeichen der Trauer über diese antijüdischen Pläne und Umtriebe dis Judenheit Polens einen „Tag des Schweigens“ abhält, an dem alle jüdischen Geschäfte und Werkstätten geschlossen werden und jede jüdische berufliche Tätigkeit ruhen soll. MEISTERWERK * Jr^a^ANNABEUA m JEAN GAB1N IM KJJ1J Die Tageshelmstätte Siir Kinder In unserem Bericht über die Tagesheimstätte für Kinder, der in der letzten Freitagnummer erschienen ist, hieß es, daß in der Heimstätte 41 Kinder betreut werden. Tatsächlich sind 41 Kinder allein in der Gruppe der Haupt- und Mittelschüler, während weitere 40 Kinder in der Gruppe deT Volksschüler sind. Es werden also gegenwärtig insgesamt 81 Kinder in der Heimstätte betreut. Beim Purimball des Klub Erez Israel in den Sofiensälen hat die Eintrittskarte B371 die Freifahrt nach Erez Israel gewonnen. Der Besitzer dieser Karte möge sich im Klub Erez Israel, Praterstraße 13, melden. In den Jüdischen Künstlerspielen, II., Praterstraße 34, Freitag, den 20. März 1. J., Premiere der musikalischen Komödie aus dem chassidlschen Milieu: „Scha, scha, der Rabbe geht“ mit Sevilla Pastor. Sämtliche Lebensmittel sowie Palästina- Weine und Palästina-Produkte für Pees ach erhalten Sie im allgemein bekannten. auf diesem Gebiete spezialisierten Geschäft Ignaz Frost, II., Haidgasse 9, L o b e n s m i 11 e 1 h a n d 1 u n g, Tel. A 49-3-84. Bestellungen werden exaktest und promptest kostenlos ins Haus zugeetellt. Schächtverbot verfassungswidrig Jüdische Manifestation gegen das Schächtverbot ^99999999999924