Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 531 (13.3.1936)
- Date
- 1936-03-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3053752-3054243-3054287--5742-3061511- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 DIB STIMM! Nr. 531 — 13. März 1336 Billig« Reiten der ORBIS - POLEN Abfahrt: Alle 14 Tage Reisebüro ORBIS, I., Kärntnerstr. 51, Tel. R 21-5-78 Österr. VerkehrsbUro, I., Friedrichstr, 7, Tel. B 27-500 und I., Graben 20.Tel. U 29-0-35 Reisebüro IRUT, I.,Karlsplatz 1,Tel. U 44-5-79 Zellengefängnis von 6 Monaten bis 2 Jahren. Artikel 16: Aufhetzung zu einem Religio n s k a m p f, der mit gewalttätigen Mitteln geführt wird. Strafe: Zellengefängnis von 6 Monaten bis 2 Jahren. Artikel 17: Aufhetzung zu Attentaten oder Vorbereitung von Attentaten auf Leben und Eigentum, wenn die Aufhetzung oder Vorbereitung auf Grund politischer oder religiöser Theorien und Motive verübt wird. Strafe: Zellengefängnis von 1 bis 3 Jahren. Sei 9?auettleiben aller?(rt Mfouer Sauerbrun Rassenfrage vor dem Wiener Oberlandesgericht Das Wiener Oberlandesgericht hatte sich dieser Tage mit einem Ehetrennungsprozeß zu befassen, in welchem die Frage der „Rassenunterschiede zur Diskussion stand. Vor der Eheschließung war der Mann Jude, die Frau römiseb-katho lisch. Die beiden Ehegatten warfen einander ihre frühere Religionszugehörigkeit vor. Beide Ehegatten brach ten den Antrag auf Trennung der Ehe ein Das Zivillandesgericht erklärte die Ehe für aufgelöst, da „mit Rücksicht auf die gänzlich verschiedenen Charaktere der Ehegatten und mit Rücksicht auf die R e 1 i g i o n s- und Rassen verschiedenheit ein gedeih liches Zusammenleben nicht zu erwarten sei“. Antiquariat 9 S. Rubinstein fl.i AapernbrOckengaaae 3, Tel. R 41-0-57 Moderne Literatur, Hebralca, Judalca Das Leid in Polen Gegen dieses Urteil brachte der Ehe bandsverteidiger die Berufung ein. Vor dem Oberlandesgericht führte er aus, daß in der Urteilsbegründung von Rassenunterschieden gesprochen wurde, die österreichische Regierung habe jedoch wiederholt erklärt, daß es in Österreich vor dem Gesetz keine Rassen unterschiede gebe. Es bestehe die Gefahr, daß die in Deutschland durch die Nürnberger Gesetze besonders betonten Rassenunterschiede auf diese Weise in die österreichische Rechtssprechung in Ehescheidungsangelegenhelten Eingang fände. Dem müsse unter allen Umstän den entgegengetreten werden. Das Oberlandesgericht beschloß, die beiden Ehegatten als Partei zu vernehmen und vertagte die Verhandlung. Stuhlverstopfte Zuckerkranke genießen das aromatisch« dunkle Das einzige Brot In hygienischer Verpackung. Sehr bequem I Schnittenpäckchen In Stanlol- Ambrosiabrot, la Früchtenbrot, Aufbaunahrung. In den besseren Delikatessenhandlungen i und Bäckereien zu haben. ■ Simonsbrotfabrik, Wien, 21/. — Täglicher Versand. Professor Oskar Lieben gestorben In Prag ist am 10. d. im 54. Lebensjahre Professor Oskar Lieben nach kurzem Leiden an einer Herzschwäche verschieden. Der Verstorbene war eine führende Persönlichkeit im jüdischen Leben Prags und auch zionistisch tätig. Um das jüdische Schulwerk liat er sich besonders verdient gemacht. Er war Obmann des jüdischen Schulvereins. Professor Lieben war Mittelschulprofessor und als solcher um das Jahr 1900 am Gymnasium in Radautz in der Bukowina tätig. Wegen seiner zionistischen Gesinnung wurde er diszipliniert und aus dem Staatsdienst entlassen. Auf Einschreiten des seinerzeitigen Abgeordneten Dr. Mahler wurde Professor Lieben später wieder rehabilitiert und erhielt einen Lehrauftrag am Gymnasium in TepHtz. Vor dem Krieg kam er dann nach Prag' und widmete sich bis zu seinem Tod der jüdischen Sache. Er hat dem jüdischen Volk buchstäblich bis zum letzten Atemzug gedient. Der Hauptaiusschuß des polnischen Sejm hat mit allen polnischen gegen die zwei Stimmen des jüdischen und des ukrainischen Vertreters die Vorlage über das Verbot des jüdischen rituellen Schlachten« angenommen. Die Vorlage geht jetzt an das Plenum. Es scheint wenig Hoffnung zu bestehen, daß die Vollsitzung den Antrag ablohnt. Die Regierung hat, zwar im Ausschuß auf die Verfassung hingewiesen, die der jüdischen Konfession die Gleichberechtigung gewährleistet. Sic ist wegen Verhaftung einiger polnischer Bürger in der Tschechoslowakei mit allen diplomatischen Mitteln vorgegangen — und hat das in der tsohe chischen Verfassung niedergelegte Recht der polnischen Staatsbürger energisch gewahrt. Es wird sich zeigen, ob die polnische Regierung die Grundgesetze ihres Staates auch in einer Frage wahren wird, die die Gewissensfreiheit der jüdischen Staatsangehörigen berührt. Daß in Deutschland das Verbot des rituellen Schlachtens von Amte wegen verfügt worden ist, darf nicht für Polen, das doch ein Rechtsstaat sein will, als Vorbild gelten. he Agitation gegen dae Schlachten hat mit Tierschutz nicht das geringste zu tun. Es handelt sich um einen bösartigen Exzeß antijüdischer Gesinnung, die sich sedt der deutsch-polnischen Freundschaft im ganzen Geibiet der Republik ausgebreitet hat und auf allen Gebieten des Zusammenlebens zu schweren Konsequenzen geführt hat. Seit Monaten ist das Judentum Polens ein fast wehrloses Objekt einer schrankenlosen wirtschaftlichen Terrorisierung und Gegenstand von Angriffen einer durch nationalistische Agitatoren verhetzten Menge. Es sind etwa 20 Juden ermordet worden; Synagogen, jüdische Jugendheime, zionistische Vereinslokale wurden mit Bombenanschlägen heimgesucht oder demoliert, der Boykott der jüdischen Geschäftsinhaber wird nach deutschem Muster durch Posten radikaler Formationen betrieben. Die Regierung hat diesem Treiben gegenüber nicht die gebotene Energie gezeigt, wobl aber hat es sich ereignet, daß Gerichte die Objektivität verletzt und Juden, die in Notwehr handelten, zu hohen Strafen verurteilt haben. Alle diese Erscheinungsformen des von Deutschland herübergetragenen brutalen Hasses verschwinden aber gegenüber der von fast der ganzen polnischen Gesellschaft geförderten Ausschaltung der dreieinhalb Millionen Juden aus dem Wirtschaftsleben und aus der Verwaltung. Das Judentum Polens hungert Die Arbeitslosigkeit und das durch sie hcrvorgerufene Elend übersteigt alle Vorstellungen selbst in dem an die Wirtschafts kriße gewöhnten Mitteleuropa. Und diese Qual wird noch gesteigert durch die Tat sache, daß eine Auswanderung fast unmöglich ist. Amerika ist gesperrt und in Palästina wachen die englischen Polizisten Tausende junger Leute in Polen sind zur Alijah beredt und warten mit verzehrender Sehnsucht auf die Möglichkeit, ihren Enthusiasmus und ihre Arbeitsfreude ihrem eigenen Volk zu widmen, nachdem sie ihr Geburtsland zum Müßiggang verdammen und ins unterste Proletariat stürzen will. Es geht hier so wie es auch anderwärts geht. Erst nimmt man der jüdischen Masse das Brot, der Jugend die Arbeit — und wenn dann bei einigen Jugendlichen die politische Radikalisierung eintritt, erhebt sich das Geschrei vom jüdischen Kommunismus und von der jüdischen Zersetzung. Es ist eine Angelegenheit des gesamten Judentums. In Amerika und in England sind Hilfsaktionen für das notleidende Judentum Polens eingeleitet worden, die aber kaum irgendwelche Erleichterung bringen können. Im polnischen Senat haben zwei Hocharistokraten, die den Antisemitismus zwar verurteilen, ihn aber doch rechtfertigen, die Regierung aufgefordert, die Auswanderung nach Palästina zu fördern und den Juden politisch behilflich zu sein. Das ist die Tendenz, von der Herzl gesagt hat: Sie wollen uns nicht drinnen haben und eie wollen uns nicht herednlassen.“ Aber es steckt doch in dem Antrag ein richtiger Kern. Es ist die Erkenntnis, daß die Judenfrage ein politisches Problem ist, dem mit phüantropischen Mitteln nicht beizukommen ist. Die Milderung dieses Problems liegt einzig und allein beim Völkerbund, dem dib Errichtung des jüdischen Heims anvertraut ist. Er hat die Aufgabe an England übertragen und England führt einen stillen, aber intensiven Krieg gegen die ärmsten der Armen, gegen das jüdische Volk. Die Hungernden in Polen, die Opfer der Exzesse, die jüdischen Studenten, die man aus den Lehrsälen treibt, belasten die Waagschale der Schuld Englands. Wenn die Regierungen, die mit antijüdischen Strömungen zu tun haben, wirklich und ernstlich Hilfe schaffen wollen, dann müssen sie auf England wirken. Oster-MiM mit der Czarnowltier Allgem. Zeitung nach Polen und Czernowit* Abfahrt am 22. und 81. Mörz und B. April. Rückfahrt am 10. April und 13. Mal. Anmeldungen und Auskünfte ausschließlich Reisebüro „Mnrlcnbrücke“, I., Rotenturmstr. 20, Tel. R 24-2-80/87. Tagesheimstätte werden von der Kultusgemeindc getragen. Das geht nicht anders. Dio Menschen, deren Kinder hieherkonmicn, gehören zu Kreisen, ftir die 3 Schillinge in der Woche sehr viel Geld sind. Die Kinder sind von Mil tag bis Abend in der Tagesheinistätte. Sie kommen direkt aus der Schule hieher, bekommen ein warmes Mittagessen und eine Jause. Am Sonntag kommen eie schon morgens. Da bekommen sie Frühstück und Mittagmahl. Das Personal besteht aus drei Menschen: Herrn Pieper, der das Heim leitet, Herrn D i a m a n t s t e i n und Fräulein Landau, die die Kinder beaufsichtigen und mit ihnen lernen. Nach dem Essen werden zunächst die Schulaufgaben gemacht. Die Kinder, die gerade keine Schulaufgabe haben, bekommen besondere Aufgaben. Wenn das Lernen zu Ende ist, wird gespielt oder gebastolt. Nachher wird wieder hebräisch unterrichtet, aber es sind auch Stunden eingeführt für jüdische und allgemeine Geschichte, sowie für Geographie und andere Gegenstände des allgemeinen Wissens. Dieser Unterricht geht nicht s c h u 1 m ä ß i g, sondern im Rahmen eine« zwanglosen Gesprächs vor sich. Heimstätte und Schule Die Tagesheimstätte arbeitet im engen Einvernehmen mit den Schulen. Wenn ein Kind aufgenommen wird, wird dem Leiter der Schule, die das Kind besucht, ein Fragebogen über den Fortgang und das Verhalten des Kindes zugeschickt. Die Schulen antworten prompt. Es wird miitgeteilt, in 14. März: SOFIENSALE Eine Nacht inTel-Aviv - der große Purimball Die Fiirsorgetätigkeit der Kultusgemeinde Wer es nicht aus unmittelbarer Erfahrung weiß, hat kaum eine Vorstellung vom Umfang und von der Intensität der Fürsorgetätigkeit der Israelitischen Kultusgemeinde von Wien. Aus den Ziffern des Budgets hat man erfahren, wie groß die Summen sind, die die Gemeinde den verschiedenen Fürsorgeinstitutionen zuwendet. Daraus hat man erfahren, daß sehr viel geschieht. Aber Ziffern sind doch nur Rohmaterial. Man muß ln den „Betrieb“ hineingehen, man muß die lebendige Fürsorge sehen, damit man das richtige Bild gewinne. Wir werden in einer Reihe von Artikeln schildern, welche Eindrücke unser Berichterstatter von Besuchen in den Wiener jüdischen Fürsorgeinstitutionen mitgebracht hat. Den Anfang machen wir mit der Tagesheimstätte für Kinder, die im Haus Aspernbrückengasse 1 untergebracht ist. Unter den Kindern der Aermsten Wer in ein Fürsorgeinstitut geht, stellt sich gewöhnlich vor, er werde dort ausgehungerte, gedrückte Menschen finden, scheues Volk, das einem nicht in die Augen sehen kann. In der Tagesheimstätte der jüdischen Kinder in der Aspembrückengasse erlebt man schon beim Eintreten die entgegengesetzte Wirklichkeit. Fröhliche, unbefangene Kinder grüßen den Besucher wie einen alten Bekannten. Sie sind gerade beim Lernen. Nur für eine Minute lassen sie sich unterbrechen, dann sind sio wieder bei ihren Heften. Später wird man sie beim Essen und beim Spielen sehen. Immer dieselbe Atmosphäre, dieselbe Stimmung. Diese Kinder fühlen sich hier geborgen und zu Hause. Es sind die Kinder der Ärmsten. Hier vergessen sie, daß sie es sind. Hier sind sie Kinder und sonst nichts, mit allen Rechtem, die Kindern zustehen. Mit dem Recht zu lernen, zu spielen und fröhlich zu sein. Mit Nichts angefangen! „Als wir im Dezember dieses Heim gründeten“, erzählt Fräuloin Schwarz, dio Leiterin der Jugendfürsorge der Kultusgemeinde, „hatten wir außer den Wänden gar nichts. Nicht einmal Türen gab es, nur die Löcher für die Türen. Wir haben uns alles selbst gemacht, Chaluzim haben uns geholfen. Man muß sehr ökonomisch umgehen, es muß besonders bei der Fürsorge jeder Groschen dreimal umgedreht werden, ehe man ihm ausgibt, es muß alles der eigentlichem Fürsorge zugeführt werden. Aber Sie sehen, wir haben uns ganz gut eingerichtet. Die Kinder können sich hier wirklich wohl fühlen. Alles wird mit den einfachsten Mitteln gemacht. Man kann ja auch das Einfachste nett horriohten und so kommt man auch unter Verwendung von ganz gewöhnlichem Sperrholz zu einem wohnlichen Kinderheim.“ Es sind augenblicklich 41 Kinder in der Tagesheimstätte. Offiziell ist der Betrag, der von den Eltern für ein Kind zu bezahlen ist, mit 3 Schillingen pro Woche festgesetzt. Aber so viel zahlt kaum jemand. Dio tatsächlichen Beiträge gehen hinunter bis zu 50 Groschen pro Woche. Etwa zwei Drittel der tatsächlichen Kostern der Erhaltung der welchen Fächern das Kind Nachhilfe braucht, und wo sonst am dem Kind etwas zu verbessern wäre. Über jedes Kind wird dann ein Stammblatt angelegt, in das auch die Noten seines Zeugnisses eingetragen werden, damit inan eine Kontrolle über seinen Fortgang habe. Ein besonders interessanter Fall über die Art, wie man in der Heimstätto auf die von der Schule erhaltenen Mitteilungen reagiert, sei hier angeführt: Es wurde ein achtjähriger Junge aufgenommem und man schickte den Fragebogen an die Schule. Es kam die Antwort, das Kind sei im Elternhaus ohne jede Aufsicht und seine dreizehnjährige Schwester sei sogar noch eine Gefahr für den Jungen. Sofort wendete sich Herr Pieper an die Eltern mit dem Ersuchen, man möge doch auch die Dreizehnjährige der Heimstätte anvertrauen. Das geschah. Das Mädchen bekam eine Art Aufsichtsposten und dio Aufgabe, den Kindern das Essen aufzutragem. Es fühlt sich sehr wohl in diesem Arbeitskreis und heute, nach einigen kurzen Wochen, könnte niemand mehr behaupten, daß sie für Kinder eine Gefahr wäre. Dieser eine Fall möge genügen zur Beleuchtung der erzieherischen Methoden, die in diesem Heim befolgt werden, und zur Charakterisierung des erzieherischen Geistes, der hier herrscht. Diese Tagesheiimstätte hat nur einen Nachteil: daß sio die einzige in Wien ist. Es könnon naturgemäß nur Kinder angenommen werden, die nicht zu fern wohnen, denn das Fahrgold würde ein Mohrfaches dessen ausmachen, was die Eltern für die ganzo Verpflegung der Kinder zu zahlen pflegen. Diese Tageeheimstlitte war odn erster Versuch. Et ist so gut gelungen, daß man auf balrllgo Nachahmung in anderen Bezirken hoffen darf,