Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 530 (10.3.1936)
- Date
- 1936-03-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Seit« 3 Dlf STIMMB Ufr. sso 10. März 1986 Neuerliches Pseudonym- Verbot für Juden in Deutschland Aus Berlin meldet die I. T. A.: Das Propagandaministerium hat in einer Anordnung den Mitgliedern des Kulturbundes nochmals die Führung von Künstlernamen verboten. Zuwiderhandelnde werden mit sofortigem Berufsverbot und Ausschluß aus dem Reichsverband der Jüdischen Kulturbünde bestraft. __ Hitlers „Mein Kampf“ — chinesisch In Nanking erschien kürzlich eine chinesische Übersetzung von Hitlers „Mein Kampf“. Die Juden in Afghanistan Seit längerer Zeit kommen aus Afghanistan Berichte über Judenverfolgungen. Eine Deputation von indischen Juden bewarb sich nun beim Konsul Afghanistans in Bombay, A. Rahman, um die Einreise nach Afghanistan. Der Konsul verweigerte aber die Ausstellung der Visa mit der Begründung, es sei unwahr, daß die afghanischen Juden Verfolgungen ausgesetzt seien. Der Rogatschower Gaon gestorben Der berühmte „Rogatschower Gaon“ und frühere Rabbiner von Dwimsk, Rabbi Chaim Joseph Rosen, ist am 5. März im Sanatorium Auersperg in Wien gestorben. Der Rogatschower Gaon war vor etwa drei Wochen nach Wien gekommen, um hier Heilung von einem schweren Leiden zu suchen. ' Furtwängler in New York abgefeimt Gegen die Wahl Wilhelm Furtwäng- 1 e r s zum Gastdirigenten des New Yorker Philharmonischen Orchesters macht sich in der amerikanischen Öffentlichkeit eine heftige Opposition geltend. Man weist darauf hin, daß Furtwängler, der nun doch mit dem Naziregime sich ausgesöhnt hat, kein gern gesehener Gast in Amerika sein kann. Eine Gruppe von Förderern des Philharmonischen Orchesters unter Führung des bekannten New-Yorker Geschäftsmannes I. A. Hirschmann kündigt den finanziellen Boy* kott des Orchesters an, falls nicht die Berufung Furtwänglers zurückgezogen wird. Hirschmann erklärte dem JTA-Vertreter, seine Gruppe werde, falls sie mit ihrer Forderung nach Ausladung Furtwänglers nicht durchdringt, ein neues Philharmonisches Orchester Auf der Anschlagtafel des Hauses Alserbachstraße 23 im IX. Wiener Bezirk, eines städtischen Gebäudes, in dem früher eine Schule untergebracht war, jetzt aber die Magistratsabteilung 18, außerdem Filialen vom Wiener Heimatschutz, „Jung-Vaterland“, „Frohe Kindheit“ und eine Kinderbücherei amtieren, sind folgende Auszüge aus der Zeitschrift „Jugendwacht“ ausgehängt: J u d e n f r a g e: Ein Buch über jüdische Ritualmorde (Morde an Christen, von Juden aus religiösen Gründen begangen) wurde durch den Einfluß der Judenschaft vom Staatsanwalt beschlagnahmt. So etwas sollte in einem Staate, der sich christlich nennt, nicht möglich seinl Ich höre einen sagen: „Ja, da hat doch der Hitler im Dritten Reich anders dreingehaut!“ Und das Ziel für uns: Trotz allem erstreben wir die Durchführung des Grundsatzes, die Juden sind ein Gastvolk, sie haben naher geminderte Rechte. Frei sind die Juden in der gottlosen Aufklärungszeit geworden, zur Herrschaft sind sie in der Hberal-kapitali- ■, stischen Zeit gelangt, stark sind sie überall dort, wo die Christen schwach sind. Daher Reform von unten: aufklären und meiden, gründen, „das nicht von einem gefesselten und durch zwiefache Verantwortung vergifteten Künstler geleitet sein wird.“ Bürgermeister La Guardia erklärte, er werde seinerseits alles Erforderliche tun, daß der Beschluß, Furtwängler nach New- York einzuladen, nicht verwirklicht werde. was an geistigem und wirtschaftlichem Gifte von dieser Seite kommt! (Einkauf in jüdischen Geschäften meiden!) Judengesetze in Deutschland: Ihr Inhalt: 1. Kein Jude darf Staatsbürger sein (mit vollen Rechten also), sondern nur Staatsangehöriger. 2. Die Vermischung deutschen und jüdischen Blutes (besonders Eheschließungen) werden staatlich nicht anerkannt und sogar strafrechtlich verfolgt. Was sagen wir dazu: Es ist gut und zu loben, wenn endlich ein Staat sich traut, gegen die Judenübermacht aufzutreten. Das ist jetzt schon der dritte Fall. Es ist unbegreiflich, daß derartiges noch immer geduldet wird und daß es immer erst der Intervention jüdischer Organisationen bedarf, damit die Behörden auf die Ungesetzlichkeit solcher Dinge aufmerksam werden. Der Fall in der Aiserbachstraße ist der krasseste. Hier offenbart sich der nationalsozialistische Geist der Autoren des Pamphlets ganz unverhüllt. Noch dazu ist es an einer Stelle ausgehängt, die vorwiegend von Kindern besucht wird. Die letzten Sonntagsaufführungen Das Land der ..—— Verheißung Sonntag, 15. März, vorm. 11 Uhr Gartenbau-Kino, l.# Parkring Ansprache: Dr. Egon Mid). Zweig (Jerusalem) Im Beiprogramm: Der LuzernerZionistenkongreß I iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii Karten bei: JÜd. Kulturstelle, I., Franz- Josefs-Kai3,T.R28-2-36; Bücherstube R. Löwit, I., Wollzeile 6, Tel. R 25-4-53/ Buchhandlung Lanyi,!., Kärntnerstraße 44, Tel. B 26-3-33 und an der Kinokassa. __ König Georg von Griechenland und die Juden Aus Athen wird gemeldet. König Georg II. von Griechenland hat den einzigen jüdischen Abgeordneten des neuen griechischen Parlaments, Albert Tschenio, in Audienz empfangen und mit ihm eine Reihe von Problemen der griechischen Judenheit besprochen. Der König bekundete lebhaftes Interesse für die Erscheinungen, des innerjüdischen Lebens und brachte die Hoffnung zum Ausdruck, daß die Juden ebenso wie die übrigen Teile der griechischen Bevölkerung auf die Beseitigung von Gegensätzen und die Wiederherstellung harmonischen Zusammenlebens hinwirken würden. isse-FFIusik-UJerbe-UIoche auf der PiRATENINSlL - »HAUS PALMHOF« TelephoiT B *31-504 135 Orchester: RUDI GROSS Jazzsänger: OTTO HAUSER Tanzduo: KASPEROVA Jedem Konzertbesucher in C ff ff AEf f UCUU I Der Dame: Ein Flacon Piraten-Eau de Coiogne der MUSIK-WERBE-WOCHE Julll ULJLilLllAt Dem Herrn: Eine versilberte Sportschlüsselkelie mit Talisman TÄGLICH BIS 4 UHR FRÜH BESUCHERKARTE INKLUSIVE STEUER 60g Wieder ein antisemitischer Aushang Der himmlische Lohn Von Sammy Gronemann (Schluß.) „Emen Tag vor dem Tode?“ Ohaim sah dien Rabbiner unruhig an. „Das ist genug? Also, wenn einer das ganze Lebern gesündigt hat und am letzten Tag wird er ein anständiger Mensch — nu, Kunststück — wenn er daliegit — ein alter Mensch — was soll er nicht sein anständig! Soll er anal probieren zu sündigen! Kunststück! — Dann soll er ebenso belohnt werden wie Einer, der sich das ganze Leben gequält hat und ist — nebbich — gewesen immer anständig?“ Der Rabbiner sah verdutzt drein. „Was kümmern uns die Sünder?“ sagt er. „Das mit der ewigen Liebe und Gnade, — das ist eine schwere Sache. — Aber die Gerechtigkeit des Barmherzigen —“ „Das ist 'ne Gerechtigkeit!“ Der alte Chaim schien unzufrieden. „Nu“, sagte er, nachdem er noch Etliches unverständlich vor sich hingebrummt hatte, „vielleicht versteh’ ich das nicht. Aber belohnt wird er auch nicht — wie der Fromme. Wofür soll er belohnt worden? Er wird nur nicht bestraft.“ Die Lösung, die er gefunden hatte, gewährte ihm olfenbar große Befriedigung. „Richtig“, sagte der Rabbiner lächelnd und erstaunt über die einfache Lösung dieses schweren metaphysischen Problems. „So ist es. Die himmlische Belohnung wird den wahrhaft Frommen Vorbehalten. Solchen Männern, wie Sie es waren, wie Sie es sind, lieber Freund!“ „Einen Tag vor dem Tode umkehren“, brummte der Alte, wieder in Zweifel verfallend. „Aber, sagen 'Sie, Herr Rabbiner — dafür sind Sie doch ’n gebildeter Mann, Sie kennen doch die Schriften. Es ist wirklich so? Die schlechten Menschen kommen ins Gehinnem, Hölle heißt das — also wenn sie nicht umgekehrt sind einen Tag vor dem Tode — und die Frommen kommen ins Gan eilen, heißt das Paradies, und ossen vom Fisch Leviathan und sitzen mit Abraham, Isaak und Jakob am goldenen Tisch? Häh?“ Er sah den Rabbiner ernsthaft an. Dem wurde etwas unbehaglich. „Wissen Sie, lieber Freund“, sagte er, „die Hauptsache ist doch jetzt, daß Sie gesund werden. Wir werden noch Zeit haben, uns über dies-e Frage aiuszusprecben.“ Der Alte schüttelte unzufrieden den Kopf. „Lassen Sie, Herr Rabbiner“, sagte er, „ich habe keine Zeit. Antworten Sie mir!“ Der Rabbiner räusperte sich. „Lieber Freund“, sagte er, „an ein ewiges Leben — an ein Leben im Jenseits — an ein Fortleben der Seele nach dem Zerfallen des Körpers glauben wir natürlich. Ob das mit dem Feuer in der Hölle nun so stimmt, so wörtlich, meine ich, oder mit dem Speisen des Leviathan —“ er hielt inne. Jetzt mit dem alten Ohaim in eine Diskussion über diese Probleme einzutreten, war vielleicht nicht angebracht. Möge der alte Herr nur bei seinen kindlichen Vorstellungen bleiben! „Eins ist sicher“, sagte er. „Es gibt eine himmlische Gerechtigkeit. Auf Erden geht es manchem Frevler gut und manchem Frommen schlecht. Es gibt eine Vergeltung im Jenseits. Dort erwartet den Gerechten sein himmlischer Lohn. Jedes gute Werk, das hier ein Mensch tut, wird ihm dort hundertfach vergolten.“ Der alte Ohaim bewegte sich unruhig. „Was heißt das: hundertfach?“ sagte er. „Das soll also heißen: Wenn ich einem Armen gegeben habe 50 Pfennig, soll ich wiederbekommen 50 Mark? So sagen Sie?“ Der Rabbiner lächelte, „Lieber Freund“, begann er milde. „So einfach —“ „Lassen Sie“, der alte Chaim winkte ab und begann an den Fingern zu rechnen. „Das sind: 100 Prozent sind eine Mark; zwei Mark sind schon 300 Prozent, dann sind zehn Mark 1900 Prozent und fünfzig Mark 9900 Prozent — neuntausendneainhundert Prozent — das ist doch —“ „Aber Herr Chaim, lieber Freund!“ Der Rabbiner sah sich unruhig nach der Tür um. „Was rechnen Sie da? Es ist doch —“ „Lassen Sie!“ Ohaim winkte ungeduldig. „Es kommt doch natürlich darauf an“, sagte er, die Augen zusammenkneifend, „wann ich die fünfzig Pfennig gegeben habe. Wenn ich sie gegeben habe als junger Mensch, ist es anders, als wenn ich schon alt war. Es gehen doch die Zinsen ab — richtige Zinsen — nur zu fünf Prozent — und vielleicht sogar Zins von Zins! Aber doch — hundertfach — ös ist zu viel — viel zu viel! Bin ich ein Wucherer?“ Der Rabbiner sah verblüfft auf den Alten. „Was reden Sie da, lieber Freund“, begann er müde, „Sie und wuchern? Sie sind doch der anständigste Mensch von jeher gewesen!“ „Nu!“, rief der Alte, „und im Himmel soll ich anfangen zu wuchern?“ Der Rabbiner lächelte. „So ist das nicht gemeint“, sagte er begütigend. „Sie müssen nicht alles so wörtlich nehmen. Das ist bildlich gemeint.. Und unsere Valuta wird doch da. oben bestimmt nicht gelten. Niemand kann sein Gold und sein Silber mit hinübernehmen. Dort wird nach himmlischem Gewicht. gemessen —“ „Soll sein eine andere Valuta“, brummte Chaim verdrossen. „Ich lasse mir keine solchen Zinsen zahlen. Und überhaupt —“ Er starrte den Rabbiner an lind winkte ärgerlich ab, als dieser den Mund öffnete. Der Rabbiner schwieg entsagungsvoll. Es schien ihm, daß der Alte ins Phantasieren geriet. Sollte er nicht doch die Nichte rufen? „Hören Sie mal“, sagte Chaim auf einmal ganz ruhig, „was ist das überhaupt für ’ne Geschichte. Habe ich Gutes getan, damit ich Lohn bekomme? Überhaupt — wer ist ’n anständiger Mensch? Der, der gibt und weiß, er bekommt alles zurück und noch mit Zinsen, oder der, der gibt und wegschenkt und weiß, er bekommt nichts wieder?“ „Natürlich der zweite“, sagte der Rabbiner verwirrt. „Nu, ja“, sagte Ohaim, „das andere, das ist doch ein Geschäft und keine Wohltat. Das ist eine Spekulation. Eino ganz gemeine Spekulation ist das.“ Der Rabbiner hob beschwichtigend die Hände. „Aber nicht doch, Herr Chaim. Was machen Sie sich für Gedanken“, sagte er lächelnd. „Lassen Sie“, sagte Chaim. Er schien seine Gedanken angestrengt zu konzentrieren. „Ich glaube, daß es eine Vergeltung gibt, da drüben. Ich weiß, es gibt sie — dann bin ich doch gar kein anständiger Mensch gewesen, wie ich immer gedacht hatte. Ich habe doch immer gewußt, ich werde belohnt.“ Der Rabbiner seufzte. Es ist schwer, mit solohe einem alten Rabulisten fertig zu werden, dachte er. „Was Sie getan haben, Herr Ohaim“, sagte er etwas mißmutig, „das haben Sie doch nicht getan, um Lohn zu bekommen!“ „Woher wissen Sie?“ fragte Ohaim. „Und wie kann ich das selbst wissen? Wenn ich armen Leuten gegeben habe und habe täglich dreimal gebetet und habe nur gegessen, was man darf, keine verbotenen Sachen oder Butter mit Fleisch zusammen — ich habe doch gewußt, es wird belohnt. Ich bin aber ’n anständiger Mensch, sage ich Ihnen. Ich will keine Belohnung!“ Er wurde ganz aufgeregt. „Beruhigen Sie sich doch, lieber Herr Chaim“, sagte der Rabbiner beschwichtigend. „Sie werden sehen, Sie werden Ihren himmlischen Lohn haben — ob Sie wollen oder nicht!“ „Ich will aber nicht!“ schrie Chaim und schlug mit den Händen auf die Decke, „ich will keinen Lohn. Ich will bleiben ’n anständiger Mensch!“ Die Erregung hatte ihn doch angestrengt. Er sank zurück und schloß die Augen. „Einen Tag vor dem Tode umkehren“, brummelte er. „Einen Tag vor dem Tode —“ Er tastete mit den Händen auf der Decke herum und bewegte unruhig den Kopf. Der Rabbiner beugte sich bestürzt über ihn. „Suchen Sie etwas, lieber Herr Chaim?“ Chaim flüsterte etwas. Der Rabbiner sah sich erstaunt um. Er hatte verstanden „Butter“. Er nahm verwirrt die Butterdose und setzte sie vor den Kranken. Der alte Chaim nickte zufrieden und murmelte unverständlich. Dem Rabbiner wurde es unheimlich, er ging zur Tür und winkte der Nichte, hereinzukommen. Als er sich umsah, sah er mit Erstaunen, wie der Alte mit zitternder Hand den Hühnerflügel, der vor ihm stand, ergriffen hatte, ihn eifrig in die Butterdose tauchte, darin horamschwenkto und dann das von Butter triefende Fleisch — a.n den Mund führte. Butter mit Fleisch, ein Greuel für den gesetzestreuen Juden. „Herr Chaim. was tun Sie?“ rief der Rabbiner entsetzt. „Gesündigt, ich habe gesündigt}“ ächzte Chaim. „Einen Tag vor dem Tode. Ich will keine Belohnung!“ Er fiel zurück, aber ein zufriedenes, triumphierendes Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht. Die Nichte stürzte auf ihn zu. Er öffnete noch einmal die Augen. „Die Butterdose“, flüsterte er. „Fortwerfen! Sie ist t-redfo! Man darf sie nicht benutzen!“ Das waren die letzten Worte dös alten Chaim.