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Die Stimme · 1936-03-03 · Heft 528 (3.3.1936) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 528 (3.3.1936)
Date
1936-03-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 528 — 3. März 1036 011 STIMM! Seit« 5 Zahl und Verteilung der Juden der Welt Mär« 1936, 8 Uhr abends Konzertsaal „Post“, I., Fleischmarkt 24 Konzert neu-hebrälaclier neu-palästinensischer Lieder des bekannten hebr.-iidd. Llerlerinterpreten Konzert- und RadiosHnger J. Seaa?-Rosenbaeh (Tenor) Programm: „Erez Jißraöls Aufbau Im Liede". Die an diesem Abend zum Vortrag gelangenden Lieder illustrieren durch besondere Auswahl und Reihenfolge — zusammengeholten durch verbindende Worte — die linlwioklung Erez J1 ßraö 1 s bis zum heutigen Tage. Am Klavier: Lili Riegl er. Karten von 60 g bis 8 2'50 bei JUd. Kulturstelle, I., Franz- Josefs-Kai 8, BUoherstube Rath, II-, Taborstraße 20a. aber jene Männer ansehaue, we’ehe heute für diie Union verantwortlich zeichnen und unsere Vatedantdstreue anzvveifeln, muß ich feststellen, daß ihre einzige Kriegeerinnerung der Enthebungsschein ist, welcher ihnen bestätigt hat, daß sie im Hinterlande unentbehrlich waren. Im März-H^ft der vom Jiddischen Wissenschaftlichen Institut herausgegebenen „Iwo- Blätter“ veröffentlicht der wissenschaftliche Sekretär der wirtschaftlich-statistischen Abteilung des Instituts, Jakob Lestschin- 8 k y, eine umfangreiche Arbeit über die Zahl der Juden in der Welt. Lestschlnsky errechnet auf Grund des von ihm erarbeiteten Materials die Zahl der Juden Anfang 1936 mit 16,240.000. In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Juden in der Welt um 1,300.000 erhöht. Der Zuwachs betrug in der ersten Hälfte des Jahrzehnts, von 1925 bis 1930, rund 700.000, das heißt durchschnittlich 140.000 Seelen jährlich. In der zweiten Hälfte des Jahrzehnts dagegen nur 600.000, somit bloß 120.000 jährlich. Der natürliche Zuwachs der Juden geht wie hei allen Völkern zurück. Die Verringerung des Bevölkerungszuwachses ist nicht auf erhöhte Sterblichkeit, sondern auf das Sinken der Geburtenzahl zurückzuführen. Die Verteilung der Juden In der Welt blieb im großen ganzen in dem abgelaufenen Jahrzehnt fast unverändert. Uber 60 Prozent aller Juden, annähernd 10 Millionen, leben in Europa; über 30 Prozent, rund 5 Millionen, leben in Amerika; über 5 Prozent, mehr als eine halbe Million, in Asien; in Australien gibt es im ganzen etwa 30.000 Juden. Zwei Drittel des jüdischen Volkes, über 10 Millionen Seelen, sind in den drei Ländern: Vereinigte Staaten von Nordamerika (4,450.000), Polen (3,150.000) und Sowjetrußland (3,080.000) konzentriert. Im übrigen verteilen sich die Juden der Welt auf Über 80 Staaten und Länder. Nur vier Staaten haben eine Bevölkerung von mehr als einer Million Juden, nämlich die drei bereits genannten Länder und Rumänien. Eine jüdische Bevölkerung von über 100.000 Seelen gibt es in siebzehn Staaten, die zusammen 15 Millionen Juden oder 92 Prozent der gesamten Judenheit umfassen. Die absolute Zahl der Juden ist Überall gestiegen, mit Ausnahme von Deutschland, Österreich, Ungarn, Italien, der Schweiz und der Türkei. die einfältige Redensart von der „Aufrichtung der Scheidemauern“ einen Satz aus der offiziellen Erklärung des Schweizer Bundespräsidenten zitieren, welcher lautet: „Die zionistischen Bestrebungen werden durch die künftige neue internationale Rechtsordnung, die auf der Gleichberechtigung und gegenseitigen Achtung der Völker beruhen und die freie Entwicklung ihrer nationalen Eigenart schützen soll, wirksam gefördert werden.“ Oder soll ich die vielen Kundgebungen dos großen Philosophen und Staatsmannes M a s a r y k zitieren, in denen er seiner Be-* wunderung für den politischen Zionismus und für das zionistische Aufbauwerk Ausdruck gegeben hat? Ist es ein Zufall, daß gerade durch den Einfluß dieses hochstehenden Mannes den Juden in der Tschechoslowakei das freie Bekenntnis zur jüdischen Nation gestattet wurde? Und ist es der Union noch immer nicht bekannt, daß der Völkerbund, dessen Mitglied auch unser Bundes* Staat ist, England das Mandat zur Errich-i tung einer nationalen jüdischen Heimstätte; in Palästina erteilt hat? Religiosität und Bodenständigkeit Und so wiie es mit der „Vaterlandstreue“ ausschaut, sieht es auch mit dem anderen unioiiLstißchien Belangen aus, für die eie so •besorgt tun, beispielsweise mit ihrer Religiosität. Wir sind doch bekanntlich hartgesottene Nationalisten, welche für unsere Religion angeblich nichts übrig haben. Religion und Vaterland haben die Unioniaten gepachtet. In der Vorkriegszeit gab ee ein Scherzwort: „Wenn man einen Russen kratzt, kommt bald der Tartar zum Vorschein.“ In der Anwendung auf die Unioniaten kann man sagen: Wenn man einen „strengireligiösen“ Unionisten ein wenig kratzt, kommt bald einer heraus, idier am Saihbath gerne gute Geschäfte macht, kratzt man einen von ihren „Konservative n“, entpuppt er sich etwa als Gründer des Vereines für liberale Reformen des Judentums. Und wenn inan sich einen Unionisten näher ansieht, der für die Autonomie der Kultusgemeinde und ihre Einheit schwärmt, ao können Sie überzeugt sein, daß er eine halbe Stunde früher beim Magistrat war, um zu verlangen, daß in der Kultusgemeinde ein Regier ungskomm i s e ä r eingesetzt werde. So sieht es auch mit der „B oden- «t ä n d i g k e i t“ der Union aus. Sonderbar, 'der Mann, der eich auf seine Bodenständigkeit soviel berufen hat, war noch vor kurzem der Präsident des Vereines Buchenland und der Mann, der heute als „K a s s i e r der Union“ den Kampf gegen die „nichtbodenständigen Zionisten“ zu finanzieren hat, ist vor kurzem aus Czernowitz zu gewandert. Die Zionisten und der Kultus Was nun unsere Einstellung zur religiösen Führung der Kultusgemeinde amlangt, lehnen wir wohl jede Schnüffelei und jedes Inquisitorentum ab. Wir sehen aber unsere Pflicht darin, dafür zu sorgen, daß allen religiösen Bedürfnissen sämtlicher in unserer Gemeinde vorhandenen Schattierungen im vollsten Maße Rechnung getragen wird. Das sehen Sie aus den Ziffern, die der Präsident heute mitgeteilt hat. Ich will Sie nur daran erinnern, daß beispielsweise zur Blütezeit unserer Gegner an sämtliche Wiener Tempel vereine Subventionen von bloß 16.000 S ausbezahlt worden sind. Wir haben im Jahre 1935 an die Tempel- und Bethausvereine an Subventionen 170.000 S ausbezahlt und im Jahre 1936 diese Ziffor noch um 20.000 S auf S 190.000 erhöht. Uiul auch auf das Gebiet der religiösen Erziehung der Jugend muß ich hier verwaisen. Wie sah diese unter derHerrsohaft der Union aus? Als mein Kollege Stricker und ich vor mehr als zwei Dezennien in den Kultusvorstand kamen und clie einzigen zwei Zionisten hier waren, da hat es hier einen Mann gegeben, der um etwa 50 Jahre älter war als wir, ein vornehmer, ausgezeichneter Mensch von großem weltlichen und jüdischen Wissen, Dr. Maximilian Steiner. Dieser Dr. Steiner hat Jahr für Jahr Refor mon des Religionsunterrichtes beantragt I würde. Ich orinnore mich an Reformen der beßoheideoÄten Art, ee war|man uns hier sagte: Wozu ihm aber nicht möglich, bei seinen Gesinnungsfreunden auch nur das geringste Verständnis zu finden. Es ist alles beim Alten geblieben, und unter der Herrschaft der Union konnte die Schuljugend nicht einmal ein Gebet lesen, der meist unzulängliche Religionslehrer war Gegen stand des Gespöttes der Schüler. Wir haben vor allem für einen ordentlichen Nachwuchs der Reli gionslehrer gesorgt. Wir haben heute unter den Religionslehrern eine große Zahl ausgezeichneter Menschen, die es verstehen, den Kindern nicht bloß jüdisches Wissen beizubringen, sondern auch Liebe zur jüdischen Gemeinschaft, Lehrer, die durch die Kinder vielfach auch erzie herisch auf die Eltern einwirken. Dem Bericht des Präsidenten haben Sie entnommen, daß wir die Zahl der G e meindebibelschulen von 21 auf 84 erhöht haben, daß wir überdies eine große Anzahl von Vereinsbibelschulen unterstützen und daß wir so mehr als 30%. der Schulkinder durch einen Zusatziuiterricht auf dem Gebiet des religiösen Wissens erfaßt haben. Wohlfahrtswesen und Subvention Der Präsident hat Ihnen einige Ziffern aus dem Kapitel Wohlfahrtswesen mitgeteilfc, und so traurig es sein mag, daß derartige Anforderungen an die Kultusgemeinde gestellt werden, so erfreulich ist es anderseits, daß wir diesen Anforderungen in weitem Maße gerecht werden können. Für das Wohlfahrtswesen wird ein Betrag von S 2,600.000 aufgewendet, ein Betrag, der 40% der Gesamteinnahmen der Gemeinde schon übersteigt und die Höhe der Kultus- Steuer, die im Jahre 1935 S 2,400.000 getragen hat, schon hinter sich läßt. Der Präsident hat davon gesprochen, daß die 150.000 Juden von Berlin 7% Millionen Mark Kultussteuer zahlen. Ich möchte Ihnen noch eine Ziffer mitteilen, die ich von gutinformierter Seilte erhalten habe. Für Zwecke der jüdischen Winterhilfe wurde in Berlin ein Betrag von 1.7 Millionen Mark aufgebracht. Dieser Betrag ist gigantisch gegenüber jenem Betrage, den die Wiener Gemeindemitglieder für die Wimtcrhilfsaktion beigesteuert haben. Daran tragen jene Herren, die heute nicht mehr hier sind, ein wohlgertitteltes Maß an Schuld. Wir wollen zu Beginn des Budgetjahres einen 20%igen Zuschlag zur Kultusstouer für Zwecke der Winterfürsorge ausschreiben, hiofür war aber die Union nicht zu haben. Und so mußten wir die Steuerzahler zu einem freiwilligen Zuschlag auffordeni. Dieser brachte uns aber bloß ein Erträgnis von ungefähr S 140.000, statt der von uns erwarteten S 460.000, also eine empfindliche Einbuße gerade zum Nachteil der Ärm ien. Für einen solchen £weck hätte jeder gerne ein kleine* Opfer gebracht, aber freiwillige Steuern sind eben schwor einbringlich. Das Kapitel Subventionen zeigt, daß es kein Gebiet im jüdischen Leben g'bt, das von uns nicht beflirsorgt und betreut die Zeit, wo brauche»! wir jüdische Turn- und Sportvereine, unsere jungen Leute können auch in nichtjüdischen Vereinen Sport betreiben.“ Heute wird wohl jeder einsehen, wie töricht solche Einwände sind. Es gibt wenig so Erfreuliches im jüdischen Leben, wie die große jüdische Sportbewegung. Das bekannte Herzl-Wort von den Juden jungen, die zu jungen Juden werden, ist mit Hilfe des Zionismus durch die Sportbewegung zur Wahrheit geworden. Das große Welttreffen der jüdischen Sportler, die Makkabiah, auf welcher junge Juden der ganzen Welt im friedlichen Wettkampf ihre Kräfte messen, erfüllt uns mit Freude und Stolz. Zionismus und Kutturwelt Nach all den Erfolgen der Zionisten in der Gemeindeverwaltung und der Bedeutung, welche der Zionismus für die Judenheit der ganzen Welt erlangt hat, muß ich es sehr merkwürdig finden, wenn wir in einem Aufruf der Union Österreichischer Juden zu lesen bekommen, daß der „politische Zionismus sich der Kultusgemeinde zu bemächtigen suche und die bereits abbröckejnden Scheidemauern zwischen Juden und Nichtjuden wieder auf ge rieht et h*a t.“ Ich möchte zunächst feststellen, daß der Zionismus es nicht mehr notwendig hat, sich der Wiener Kultusgemeinde zu bemächtigen, sondern daß er die Mehrheit in dieser Gemeinde schon bei den letzten Wahlen auf vollständig legale Weise durch das Vertrauen der Wähler errungen hat. Aber auch die Kultusgemeinde in Graz und Linz und in einer Anzahl anderer kleinerer Gemein de n ist schon seit längerer Zeit zionistisch. Was soll man zur angeblichen Errichtung von Seheideinauern zwischen Juden und Nichtjuden durch den Zionismus sagen? Ist es heute noch notwendig, auf die Balfour-Deklaration zu verweisen? Soll ich die Erklärungen der Regierungen der Weltmächte verlesen, welche aus Anlaß der Balfour-Deklaration an die Zionistische Organisation ergangen sind? Pichon beglückwünschte uns damals zu unserer „hochherzigen Ergebenheit für unsere Arbeit an der Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina“, die Italienische Regierung erklärte sich „mit Vergnügen bereit, die Errichtung eines nafcionaljüdischen Zentrums in Palästina zu erleichtern“, die japanische Regierung nahm „mit Befriedigung“ die auf die Erlangung eines nationalen Heimes in Palästina gerichteten Bestrebungen des jüdischen Volkes zur Kenntnis, der amerikanische Senat erklärte, „die Errichtung einer jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina zu befürworten“, und das Repräsentantenhaus sprach dem jüdischen Volk seine Genugtuung darüber aus, daß es ein „Nationalheim“ in dem Lande seiner Väter neu begründen wolle, welches dem Hause Israel die langversagte Möglichkeit geben wird, fruchtbares Leben und n e n e Kultur im alten jüdischem Lande zu schaffen“. Insbesondere möchte ich aber mR Rücksicht auf Aus den kurz skizzierten Erklärungen der Vertreter großer Staaten sehen wir, daß der Zionismus uns die Sympathie und Achtung aller Völker erworben hat und es lohnt nicht der Mühe, sich mit den Erklärungen der Union zu beschäftigen. Wohl muß aber noch ein Satz aus dem früher erwähnten Aufruf der Union angeprangert werden, in welchem es heißt, „daß es für die mit ihrem Vaterlande aufs allerengste und bedingungslos verbundenen österreichischen Juden unerträglich ist, daß in einer österreichischen Kultusgemeinde eine jüdisch-nationale. Politik gemacht wird“. Eines der traurigsten Kapitel in der Vergangenheit des jüdischen Volkes sind die von Zeit zu Zeit einsetzenden Angebereien von Menschen, die sich durch Denunziation eines Teiles ihrer Volksgenossen bei den jeweils Herrschenden irgend einen schäbigen Vorteil zu erringen hofften. Wenn die Union in ihren Denunziationen fortfahren will, wollen wir ihr diese Rolle neidlos überlassen. Wir aber wissen uns ei ns mit den Idealen der gesitteten Menschheit und wir werden unter keinen Umständen von unserer Überzeugung lassen, daß das Streben nach unserem Hochziel in seinen Auswirkungen nicht nur von den besten Folgen begleitet sein wird für unsere Gemeinde, soni dem auch für unseren Staat, dem wir immer die Treue g e-i wahrt haben und für die ganze Menschheit. Das schönste Purimgeschenk Palästina-Produkte Karmel-Wein, Jaffa-Orangen, Grapefruit usw., liefert zu billigsten Preisen franko Haus Samuel Halpern Äh» (t „Plötzlich gestorben Prag, 28. Februar. (JTA.) Vor einigen Tagen wurde in Berlin der Jude Fritz Baron unter Beschuldigung der „Rassenschande<( von der Gestapo verhaftet, obwohl er mit seiner arisch geborenen Gattin ordnungsmäßig v e r h e ir a t e t war und die Ehe lange vor Verkündung der Nürnberger Gesetze geschlossen worden war. Am 25. Februar wurde der Gattin ln einer kleinen Urne die Asche des Fritz Baron ausgeliefert mit der Mitteilung, er sei während des polizeilichen Verhörs „plötzlich* gestorben. Kurt Blumenfeld Am 1. März sprach über Einladung de« Zionistischen Landesverbandes Kurt Blumenfeld im Vortragssaale des Landeskomitees vor den Vertrauensmännern über die außenpolitische zionistische Situation, woran sich ©ine Aussprache schloß. Das Referat Blumenfeklß wurde beifällig aufgenommen,

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