Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 523 (14.2.1936)
- Date
- 1936-02-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 523 - 14. Februar 1936 DTC ITIMMB Seit« 9 kritische Geist. Nordaus nicht ausreichen. Hier war sein Manko, was natürlich die geschichtliche Bedeutung nicht schwächt. Er hatte seine Aufgabe, das Gewissen zu wecken, zu zerstören, um aufzubauen, um andere auf bauen zu lassen. Diese Aufgabe hat er erfüllt, wie keiner neben ihm und vielleicht keiner nach ihm, wenn wir an die kurze Spanne Zeit nach seinem Tode denken. Aber es schmälert sein Andenken nicht, wv.nn wir klar verstehen, wo er versagen mußte, und ich denke, ich bringe keinen Mißton in die heutige Versammlung, son dem es ist für mich der Beweis des tiefen Respektes, den ich habe, schon kurz nach seinem Tode Nordau als fertige geschichtliche Persönlichkeit zu behandeln, wenn ich mit der von ihm geführten Waffe an ihn herantrete. Kritik gibt das Bild, wie es in der Zukunft unseres Volkes und in der Geschichte forfcl’oben wird.“ KOLOSSEUM-KMO_. IX., NUSSDORF ERSTRASSE 4 11 Uhr vormittag: DAS LAND DER VERHE1SS0NG Ansprache: Dr. Josef Kastein Restliche Karten bei: Jüdisches Volksheim, XVIII., Weimarerstr. 7, Tel. A 20-1-54 L tägl. 18 bis 20 Uhr), Frau Baumeister Barber, XVIII., Gersthoferstr. 131, Tel. B 41-5-13 und B 41-5-39, Frau Dr. Tartakower, XIX., Silberg. 23, Jüdische Kulturstelle, I., Franz-Josefs- Kai 3, Tel. R 28-2-36, Bücherstube Löwit, I., Wollzeile 6, Tel. R 25-4-53 und an der Kino Kasse, Tel. A 12-5-20 Dr. Oskar Gränbaum: Herzl hat die Wahrheit verkündet Wir veröffentlichen hier den Wortlaut der Herzl-Gedüchtnisrede, die der Präsident des Zionistischen Landesverbandes für Österreich auf der JubUäumskundgebung im Großen Musikvereinssml gehalten hot. Am 14. Februar werden es 40 Jahre her isein, daß Herzls Buch „Der Judenstaat“, von dem die moderne zionistische Bewegung ihren Ausgang genommen hat, in den Auslagen der Wiener Buchhandlungen erschien. Daß Theodor Herzl seinen „Judenstaat“ als vollkommen assimilierter Jude schrieb, ohne die bisherigen zionistischen Bestrebungen zu kennen, und daß er aus eigener Erkenntnis über die Judenfrage und ihre Lösung ewig Gültiges in einer an Klarheit nicht zu überbietenden Diktion sagte, ist sein unsterbliches Verdienst. „Der Feind ist nötig für die höchsten Anstrengungen der Persönlichkeit“, lesen wir in der Vorrede zum „Judenstaat“ und in einer Tagebuchnotiz Herzls lesen wir den Satz: „Für mich hat das Leben auf- GftABSTEllSlf IN W U ä Dl GER FORM AUS 0 f N WERKSTÄTTEN WULKANI u NEUBRUNN JURE NN WEG 110' ST. MARX ' SEIT 18Q2 gehört und die Weltgeschichte begonnen.“ Diese beideu lapidaren Sätze charakterisieren uns am besten die Persönlichkeit Herzls zur Zeit der Entstehung des „Judenstaats“. Herzl war 35 Jahre alt, als er an dem Buche arbeitete, und als er mit 42 Jahren ins Grab sank, hatte er die jüdische Jugend zur blauweißen Fahne emporgerissen, unter Aufopferung seiner Person und seines Vermögens die „Zionistische Weltorganisation“ gegründet und damit das Fundament gebaut für die Balfour-Deklaration und das jüdische Palästina. Daß er sterben mußte wie Moses, ohne die Verwirklichung seiner Idee zu erleben, ohne auch nur einen einzigen großen Erfolg seiner gigantischen diplomatischen Arbeit, ist nicht zulotzt die ungeheure Schuld der jüdischen Generation seiner Zeit, deren Wortführer ©ei (Erfiäfiunoshranftljeiten, rl»eumatifdjeu uitb gidjtifdjen $Bc[d)h>erbett jtnb Sega!» Tabletten unübertroffen. Togal fdjeibet bie .fbatnfciurc au§ unb gel)t bafycr bireft gur 2Bur$eI be§ UeöelS. teilte fdjäbltifyen üftebett* tottfungen. affen Styotjjelett. SßretS S 2.40. Herzl Prügel vor die Füße warfen, wo sie nur konnten. Hohn und Spott begleiteten das Erscheinen des „Judenstaats“. Um nur zwei Beispiele herauszugreifen: Der Literaturhistoriker Anton Bettelhoim nannte in der „Münchner Allgemeinen Zeitung“ Hci/Js Judenstaats-Plan „da^ ged a n k mi;i r m e, an Torheiten reiche Projekt über eine jüdische Schweiz auf Aktien, den F a ß c h i n g s t r a ii ra eines d u r o h den Judonrausch verkaterten Feuilletonisten“. Und als Johann Fgemenezkx den Herausgeber der «Wiener Sonn- und Montagszeifcung“, Alexander Scharf, um eine Spende für zionistische Zwecke anging, bekam er zur Antwort: „Geben tue ich Ihnen nichts, aber wenn Herzl ins Irrenhaus geführt werden soll, stelle ich Ihnen meinen Wagen zur Verfügung.“ So ungefähr sah das Judentum im Jahre 1896 aus. Die jüdische Welt schwelgte in der Assimilation. Sie sah nicht, was um sie vorging oder wollte sich ihre Kreise nicht stören lassen. Und da kam plötzlich einer aus ihrem eigenen Kreis, der deutsche Schriftsteller und Feuilletonist Theodor Herzl, und verdammte, was der Assimilation unumstößliches Gesetz war. Dieser Herzl, dessen Feuilletons man beim Frühstück in der „Neuen Freien Presse“ zu lesen gewohnt war, warf sich in die Toga des jüdischen Politikers — ein unerhörtes Ereignis in seiner Zeit —• und verlangte eine jüdische Politik, sah im Antisemitismus eine ewige, drohend wachsende Erscheinung und nicht eine anachronistische, sterbende Erscheinung, erklärte die Judenfrage, deren Existenz allenthalben geleugnet wurde, als eine brennende Frage, als eine Menschheitsfrage, die im Rate der Kulturvölker gelöst werden müsse und noch mehr. Er erklärte: Wir sind ein Volk, ein Volk. Und er verlangte für dieses Volk die soziale Umschichtung und ein eigenes Land, auf dem es einen Staat gründen sollte, um ein normales Volk zu werden und damit auch der Menschheit zum Segen zu gereichen. Herzl hatte es sich so bei allen Faktoren, die 1896 die öffentliche jüdische Meinung repräsentierten, verdorben. Begreiflich also, daß Herzls „Judenstaat“ kein Modebuch war. Es wurde kaum gelesen. Darf man an einem Festabend, wie wir ihn heute begehen, offen sagen, daß Herzls „Judenstaat“ auch heute noch nicht das jüdische Volksbuch ist, darf man sagen, daß wahrscheinlich mehr Juden Hitlers „Mein Kampf“ gelesen haben als Herzls „Judenstaat“? Die jüdische Jugend im Jahre 1896 las Herzls „Judenstaat“ und scharte sich um Herzl, der ihr Abgott wurde. Die Studenten der Kadimah und der anderen Verbindungen, Männer wie Schalit, Sehnirer und Kremenezky, lasen Herzls Buch und glaubten an seine Worte. Diese Männer waren es, die Herzls Bannerträger waren und seine Herolde. Die jüdischen Massen aber blieben lange Jahre stumm. Heute, wo die von Herzl vorausgesagte Judennot bedrückende Wirklichkeit ist, heute, in der Zeit schrecklicher Judennot, ißt es begreiflich, wenn immer größere jüdische Massen dem Zionismus Zuströmen. Heute sind wir so weit, auch wenn wir von den Mitläufern und Zortifikatisten absehen, daß die jüdischen Massen zlonisiert sind. Heute bedeutet Zionismus nach einem Worte aus Herzls „Judenstaat“ wirklich für Hunderttausende Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr Ins Judenland. Daß es aber heute noch, nach Hitlers Machtergreifung, Assimilanten der Art gibt, die Herzl das Leben verbittert haben, daß Ma.uschel noch immer lebt, kann nur ein Anlaß für uns sein, unsere Anstrengungen zu verdoppeln. Man kann mit Herzl sagen: „Es wird immerzu den großen Merkwürdigkeiten gehören, daß die Herren um Zion beten und gegen Zion auftreten.“ Darüber hinaus aber muß man, wie es Herzl in seinem „Mauschel“ tat, diesen Hintertreppenläufern der jüdischen Geschichte kategorisch den Standpunkt klar machen, daß sie bestenfalls in ein politisches Museum gehören und nicht in die jüdische Gegenwart, daß ihre Kriechereien und Denunziationen ihnen nichts nützen und das Judentum verächtlich machen, und daß sie sich nicht wundern sollen, wenn wir sie so lange blößstellen werden, bis sie aus unserer Öffentlichkeit verschwinden werden. Ein Abend wie der heutige erfordert aber auch Besinnlichkeit für uns Zionisten, denn das Bekenntnis zu Herzl verpflichtet. Wollen wir Herzls Ideen dienen, dann müssen wir auch der Assimilation entgegenwirken, die sich in unseren eigenen Reihen breit macht. Herzls stolzes Wort vom „Judenstaat“ wird zur Phrase, wenn man darunter nur einen Staat mit noch so weitgesteekten Grenzen versteht und in welchem man sich politisch so gebärdet, wie man sich in der Galuth politisch assimiliert hat. Gerade heute, wo wir das Jubiläum des Buches „Der Judenstaat“ feiern, muß eindringlich daran erinnert werden, welcher Geist uns aus diesem Buche enfcgegenstrahlt und was Herzl in der Eröffnungsrede zum zweiten Zionistenkongreß sagte: „Gerade diejenigen unter uns, die heute ihre ganze Person daranzusetzen bereit sind, würden bedauern, auch nur einen Schritt dafür getan zu haben, wenn es nur gelänge, eine neue menschliche Gesellschaft einzurichten und nicht auch eine gerechtere.*1 Eine gerechtere menschliche Gesellschaft in Palästina kann aber niemals auf Weltanschauungen basieren, die vielleicht hei anderen Völkern am Platze sein mögen, aber unjüdisch sind. Klassenkampf, von welcher Seite immer, muß früher oder später dem Judenstaat das Lebenslicht ausblasen. Ich bin tief davon durchdrungen, daß Herzls These von der gerechteren menschlichen Gesellschaft die zionistische Bewegung adelt und verpflichtet. Ebenso ist es meine feste Überzeugung, daß wir es nicht notwendig haben, weltanschauliche Anleihen zu machen. Wir Juden sind in der glücklichen Lage, aus den Fehlern anderer Völker zu lernen. Der Judenstaat muß vor den Kämpfen bewahrt werden, von denen andere Staaten geschüttelt werden. Wir müssen in Eroz Israel eine gerechtere menschliche Gesellschaft errichten, und haben es dazu nicht notwendig, fremde Fahnen und Ideale zu übernehmen. KrampNMümpfe SCnUIf EINLAGEN BRUCHBANDAGEN „Occulta- (.astex“ aus „Hartleinen“ Marks „Abso“ mit drohbaran waschu. kochecht, hauohdUnn leicht, unzerbrechlich Schwammgummipelotten Alleinvertrieb: INSTITUT BSTÄNDIG, Wien, I., Telnfaltstraße 1 (Ecke Freyung 5) Verlangen Sie koatenlose Aufklärung und Prospekte I HARRY BAUR SIMONE SIMON In dem Welterfolg SCHWARZE AUGEN Uru. Alleinaufführung Elite-Kino, I., Schottenring-Kino, I. Aus jüdischem Geist muß die soziale Ethik geboren sein, die im zukünftigen Judenstaat verankert sein muß. In den Büchern der Thora und der Propheten finden wir nun eine wundervolle soziale Ethik, die in keinem Staate der Welt verwirklicht ist. Diese kostbaren jüdischen Geistesschätze sind das einzige tragbare Fundament, auf dem wir den Judenstaat errichten können, soll er Bestand und Wert haben. Anschauungen, die sich nicht harmonisch in das geistige Gebäude des Judentums einfügen, mögen sie noch so sehr modern sein, dürfen von uns niemals rezipiert werden. Erez Israel darf nicht zu einem Anklatsch der Galuth degradiert werden. Wenn es einmal so weit sein wird, daß praktische Anstrengungen gemacht werden, um die ungeheuren Schätze jüdischer Ethik, jüdischer Auffassung von Freiheit und Gerechtigkeit in zeitgemäßer Form zum Lebensinhalt und Fundament des Jischuw zu machen, dann werden wir auf dem richtigen Wege sein. Einen verheißungsvollen Anfang sehe ich im Keren Kajemeth, der den Boden als ewiges Eigentum des Volkes erwirbt, ihn armen Volksgenossen in Erbpacht gibt, sie dadurch entproietarisiert und Bodenwucher verhindert. So sehen wir nach vierzig Jahren zionistischer Arbeit, daß wir vielfach noch am Anfang stehen. Aber trotz allem können wir. mit Stolz, sagen: Theodor Herzl hat recht behalten. 1 Patte Mi [o. Lft Haifa I i DIE ANGENEHMSTE ÜBERFAHRT | B NACH PALÄSTINA MIT EINKLASSEN- B B LUXUSDAMPFER H | amaguBBannnB—g I §j Zu Purim: Abfahrt 28. Februar von Triest B B Zu Ostern: Abfahrt 27. März von Triest fl' B Zur Levante-M esse: Abfahrt 23. April fl B AUSKÜNFTE: „UNIVERSAL“, WIEN, B B I., KÄRNTNERRING, ,3 UND IN ALLEN fl | ANDEREN REISEBÜROS_| Wenn heute Palästina blüht und gedeiht, Trost und Hoffnung für Millionen Juden ist, wenn die ganze Kulturwelt unsere Leistungen mit Staunen verfolgt, so ist alles dem Segen seines Geistes zu verdanken. In Erez Israel läßt jüdischer Hände Arbeit aus Wüsten und Sümpfen Felder und Wälder und Städte entstehen. Dort wird eine neue hebräische Kultur geschaffen werden. In der Galuth regt sich neues jüdisches Leben. Auch hier wächst eine mutige Generation heran, die entschlossen ist, die jüdischen Rechte in der Galuth und in Erez Israel zu verteidigen. Aber immer und immer wieder muß es gesagt werden, daß die Frage der Prosperity Palästinas kein Maßstab' für die Richtigkeit der zionistischen Idee ist. Mag die wirtschaftliche Lage Palästinas wie immer sein. Das Gedankengut Herzls ist unsterblich und ewig richtig. Es hat zum wesentlichen Inhalt: Die Rückkehr zum Judentum, zum stolzen Bekenntnis zur jüdischen Nation, fernab von jedem überspitzten, unduldsamen Nationalismus europäischen Musters, die soziale Umschichtung und die Notwendigkeit eines von einer gerechteren menschlichen Gesellschaft getragenen Judenetaatee in Palästina, wodurch nichts geschehen soll, was die bürgerlichen Rechte der Juden in irgend einem Lande beeinträchtigen dürfte. Unendlich groß wäre in jedem anderen Volke die Verehrung für einen Mann, der, wie Theodor Herzl, der Retter der Nation ist. Viel muß hier nachgeholt werden, soll man uns nicht des groben Undankes zeihen. Die jüdische Nation hat bisher aber nicht einmal den