Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 523 (14.2.1936)
- Date
- 1936-02-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette II Dl« «TIMM« Nr. 528 — 14. Februar 1986 eine Allegorie auf den Judenstaat verstanden.“ Endlich, nachdem er manchen Ballast über Bord geworfen hatte, trat Herei den Flug zur Verwirklichung der Idee am. Und als er am letzten von ihm geleiteten Kongreß die Schlußrede hielt, worin er »eine Lebensarbeit mitten im tobenden Kampf zu verteidigen hatte, da tauchte wiederum das ihm für den Begriff seiner Arbeit so merkwürdig zugeflogene Symbol auf. Herei sprach „von der Luftlinie, die man nicht betreten kann, solange es keine .lenkbaren Luftschiffe* gebe“. Er erhob die Rechte zur Wiederholung des alten Schwures: „Wenn ich je dein vergesse, Jerusalem .. Das Märdien Ein Erlebnis, das Herzls Wesen tief beeinflußte, war die Geburt der Kinder. Die berühmten Kinderfeuilletons, so manobe Stellen in den Tagebüchern und unzählige Äußerungen in Briefen an Eltern und Frau geben hierüber Zeugenschaft. Die Sorge um die Kinder ist für ihn eines seiner Erlebnisse, das seine eigene Person „ins allgemeine aufsteagen ließ“, und wodurch er zur Judenfrage zurückgekehrt ißt. Wie denn anders sind seine Worte — vom Februar 1893 an Leitembergor — über seinen Sohn und die Judenbuben zu verstehen! In ihnen zittert die Sorge des jüdischen Vaters und werdenden jüdischen Staatsmannes nach. Mitten in seinem Arbeiterausch an der Lösung der Judenfrage, im Juni 1895, bringt Herzl den vierten Geburtstag seines Sohnes mit seinem Judenstaat-Plan in Verbindung. Es ist besonders wichtig, hier den Bericht des treu ergebenen Freundes und Mitarbeiters Herzls, Johann Kremenezkys, zu erwähnen. Kremenezky berichtete, daß Herei öffentlich in einer kurz nach dem Erscheinen des „Judenstaat“ veranstalteten Versammlung der jüdischen Studentenschaft Wiens ßich dazu bekannte, „daß ihm beim Nachdenken darüber, was aus seinem Kinde werden sollte, die Lösung der jüdischen Frage aufgegangen sei.“ Das hier wiedergegebene, von Herzl ßeinen Kindern gewidmete Gedicht, das fast unbekannt geblieben ist, gewinnt in diesem Zusammenhänge eine besondere Bedeutung. Es führt uns im Leben Herzls auf die Spur einer tiefen Quelle, die vielleicht auch aus Tränen des bekümmerten Vaters entstanden ist. Eure eigenen Märchen*) Kinder! Ihr meint in kommenden Tagen, Baß ick Eure eigenen Märchen erfand! Von Frau Bribri, vom Schioan, der getragen Die fliehenden Kinder ins Schwanenland, Vom trunkenen Hampelmann Bibdibob, Vom Holzhauer, dessen Stimme so grob, Von Wölfen und Eseln und Wundertieren, Die Kinder begegnen, wenn sie sich verlieren, Und noch viel anderes Grausen und Lachen, Freundliche Feen und schreckliche Brachen, Ganze Wälder von Märchenbäumen, Farbige Kugeln am Seifenschäumen, Schlösser in Wölken, Bauten aus Sand — Kinder, Ihr meint, daß ich es erfand,,.! Ach ja, ich glaubte es anfangs auch, XJnd sah’s erstaunt — wie im Winter den Hauch Wir unseren Lippen entsteigen sehen — Ich sah dieses sichtbare Wellen und Wehen, Und ahnte nickt gleich, was es wirklich war... Jetzt!... Trudel geht in ihr zweites Jahr Und wünscht beinahe drohend noch immer Bas Bribrimärchen, von dessen Schimmer Ihr Größeren abgekommen seid, Pauline und Hans! Schon seid Ihr zu stolz — Euch schnitz’ ich Figuren aus anderem Holz Und steck sie in manch ein funkelndes Kleid ...Jetzt hab* ich endlich in lieblichen Stunden Von Euren Märchen den Sinn gefunden. Ich suchte nur Spiele und fand mein Sinnen — Kinder! wie selig war mein Beginnen, Ben Inhalt, der meinen Worten gefehlt, Ihn hat mir der Glanz Eurer Augen erzählt. Nach den Hinweisen auf das Alter der Kinder berechnet, ist das Gedicht ein Jahr vor dem ersten Aufblitzen des Judenstaafcgedankens und einige Monate vor dem „Ghetto“ entstanden, etwa im Juni 1894. Damals suchte Herzl Spiele und fand sein *) Aus dem Wolfeohn-Archiv. „Sinne n“. Ein Jahr später bewegte sieb sein Denken zwischen Traum und Tat. Nach jener ersten denkwürdigen Unterredung mit Baron Hirsch, schon in der ersten Zeile der begonnenen Tagebücher schreibt Herzl, er wolle seine Pläne und Gedanken verzeichnen, „wenn schon nicht als ein Denkmal für lie Menschen, so doch für sein eigenes späteres Ergötzen oder ,S i n n e n‘ Hat Herzl nicht dunkel seinen Weg vorgezeichnet gesehen, als er ein Jahr früher, noch vor dem „Ghetto“ und „Judenstaat“, im Märchen davon sprach: Ich suchte nur Spiele und fand mein Sinnen Kinder} wie selig war mein Beginnen! „Schon durch das Beginnen kommt ein hoher Stolz und das Glück der innerlichen Freiheit in das Dasein“ — schreibt Herzl wörtlich in der Vorrede zum „Judenstaat“. Auch der gutmütige Spötter, der Herel- Worte zu parodieren suchte, konnte nichts anderes als der Wahrheit die Ehre erweisen. Theodor von Sosnosky — unter seinem Pseudonym Pierree de Strass —, veröffentlichte in seiner Reihe paroclißtischer Imitationen ,,Kinderworte, ein Feuilleton nach Theodor Herei“ („Die Wage“ 1900). Die Feuilleton-Imitation behandelt ein Gespräch zwischen Herzl und seinem Kind vor einem Käfig eines Tiergartens. Unvermittelt stellt das Kind dem Vater die Frage, warum die Juden gehaßt werden. Und das Kind bringt Herzl den Gedanken der Gründung eines jüdischen Reiches in Palästina in einfachen Worten klar zum Ausdruck. Der parodierende Schriftsteller kam der Wahrheit nahe! Als Herzl einige Jahre später mitten in aufreibendem Kampf — wie George Clemenceau, der Herzl aus dessen Pariser Zeit in bester Erinnerung behielt, sagte, „im Kampf mit dem eigenen Volk“ — als also Herzl mitten in diesem Kampf sich in die Literatur flüchtete, schrieb er eein berühmtes „Altneuland“. In diesem Werk verdichteten sich nochmals Spiel und Sinnen zum Märchen, diesmal für die großen Kinder Israels. Und aus bekümmertem Herzen übergab uns Herzl zusammen mit dem Märchen die Botschaft: ,,Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen.. Imposante Kundgebung der Wiener Judenschaft Der Zionistische Landesverband für Österreich veranstaltete Mittwoch aus Anlaß der 40. Wiederkehr des Tages, an dem Theodor Herzls Buch „Der Judenstaat“ erschienen ist, im Großen Musik vereinssaal eine Jubiläumsfeier. Es war eine imposante Kundgebung der Wiener Judenschaft, deren überwiegende Mehrheit Theodor Herzls Idee huldigt. Der Saal war für die Feier mit blau-weißen Draperien geschmückt. Unter der Orgel war ein großes Bild Theodor Herzls angebracht. Um die Ausschmückung des Saales hatten sich der akademische Bildhauer Egon Weiner, von dem auch das Bild stammt, und Ing. Henryk G o 1 d b e r g mit Erfolg bemüht. In den vorderen Logen sah man die führenden Persönlichkeiten des zionistischen Lebens, unter ihnen alte Weggenossen Theodor Herzls, die mit ihm zusammen an der Wiege der modernen zionistischen Bewegung geständen sind. Die Redner des Abends waren der Präsident des Zionistischen Landesverbandes, Dr. Oskar G r ü n b a u m, der über die Bedeutung des Jubiläums und Über die Entwicklung des Zionismus in diesen vierzig Jahren sprach, und Dr. Josef Kastein, der -einen Vortrag über das Thema „Das Geschiehtserlebnis des jüdischen Menschen“ hielt. In höchster Spannung folgte das Publikum den Rednern, die immer wieder durch lebhafte Beifallskundgebungen unterbochen wurden. Gegenstand einer warmen Sympathiekundgebung war der bei der Feier anwesende Präsident der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde, Staatsrat Dr. Desider Friedmann. Dr. Grünbaum richtete an den Präsidenten, der von einer ernsten Krankheit genesen ist, herzliche Begrüßungsworte und die Versicherung der unwandelbaren Anhänglichkeit der Mehrheit der Wiener Judenschaft an seine Person, Dr. Grünbaum sagte: Verehrter Herr Präsident und Staatsrat! Es erfüllt uns und die gesamte Wiener Judenschaft mit großer Freude, daß wir Sie heute, von einer Krankheit genesen, in unserer Mitte begrüßen können. Unsere altehrwürdige Gemeinde vertritt unter Ihrer bewährten Leitung im hervorragender und objektiver Weiße die Interessen aller jüdischen Bevölkerungskreise auf allen Gebieten des bürgerlichen Lebens, Es ist daher für die überwiegende Majorität der Juden Wiens unfaßbar, daß gerade in diesen Tagen schwerer Not eine kleine Minorität unser höchstes Gut, die Autonomie und Einheit unserer Gemeinde, untergraben will. Wir werden diesen schändlichen Anschlag, der allgemeine Empörung in der Judenschaft hervorgerufen hat, zunichte machen. Seien Sie, verehrter Herr Präsident und Staatsrat, dessen versichert} daß eine gewaltige Majorität der Wiener Juden wie ein Mann hinter Ihnen steht. Spontaner Applaus war das Echo dieser Worte. Die Menschen erhoben sich von den Sitzen und bestätigten durch eine nicht endenwollende Kundgebung, daß Dr. Grünbaum ihnen aus dem Herzen gesprochen hatte. Dr. Grünbaum schloß au seine Begrüßungsworte die Herel-Gedächtnisrede, worauf Dr. Kastein das Wort ergriff. Die Feier endete nach Kasteins Rede mit der Tikwah, die Kapellmeister ßiegmund Löwenherz auf der Orgel vortrug. CUfyes ü&ez Uwzl uvtd HdccLou Das verdienstvolle Werk von Professor M. Rosenfeld enthält nicht alle Reden und Vorträge des verewigten Oberrabbiners Z. P. Chajes. Vor einigen Wochen ist eine von Chajes-Sohülern und Chajes-Jüngern veranstaltete weitere Sammlung bisher unbekannter Reden und Vorträge unter dem Titel: „Zwi Perez Chajes im heroischen Zeitalter*4 erschienen. Das Buch wurde nicht gedruckt, sondern im Vervielfältigungsverfahren, auf der Maschine geschrieben, bergestellt. Das ist kein Ruhmestitel für die Wiener Juden. Wir wiederholen daher den Appell der Jünger Chajes’, der auffordert: 1. Zu einer Drucklegung des vorliegenden, in hundert Exemplaren aufgelegten Bandes, 2. Zur Ermöglichung einer hebräischen Übersetzung dieses und der anderen bereits erschienenen Bände, 3. Zur Veranstaltung weiterer Sammlungen des noch vorhandenen Materials an Kollegheften, Archivalien, die vor allem die zionistischen Institutionen und die Wiener Kultusgemeinde besitzen, insbesondere aber Gutachten und Briefen, die in der ganzen jüdischen Welt verstreut sind. Da Chajes alle Erscheinungen des jüdischen Lebens unter den höchsten historischen Perspektiven betrachtete, könnte nicht nur die jüdische Kulturgeschichte um eine kostbare Quelle bereichert werden, sondern es wäre eine würdevolle Form des Dankes an diese einzigartige Persönlichkeit, welche Lebensglück, wissenschaftliche Lorbeeren und schließlich den letzten Blutstropfen geopfert hat. * „Chajes iim heroischen Zeitalter“ enthält eine nach einem Stenogramm wiedergegebene Rede vom 1. Februar 1925 über Herzl und Nordau, die wir im folgenden auszugsweise veröffentlichen: „Wenn wir uns das Dioskurempaar ansehen, Herzl und Nordau, und würden wir die Geschichte des Zionismus nicht kennen, sondern müßten durchaus als Außenstehende, zum Beispiel es wären zweitausend Jahro vergangen, urteilen: auf der einen Seite der Romantiker, Dichter, Journalist, der große Herzl, als Politiker nicht einmal Dilettant, sondern Künstler — denn das Buch, das gewissermaßen seine Einführung in die Politik war, „Palais Bourbon“, war ein Parlament mit Künstleraugen gesehen — auf der anderen Seite Max Nordau, der Denker, deT Verstandesmensch, der die Realität prüft, das Volk zu kennen glaubt, alle Einzelheiten unter die Lupe nimmt, in Atome zerlegt; Theodor Herzl, der Mann, der in schöngeistigen Kreisen in Paris, in Salons, verkehrte und mit Diplomaten zusammenzukommen pflegte, aber seiner ganzen Persönlichkeit nach kein Interesse haben konnte dafür, was am Webstuhl der Politik vorging, auf der anderen Seite Max Nordau, der weltberühmte Mann, zu dem man aus allen Teilen der Erde pilgerte — jeder, der nach Paris kam, wollt» neben anderen Berühmtheiten auch ihn kennen lernen — einen Mann von internationalem Rufe und Verbindungen, der von Griechenland und Spanien zu ihren politischen Zwecken ausgenützt wurde, ein durchaus positiver Mann, jeder Romantik abhold, auch in den Werken immer Naturforscher, wie Theodor Herzl in der Politik immer der Künstler war, würden wir beide Persönlichkeiten, ohne das von ihnen geschaffene Werk zu kennen, als Leser einer Jahrhunderte zurückliegenden Begebenheit kennen, müßten wir sagen: Max Nordau ist der Mann, der geeignet ist, die Politik eines Volkes zu führen, Herzl konnte sie befruchten als Künstler mit seinem Geiste und seinen Bonmots, aber sic führen kann der Mann, der mit der Realität lebt, der Mann des Tatsächlichen, der Mann der „konventionellen Lügen“, der Jahrhundertzerstörer. Der Mann ist geeignet, Realität zu schaffen, der Mann, der Verbindungen hat, der alle im politischen Leben führenden Männer kennt, und nicht der im Salon wohlgelittene Journalist, als Künstler mehr oder weniger geschätzte Herzl. Das Umgekehrte war der Fall. Theodor Herzl wurde kein Diplomat, aber im alten griechischen Sinn ein Staatsmann, Nordau ist es nicht nur nicht in den Jahren der Erfüllung des Zionismus gewesen und gewor* den, sondern war es auch nicht in den Jahren der Entstehung des Zionismus. Wenn Sie die letzte einzigartige Publikation kennen, die unserer Bewegung beschert wurde, die Tagebücher Herzls, werden Sie nicht allzu häufig den Namen Nordaus erwähnt finden. Es mag sein, und es ist tatsächlich so gewesen, es hat gewisse Gegensätze und Unstimmigkeiten zwischen beiden gegeben, aber aus den Tatsachen — soweit sie solche waren, werden sie uns in den Tagebüchern gegeben, vieles subjektiv gefärbt —, aus diesen Tatsachen werden Sie kaum die Empfindung haben, daß Nordau in irgend einem Zeitpunkt entscheidend in der Politik des werdenden Zionismus gewirkt hat. Er war durch seine Verstandesschärfe berufen, Theodor Herzls Phantasie zu zügeln, er hat die Möglichkeit gehabt und die Möglichkeit zum Teil ausgenützt, durch seine weltweiten Verbindungen Theodor Herzl manche Tür zu Öffnern, er hat aber tatsächlich in keinem Zeitpunkt, in keiner Phase der zionistischen Entwicklung — und Sie wissen, welche Phasen sie unter Theodor Herzl durcbgemacht hat, wie viel Pläne aus diesem romantischen Gehirn erstanden sind, aus diesem ungeheuren Willen und dem auch in seinen Irrtümern weitblickenden Geist, wie er aus diesen Phasen Wirklichkeit schaffen konnte — in all diesen verschiedenen Phasen finden wir in der Politik den messerscharfen, klarem, die Realität suchenden Geist Max Nordaus nicht als entscheidenden Faktor, Sie finden Max Nordau als den Propheten des Zionismus, als Aron des Zionismus, Sie finden Max Nordau nirgends als Moses des Zionismus... ... Max Nordau war nicht zufrieden, trotz der Baifour-Deklaratiön, trotzdem sie genau seinem Programm entsprach. Nur war der Unterschied der: Als das Baseler Programm geschaffen wurde, hat man bei allem Optimismus mit der Möglichkeit gerechnet, 20 Jahre langsam arbeiten zu können. Hier hatten wir schon das Programm, und hier waren wir nicht vorbereitet und konnten es nicht sein, weil dazwischen der Krieg kam und wir inzwischen im jüdischen Volk nicht jene Fortschritte gemacht hatten, wie wir sie zu unserem Glück in den loteten Jahren gemacht haben. Und nun handelte es sich um ein Stück Wirklichkeit, das doch Romantik ist, und dazu konnte der messerscharfe