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Die Stimme · 1936-02-14 · Heft 523 (14.2.1936) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 523 (14.2.1936)
Date
1936-02-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 523 - 14. Februar 1936 Vierzig Jahre „Jiidcnsfaaf“ Tulo Nussenblatt: 'Vom »Ghetto« zum »Judenstaat«** Das ,,Ghetto“ — mit dem später geänderten Titel „Das neue Ghetto“ — das in siebzehn berauschenden Arbeitstagen im Oktober-November 1894 in Paris entstand, war die Vorstufe, die Herzl zum Judenstaat führte. Noch im Februar 1893 schrieb Herzl an Leitenberg'er, daß „er mit einer neuen Idee schwanger gehe, wie die Judenfrage zu betreten sein wird“. Beinahe zwei Jahre mußte die neue Idee reifen. Sie hieß jetzt, mit den Worten des sterbenden Doktor Jacob Samuel, des Helden des „Ghetto“, ausgedrückt: „Juden, meine Brüder, hinaus aus dem Ghetto!“ In der Gestalt des für die jüdische Ehre im Duell gefallenen Doktor Samuel sind unschwer die eigenen Züge Theodor Herzls zu erkennen. Herzl selbst hatte einmal, wie eine unveröffentlichte Stelle der Tagebücher berichtet, in früheren Zeiten den Plan gefaßt, einen der führenden Antisemiten in Wien, Fürsten Alois Liechtenstein, Georg von Schönerer oder Karl Lueger, zum Duell zu fordern. Die Folge dieses Duells wäre, wie Herzl glaubte, das Aufrollen der Judenfrage gewesen. Entweder hätte dies, wenn er im Duell gefallen wäre, sein hinterlassener Brief getan, der die Welt auf sein Opfer aufmerksam gemacht hätte, oder dasselbe wäre für den Fall der Tötung des Gegners durch die öffentliche Gerichtsverhandlung gegen ihn bewirkt worden. Seine Verteidigungsrede wäre eine Rede über die Judenfrage gewesen. Der Schriftsteller Heinrich T e w e 1 e s hatte also unrecht, wenn er Jacob Samuel „etwas mehr vom geistreichen Herzl“ zu besitzen wünschte. Durch die Niederschrift des Dramas — des Ghetto — erlöste sich Herzl von der Unruhe seiner Seele. Er mußte Distanz zu den ihn bewegenden Gedanken gewinnen und so schuf er die Gestalt Dr. Samuels, der im Drama stirbt, damit sein Schöpfer leben bleibe und erkenne, daß er selbst schon ein anderer sei. Er bat bereits seine früheren Gedanken überwunden. Das Ghetto schrieb Herzl in leidenschaftlicher Stimmung, um „das Werk der Welt mitzubeilen“. Er wählte hiezu ein nicht auffallendes Pseudonym. Albert Schnabel sollte der Verfasser heißen. Nur seine beiden Freunde, T e w e 1 e s und Schnitzler, wußten die Wahrheit. Doch um seine Autorschaft für alle künftigen Fälle unumstößlich festzuhalten, übergab Herzl ein Exemplar des „Ghetto^Manuskripts der Acadiemie des Sciences de *) Siehe „Die Stimme“ Nr. 515 vom 17. Jänner 1986. l'Institut de France. Dort blieb es, bis ich als Erster auf die Spur eines Herzl-Dokumentes in der Pariser Akademie aufmerksam machte. Wie ein Basaltblock — schrieb Herzl Teweles — schoß in ihm das ganze Stück herauf. Und Herzl gab sich Rechenschaft darüber, daß in diesem Stück noch andere Themen — vorläufig verworren — mitschwangen. ,,Größere Gesänge schlafen noch auf den ehernen Saiten“, schrieb er damals nach der Niederschrift des „Ghetto“ an Schnitzler. In kaum sechs Monaten, die zwischen dem Entstehen des „Ghetto“ und des „Judenstaat“ liegen, löste sich das Verworrene. in seiner Seele und in ihr ,,ist etwas Anderes, Neues, viel Größeres“, aufgeschossen. Die Lösung der Judenfrage. An jenem 23. Juni 1895 — nach den uns bekannten merkwürdigen Erlebnissen — schrieb Herzl an Schnitzler: was in ihm aufgeschossen sei, komme ihm wie ein Basaltberg vor. Vielleicht, weil das Entstandene noch so fürchterlich glühe. Unter dem 16. Juni 1895 verzeichnet Herzl über ein Gespräch mit seinem Freunde Emil Schiff: „Schiff war heute bei mir und spöttelte, als ob ich den lenkbaren Luftballon erfunden hätte. Hm, vielleicht! dachte ich mir und schwieg.“ Diese Bemerkung veranlaßte Herzl, wie wir wissen, seinem Freunde den Judenstaats-Plan mitzuteilen, was zu einem heftigen Zusammenstoß führte. Schiff weinte, weil er glaubte, Herzl sei irrsinnig geworden. Es ist nun interessant und besonders lehrreich, wie sich in der Seele Herzls die Idee des lenkbaren Luftschiffes, die ihm als Utopie und Symptom für seinen von dem Arzt Schiff als verworren betrachteten Geisteszustand vorgehalten wurde, entwickelt! Diese Entwicklung und die stete Wiederkehr des Gedankens bis zum fertigen Kunstwerk ist ein seltener Beitrag zur Seelenanalyse des Künstlers und Staatsmannes Herzl. Drei Tage nach der ersten Bemerkung über den lenkbaren Luftballon — am 19. Juni 1895 — schreibt Herzl an Bismarck: „Und was habe ich zur Judensache vorzubringen? Es ist eigentlich recht schwer, das Wort auszusprechen. Denn wenn ich es heraussage, muß die erste Regung jedes vernünftigen Menschen sein, mich aufs Beobachtungszimmer zu schicken — Abteilung der Erfinder von lenkbaren Luftballons.“ In den nächsten Tagen wiederholen sich in den Tagebüchern einige Male Bemerkungen über das Luftschiff. Am 31. Mai 1896 erscheint in der ,,Neuen Freien Presse“ das Feuilleton Herzls „Das lenkbare Luftschiff?4, , Dieses Feuilleton fand auch Aufnahme in der Buchsammlung unter dem- Titel „Philosophische .Erzählungen“. Die elf Druckseiten starke wundersame Erzählung vom Luftschiff behandelt die von einem aus Paris heimgekehrten Herrn mitgeteilte Geschichte der Entdeckung des lenkbaren Luftschiffs^ „Ich glaube eher, lachte der Doktor, daß der Entdecker des lenkbaren Luftschiffes eine närrische Figur sein wird. Das Geheimnis durfte er sich stehlen lassen, andere werden 6ioh daran bereichern und er bekommt nichts als ein Denkmal — nach dem Tode. Sein Leben wird man ihm vermutlich gehörig verbittern .,. Ich glaube, wenn ich vernähme, daß einer meiner Bekannten das lenkbare Luftschiff erfunden hat, ich würde ihn ohrfeigen. Warum er, warum nicht ich?“ Und der Pariser erzählt weiter, daß der Entdecker, der 14 (sic!) Jahre über das Problem nachgedacht hatte und 35 (!) Jahre alt ist, bei seiner Entdeckung von einem Apfel ausging. „Ein Apfel muß auf den Tisch gelegt werden, wenn er nicht zu Boden fallen soll. Die Erde hingegen schwebt ganz frei im Weltraum. Die Bewegung ersetzt also die Stützen.“ Für den Entdecker selbst bedeutete der Augenblick, an dem er d-a-s Flugproblem gelöst hatte, eine große Erschütterung (!). Als er aber ausgelacht wurde, geriet er in große Erregung und verabreichte einem deT Spaßmacher eine Tracht Prügel. Daraufhin wurde er als gemeingefährlicher Irrer in eine geschlossene Anstalt gesteckt, in die Abteilung der Erfinder von lenkbaren Luftschiffen. Einige andere Erfinder fand er bereits dort vor. Hier eist erkannte der Entdecker seinen eigenen Fehler. Ein Erfinder wie er dürfte keine heftigen Aufwallungen haben, ,,denn weT was Großes plant, dem nehmen die Menschen alles Übel“. Bald aber erlistete sich der Entdecker seine Freiheit und schuf endlich die „Halkyone“, das Luftschiff. Nicht für die Menschen, für die das Kriechen gut genug ist, nur für seinen Freund, den er schätzte «BiKU Theodor Herzl der Schöpfer des „Judfcnstaat" im Jahre 1896 uiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiniiiiHiiiiniiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiuniinma und dem er das Wunder zeigen wollte. Und wie das geschehen ist, vernichtet der Entdecker sein Werk. Die Erzählung schließt mit der Betrachtung: Der Entdecker durfte nicht an die Menschen seiner Zeit denken, am wenigsten an die armseligen seiner nächsten Umgebung. Wer die Zukunft vorbereitet, muß über die Gegenwart hinwegblioken können. Die besseren Menschen werden kommen. Das hatte der Held der Entdeckung wissen sollen. Ihm fehlte aber zur Größe das Verzeihen. In der philosophischen Erzählung vom lenkbaren Luftschiff findet man Sätze, ja sogar ganze Abschnitte, die wir aus früheren Eintragungen in den Tagebüchern kennen. Durch dieses Kunstwerk, das dem lenkbaren Luftschiff gewidmet wurde, hat sich Herzl gänzlich von dem heftigen „Schiffsstoß“ befreit. Er hat auch unbewußt, da er Schiff in der Erzählung porträtiert und ihn, Schiff, in Beziehung zum lenkbaren Luftschiff gebracht, dem Freund den Spott heimgezablt... Die Erzählung vom „Lenkbaren Luftschiff“ erregte bei ihrem Erscheinen allgemeines Aufsehen. Man verstand gleich die Allegorie, wenn man auch vorderhand nicht wußte, aus welcher unheimlichen Tiefe sie kam. Unter dem 1. Juni 1896 notiert Herzl: ,,Mein gestriges Feuilleton ,Das lenkbare Luftschiff4 wurde ziemlich allgemein als iilii l - .-1 \\. «NS1« ' k -v Inschrift auf dem Hause Türkenstraße 9: „ln diesem, Hause begründete Dr. Theodor Herzl im Jahre 1895 die zionistische Weltorganisation.'*- Das G-rab Theodor Herzls in Wien > Das Haus Ha-izingergasse 29, in dem Theodor; Herzl die letzten vier Jahre seines Lebens verbracht hat. Inschrift auf dem Hause Haizingergasse 29. Photos Fritz A. Präger 1^. ,u,

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