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Die Stimme · 1936-02-11 · Heft 522 (11.2.1936) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 522 (11.2.1936)
Date
1936-02-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 522 — 11. Februar 193? Oll Seit« 3 Herr Oppenheim, Präsident der Union Das Oberhaus gedenkt Lord Readings Aus London meldet die JTA: Das englische Oberhaus godaohte zu Beginn seiner Sitzung am 6. Februar seines verstorbenen hervorragenden Mitglieds Marquis of Reading. Die Führer der drei Parteien ergriffen das Wort, um die Persönlichkeit des Marquis of Reading und seine Verdienste um das British Empire zu würdigen. Der Führer der Konservativen, Viscount Halifax, Lord-Geheimsicgelbewahrer und früherer Vizckönig von Indien, sagte, Marquis of Reading habe in vielen Sphären der Regierung eine wichtige Rollo gespielt, und obwohl er all seine Zeit und seine Energie der Sache des British Empire gewidmet hatte, fand er noch genug Zeit und Arbeitseifer, um sich der Sache seiner jüdischen Dl.iubensbrüder anzunehmen. Diese werden niemals vergessen, wie sehr er ihnen in schweren Tagen zur Seite stand. Sie empfinden dämm seinen Tod auch als den Verlust eines großen Repräsentanten des jüdischen Volkes. Auch der Führer der Arbeitergrappe im Oberhaus, Lord Shell, wies auf die Zugehörigkeit des Marquis of Reading zum Judentum hin und sagte, die Juden überall in der Welt empfinden berechtigten Stolz über die Position, die der Verstorbene erlangt hat. Der Führer der Liberalen, Lord Gainf o r d, hob ebenfalls hervor, daß Lord Reading seinem jüdischen Glauben leidenschaftlich anhing und seinem Volk treu blieb. Er haßte jede Art von Verfolgung und Intoleranz und entrüstete sich selbstverständlich über sie; nie aber verlor er dabei die Selbstbeherrschung. David Frankfurter über seine Tat Aus Bern meldet die JTA: Es verlautet, daß David Frankfurter bei seiner Einvernahme durch die Behörden erklärt habe, er habe die Tat in vollem Bewußtsein ihrer Tragweite begangen, und zwar als eine Demonstration gegen die deutsche Staatsverfassung und als einen Protest gegen die Judenverfolgungen. Frankfurter soll wörtlich erklärt haben: „Ich habe die Tat begangen, weil ich Jude bin!“ In offiziellen Berner Kreisen wird der Mord als Reaktion auf die Maßnahmen des Dritten Reiches gegen die Juden aufgefaßt. Schweizer Presse gegen deutsche Forderungen Die Schweizer Presse weißt mit aller Schärfe die von reichsdeutschen Zeitungen aufgosteilte Forderung, daß David Frankfurter zum Tode verurteilt werden müsse, zurück. Die „Neue Zürcher Zeitung“ schreibt: „In der Schweiz haben wir noch die Trennung der Gewalten. Die Justiz wird ihren Lauf nehmen, aber einstweilen hat unsere Regierung die Pflicht, ebenso höflich wie energisch alle Forderungen zurückzuweisen, die einer Einmischung in unsere inneren Angelegenheiten ähnlich zu sehen beginnen. Man hat den Eindruck, daß von deutscher Soite ein ausgesprochen politischer Zweck verfolgt wird, da man uns indirekt den Vorwurf macht, daß wir noch eine Demokratie sind und auf gewisse Freiheiten Wert legen, die im Dritten Reich längst abgeschafft sind. Die öffentliche Meinung der Schweiz wird sich nicht durch derartige Manöver beeinflussen lassen, die verschiedenen Ablenkungen gelegentlich eines Ereignisses dienen, das für die Machthaber des Dritten Reiches selbst wogen seiner moralischen Ursachen peinlich i s t. Welche Strafe erwartet Frankfurter? Das Strafgesetzbuch des Kantons Graubünden, das für den Prozeß maßgebend ist, stammt aus dem Jahre 1851 und sieht dem Wortlaut nach für Mord noch Todesstrafe vor. Da aber Graubttnden nach der Revision der Bundesverfassung im Jahre 1897 gegen Todesstrafe Einspruch erhaben hat, gilt diese in Graubünden als abgeschafft. Artikel 88 des Graubümdnerischon Strafgesetzbuches sieht als Mindeststrafe für Mord 15 Jahre Zuchthaus vor. Allerdings gilt dieses Strafminiimum nur bei Feststellung der v,ollen Zurechnungsfähigkeit des Täters. Zuständig für den Fall ist das Kantomsgericht von Dliur. Der Prozeß wird nicht vor drei oder vier Monaten beginnen, Das allen Kennern der Einzelheiten des Zusammenbruches der Niederösterreichischen Escompte-Gesellschaft unerklärliche Hervortreten des Dr. Hermann Oppenheim in der Öffentlichkeit bringt eines der traurigsten Kapitel in der Geschichte der österreichischen Banken wieder in Erinnerung. Die Niederösterreichische Escompte-Gesellschaft war die letzte österreichische Großbank, die zu Grabe getragen wurde. Man vermied damals unnötiges Aufsehen, um nicht neuerliche Erregung in die Bevölkerung zu tragen, die sich noch kaum mit jenen Schäden abgefunden hatte, die dem österreichischen Nationalvermögen und l« ni österreichischen Kredit durch die verantwortungslose Führung der der Niederösterreichischen Escompte-Gesellschaft im Zusammenbruch . vorausgegangenen Banken zugefügt worden waren. Daraus ist es erklärlich, daß die Besprechung der Gründe, diö bei der Niederösterreichischen Escompte-Gesellschaft zum Krach geführt hatten, in den Tageszeitungen nur einen bescheidenen Raum einnahm und die Erörterung des ungeheuerlichen Finanzskandals vornehmlich die Fachpresse beschäftigte. Das Urteil, das Fachleute über die Leitung der Niederösterredchißchen Escompte-Geeellschaft abgaben, war ein vernichtendes. Die waghalsigen Holz- und Petroleumgeschäfte, in die sich die Bank eingelassen hatte und die mit enormen Verlusten endeten, waren geradezu typische Beispiele einer unsachgemäßen Geschäftsführung. Auf die Verschleierung des in die vielen Millionen gehenden Abganges durch Einsetzung dubioser und uneinbringlicher Aktiven in die Bilanzen und die Beurteilung dieses Vorganges als Bilanzfälschung ist in diesem Blatte bereits hingewieeen worden. Daß aber auf Grund so beschaffener Bilanzen an die Direktoren, und Vorstandsmitglieder fette Gehälter, Remunerationen und sonstige Bezüge, die in einzelnen Fällen sechsstellige Ziffern im Jahre erreichten, ausbezahlt wurden, verdient besonders hervorgehoben zu werden, zumal es bei dem Zusammenbruch des Instituts niemanden von ihnen, sicherlich aber nicht Dr. Oppenheim, eingefallen ist, auch nur einen Groschen zur Gut* machung des Schadens jener ungezählten Personen beizutragen, die durch die vollkommene Entwertung der Aktien der Bank um ihr Hab und Gut gebracht worden sind. Es ist nicht uninteressant, am der Hand der Generalversaanmlungsprotokolle der Nieder österreichischen Escompte - Gesellschaft vom 30. Juni 1933 und 5. Juni 1934 aufzuzeigen, in welchem grandiosen Umfang die vom Vorstand und von der Direktion zu verantwortenden Verluste und Schäden nach der von der Natkmalbank geforderten Richtigstellung der bilanzmäßigen Bewertungen zutage kamen. Die angeordnete Neubewertung der Aktiven .im Jahre 1933 ergab die Notwendigkeit von Abschreibungen vonüber 77)4 Millionen Schilling, der Herabsetzung der im Umlauf befindlichen 860.000 Stück Aktien im Nennwerte von je S 100 auf 7200 Aktien per Nominale S 100, was einer Reduktion des Wertes der einzelnen Aktie von S 100 auf S 2, das ist einem 98% i g e n Verluste, gleichkommt. Es klingt geradezu als Hohn, wenn man heute liest, daß noch in der Generalversammlung vom 30. Juni 1933 ein Mitglied des Vorstandes ausführte, daß der aus der Vorkriegszeit stammende Besitz der Bank an schon längst notleidend gewordenen Chinabonds, die au den auswärtigen Börsen mit maximal 8 bi« 10% gehandelt wurden und den die Niederösterreichische Esoompte-Geeellsohaft in ihren Bilanzen miiit 2-6 Millionen englische Pfund ausgewiesen hatte, von ihr an die zur Durchführung ihres Arrangements gegründete „Revision®- und treuhändige Verwaltungsgesellschaft m. b. H.“ verkauft worden sei, wobei die Bank, „in der Hoffnung, daß China wieder in die Reihe jener Länder eintreten werde, die ihre Verpflichtungen erfüllen“, sich ausdrücklich Vorbehalten habe, daß der aus dem Verkauf der Chiuabonds einfliioßende Übererlös ihren Aktionären zugute kommen soll. Bereits Endo 1933 berichteten die Vertrauensmänner der Natkmalbank, Präsident Urban und Direktor Dr. Mosing, daß die zur Sanierung der Nieder-1 österreichischen Escompte-Gesellschaft beschlossenen Maßnahmen eich als unzureichend erwiesen haben. In ihrem Berichte an die am 5. Juni 1934 stattgehabte 81. Generalversammlung mußte sich schließlich die Bankleitung zu dem Geständnis bequemen, daß die vorgenommenen Abschreibungen von 77% Millionen noch immer nicht genügen und daß sich eine weitere Abschreibung von 38% Millionen Schiling als notwendig erweist. Damit, war endlich der wirkliche Abgang von 115 Millionen Schilling, oder besser gesagt die Verschleierung dieses ungeheuren Verlustes durch die früheren Bilanzen der Bank eingestanden. Die Sanierung der zusammengebrochenen Bank und die Überleitung in die österreichische Industriekredit-Aktienges ellschaf t machte schwere Opfer des Bunde® und der österreichischen Nationalbank erforderlich. Die österreichische N a t i o n a 1 b a n k leistete eine Escomptezinsen,rück Vergütung von 5T Millionen Schilling und stellte zur Auffüllung des Aktienkapitals 9*9 Millionen Schilling zur Verfügung. Der Bund sprang mit einer Garantie von 20 Millionen Schilling bei. Die neuen Aktionäre verloren nach einjähriger Aktienbeteiligung fast das gesamte ein gezahlte Aktienkapital, des. sen Herabsetzung von 29% Millionen Schilling auf S 100.000 beschlossen werden mußte. Herr Dr. Hermann Oppenheim ist allerdings bereits vor Abhaltung der beiden letzten Generalversammlungen vom Schauplatz abgetreten. Ein kurzes Protokoll über eine Verwaltungsrat&satzuing vom 3. Mai 1933 gibt davon Kenntnis, daß er seine Stelle im Vorstand und der Direktion der Gesellschaft zurückgelegt hat und mit Dienstvertnag zum „Konsulenten“ des Instituts bestellt wurde. Die Niederlegung seiner Stellen einige Wochen vor der Generalversammlung und der Eintausch des Konsul entenposfcens entbindet ihn allerdings nicht der Verantwortung für die während seiner Angehörigkeit zur Direktion und zum Vorstand errichteten und veröffentlichten, des näheren charakterisierten Bilanzen. Nicht so glimpflich, wie das Schicksal des Herrn Dr. Oppenheim, gestaltete sich das Geschick der Beamten der Niederösterreichischen Escompte - Gesellschaft, die infolge der notwendigen Einschränkung des Betriebes in großer Anzahl vorzeitig abgebaut und in der Folge mehrfach in ihren Ruhegenüssen gekürzt worden sind. Wie die dem Handelsregister entnommene Liste der pensionierten Prokuristen der ehemaligen Niederösterreichischen Escompte-Gesellschaft ausweist, befinden sich unter ihnen eine große A nzahl jüdischer Beamten, die durch viele Jahre aufopfernd und verdienstvoll dem Institute gedient hatten. Daß die in Pension geschickten Prokuristen nur einen kleinen Bruchteil der jüdischen Beamten ammachen, die bei dem Zusammenbruch der Niederösterreichischen Escompte-GeseJisohaft ihre Existenz verloren haben, wird jedem Kenner der Verhältnisse klar sein. Nach dem Handelsregister wurden in der Zeit vom April 1933 bis Ende 1934 als Prokuristen gelöscht: Bruno Rubinstein, Dr. Berthold Sprung, Alexander Manheimer, Gustav Adolf Ehrenstein, Isidor Fink, Moriz Leitersdorf, Koloman Vajmar, Alfred Wolf, Hugo Klein, Dr. Franz Zorn, Hans Klemperer, Robert Münzer, Alfred Schindler und Emil Schwarz. Keiner von ihnen und ihren zahlreichen Schicksalsgenossen hatte das Glück, sich in eine Komulentenstelle zu retten. Das blieb einzig Dr. Hermann Oppenheim Vorbehalten, der allerdings niemals das Mühsal eines Bankbeamten getragen, sondern auf dem Wege über die Internationale Speditionsgesellschaft,, den Kreditorenverein und die Sachdemobilisierung zu einer Zeit leitender Funktionär der Bank geworden ist, in der jedermann, der das Glück hatte, einen solchen Posten zu erlangen, als , ausgespreohenes Bankgenie galt, bis eines Tages das zu Schaden gekommene Publikum bei ihm, ebenso wie bei seinen Bum l/odcap /wef Kasteiu empfehlen wir: KASTEIN: HERODES Die Geschichte eines fremden Königs, 388 Seiten, Leinen.S 12*96 KASTEIN: URIEL DA COSTA DieTragödie der Gesinnung, 362 Seiten, mit 12 Tafeln, Leinen.S 12*96 KASTEIN: SABBATAI ZEWI Der Messias von Ismir, 385 Seiten, mit 12 Tafeln, Leinen.S 12*96 KASTEIN: JUDEN IN DEUTSCHLAND 154 Seiten, Leinen S 7*56, kartoniert S 6*16 KASTEIN: THEODOR HERZL Das Erlebnis des jüdischen Menschen S 1*30 R. LÖWIT VERLAG WIEN, U WOLLZEILE 6-8 gleichgearteten Kollegen in den anderen zusammengebrochenen Banken, die traurige Entdeckung machen mußte, daß Fehlbesetzungen sich überall, auch im Bankwesen, bitter rächen. Dr. Oppenheim ist nicht der einzige gefallene jüdische Wirtechaftsführer aus der „großen“ Zeit der österreichischen Banken. Aber während seine Kollegen, ohne daß man es ihnen sagen “mußte, von selbst das Verständnis dafür hatten, was sich geziemt, und sich geräuschlos aus der Öffentlichkeit zurückzogen, glaubte Dr. Oppenheim schon nach kurzer Zeit, daß die Vergeßlichkeit der Mitwelt ihm ein prononciertee Hervortreten gestatte und daß die Gelegenheit für ihn wieder gekommen sei, von sich reden zu machen. Es wäre vor allem Pflicht der Freunde des Dr. Oppenheim, ihn darauf aufmerksam zu machen, daß es für ihn angezeigt wäre, sich darauf zu beschränken, dort als Konsulent zu wirken, wo man auf seine Ratschläge Wert legt, Da dies anscheinend nicht geschieht, so wollen wir Dr. Oppenheim einmal mit aller Deutlichkeit sagen, daß über den Zusammenbruch der Niederösterreichischen Escompte - Gesellschaft noch nicht genügend Gras gewachsen und daß seine Zeit noch lange nicht gekommen ist, um im Wiener jüdischen Leben eine Rolle zu spielen oder gar in der Öffentlichkeit oder vor den Behörden im Namen der jüdischen Bevölkerung das Wort zu führen. Ein Aufruf an die rumänischen Juden Ans Czernowitz wird gemeldet: Der Zentralrat der rumänischen Juden, der nach längeren Verhandlungen zwischen der Union rumänischer Juden und der Jüdischen Reichspartei als einheitliche« Repräsentanz der rumänischen Judenheit gebildet wurde, hat einen von Senator Dr. Niemirower, vom Präsidenten der Union rumänischer Juden Dr. W. Fildermann und vom Präsidenten der Jüdischen Reichspartei Dr. Theodor Fischer Unterzeichneten Aufruf erlassen, in dem die jüdische Bevölkerung auf die gefährlichen Versuche aufmerksam gemacht wird, ein nach dem Rassenprinzip orientiertes judenfeindliches Regime in Rumänien einzuführen. Die jüdische Bevölkerung wird aufgefordert, sich geschlossen hinter den Zentralrat zn stellen, um diese Versuche wirksam abwehren zu können. Paul Sandor gestorben Am 6. Januar ist in Budapest der Abgeordnete Paul S ä n d o r im 76. Lebensjahre an einem krebsartigen Drüeenleiden geetorben. Paul S&ndor war einer der angesehensten Parlamentarier Ungarns. Durch 35 Jahre war er einer der bedeutendsten Wortführer des Afisimilantentums und er ist es trotz den Erfahrungen in der Zeit der Gegenrevolution geblieben. Dem Zionismus ißt er stets als Feind entgegengetreten und er hat wiederholt die giftige Walle dies „Patriotismus“ angewendet*

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