Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 522 (11.2.1936)
- Date
- 1936-02-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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fielt® Z DIB STIMM! Nr. 522 — 11. Febrnar 193o Die sterbende Union typschäftige Gerüchtemacher sind seit V/ochen am Werk gewesen, um die jüdische Bevölkerung zu beunruhigen. Der Kultusvorstand wird aufgelöst, ein Regierimgskömmissiir wird eingesetzt hieß e-s und anderes mehr. Allo diese Gerüchte knüpften ßich an die beabsichtigte Ernennung des Dt. Josef Löwenherz zum Amtsdirektor der Kultusgemeinde. Dieselben Herren von ‘der Union, die plötzlich fanden, daß die Besetzung des Postens des Amtsdirektors überflüssig soi, hatten in der Zeit, als sie noch die Majorität hatten, einenAmtsdire feto j und fünf weitere Konzeptsbeamte in der Amtsdirektion a n g e s t e 111. Heute sind — nach dem Tode des Amtsdirektors Fuchsgelb — nur mehr drei Konzeptsbeamte in der Amtsdirektion tätig, obwohl der Aufgabenkreis der Kultusgemeinde ungeheuer gewachsen ist. Dieselben Herren der Union, die die Besetzung des AmtsdirektorpostenB plötzlich für überflüssig erachten, boten aber Doktor Löwenherz einen neu zu kreierenden Posten eines Syndikus mit dem Gehalte eines Amtsclirektors an. Riecht man den Braten? Es handelt sich der Union gar nicht um die Person des Doktor Löwenherz und es lohnt sich gar nicht, die faustdicken Unwahrheiten des kleinen Moriz im Unionblättchennäher zu behandeln. Die Wählerschaft kennt die sparsame Verwaltung und die großen Leistungen der Kultusgemeinde auf allen Gebieten. Der Union geht es um etwas ganz anderes. Sie ist in einer verzweifelten Situation. Ihre assimilatorische Weltanschauung hat jämmerlich Schiffbruch gelitten. Die Majorität der Juden in Österreich und in der ganzen Welt ist zionistisch gesinnt. Die Jugend der Union beginnt im allgemeinen so ungefähr im Alter von fünfzig Jahren. Im zionistischen Lager aber steht die ganze jüdische Jugend, einschließlich der Kinder der Unionisten. - In ihrer verzweifelten und rettungslosen Situation haben nun die Unionisten ge glaubt, die Angelegenheit Löwenherz dazu benützen zu können, um außenstehende, christliche Kreise veranlassen zx. können, die Autonomie der jüdischen Gemeinde zu zertrümmern und das Wahlrecht abzuschaffen. Was hier von Unionisten geschehen ist, muß als Verbrechen am Judentum bezeichnet werden, Wahlrecht bringen, weil sie — bodenständig sind. Übrigens: Kein einziger Kultusvorsteher der Union wurde in YVien geboren. Die Unionisten schreien, daß die Zionisten, „Ostjiulen“ sind, obwohl sie wissen, daß heute so ziemlich das ganze Judentum zionistisch ist, ausgenommen klägliche, assimilatorische Reste, die nichts bedeuten . und nichts zählen. Und in den Reihen der naionistischen Kultusvorsteher saßen doch einige „Ostjuden“. Wir. machen keinen Unterschied. Für uns gibt es nur Juden. 1 a t i o n aus - dem vorigen J a h rh u n.d e r t u i>d d e r s t'a r k e n zi o n is t i sc h e n Bewegung. Diesen Kampf ne h-m e n wir auf.- Diesen frechen Versuch der in den letzten Zuckungen liegenden, häßlich sterbenden Assimilation werden wir am Wahltag im Keime ersticken. Der Zionismus wird siegen. Die Juden Wiens sollten um die Autonomie gebracht und so rechtlos gemacht werden. Sie sollten stumm gemacht werden, nur damit Unionisten in die Kultusstube sich an ihre Sessel klammern können, zu welchen sie auf Grund von Wahlen nie gelangen können. Dumm war diese Politik und verbrecherisch. Dumm, weil keine Regierung, ganz abgesehen von der Gesetzesiage, einen Weg beschreiten wird, den die Nationalsozialisten in Deutschland gegangen sind, nämlich den der Einmengung in die AngelegenheitenvonReligionsgemeinschäften. Man weiß, wie sehr die katholische Kirche und die Bekenntniskirche in Deutschland leiden und weichen üblen Eindruck das Vorgehen der Regierung Deutschlands im Auslande ausgelöat hat. In der Politik schafft man kein Präjudiz, denn was heute den Juden geschieht, kann morgen den Protestanten und übermorgen den Katholiken passieren. Nur 14. Kärz 1936 Um nun über ihren jämmerlichen Zustand hinwegzutäuschen, verschicken sie ein Pamphlet an alle Juden, die das Wahlrecht für die Kultusgemeinde besitzen .7- :dazu gehören auch alle Juden, die nicht Österreichische Staatsbürger sind — das von dicken Lügen strotzt und das sich, über das „unzeitgemäße Wahlrecht, das den ausländischen Juden die gleichen Rechte in der Kultusgemeinde ein räumt“, bitter'beklagt. Hier ist des Pudels Kern. Die Unionisten haben eine geradezu panische Angst vor Wahlen, bei denen sie eine schmähliche Niederlage erleiden müssen. Diese Angst veranlaßt sie „Korruption“ ’ zu schreien, auch dort, wo alle Beschlüsse der Kultusgemeinde einhellig;’ also mit den Stimmen der Unionisten, erfolgten. Aber weil sie wissen,’ daß die Majorität der Juden zionistisch ist,'lügen sie, daß sie schon immer „für den friedlichen Aufbau Palästinas“ gewesen seien. Wer die Art kennt, mit der .der kleine Moriz in der „Wahrheit“ den Palästina-Aufbau behandelt, kennt das Ausmaß dieser Lüge. Der Aufnif der Union ist aiich gegen das Minoritätenrecht. Warum hat dann die „Union“ die Petition Bernheim an den Völkerbund unterschrieben? Jetzt sind die Unionisten „jüdisch-religiös und va t er 1 ä n d i s c hv pa t r i btisch“. Warum sind sie dann'unter der Patronanz der österreichischen .Sozialdemokratie in die Wahlen -gegaagfenf',:Aüf. oben .’Schlachtfeldern" babeir-aie deh'-Aufnil'- unterzeiehnenden Herren Lenk und Oppefr heim ihr Blut für das'Vaterland vergossen? Zusammenschluß gegen das Hakenkreuz Hier wird uns ein Kampf aufgezwungen, den wir aufnehmen. Dieselben „Politiker“, die schon in allen politischen Wassern geschwommen sind, gebärden sich beute als Überpatrioten und überfromm, .weil das jetzt die politische Richtung ist. Und da, haben, sich die „Politiker“ der Uiriöö,’ die' Füße, wundgelaufen’und haben vor verschiedenen, Amtsstuben antichambriert und ausposaunt, daß sie schon alles durchgesetzt haben, den' Regierungskommissär und weiß Gott noch was. Siegesgewiß legten sie dann die Mandate zurück und glaubten nun, die Welt werde vor ihnen platt am Bauche liegen und die Regierung werde Herrn Oppenheim, den sie von seiner so hervorragenden Tätigkeit in der Eskömptegesellschaffc in bester Erinnerung hat, um weitere Befehle bitten. Aber siehe da, es ereignete sich gar nichts. Der Kultusvorstand hat sich neu konstituiert und Dr. Löwenherz wurde zum Aratsdirektor provisorisch bestellt, obwohl die Union sich schon vor Wochen auch gegen eine provisorische Bestellung ausgesprochen hatte. Es hat keinen Sinn, sich viel mit der üblen Gerüchtemacherei der Union und ihren Denunziationen zu befassen; wohl aber muß gesagt werden, daß es sich hier um einen V e r z w 0 i f lungsschrlfct einer abgewirtschafteten, politisch bankerotten und überalterten Gruppe handelt, die da der beschränkte Gesichtskreis der Majcher in der Union konnte die Einsetzung eines Regierungskommissärs und Ernennungen in den Kultusvorstand voraussetzen. Das Vorgehen der Union ist aber auch verbrecherisch, weil ihre Geranten die Zionisten als unpatriotisch verleumden und antisemitische Instinkte dadurch wachrufen wollen, daß sie die „Bodenständige n“, die ,,W e s fcj u d e n“ gegen die „0 s t j 11 rl <> n“ ausspielen. Sie wollen die Purimball •Seit einigen Tagen wird mit geflissentlichem Eifer von Berlin aus verbreitet, daß in der Gegend von Garmisch-Partenkirchen, in der sich die Winterolympiade abBpielen wird, alle antijüdischen Plakate entfernt worden .sind und daß auch die roten Aushängkasten des „Stürmers“ verschwinden. Es ist nicht möglich, fostzustellen, ob das wahr ist, und-man kann-dem Berliner Propagandadienst schon die Verbreitung unwahrer Nachrichten Zutrauen. Solche Zweifel scheinen auch die unbefangenen Auslandbari ebterstatter zu hegen, die übereinstimmend melden, daß man‘s nach Tische anders.lesen wird und daß inzwischen der lautlose Krieg gegen alles Jüdische fortgesetzt wird. Man kündigt auch schon ein, Gesetzt zur Einschränku n g de.r Mitarbeit der Juden in der Wirtschaft an, das die letzten Erwerbsmöglichkeiten wegschaffen soll. Zugleich ist die deutsche Rassengesetzgebung auf das Saargebiet ausgedehnt worden. In der Rede, mit der Hitler eleu Tag. der Machtübernahme gefeiert hat, finden sich wieder Friedensbeteuerungen ftir jedermann. „Wir suchen den Frieden, weil wir ihn lieben. Deutschland wird friedliebend sein, wie nur ein Volk friedliebend sein kann, wenn diesem deutschen Volk nicht an seine Ehre etastet wird. Wir wollen hoffen, daß in der Welt ein allgemeines Verständnis f ti.r d i e R e c h t e aller immer mehr Platz greifen möge. Es wird (lies d i e erste Voraussetzung sein, um einen wirklichen,' ehrlichen, tiefen, inneren Frieden Uber die Völker zu senken.“ Die Rede wurde ah "die „alten Kämpfer der S. A.“ gehalten und bekommt dadurch den haut gout, der gllen Eniinziationen des Dritten Reiches anh'aft^t. °,, .. , - Lj;Pie ’'Begihitupgi!.zii!."dieser Rede,, liefert. :der ■^rhr S'hb'st h m:f "d* r. S,. ‘Ai.-Xö 1 p nn e h i m ' ’ „e: h't m i .lifcäri s.i e r t e h R h" e i’nl and,. wq auf Grund der praktischen Erfahrungen des Vorjahres wieder eine vollendete Tatsache geschaffen werden soll. Diesmal allerdings liegt die Sache anders; England, das bisher dem braunen System die Stange gehalten hat, ist durch die rasche Durchführung des Flot e'a p r o g r a m m e s Hitlers ’ stutzig geworden uetd ’ nähert sich — welche Wandlung — den Russen; Italien hat wieder die Wache am Brenner bezogen; zwischen Rußland und Rumänien wird ein Freundsehaftsvorbereitet; Österreichs Unabhängigkeit wird nun auch von England garantiert; Belgien geht' mit einer Erhöhung der Militärdienstzeit vor uncl hat die Befestigung der Maas - Übergänge beschlossen, Frankreichs neue Regi r u n g bekennt sich noch weit energischer als vorher zur kollektivon Sicherheit, und aller Wahrscheinlichkeit nach bestehen bereits militärische Abmachungen für den Fall eines deutschen Randstreichs im Rheinland. Die Empfänge bei König Eduard, die soviel Aufsehen hervorgerufen haben, hatten einen nicht zu. verkennenden Charakter. Die Erklärungen Neuraths, des einsamen deutschen Außenministers, konnten keine Beruhigung schaffen. Und das Bild, das heute Europa bietet, ist nichts anderes deun die' Sammlung und Bereitstellung aller Kräfte für den Fall irgend einer deutschen Verrücktheit. Herr Hitler hat aber auch noch elno andere Rode gehalten. Vor den Münchener Studenten hat er ein Kolleg über Rasse mit besonderer Berücksichtigung der nordischen Rasse gelesen und er hat hiebei Äußerungen gemacht, dio nicht einmal Englaud überhören kann. Die1 „Times“ veröffentlicht dioso Hede, die man mit den Friederiserklärungen zusammen halten muß, um sie als . einen Deutschen stehen. Hitler sagte nach dem Bericht der „Times“: „Vielfach glaubt man heutzutage, daß die Aufgabe der Kolonisierung darin bestehe, unentwickelte Völker unabhängig zu machen. Aber niemand ist erpicht darauf, den Kolonial Völkern wirklich Unabhängigkeit zu gewähren. Wir dürfen nicht vergessen, daß Indien keine Deputation nach England geschickt und die Engländer angefleht hat, sie mögen den Indern das Gehen beibringen. Im Gegenteil, die Engländer kamen nach Indien in der Absicht, den Eingeborenen zu zeigen, wie man auf englische Art steht und geht. Dies konnte nicht ohne Konflikte und schmerzhafte Reibungen geschehen. In 150 Jahren wurde jedoch der Zweck erreicht, und die Inder lernten, nach der richtigen englischen Weise gehen. Die weiße Rasse ist dazu bestimmt, zu herrschen. Sie hat den unbewußten Herrscherdrang in sich. Dieser Drang entsteht aus ihrer heroischen Vorstellung von Macht und Reichtum, die gänzlich, unpazifistisch ist. Alles in allem ist es wahr, was ein großer Staatsmann gesagt hat, daß nämlich das britische Reich von Abenteurern aufgebaut wurde. glaubte, den unaufhaltsam vordringenden Zionismus mit Hilfe von Nichtjuden und Antisemiten verschiedenster Couleur zu Fall zu bringen. Die Bestellung des D'r. LÖwonherz war für die Union nur ein Vorwand.' I h Wirk H c h k 0i t geh t es gegen d0n Z i o n i s m ti s. Es i s t d e r E n d k am' p f Ausländer um das z w i 0 c h e n der in o r s c h e ri ‘ A a s I m i- Einem inTel-Avlv Heute bestreiten amerikanische Professoren die Berechtigung dieser Auffassung. Allein, wenn die weiße Rasse die Grundlagen ihrer Weltherrschaft preisgibt, so wird sie diese Herrschaft verlieren. Diese Herrschaft aner ist die Basis der europäichen Wirtschaftsstruktur.“ Die Wirkung dieser Rede war zunächst, daß Litwjnow von König Eduard empfangen^ wurde, Dann folgten scharfe Erklärungen der amerikanischen Presse und schließlich kam ein für Berlin besonders unangenehmes Echo aus Japan. Der Sprecher des japanischen Außenministeriums berief die Journalisten zu sich und sagte ihnen, es werde schwierig sein, Reaktionen in der japanischen Presse zu verhindern, trotz der Achtung, die sie dem Staatschef des Deutschen Reiches entgegenbringe, wenn Hitler fortfahre, derartig unfreundliche Diskriminationen anzuwenden, durch die sich Japan betroffen fühle. Der Zwischenfall beweise,. schloß der Wortführer des Außenministeriums, daß die angebliche japanischdeutsche Entente weit von der Verwirklichung entfernt sei. Man wird dabei an das bekannte Interview des Kaisers W i1 h e 1 m im „Daily Telegraph“ erinnert, das ähnliche Weltverstimmungen erzeugt hat. Man kann sich vorstellen, wie die Kolonialnationen solche Äußerungen lesen und wie sich die Neger in Zcntralafrika schon heute darauf freuen, zu lernen, wie sie zu pehen haben, wenn einmal das Hakenkreuz auch über ihnen erscheint. Aber solche Offenherzigkeiten des Reichskanzlers zusammen mit den Praktiken nationalsozialistischer Weltanschauung, wie sie insbesondere gegen die Juden geübt werden, enthüllen dieses System mehr, als es alle die „Greuelnachrichten“ tun könnten, die von dem Amt dee Goebbels lanciert werden, um dann mit gekränkter Miene dementiert zu werden. Und in der Zeit der Radioübo.mittlung von Nachrichten, bleiben solche Reden und ihre Reaktion auch in dem 3(nst ahnungslosen Deutschland nicht unbekannt. Millionen Menschen sitzen draußen im Roich des Nachts an ihren Apparaten, horchen in den Äther hinaus, und erfahren, wie sie zu Schanden regiert weru e n, wie sich die Welt wieder gegen die große Gefahr zusammonschließt, um sich gegen die heroischo Verstellung von Macht und Reichtum, die sich bisher nur an den Juden ausleben kann, rechtzeitig und mit den Mitteln zu schützen, vor denen allein Berlin Respekt hat: mit den Waffen, Alarmruf zü erketirien, dhssen' Nälvltät nur noch durch ' die“Gefähflichkeit' Übertroffen wird, die darin liegt, daß hinter solchen Eisönfressereieh Millionen von bewaffneten Sofiensäle