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Die Stimme · 1936-02-07 · Heft 521 (7.2.1936) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 521 (7.2.1936)
Date
1936-02-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette II DIB STIMM! Nr 521 — 7. Fobmar 1930 EREZ ISRAEL Weib aus einem der Stämme der Hule- Beduinen. (Photo: M. Y. Ben-Gavriel.) Einst und jetzt Von Erich Gottgetreu, Jerusalem Tote Meer setzte (und die sich inzwischen längst erfüllt haben in Realitäten, die längst neue Hoffnungen gebaren ...). Die Zahl der jüdischen Siodlungspunkte betrug schon damals gegen hundertzwanzig, aber es war kaum Geld da, tun Wesentliches für sie zu tun. Und je jünger die Siedlung, desto größer die Not. Ängstlich.fragte man sich, ob es gelingen werde, die palästinensischen Weintrauben in einem nennenswerten Maße zu exportieren. Gerade war die erste Probesendung nach England abgegangen*, sie war ein Mißerfolg. Der Hauptexportartikel war schon damals die Orange. * Tel-Aviv hatte zu jener Zeit 45.000 Einwohner. Einmal machte ich eine Exkursion „Ohel“ gehört. Immerhin hatte das Ensemble, dessen Mitglieder alle noch einen zweiten Brotberuf (wenn auch damals keine Arbeit in ihm) hatten, anderthalb Jahre an „Jakob und Rachel“ geprobt und das Bild der Wirklichkeit, die man künstlerisch nachzugestalten bemünt war, nicht nur in fleißiger Lektüre der Bibel gewonnen, sondern auch auf einer umständlichen Reise nach Beer-Schewa im Süden des Landes, von wo aus Jakob ausgewogen sein soll. Dort waren die Schauspieler Gäste der Beduinen gewasen. * Endlich erinnere ich mich besonders deutlich an den Besuch in Kfar Yeladim, einem inzwischen aus technischen Gründen zum „Ohel“ — denn damals war seine Ptoj aufgelösten Kinderdorf, dessen erster Verbenhütte, die das Theater übrigens heute noch besitzt und benützt, ausflugsweit vom Stadtzentrum entfernt. Gewiß, das große rote Histadruth-Gebäude, ah dessen Seite es steht, gab es schon, aber von den feudalen Wohnhäusern und Hotels jener Gegend war noch nichts zu sehen. Das Repertoire des „Ohel“ bestand aus der „Hoffnung auf Segen“ von Heycrmanns und einigen Szenen von Pere*z. Ferner probierte man neben Zweigs „Jeremias“ Krascheni- Ich war zum erstenmal für einige europäische Blätter, die mich mit der Berichterstattung beauftragt hatten, im Dezember 1927 im Lande. Acht Tage hindurch war ich Gast der Kwuzzah Jagur. Die Siedlung, die heute , rund 450 Mitglieder hat und damit eine der »Jakob und Rachel ‘ aus, das bis auf größten Kwuzzoth des Landes ist, ernährte den heutlS611 TaS ““ fe5ten Spielplan des damals knapp ihre hundert. Sie lebten in arger, inzwischen stark gemilderter Primitivität der Wohnung, Hygiene und Ernährung. Kurz vor meinem Besuch war ein Drittel aller Siedler, die Rückfälligen miteingerechn-et, malariakrank... Einer dei Leute der Kwuzzah war seinerzeit in einer deutschen Mittelstadt mein fassungsgruudsatz lautete: „Kfar Yeladim ist ein Dorf von Jungen und Mädchen, die hier ein gemeinsames Leben der Arbeit und der Kultur führen. Die Bürger des Dorfes gründen alle ihre Handlungen auf die Basis sozialer Gerechtigkeit und vollkommener Gleichberechtigung.“ Hundert Kinder, sämtlich ukrainische Pogrom waisen, führten hier ein gesundes Leben der landwirtschaftlichen Arbeit auf heimatlichem Boden und schienen , Beduinentyp aus dem Hule (Schläfenglücklich ... Manchen traf ich in jüngerer Zeit in den Kwuzzoth Erez Israels, der in Kfar Yeladim „gelernt“ hat. Abbas Hilmi/ der mystische Reisende Von M. y. Ben-Gavriel In den orientalischen Erzählungen kommt immer wieder eine merkwürdige Gestalt, eine , _ , . . Art mystischer Bote des Schicksals, vor, der Schulkamerad gewesen. Sohn einen stark immer dann elntrHft wenn 8ioh ErelgaiB8e Tor. assimilierten Fabrikanten, der semem Sproß bereltra. Wer nun äi(1 PoliUk der vorderorisn. weit lieber eine burgcrlich-honorige Laufj Mßehen LäBder den Ietzten Jahren Ter. bahn gewünscht hatte, fuhr er nun jeden, fofet wird festste|len könnBn, daB anch sie Morgen um fünf Uhr das Milchauto der. flber ejM derarti immCT wiwäer aut(a„che„de Kwtzah nach Haifa. Für jeden Liter Milch,!rad datm wteder v6rsohwindende PerSönliehnAr mPTAItä vGr fiftGn? Irrif* i/n nrtr __r11 n11v5j.n j •. , # # . , keit verfügt. Es ist dies Abbas H11 m 1, der reiche ehemalige Khedive von der bereits vor sechs U-hr m der „Truivah“ abgeliefert wurde, bekam die Kwuzzah einen; halbet, Piaster mehr gezahlt, und es war nun | d im Weltkrieg” von England ans "u s1?61,2- ^em<S ,Fr.euades.’ dle “! Ägypten vertrieben, sieh in den letzten Jahren nach Möglichkeit keines einzigen halben:;UrtBr, Piasters verlustig gehen zu lassen. Jetzt ist mein Kamerad noch Immer Mitglied der Kwuzzah. Allerdings weilte er Ln den letzten Jahren viel im Ausland, um neue Hachschahra-Zentren für den Heohaluz zu schaffen. Aber wenn er im Lande weilt, so lebt er nicht nur in Jagur, sondern fährt noch immer ein Auto nach Haifa allerdings nicht mehr die morgendliche Milchfuhre, sondern einen der Personenautobusse, die die Kwuzzah seit geraumer Zeit im eigener Regie laufen läßt. An solche Art „Außendienst“ hatte man 1927 auch nicht gedacht. * Deutlich steht noch dos Bild einer zweiten Siedlung vor Augen. Hundert rumänische und ukrainische Pogromflüohtlinge hausten in einigen elenden Baracken. Der Boden, der ihnen vom Nationalfonds zur Verfügung gestellt war, trug noch keine Frucht. Die Siedler betrieben eine kleine Geflügelzucht — aber es fehlte an Draht, den Hof auch zu umzäunen. Wasser mußte erst von weither geholt werden.... Die einzelne Familie der Mosohwah sollte vom Keren Hajessod pro Monat vier Pfund Unterstützung bekommen, aber Ende Dezember waren beispielsweise jeder Familie erst eineinhalb Pfund für den Monat November ausgezahlt worden ... Heute ist Kfar Baruoh — um diese Moßchawah handelt ee sich — eine blühende, erfolgreich arbeitende Siedlung. * In Palästina lebten Ende 1927 neben 600.000 Arabern ungefähr 160.000 Juden, von denen etwa 30.000 Arbeiter waren, wenn auch zum großen Teil Arbeiter ohne Arbeit. Die Krise jener Zeit war schlimm. Dr. Ruppin entwickelte in einem Interview, das er mir gewährte, die verschiedenen Projokte, die man erörterte, um neue Tätigkeitsfelder zu erobern. So sprach er von der großen Landstraße, die durchs Emek gebaut werden sollte (und bis heute noch nicht gebaut worden ist), von inzwischen längst realisierten Elektrifizierungsplünen’ Ruthen borg®, von Hoffnungen, die man sozusagen aufs mit ihnen, sein Vermögen dadurch bedeutend aufwertend, wieder versöhnt hat. Dieser nicht mehr junge, aber unglaublich aktive Onkel des gegenwärtigen Herrschers von Ägypten, taucht seit einigen Jahren immer wieder, eine Atmosphäre bedeutender politischer Betriebsamkeit um sich verbreitend, im Orient auf. In den letzten Tagen nun traf der Exkhedive wieder einmal, nachdem er wieder einmal der britischen Regierung versichert hatte, daß er sich um die Politik Palästinas nicht im geringsten kümmern werde, in Palästina ein, besuchte den Hochkommissär und den Emir Abdallah, empfing, natürlich ganz unpolitisch, eine Reihe arabischer Führer, kaufte sich ein Grundstück in Jericho und kam, wie die arabische Preese zu melden weiß, im Hotel King David in Jerusalem, wahrscheinlich ganz zufällig, auch mit gewissen jüdischen Führern, so mit Tschertok und Professor W e i zm a n n zusammen. Was dort gesprochen wurde, ward natürlich nicht verlautbart, aber... locken!) (Photo: M. Y. Ben-Gavriel.) wurde besonderer Nachdruck gelegt — nicht nach Jerusalem, sondern vor allem nach Syrien fahre. Ee hieß, daß auch Rußland einverstanden sei, da es ein englisch-französische« Zusammenarbeiten verhindern wolle, wie es sich .aus einer Vereinigung Syriens und des Iraks unter der Herrschaft eines Haschdmiden ergeben müßte. Abbas fuhr trotz Abratens seines Freundes, des bekannten, aus Ägypten vertriebenen Pu- Die Reisen des Exkhedive sind nie zufällige Ereignisse, Als er vor drei oder vier Jahren eines Tages überraschend in London eintraf, interessierte er sich zuerst für den syrischen, dann für einen palästinensischen Thron und versuchte sich auch i n d er; brilht«^'M’ohimmä'Aim i, ab. Vor Minor Lösung des ar ab i s c h - j üd i s c he n ■ Abfahrt bekam er von der französischen Ver- Problems. Nachher pendelte er eine Zeittretung das Reiseprcgramm, das ab©r erkennen lang zwischen den beiden Gegnern, dem Emir. ließ? daß 8ein Aufentlmlt k Syrien auf das ge- Abdallah und dem Wahhabi Ibn Saud hin undjringste Maß reduziort war. So kam er außer her und stellte sogar dem Wabhabistaat Geld jmit dem fraMflai6chcil Hochkommissär mit zur Gründung einer Staatsbank zur Verfügung. kein,em einzigen Mena0ben politischer Bedeu- (Daß diese Sache damals nicht zustandekam, war nicht seine Schuld, sondern die der Londoner Börse, welche an die Sicherheit wahhabischer Papiere nicht glauben wollte.) Ein Musterbeispiel orientalischer Politik aber bieten die Versuche des ehemaligen Herrschers von Ägypten um den syrischen Thron. 1928, als Frankreich den Syrern ein konstitutionelles Regime zusagte, kam auch die Thronkandidatur des Ägypters in Frage. Gewisse bald darauf eintretende innerpolitische Verschiebungen machten die Sache inaktuell, doch als 1931 der große allmusümische Kongreß in Jerusalem zusammentraf, erhielt auch Abbas Hilmi eine Einladung. Wiewohl man ihm abriet, da die anderen muslimischen Potentaten abgesagt hatten, unternahm er doch die Reise. Da bekam er plötzlich eine dringende Einladung von Mustafa Atatürk nach Ankara. Die Türken ließen durchblicken, daß sie die syrische Kandidatur Abbas Hilmis mit allen Mitteln unterstützen würden. Es sei aber notwendig, daß er sofort — auf dieses sofort *—“ Die ungeheure Fläche der Hule-Sümpfe, die unlängst in jüdischen Besitz überging, gehört zu den landschaftlich schönsten Teilen Vorderasiens. Das Gebiet, heute nw von Beduinen bewohnt, wird nach seiner Entsumpfung zu den fruchtbarsten Teilen Palästinas gehören. tung zusammen. Als er dann in Jerusalem ankam, stellte sich folgendes heraus: Sofort nach seiner Abreise aus Ankara war der irakische Ministerpräsident dort eingetroffen, um den Abschluß eines Freundschaft®Vertrages zu besprechen, der auch die türkischen Rechte auf die Petroleumvorkommen in Mossul festlegen sollte. Um nun auf den Iraker einen Druck auszuüben, sandten die Türken den Exkhedive schnell als Schreckgespenst nach Syrien, um anzuzeigen, daß sie eventuell die Vereinigung der beiden arabischen Länder nicht unterstützen würden, wenn die Verhandlungen mit den Bagdadern ihren Wünschen nicht ent- sprechen würden. Abbas Hilmi aber wollte diese Intrige nicht erkennen und setzte weiter alle Karten auf die Türkei. Und als Ägypten, dem ee durchaus nicht angenehm ist, seinen ehemaligen Herrscher in nächster Näho zu wissen, ihn an das Protokoll von Lausanne vom Mai 1931 erinnerte, in dem er sich verpflichtete, keine aktive Politik zu treiben, wandte er sich an die Türkei um Hilfe. Da aber der Irak-Vertrag bereits unterschrieben war, erhielt er nichts anderes als den Rat, den Ägyptern zu erklären, daß er den syrischen Thron nur mit Einverständnis des Königs von Ägypten annehmen würde. Man weiß nicht, warum dieser mystische Reisende wieder in Palästina eingetroffen ist, wenn auch all das, was augenblicklich in Ägypten, Syrien und Palästina geschieht, seine Ankunft schon längst fällig machte. Man weiß aber, daß der alte und ungeheuer reiche Mann noch immer ein sehr wichtiger Stein auf dem östlichen Schachbrett ist, der fast in jeder Kombination eine — aktive oder passive — Rolle spielt. Wie groß diese Rolle ist, weiß man freilich nicht, aber es ist sicher, daß alle im Orient interessierten Regierungen die nicht immer übersichtlichen Wege des Exkhodiven mit Interesse, wenn auch mitunter nicht gerade mit Vergnügen beobachten. Und obenso sicher ist es, daß der englische Schachspieler die Züge dioses ewigen Thronkandidaten auf Zeiten hinaus vorausberechnet, auf Zeiten, die für England, aber auch für die Araber wie für die Juden von gewisser Wichtigkeit sein können.

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