Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 519 (31.1.1936)
- Date
- 1936-01-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Mit 4 Oll ITIMMB Nr. 519 — 81. Jänner 1036 Bruno Heilig* Von Brüning bis Hitler Was Him 30. Jänner 1933 in Deutschland geschehen ist, war eigentlich schon Monate vorher geschehen. Es war wie hei allen historischen Ereignissen, daß schon ein früheres Datum vorhanden gewesen ist, an dem sich etwas ereignet hatte, woraus dann zwangsläufig dae eigentliche entscheidende Ereignis entstand. Man muß um ein ganzes Jahr zurückgreifen. Nach der zweiten Wahl des General feldmarschalls von Hindenburg zum Präsidenten von Deutschland, ja schon nach seiner Kamdklierung durch die republikanischen Parteien konnte es kein Halten mehr geben. Indem die Republik einen ausgesprochenen Gegner der Republik, der sich nur formal in das republikanische System eingefügt hatte, zu Ihrem Kandidaten machte, gab sie sich selbst auf. Es ist das schlimmste Eingeständnis eigener Ohnmacht, wenn man für (Me höchste Stelle im Staat keinen eigenen Mann präsentieren kann. Hindenburg und Hitler standen einander wohl noch feindselig gegenüber, und im Kampf um die Präsidentenschaft siegte Hindenburg. Aber dieser Sieg des kaiserlichen GeneraJfeddmarschalls, der ja von vornherein kein Sieg der Republik sein konnte, war gar keine Niederlage Adolf Hitlers. Im Gegenteil, mit diesem Wahlkampf war Adolf Hitler arriviert. Er hatte gezeigt, daß er ein ernster Konkurrent des Abgottes der Deutschen sein konnte. Er war über alle anderen Politiker hinamsgewachsen, er hatte sich im Rang unmittelbar hinter den „größten lebenden Deutschen“ gestellt. Das war der historische Sinn sein,er zahlenmäßigen Niederlage., Brünings Sturz Es sollte sich auch bald der neue „Geist“, der mit dieser Präsidentenwahl an Deutschland eingezogen war, in der weiteren Entwicklung der Dinge bewähren. Am 30. Mai 1932 wunde Brüning von Hindenburg entlassen. Er war der letzte republikanische Ministerpräsident gewesen. Über die Szenen, die sich in der entscheidenden Audienz des Kanzlers beim Präsidenten abspielten, hat man Einzelheiten erfahren, die dem nüchternen Beobachter der Dinge endgültig die Augen öffnen mußten. Brüning wollte dem Generalfeldmarschall Vortrag halten über seine nächsten Pläne, die sich vornehmlich auf wirtschaftspolitische und finanzielle Fragen bezogen. Hindenburg ließ ihn kaum ein paar Sätze sprechen und unterbrach ihn mit den Worten: „So, Sie sprechen von Wirtschaft und Finanzen? Ich denke doch, Sie sind ein Siedkingsbolschewik!“ Brüning tat, als hörte er nicht und wollte in seinem Vortrag fortfahren. Er wurde abermals unterbrochen: „Reden Sie doch von der anderen Sache, von der Siedlung!“ Damit war die Audienz auch schon zu Ende, und draußen im Vorzimmer des Empfangssalons des Präsidenten überreichte Brüning Herrn Meißner sein Demissionsgesuch. Herr v. Papen verhaftet die Republik Es war klar: Brüning'war von den Junkern gestürzt worden. Er hatte tatsächlich Siedlungspläne gehabt. Ein anderer Ausweg zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit war nicht mehr sichtbar, und so hatte sich Brüning entschlossen, wenigstens mit einer bescheidenen Reform an das Agrarproblem zu rühren. Das vertrugen die Junker nicht. Sie hatten durch ihren einflußreichen Standesgenossen, den bewährten Herrn von Oldenburg-Janusohau, auf Schloß Neudeck für einen entsprechenden Empfang des Reichskanzlers durch den Präsidenten gesorgt. Sie wußten, daß der Präsident unbedingt der ihre war. Schorn vor geraumer Zeit hatten sie ihm, dem „Junker ohne Ahr und Halm“ durch eine Nationalspende das 14. MÄRZ 1936? große Gut Neudeek verschafft, wodurch er zum echten Junker geworden war. Aus dem Sturz Brtiningis ergab sich logisch die Ernennung des Herrn v. Papen zum Kanzlers des Deutschen Reiches. Er war der Mann, den die Junker brauchten. Er sollte Deutschland zurück führen in das goldene Zeitalter der Herrschaft Osteibiens. Es schien, daß er die in ihm gesetzten Hoffnungen auch erfüllen werde. Im Kavallerietempo rannte er gegen das letzte Bollwerk der Republik an. Er liquidierte die Koalitionsregierung des Zentrums und der Sozialdemokraten in Preußen in wenigen Wochen. Am 20. Juli 1932 ließ er von einem Leutnant und drei Mann die preußische Regierung verhaften. Es war die Verhaftung der Republik. So schwach war sie schon geworden, daß ein einfacher Polizeiakt sie erledigen konnte. Es wair wieder d/as Rezept des alten Januschauers, das da befolgt wurde, 7 Der Kanzler wirbt um Hitler Man sollte aber bald sehen, daß der Husarenstreich vom 20. Juli doch nicht dorthin führen werde, wohin er führen sollte. Die Regierung Papen bekam plötzlich Schwäohezustänide. Es setzte ein vehementes Werben des Kanzlers um die nationalsozialistischen Massen und um Adolf Hitler ein. In einer Rundfunkrede, die aus Genf über die ganze Erde verbreitet wurde, kündigte Herr v. Papen an, das Ziel seiner Politik sei die Gewinnung der „wertvollen aufbau willig an Kräfte“, die im Nationalsozialismus organisiert seien. Man kann sich denken, wie den Nationalsozialisten nach dieser Rede der Kamm geschwollen ist. Es fiel ihnen nicht ein, sich gewinnen zu lassen. Stürmischer als je verlangten sie die Macht ganz für sich. Adolf Hitler selbst kam wohl wieder ins Schwanken, aber Göbbels und Go eräug sorgten dafür, daß er nicht umfalle. Einmal war er schon im Zug unterwegs nach Berlin, um sich einen einfachen Mdnisterposten zu holen und dafür seine Partei zu liefern, aber er wurde noch in einer bayrischen Station im Zug zur Rückkehr nach München überredet. Adolf Hitler operierte mit Wahlen. Immer wieder mußte man ihm die Demokratie zur Verfügung stellen, damit er sie uambringen könne. Der 31. Juli brachte ihm zunächst neue große Erfolge, aber er glaubte, daß die Zeit für den größten, für den entscheidenden Erfolg schon gekommen sei, und so gab er keine Ruhe, bis im Herbst nochmals Wahlen ausgeschrieben wurden. Eis gaib eine große Überraschung. Hitler verlor zwei Millionen Stimmen. Merkwürdigerweise war aber seine tatsächliche Macht dadurch nicht geschwächt. Man mußte doch Herrn v. Papen opfern. Es kam die Regierung Schleicher. Der General hatte lange auf diesen Augenblick gewartet und eine fertige Konzeption in sein Amt mitgebnacht. Er wollte eich auf die gewerkschaftlichen Elemente aller Partedriehtungen, von den Nationalsozialisten über dae Zemtnum bis m den Sozialdemokraten stützen. Der Putsch vom 30« Jänner Der Versuch war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die Junker leisteten heftige Opposition. Da wollte Herr von Schleicher zu einem Gegensohlag a/usholen und verschiedene Korruphionsaffären lüften, die im Zusammenhang mit der Subventionierung des Großgrundbesitzes vorgekommen waren. Das durfte nicht geschehen. Es mußte aber schnell gehandelt werden. Wieder war es Herr v. Papen, der schnell handelte. Er meldete eich bei Hindenburg in Audienz und ließ gleichzeitig Adolf Hitler kommen. In der Audienz teilte er mit, daß Herr v. Schleicher mit der Potsdamer Garnison einen Putsch machen wolle. Das Reich sei verloren, wenn nicht Hug Akademl Ivrl, Wien, TX„ Alserstraße 26. Freitag, den 31. d. M„ um 8 Uhr abends, hält Koli. N. Gien einen Vortrag mit dem Thema: „Legislative Council“. Gästo willkommen! Billige Reisen nach Polen und Czernowltz veranstaltet das Reisebureau „Francopol“, IH., Rennweg 1, Tel. U 16-4-90, in geheizten pullmannwagen und unter bewährter Führung. SOPHIENSÄLE! ■KUHNHHHHHBHHHHHHHRHMHBHi Wie wir erfahren, wird Herr Sohalom Asch seine Iicise nach Palästina am 28. Februar mit dem Dampfer „Tel-Aviv“ den- Balestine 1 Shipping Companie von Triest antreten. der einzige Mann, der es noch retten könne, in dio Brosche springe: Adolf Hitler. Das war am 29. Jänner 1938 nachte. Am 30. Jänner wurde dio Koalitionsregierung der Nationalsozialisten und der Deutschnationalen unter der Kanzlerschaft Adolf Hitlers gebildet. Die Nationalsozialisten bekamen nur dekorative Posten, die Machtpositionen behielten die Deutsehnationalen für eich. Am Abend gab es große Verbritderungsfeste. SA. und Stahlhelm defilierten durch die Wilhelmstraße. Vom Ba.lkon der Reichskanzlei nahmen Herr v. Hindenburg und Adolf Hitler die Parade ab. Herr v. Papen mag sehr stolz gewesen sein, daß ihm daß gelungen war. Er glaubte, das Reich gerettet zu haben, wie er sich die Rettung vorstellte. Die aufbauwilligen Kräfte waren gewonnen. Der Reichstagsbrand Einige Wochen durfte er sieh der Illusion hingeben. Dann aber kam der Reichstagsbrand. Er richtete ßioh wohl zunächst nur gegen links und bezweckte unmittelbar die Vernichtung der Sozialdemokraten und der Kommunisten. Aber plötzlich schoß quer über die Aktion gegen die Linke eine Aktion gegen die Deutschnationalen. Goering übernahm das Kommando über die SA und ließ die braunen Mannschaften gegen idle Orgnisatiionen der Deutschnationailen los. Die Entmachtung der Deutsehnationalen war in einigen Wochen vollzogen. Der Stahlhelm durfte als Untergliederung der nationalsozialistischen Truppe noch ein Scheindasein führen, aber unter straffer nationalsozialistischer Kontrolle. Das weitere Ergebnis war die Entlassung Hugenbergis aus dem Kabinett. Bald waren auch die übrigen deutsohnatiionalen Positionen verloren, und es war der Sommer noch nicht vorüber, als Goering verkünden konnte, der Nationalsozialismus habe seinen Totaliitätsansp ruch verwirklicht. Herr von Papen durfte sich schließlich auf den Wiener Gesandtscbaftsposten zurückziehen. Vernichtung der Juden Parallel mit der Aktion gegen die Deutschnationailen ging die erste Attacke gegen die Juden vor sich. Ich war Zeuge der Entwicklung der deutschen Ereignisse von 1929 bis 1933, und ich war ein sehr aufmerksamer Beobachter, namentlich in den jüdischen Angelegenheiten. Man hat mich oft gefragt, warum ich denn bis zum Frühjahr 1933 so wenig Über die antisemitische Entwicklung aus Deutschland zu berichten hatte. Es ist merkwürdig: Bis dahin war wirklich nichts wesentliches Neues zu berichten gewesen. Der Nationalsozialismus war mit allen seinen Kräften im Kampf gegien die verschiedenen Regierungen engagiert, so daß er sich zunächst für die Juden nicht aktiv interessierte. Es gab die üblichen Radäuszenen der SA und Rednerexzesee der. Gaupaschas in den Versammlungen. Hitler selbst hatte merkwürdigerwebe noch in seiner Wahlrede zu der Abstimmung vom 5. März nichts über die Juden zu sagen.'Es fet tatsächlich erst kurz vor dem 1. April 1933 ,zuy Judenaktion gekommen. Der Wortführer war schon damals Julius Streicher. Er ließ allerdings geich das allersohwenste Geschütz auffahren.. Nach jeder' seiner Rundfunkreden mußte man sich eigentlich’ wundern, daß nicht gleich ein. vehementer Pogrom losiging. Goebbels sekundierte ihm eifrig. Der 1. April war der Boykottag. Ursprünglich hätte der Boykott unbefristet sein sollen, auf, aus ländische Intervention wurde er aber auf einen. Tag beschränkt. Es war ein Samstag. Man erlebte überraschende Dinge. Am Freitag, ab das Publikum noch mit einem unbefristeten Boykott rechnete, herrschte lebensgefährliches Gedränge in den jüdischen . Warenhäusern. Alles wollte sich fürdie kommenden Boykottage mit guter und billiger jüdischer Ware eindocken. Am' Boykottag selbst mußten vor allen jüdischen Geschäften SA.-Waohen stehen, damit niemand himemgehe. Einige charakterlose - Juden hatten ihre Geschäfte 'schnellaufgenordet. Der Trick half nicht in'allen Fällen. So wurden die Filialen der Wurstwarenfabrik Hefter mit Judenplakaten beklebt, und ab Herr Hefter beim nächsten SA.-Kommando mit 14. MÄRZ 1936? Zwecks Einheirat wird junger Kaufman aus anständigen) Hause im Alter von 26 bis 32 Jahren gesucht. Zuschriften unter „L. B.“ a. d. Admin. eiinom Auszug aus dem Firmenregister nach wies, daß seine Firma bereits arisch sei, konzedierte mau ihm für zwei Nachmittages tun den Geschäftsfreiheit, die übrige Zeit blieben aber die Judenplakate doch an den Fenstern seines Geschäftes kleben. Am Montag, als keine SA.-Waohen mehr vor den jüdischen Geschäften standen, entwickelte sich deren Betrieb wieder normal. Das Berliner Publikum machte den Boykott auch nicht eine Minute laug ohne Zwang mit. Im Interesse der historischen Wahrheit ist es gut, den Hergang des Boykotts, wie er wirklich gewesen ist, festzuhalten. Am Schicksal der deutschen Juden hat das allerdings leidor nichts zu ändern vermocht. Julius Streicher hat sich schließlich durchgesebzt, und er bereitet den deutschen Juden die Katastrophe. Aber vielleicht kommt doch der Tag, da wieder die Deutschen zu reden haben werden, die man damals mit Gewalt von den jüdischen Geschäften fernhalten . mußte. Ihn herbeizuführen, sind wir Juden zu schwach; das ist die Aufgabe und die Pflicht der Männer, die die Welt regieren. Sie sollten es doch endlich einsehon: Heute sind es die Juden, morgen wird es ein anderer sein, den der Nationalsozialismus für genügend schwach hält. Mit uns hat er mir darum den Anfang gemacht, weil wir die Allersohwächsten sind. Antiquariat1119 S. Rublnsteln ■I., AspernbrUckengasso 3, Tel. H 41-0-57 Moderne Literatur, Hebraica, Judalca Die Auszeichnung Dr. Sonnenwalds Der Präsident der Grazer Isr. Kultusgemeinde wurde, wie wir bereits kurz berichteten, durch die Verleihung des Ritterkreuzes des Verdienstordens ausgezeichnet. Die Israelitische Kultiisgemeinde Graz hat die Ehrung ihres Präsidenten Dr. Robert Sonnenwald mit besonderer Genugtuung und Dankbarkeit begrüßt. Ist doch der Name Robert Sonnenwald von der Entwicklung unserer Bewegung in Steiermark nicht zu trennen. Er arbeitete schon als Student im Makkabi und in der zionistischen Verbindung „Makkabäa“, in der jüdischen Finkenschaft, in der „Oharitas“ und mit Begeisterung und Hingabe für die zionistische Idee. Während des Krieges leistete Dr. Robert Sonnenwald durch vier Jahre Frontdienst. Im Jahre 1926 folgte Dr. Sonnenwald der alten Devise Herzls, indem er sich im entscheidenden Wahlkampf an die Spitze der Grazer Zionisten stellt«, die damals zum erstenmal die Majorität bei den Gemeindewahlen errangen. Damit kam die Grazer Kultusgemeinde als erste in Österreich unter zionistischer Führung. Unter Dr. Sonnenwalds Ägide begann nicht nur der praktische, sondern auch der kulturelle Aufschwung im Grazer Zionismus. Dr. Sonnenwald, ein Historiker von Rang und Format, nahm sich auch der geistigen Erziehung der jüdischen Jugend an. Er leitete eine Reihe von Jahren hindurch jüdisch-historische Seminare, die auf einem außergewöhnlich hohen Niveau standen. Als Kultuspräsident seit dem Jahre 1920 ununterbrochen im Amt, hat er es verstanden, alle Parteien zur Mitarbeit zu gewinnen und seine objektive und loyale Führung hat ihm in allen Lagern aufrichtige Freunde geworben. Ebenso bedeutend und wichtig für die Verbreitung des zionistischen Gedankens ist sein mannhaftes Eintreten für unsere Idee im Rahmen der B'nei Brith-Vereinigung, in der er eine führende Rolle spielt. Durch seine Auszeichnung fühlt sich die gesamte Grazer Judenheit, insbesondere aber die Zionistische Ortsgruppe, die seine wertvollo Mitarbeit immer dankbar zu schätzen gewußt hat, geehrt. Vertrauensvoll hoffen alle maßgebenden Kreise, daß Dr. Robert Sonnenwald die Last von Amt und Würde mit der gewohnten Selbstverleugnung weiter tragen wird, damit unter einer solchen Führung die Sache des Zionismus immer stärkeren Anhang finde4