Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 518 (28.1.1936)
- Date
- 1936-01-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 OIE STIMME Nr. 518 — 28. Jänner 1936 Die Vinzenz-Fettmilch-Straße Wie in allen anderen Städten des Dritten Reiches wurden auch in Frankfurt am Main alle Straßen, deren Namen das Andenken verdienstvoller Juden bei der Nachwelt lebendig erhalten sollten, umbenannt. An die Stelle der Namen, die zum Teil in der ganzen Kulturwelt guten Klang haben, traten jetzt solche von Plünderern und Mordgesellen, deren „Heroismus“ sich hauptsächlich gegen wehrlose Juden betätigt hatte und die daher dem Dritten Reiche als leuchtende Vorbilder seiner Moral teuer sind. Es gibt also in Frankfurt keine Börnegasse mehr, dafür lustwandelt die dortige Hitler-Jugend und SA-Mannschaft jetzt in der V i n z e n z-F e 1.1 m i 1 c h-S t r a ß e. Vinzenz F'ettmilcb war der Führer eines Volksaufstandes, der acht Jahre vor Beginn des Dreißigjährigen Krieges gegen die Frankfurter Juden ausbrach. Bevor Katholiken und Protestanten gegeneinander mit Pulver und Blei religiöse Differenzen austragen durften, konnte sich der Furor Teutonieus rasch noch einmal gegen die Juden austoben. Den äußeren Anlaß bot die Krönung des Kaisers Matthias. Dieses Ereignis führte in Frankfurt ehre Menge Fürsten zusammen. Es galt, für die Sicherheit der hohen Herren zu sorgen und das war nach den damals geltenden Bestimmungen Aufgabe der Zünfte. Der Bürgermeister erinnerte diese pflichtgemäß an ihre gesetzliche Obliegenheit, aber anstatt mit einem germanischen Bekenntnis zu Mannes treue und Untertanen - Ehrfurcht, antworteten die Zünfte mit der Präsentierung einer Gegenrechnung: die Zahl der in Frankfurt wohnenden Juden sollte verringert, der Zinsfuß für von Juden gewährte Darlehen von 12 auf 8 Prozent herabgesetzt und die Juden gezwungen werden, den aus dem bisherigen höheren Zinssatz erzielten Mehrgewinn nachträglich zurückzuerstatten. Als sich der Stadtrat mit der Erfülung dieser Wünsche Zeit ließ, wandten sich die Petenten direkt an den Kaiser, worauf der Frankfurter Stadtrat diesem eine Gegenschrift überreichte, in der bewiesen wurde, daß zur Annahme der antisemitischen Forderungen kein Grund vorliege. Diese wurden daraufhin abgewiesen, immerhin ein erfreuliches Anzeichen, daß im Mittelalter der Judenhetze der Stände zuweilen Einhalt geboten wurde . . . Selbstverständlich blieben auch die Frankfurter Juden nicht untätig, sondern antworteten auf die Klagen der Zünfte über jüdische „Schandtaten“ mit zwei umfangreichen Verteidigungsschriften. Niemandem fiel es damals ein, sie deshalb der Verbreitung von „Greuelmärchen“ zu zeihen. Die radikalen Führer der Zünfte, Vinzenz F e 11 m i 1 c h und der Advokat Nikolaus Weit z, wurden abgesetzt und Kaiser Matthias stellte sich offen auf die Seite der Juden. Aber wann hätten Judenhetzer sich jemals einer Autorität gebeugt, wenn eie f ü r die Juden entschied? Fettmilch griff zur Gewalt und überfiel am 22. August 1614, während die Juden eben in der Synagoge weilten, das Ghetto. Dieses wurde gründlich geplündert, was ja bei solchen ^Volkserhebungen“ stets die Hauptsache ist, das Gotteshaus wurde verwüstet, die Juden — 1380 Personen — auf dem Friedhof zusammengetrieben und schließlich verjag t. worauf sie in benachbarten Ortschaften Aufnahme fanden. Eine wie einfache Sache war damals die „Emigration!“ Es gab keinen Flüchtlingskommissär, der sich zuerst vergebens um die Unterbringung der Vertriebenen hätte bemühen und schließlich in einer geharnischten Anklageschrift die maßgebenden politischen Faktoren an ihre Pflicht, Recht und Sitte aufrecht zu erhalten, mahnen müssen. Zwar fand des „römischen Kaisers heilige Majestät“ damals bei den verschiedenen Landesfürsten und ständischen Korporationen innerhalb seines Deutschen Reiches dieselben Widerstände und Schwierigkeiten wie heute der Völkerbund bei den Diplomaten der ihm angeschlossenen Regierungen. trotzdem zauderte Kaiser Matthias nicht, gegen die rebellischen Gildenführer von Frankfurt die Rciehsacht zu verhängen und den Frankfurter Magistrat zur Zuriickführung und Entschädigung der verjagten Juden aufzufordern. Freilich war der Terror Fettmilchs nicht leicht zu brechen und ot konnte seine Gewaltherrschaft noch längere Zeit behaupten. Aber man hat sie keineswegs als ,.ge< bene Tatsache“ widerspruchslos hittgenommen, sondern nicht früher gerastet., als bis dem Kulturgewissen der damaligen Zeit Genüge getan war: Am 10. März 1616 brachten die Kommissarien von Kurmainz und Darmstadt die vertriebenen Frankfurter Juden feierlich in ihre Wohnungen zurück, der Stadt wurde von Kaiser eine große Summe als S c b a d e n e r s a t z für die an den Juden verübten Plünderungen und Enteignungen auferlegt. Fettmilch wurde mit fünf anderen Rädelsführern h i ngerichtet, sein Haus geschleift, seiiie Familie verbannt. Die Nazi aber danken ihrem Gott Wotan, daß sie nicht in den finsteren Zeiten des 17. Jahrhunderts leben, sondern in den erleuchteten des zwanzigsten .... Dr. Hugo S p i e g 1 e r. Die Nazi-Agitation in USA Das American Jewisb Committee, die repräsentative politische Körperschaft, der amerikanischen Juden, hielt im Hotel Astor zu New York seine 29. Jahrestagung im Beisein von über 200 Delegierten, die 50 Zweigkomitees vertraten, ab. Einmütig wurde eine Resolution angenommen, in der der Völkerbund aufgefordert wird, im Sinne der Vorschläge von James MacDonald zu versuchen, durch friedliche Intervention in Deutschland die bestehende und weiterhin drohende Tragödie von den deutschen Juden abzuwenden. Die Resolution schließt: „Wenn die Welt der Zerstörung und Vernichtung der Andersgläubigen in Deutschland schweigend zusiebt, dann hat sie sich selbst für bankrott erklärt, denn sie gibt das Bestreben auf, die geschichtliche Tradition des Kampfes für Zivilisation zu wahren und fortzuführen.“ Der Vorsitzende der Exekutive, Sol M. S t r o o c k, teilte in seinem Bericht über die inneramerikanischen Verhältnisse mit, daß als Folge des Versöhnungswerkes der christlichen Kirchen und auch aus anderen Gründen der Antisemitismus in den USA. im Abnehmen ist. Die antisemitische Agitation selbst, die von ausländischen Quellen gespeist wird, hat jedoch nicht nachgelassen und wird solange einen Boden finden, als die labilen wirb schaftlichen und politischen Verhältnisse andauern. Eine Anzahl der Agitatoren konnte als verantwortungslose Lärmmacher vor der Öffentlichkeit bloßgestellt werden. Ihre Propaganda richtet sich nicht nur gegen die Juden, sondern auch gegen die fundamentalen Grundsätze der Demokratie. Zum Präsidenten wurde Dr. Cyrus Adler wiedergewählt. Ehrenvizepräsident ist Abram I. Elkus, Vizepräsidenten sind Richter Lehman und Louis E. Kirstein, Schatzmeister ist D. Leidendorf. Zum Vorsitzenden der Exekutive wurde Sol M. S t r o o c k wiedergewählt. Jüdischer Nationalrat in Polen reaktiviert Warschau, 23. Jänner. (2. T. A.) Eine Konferenz der ehemaligen jüdischen Abgeordneten und Senatoren, die von dem Zionistischen Zentralkomitee einberufen worden war, hat einstimmig den Beschluß gefaßt, den seinerzeitigen zeitweiligen Jüdischen Nationalrat zu reaktivieren. Die Beisetzung der Gebeine Herzls auf dem Karmel Lemberg, 26. Jänner. (2. T. A.) Der Vorsitzende der von dem vorletzten Zionistcnkongreß in Prag eingesetzten Kommission für die Überführung der sterblichen Reste Theodor Herzls nach Palästina, ehemaliger Senator Doktor Michael Ringel, ist von der zionistischen Exekutive in Jerusalem zu einer Anfang Februar statt find enden Sitzung eingeladen worden, in der die endgültigen Beschlüsse über die Beisetzung Theodor Herzls in Palästina gefaßt werden sollen. Voraussicht,lieb wird als letzte Ruhestätte Herzls der Karmel bei H a i f a, und nicht Jerusalem gewählt werden. Oie Einwanderungseinschränkungen Jerusalem, 23. Jänner. (2. T. A.) Aus zuverlässiger Quelle erfährt die JTA, daß die Palästina-Regierung der Exekutive der Jewish-Agency das Versprechen gegeben hat, sich vor Veröffentlichung eines Entwurfs der Einwanderungs- Ordonanz, der Einwanderungseinschränkungen vorsieht, mit ihr ins Benehmen zu setzen. Der Kommissär für Wanderung und Statistik, Eric M i 1 1 s, ist entschieden gegen drastische E i n w a n d erungseinschränkungen. Erhöhter Zollschutz für die Palästina - Industrie Jerusalem, 24. Jänner. (2. T. A.) Das Ministerium für die Kolonien hat Änderungen des palästinensischen Zolltarifs zugestimmt, durch die der Industrie Palästinas ein größerer Schutz gewährt werden soll. Während einerseits der Einfuhrzoll für ausländische Fertigwaren erhöht wird, sollen andererseits die Zollgebühren für Rohstoffe, insbesondere für Rohstoffe der Textil- und Metallindustrie, herabgesetzt werden. Spaltung der Gruppe A in Palästina Auf der in Tel-Aviv abgehaltenen Landeskonferenz der Allgemeinen Zionisten Palästinas „Gruppe A“ wurde bekanntlich Kurt B 1 u m e n f e 1 d zum Präsidenten der Organisation gewählt. Die Anhänger Jizchak Grünbaums verließen nach der Wahl die Konferenz, nachdem sie erklärt hatten, die Tagung habe ohne Befugnis die Präsidentenwahl vorgenommen, und daß eie sich darum an der Leitung der Organisation nicht beteiligen würden. tU% fkdiscUes SckaMfdaiteHaccUii/ In dieser Zeit eines erwachenden und sich wieder kräftigenden jüdischen Bewußtseins ist es unerläßlich, alle Produkte jüd/isch-geistigen Schaffens zu sammeln. Darum ist es nur richtig, daß jüdische Archive, Museen und Bibliotheken gefördert werden. Auch die jüdieshe Musikwissenschaft ist schon eifrig an der Arbeit. Wenn es auch noch nicht möglich war, ihr eine zentrale Wirkungsstätte zu schaffen, wenn ihre bisherige Forschertätigkeit sich vorwiegend auch auf lokalhistorische Studien beschränkt, so ist doch der Tag nicht fern, da eine jüdische Weltmusikwissenschaft entstehen wird, die berufen sein wird, der Lehre von der geistigen Kraft des jüdischen Volkes neues und überzeugendes Tatsachenmaterial zu liefern. Aber Musik, von der man nur spricht, Musik, die man mithört, ist nur sehr wenig in der Lage, für sich zu zeugen. Hier ist dann der Punkt, an dem das jüdische Musikleben der Gegenwart noch durchaus unbefriedigend ist: Wir kennen die jüdische Musik nicht. Man weiß bestenfalls, was im eigenen Land und in manchen Nachbarländern an jüdischer Musik produziert wird. Das aber genügt nicht. Noch ahnen die Juden kaum, wie die Juden ferner Länder musizieren. Auch wißsen sie noch kaum, daß es eine jüdische Musik gibt, seit Jahrhunderten gibt. Und davon müßten die Juden aller Welt wissen. Ein jüdisches Schallplatte na r t: b i v muß geschaffen werden, das all das a<i(bewahrt, wae an Musik von Juden geschaffen und reproduziert wird. In langjähriger Tätigkeit als künstlerischer Leiter einer großen deutschen Sohallplattcnfabrik hatte ich Gelegenheit, zu sehen, wie riesengroß das Material ist, das den Grundstock dieses Archivs bilden müßte. Ich meine die Platten, auf denen jüdische, liturgische und Volksmusik aufgezeichnet wird. Über 50.000 solcher Aufnahmen gibt es, Sie sind in der ganzen Welt ausgenommen worden und enthalten unsagbar köstliche Melodien. Welche Fülle von künstlerischen Eindrücken, von wissenschaftlichen Fundgruben. Aus einer östlichen Ghettomelodie wird durch westlichen Einfluß eine fast romanisch-romantische Weise; dort ändert eine im Ursprung beinahe italienisch empfundene Tonfolge sich auf ihrem Weg nach Osten bis zu einem bodenständigen Nigun. Die Schaffung des jüdischen Schallplattenarohivs muß erfolgen, und zwar bald. Denn die Natur der geschäftlichen Dispositionen der Schallplattenfabriken bedingt, daß alljährlich eine große Anzahl von Matrizen eingeschmolzen werden muß. Unersetzliche Werte gehen hier für uns verloren. Die kostbaren Stimmen der jüdischen Sänger Josef Schwarz und Alexander Heine mann zum Beispiel sind heute nur sehr schwer mehr auf Schallplatton zu haben, die Alfied-Grfinf e 1 d -, David-P o p p e r -, Josef-W o 1 f s t h a 1 - Platten werden bald nicht mehr aufzutreihon sein. Müssen nicht unbedingt diese tönenden Denkmäler, die jüdischen Künstler sich gesetzt haben, erhalten bleiben im Dienste jüdischer Kulturarbeit? Die Schaffung eines jüdischen Schallplatteearchivs ist eine unerläßliche Notwendigkeit. Da ich darangehe, diesen Plan zu verwirklichen, möchte ich hoffen, daß ich dafür das Verständnis und die Hilfsbereitschaft aller kunstsinnigen Juden finden werde. Dr. Felix Günther. Die fftüsUceeküoH dec {üdiseket* KuUüestette Die jüdische Kulturstelle, die es sich zur Aufgabe gestellt hat, nicht nur jüdische Kunstmuaik, sondern auch jene jüdischen Komponisten zu fördern, die der Renaissancebewegung der jüdischen Musik ferne standen, veranstaltete durch ihre Musiksektion am 19. Jännor ihren ersten Abend in den Pan-Kunstspielen. Mit deT Orchestersuite nach der Begleitmusik zu „Hadybuk“ von Joel Engel, begann der Abend. Es ist gewiß nicht die Schuld deB jungen, überaus talentierten Dirigenten Siegmund L ö w e n h e r z, wenn dio Aufführung dieses Stückes verschiedenes zu wünschen übrig ließ; mit unzulänglichem Material kann auch der besto Dirigent nicht viel ausriohten. Die darauffolgenden drei jildischon Volkslieder im Bearbeitung für eine Singstimmo mit Kammerorchester von Adolf F 1 e 1 s c h n e r (der in einigon größeren Kompositionen soin Talont in viel besserem Lichte gezeigt hat), wurden von der »timmbegabten, hoehmusikalisohon Sängerin Sina Ad lorsberg mit viel Verständnis, Hingabe und Temporament vorgotragon. Ihre musikalische und rhythmische Sicherheit bat ihr daboi gute Dienste geloistot. Die Erstaufführung des K 1 a v i o r q u i n f e 1t s von F r i e d r i c h B l o c h zoigto vor a'lorn den Priingeiger Franz H i r s c h f e 1 d, der übrigens auch als Konzertmeister des Orchesters fungierte, als einen ganz prächtigen Musiker und sicheren Quartettführer. Den Klavierpart spielte mit Präzision und echtem Musiksinn Fräulein Edith Vogel. Es ist nur schade, daß ihre pianistischen Eigenschaften durch die ungünstige Placierung des Klaviers, das gewöhnlich links von den Streichern gestellt werden muß und nicht hinter denselben, beeinträchtigt wurden. Und nun kam die sogenannte Minuten- Oper von Darius Milhaud. „Der befreite Theseus“. Der Vorzug dieser Oper ist ihre Kürze. Ohne auf die Einzelheiten dieses morkwilrdigon, nicht vielsagenden Werkes einzugehen, kann man ruhig behaupten, daß Milhaud schon viel wertvollere und interessantere Musik geschrieben hat. Die Einstudiorung dieses Werkes lag in den Händen S i o g m u n d Löwonherz*, der für dieso Komposition und ganz besonders für die darauffolgende Oper von Offenbach, „Dio Z a u b e r g o i g o“, schoinbar mehr Proben zur Verfügung hatte, und er konnte somit seine musikalischen Qualitäten in viel besserem Lichte zeigen. Er wurde auch für soino Leistungen vorn* Publikum üboraus warm mit lebhaftem Applaus begrüßt. Von don Gesangskräften dieser Oper sind besonders hervor zuliehen Walt e r K a t h a m m o r, der außer oiner prächtigen Stimme oine unleugbar schauspielerische Routino vorrät, ferner Dr. A 1 f r o d Grün, Gustav Schorr und Frau Grote R o h o n f o 1 d, dio in der Rollo der Roso in der „Zaubergeigo“ gesanglich Schönes leistete. Dor Erfolg dieses Abends wird hoffentlich die Kultur-steile ermutigen, ihr Augenmerk ganz besonders dein Schaffen neuer jüdischer Musik zuzuwenden. Jul. W olfsohn.