Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1936-01-28 · Heft 518 (28.1.1936) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 518 (28.1.1936)
Date
1936-01-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3053752-3054243-3054274--5632-3061388
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

8 entity mentions

Wr. 518 — BR. Jänner 1936 Dü STIMM! 80M0 3 Oppenheim wünscht einen Regierunsskommissär ' Boi (Ion vorletzten Wahlen in den Wicnor KuUusvorsta.nd, die im Jahre 1028 stattlanden, haben die Zionisten die Hälfte der Sitze erobert. Der Rrgicrungsrat, Hermann Oppenheim, damals noch als Vorwalt ii n g s r a t der N i e d e r ö s t o r r o i v. h igehen E s k o m p t e g o s o 11 s e h a f t, ein sogenannter „Wirt.sohaftsführer“ war über diesos Ergebnis derart erbost, da 1.1 er sofort nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses die Z u r ii c k 1 e g ii n g der Mandate der „Union“ androhte, um Neuwahlen zu erzwingen. Die Zionisten mußten damals große Protestvorsammliingcn voransbalten, um die Ausführung dieses Planes zu verhindern. Derselbe Herr Oppenheim erklärte damals, daß die Unionisten eine eigene Kultusgemeinde begründen worden, falls die Zionisten in der Kultusgemeinde die Mehrheit bekommen sollten. Nun haben die Z i o n i s t e n bei den letzten Wahlen im Jahre 1932 bekanntlich die Mehrheit bekommen und die Unionisten brachten es damals, zusammen mit der Gruppe der werktätigen Juden — einer komischen Figur in der österreichischen Sozialdemokratie —, welche sie auf ihre Liste genommen hatten, bloß auf 15 Mandate. Die Unionisten, die damals von dem unheilvollen Einfluß Oppenheims befreit waren, haben ihre Niederlage verhältnismäßig ruhig hingenommen. Inzwischen war nämlich der Zusammenbruch der Eskomptegesellschaft eingetreten und mit ihm war auch Herr 0 p p e’n’h e i m für längere Zeit in der Versenkung verschwunden. Der Bankerott dieser Bank war der schmählichste von allen vörangegangenen Bankbrüchen. Es genügt, wenn wir daran erinnern, daß in dem seriösesten Wirtschaftsblatt Österreichs, dem „österreichischen Volkswirt“ gegen die Leitung der genannten Bank die Beschuldigung erhoben wurde, daß eie jahrelang die Bilanzengefälscht hat, daß sie durch unerlaubte Mittel den Kurs der Aktien hochgehalten hat und wertloses Makulaturpapier, wie chinesische Bonds mit dem vollen Nominalwert unter den Aktien geführt hat. Der Zusammenbruch der Eskomptegesellschaft ist bekanntlich unserem Lande sehr teuer zu stehen gekommen, und unzählige, kleine Leute, die ihr Geld in Aktien der Bank angelegt hatten, kamen um ihren sauer ersparten Groschen. Der christlichsoziale Nationalrat Prälat Droxel, bekanntlich ein gemäßigter Politiker, hielt damals eine Rede, in welcher er die g a n z e jüdische Gemeinschaft für die Kunststücke ihrer „Wirtschaftsführex“ verantwortlich machte. Unzählige jüdische Bankbeamte haben ihr Brot verloren, teils weil sie üborflüssig geworden sind, teils weil man sie die Verfehlungen jüdischer Bankdirektoren entgelten ließ. Nach den Wahlen des Jahres 1932 gestaltete sieh das Verhältnis zwischen Zio nisten und Unionisten zunächst leidlich. Anders wurde es erst, als Herr Oppenheim zur allgemeinen Überraschung wieder auf den Plan trat und Obmann der Union wurde. Von da a.n begann eine widerliche Hetze in dem Unionblättchen ,,Wahrheit“. Sogar der Patriotismus der Zionisten wurde dort von irgend einem bösartigen Schmierfinken in Zweifel gezogen. Berücksichtigt man, daß heute eine gewaltige zionistische Welle das Judentum der ganzen Welt erfaßt hat, daß die Juden aller Länder, einschließlich der österreichischen, heute in ihrer großen Mehrheit entweder zionistisch organisiert sind oder zumindest die Errichtung der nationalen Heimstätte in Palästina mit werktätiger Sympathie begleiten, erwägt man weiter, daß der Völkerbund das zionistische Aufbauwerk zur Aufgabe des ganzem jüdischen Volkes gemacht hat, muß man sich wirklich schon fragen, ob derartige Beschuldigungen bloß als Perfidie und Tölpelei oder als Ausgeburt eines kranken Hirns zu werten sind. Die Wiener Zionisten haben der Hetze der bedeutungslosen deutsch-liberalen Clique, die unter den Fittichen der Union kümmerlich dahin vegetiert, die ihr gebührende Behandlung zuteil werden lassen. Die zionistische Presse hat auf die erwähnten Exzesse nur in den seltensten Fällen reagiert. Die Zionisten haben im Interesse der Kultusgemeinde ihr eigenes Parteiinteresse immer zurückgestellt. Einen überzeugenden Beweis hiefür gaben sie im Jahre 1934 während derFebmarereign issc. Damals sind zufolge der bekannten Regierungsverordnung die sozialistischen Mandate im Kultusvorstand erloschen. Die ziiständigo staatliche Behörde hat vom Kultuspräsidenteii verlangt, daß nicht, bloß die Mandate der „werktätigen .Juden“ als erloschen zu erklären sind, sondern daß überdies alle elf U n i o n sm a n d a t e kassiert werden sollen, weil die Unionisten mit Sozialdemokraten eine gemeinschaftliche Liste hatten und somit auch von sozialdemokratischen Stimmen gewählt waren. Erst über Intervention des zionistischen Gemeindepräsidenten sind die zuständigen Regierungsstellen von ihrem Verlangen abgegangen. Trotz aller Anpöbelungen, (lenen wir seit Jahr und Tag in dem Unionblättchen auegesetzt sind, trotzdem dort seit Monaten Kübel voll Schmutz über die Namen ehrenhafter zionistischer Männer gegossen werden, haben wir dieser Episode bis heute nicht Erwähnung getan. Heute sind wir dazu gezwungen. Denn gerade jener Oppenheim, dieser ehemalige Direktor und Verwaltungsrat der schimpflich zusammengebrochenen Eskomptegesellschaft, hat in den letzten Tagen gewisse behördliche Stellen aufgesucht, um bei ihnen zu fordern, daß nach Zurücklegung der Mandate durch die Union ein Regierungskommißs ä r für die Kultusgemeinde bestellt wird. Dieses Ansinnen muß nach dem Zwischenfall vom Februar 1934 geradezu erheiternd wirken. Man bedenke nur: durch die Zurücklegung dieser Mandate wird im Kultusvorstand jener Zustand herbeigeführt werden, der nach Auffassung der Regierung schon im Februar 1934 der einzig legale gewesen wäre. Und wenn dieser Zustand jetzt durch das selbstmörderische Treiben der unter dom Terror Oppenheims stehenden Unio* nisten herbeigeführt wird, soll dies für die Regierung ein Grund sein, einen Regierimgskommisisür zu bestellen? Trotz aller seiner Provokationen haben wir uns bisher mit Oppenheim nicht beschäl';-t. Da er e? aber in dieser .schweren Zeit unternommen hat, d i e A x t a n d i e A ii t o n o m i e d c r Gern e i n (1 e z u legen, mußte der Öffentlichkeit gesagt werden, wer der Mann ist, d e r ii i n t e r den Kulissen ein frevelhaftes Spiel treibt und wie die jämmerliche Gesellschaft beschaffen ist, die mit, scheinheiliger Miene hinter ihm eteht. Eine Resolution In dem Organ der „Union österreichischer Juden“ wird mitgeteilt: „Das Exekutivkomitee der ,Union österreichischer Juden4 hat in seiner letzten Sitzung zu dem von maßgebender österreichischer katholischer Seite in letzter Zeit wiederholt in Wort und Schrift ausgesprochenen Wunsch nach völkerrechtlicher Sicherung der den Katholiken in Palästina traditionell zustehenden Rechte durch eine beim Völkerbund zu hinterlegende Erklärung der palästinensischen Mandatsmacht Großbritanniens Stellung genommen. Das Exekutivkomitee sieht es als selbstverständlich an, daß diesem Wunsche von jüdischer Seite nicht entgegengetreten werd e.“ Von jüdischer Seite ist dem Wunsch der Katholiken nach völkerrechtlicher Sicherung ihrer Rechte in Palästina, selbstverständlich niemals entgegengetreten worden und wird auch nicht entgegengetreten werden. Die Textierungdes Beschlusses der „Union“ ist der Versuch einer Denunziation. Nach ihrer ganzen Einstellung zum Palästinaproblem hat die „Union“ nicht das geringste Recht, irgend eine Erklärung abzugeben, zumal die Geringfügigkeit und Bedeutungslosigkeit der „Union“ es verhindert, daß ihre Erklärungen über Palästina irgendwo seriös gewertet werden. Das Bankett zu Ehren Schalom Asch* verschoben Das Bankett zu Ehren Schalom Asch\ das am Dienstag, den 28. Jänner, hätte stattfinden sollen, wurde aus technischen Gründen auf ebnen späteren Zeitpunkt verschoben. Jubiläumsvorstellung: „Die Sehiekerte.“ In den Jüdischen Künstlerspielen findet Dienstag, den 28. d., um halb 9 Uhr abends, die 100. Aufführung von „Die Schickerfce“ mit Sevilla, Pastor in der Titelrolle statt. Kartenreservierungen, auch telephonisch (R 45-4-94), empfehlenswert. kasteih-Vocteaq. ümL Uectd-FeUe Am 14. Februar 1936 sind es 40 Jahre seit dem Erscheinen von Theodor Herzls Buch „Der Judenstaa t“, von dem der mächtige Impuls für die Gründung der zionistischen Bewegung ausging. Der Zionistische Landesverband veranstaltet aus diesem Anlaß am 11. Februar im Großen Musikvereinssaal eine Feier, bei der Dr. Oskar Grünbaum das historische Ereignis würdigen wird. Anschließend daran spricht Dr. Josef Kastein über das Thema ,,Das Geschichtserlebnis des jüdischen Menschen". Für diesen Festabend gibt sich schon jetzt lebhaftes Interesse kund. Dr. Josef Kastelns Vorträge Im Vorjahr fanden eine begeisterte Zuhörerschaft. Alle Vorträge waren ausverkauft. Schon auf Grund der kurzen Ankündigung in der letzten Nummer der „Stimme“ liegen einige hundert Kartenbestellungen vor. Dr. Josef Kastein, der in Haifa lebt, befindet sich derzeit auf einer Vortragstournee durch Polen und Rumänien und kann in Wien nur einen einzigen Vortrag am 11. Februar halten. Karten zum Preise von S 1.50 bis S 6.— sind im Büro des Zion. Landesverbandes, Wien, I., Marc-Aurel-Straße 5 (U 22-2-11), erhältlich. Kartenverkauf: Zionistisches Landeskomitee, I., Marc-Aurel-Straße 5, Tel. U 22-2-11; sämtliche zionistischen Bezirkssektionen; WIZO, I., Sohottenrmg 25, A 11-6-26; Jüdische Kulturstelle, L, Franz-Josefs-Kai 3, R 28-2-36; Bücherstube Rath, H., Taborstraße 20a, R 45-3-05; Bücherstube Länyi, I., Kärntnerstraße 44, B 25-6-75, und Bücherstube Löwit, I., Wollzeüe 6, R 21-4-25. Schalem Asch ü&ee de*i ftidUcUett feist Man hat am Samstag abends im Großen Musikvereinssaal beim Vortrag von Schalom Asch wieder einmal eines feststellen können: Es gibt ein jüdisches Leben in Wien, ein sehr reges, ein sehr lebendiges jüdisches Leben. Die Juden von Wien haben den Großen Musikvereinssaal bis auf den letzten Platz gefüllt, um den großen jüdischen Dichter zu hören. Es war ein interessiertes Publikum, ebn Publikum, das imme,r kommt, wenn ebn Jude über jüdische Dinge zu ihm sprechen will. Es war aber nicht nur die Masse, es war die Stimmung dieser Leute, die dem Beobachter -wieder einmal die Sicherheit gegeben hat, daß man die Juden nur aufrufen muß, damit sie kommen, um sich mit jüdischen Dingen zu beschäftigen. Schalom Asch sprach über das Thema „Die geistigen Bestrebungen der Juden und des Judentums“. Schalom Asch ist Dichter und nur Dichter, jüdischer pichter bis in die letzte Faser seines Seins. Das ist, um man zunächst allgemein über den Vortrag m sagen hat. Er spricht wie einer, der eine Vision hat. Er gibt sich ganz hin und oft hat man den Eindruck, daß er sich gar nicht mehr beimißt ist, in einer Versammlung zu sein. Es bricht aus ihm hervor und er spricht, weil er sprechen muß. Das Judentum gipfelt, so sagte Schalom Asch, im Glauben, im geheiligten Lehm und in der messkmisc/ien Idee. Nur der Glaube befreit, <Me Vmwntt allem unzulänglich. Schalom Asch Karikatur von Dr. I. Bickels (Lemberg) Nur Gottes Knecht ist ein freier Mensch. Er ist frei von Dämonen, die im Menschen und um den Menschen herum sind. Aus dem Glauben entspringt das geheiligte Leben, ms ihm wiederum die Nächstenliebe. Die erste Tat des Juden an jedem Tag ist das Gebet für die anderen Menschen. Auch der Feind wird nicht gehaßt, auch er ist nicht eigentlich Feind, er kommt auch nur als Bote Gottes. Aj(§ der Nächstenliebe entspringt die Gleichheit aller Menschen ohne jeden Unterschied. Alle sind Brüder und Glieder eines einzigen Körpers. Wie hat sich der Jude seit jeher zu den tiefsten Problemen des Lebens, zum Problem Leben, selbst gestellt? Der Beide hat im Leben nur die kurze sinnlose Unterbrechung eines gießen Todes gesehen. Für den Juden ist das Leben nur ein Teil der Ewigkeit, ein Teil des ewigen Lebens, das vor dem Leben des Individuums gewesen ist und nach dem Leben des Individuums bleibt. Aus einem großen, unendlichen Kaum des Lebens, des allumfassenden Lebens, kommt das Individuum in sein individuelles Leben. Aber das Jüdische ist nicht nur für den Juden allein. Das Jüdische umfaßt die ganze Menschheit. Die messmvische Idee ergibt sich organisch aus den Grundlagen des Judentums, Ein großer, imwersal-er Bund aller Völker und aller Menschen ist das Ziel des Weges, den der Jude sieht. Der Vortrag Schalom Asch' war die erste Veranstaltung des neugegründeten Wiener „Bialik-Klubs“, dessen Präsident Dr. David Rothblum Schalom Asch der Versammlung vorgestellt hatte. Besser hätte der „Bialik- Klub“ seine Tätigkeit in Wien nicht beginnen können als mit dem Vortrag des Dichters, dessen Name sozusagen schon in einer Assoziation mit dem Namen des großen Toten steht. Die Bestätigung dafür, daß die Einladung an Schalom Asch zu einem Vortrag in Wien ein glücklicher Griff gewesen ist, konnte Dr. Rothblum aus dem nicht enden wollenden Applaus des Publikums entnehmen. —-ei— I/wlesung Max. ßcod aus eigenen Werken Als Gqst der Jüdischen Kulturstelle las der Prager Dichter, liebevoll und prägnant eingeleitet von Friedrich Torberg, im Ingemeicr- und ArcMtektenvereinsmal aus neuen Werken vor. Starke Wirkung übte die historische Vision „Ein Abenteuer Napoleons“ aus, die letzte der sieben vom Geiste der Humanität durchtränkten „Novellen aus Böhmen“. Dem vom ägyptischen Feldzug heimkehrenden General Bonaparte, dem wissentlichen Verräter der Ideale der Großen Revolution, erscheint im Angsttraum der seinerzeit guillotinierte Idealist Danton, der den korsischen Menschenverächter und Soldatenschlächter entlarvt und ihn von Revolutionären verhaften läßt —, da erwacht Napoleon aus dem schrecklichen Traum und schreit wie besessen: „Nach Paris! Ampannen! Nach Paris!“ Drei Wochen später unternimmt er jene Aktion, dm unter dem Namen des „Staatsstreiches vom 18. und 19. Brumairc 1799“ in die Geschichte eingegangen Im Anschluß daran brachte der Dichter einige Proben aus seinem vorbereiteten Lyrikband „Gebet um Wahrheit“, der ernste, off philosophisch-strenge Gedichte aus den Jahren 1921 bis 1935 enthält, und außerhalb dieser Reihe seine längst bekannte, autobiographischen Charakter tragende „Hebräische Lektion“. Erschütternd wirkte zum Schluß die im Geiste der alten Propheten gehaltene Strafpredigt, „Elegie an die abgefallenen Juden“, mit dem zerschmetternden Refrain. JVehe, ■nicht genug g< iobtr Dr. A. W.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.