Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 518 (28.1.1936)
- Date
- 1936-01-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 OIE STIMME Nr. S18 — 28. Jänmr 1936 Das Flüchtlings-Provisorium des Völkerbundes Um die Zukunft des polnischen Judentums Von Dr. Adolf Rothfeld (Lemberg). Genf, 25. Jänner. (Priv.) Der Völkerbund- "at genehmigte gestern Jen Bericht, über die ti t c r n a t i o n a 1 e F 1 ü c h t li n g« li i 1 f e md ernannte den norwegischen Staatsangehörigen Hansson, ehemaligen Voritzenden des gemischten Berufungsgerichtes n Ägypten und norwegischen Mitglied beim 'händigen Schiedsgericht im Haag, zum 'Vorsitzenden des N a n s e n-Ä m t. e s dir Flüchtlinge. Der Bericht über den Schutz der Flücht- ’ inge aus Dentschlan d schränkt die künftige Tätigkeit des Hohen Kommissars dir die deutschen Flüchtlinge auf das Streben ein, die Mitarbeit der Regierungen zur Erledigung aller mit der Frage der Flüchtlinge aus Deutschland verbundenen Probleme zu gewinnen. Die Frage des Flüchtlingsschutzes wurde der Völkerhundversammlnng abgetreten. Der Rat betraute seinen Vorsitzenden, ehestens den Nachfolger des zurückgetretenen Kommissärs James MacDonanld zu ernennen. Der Hohe Kommissär für die Flüchtlinge aus Deutschland kann 50.000 Schweizer Franken zur Erfüllung seiner; Aufgabe verwenden und eine i n t e r n a t i o-' nale Konferenz einberufen, welche sich hauptsächlich mit der Frage des Rechtsschutzes der Flüchtlinge aus Deutschland befassen würde. j T i t u 1 e s c u gab eine Erklärung ab, in der er auf die Wirkungen der deutschen Propaganda aufmerksam macht, welche den Eindruck hervorrufen will, als ob in der nächsten Zeit eine weitere größere Menge deutscher Staatsbürger Deutschland verlassen soll. Titulescu hob hervor, daß Rumänien nicht beabsichtige, auch mir einen Ausländer aufzunehmen. URANIA-NÄHE Schön möbliertes, helles, reines Zimmer im 1. Stock, an eine bis zwei Personen, mit Klavier und Telephonbeniitzun? ab 1. Feber zu vermieten. Anfragen von 8 bis 4 Uhr. U 14- 7-76 Elf jüdische Kandidaten in Saloniki Saloniki, 24. Jänner. (2. T. A.) Zu den am 26. Jänner stattfindenden Wahlen zum griechischen Parlament sind in Saloniki elf jüdische Kandidaten aufgestellt worden. Die Kandidatenlisten der Tsaldaris -Partei, der K ondy 1 is- Partei, der V e n i z e 1 i s t e n, die feierlich von ihrer bisherigen antisemitischen Politik abgerückt sind und nunmehr für „griechisch-güdische Verbrüderung“ eintreten, die Liste des Generals Metaxas und die Liste der linksstehenden Arbeiterschaft enthalten je zwei jüdische Kandidaten. Der elfte jüdische Kandidat wurde von der republikanischen Caffandaris-Partei aufgestellt. Im Kerker Viele bemittelte Münchener Juden, denen in der vergangenen Woche d i e Pässe von der Gestapo abgenommen wurden, erhielten dieselben heute mit einem Begleitschreiben zurück, in welchem es heißt: „Wir machen Sie darauf a/ufmorksam, daß der Aufdruck auf Seite 11, wonach dieser Paß für Reisen ins Ausland gültig sei, durchstrichen worden ist.“ Gleichzeitig wurde diesen Paßinhabern mitgeteilt, daß Juden, die eine Reise ins Ausland unternehmen möchten, vorher eine Reichsfluchtsteuer in Höhe von 25% ihres Vermögensbesitzes zu entrichten haben; wer innerhalb einer bestimmten Frist nicht ins Reich zurückkehrt, gehe des hinterlegten Betrages verlustig. Die Juden in Würzburg und in anderen bayerischen Städten, denen ebenfalls die Pässe abgenommen wurden, haben diese noch nicht zurückerhalten. Das Reisebüro „In die Welt“, Dr. S. Tocker, IX., Liechte nsleinstraße 2, Tel. A 14-5-04, veranstaltet billige Reisen nach Polen und Palästina und werden Auskünfte über solche durch das obbezeichnete Reisebüro gerne orteilt. Das polnische Judentum ist — nächst dem deutschen zur Zeit der Gegenstand der Sorge des ganzen Weidjudentums. Früher wurde das russische Judentum als der Volksteil betrachtet, der die meisten kulturellen und moralischen Worte im jüdischen Leben hervorbrachte. In dem Augenblick aber, da da« russische Judentum im Zusammenhang mit dem sowjetischen Regime ans dem jüdischen Leben eliminiert wurde, richteten sich die Augen der ganzen jüdischen Welt auf das polnische Judentum das dem russischen Judentum geographisch am nächsten gelegen ist und ihm ideell und kulturell am nächsten steht. In der Welt betrachtet m-an das polnische Judentum heutzutage als das große Reservoir der alten Tradition und der jiidit sehen Kultur, als dio Quelle neuer Gedani kon und kultureller Werte, die voi) hier aus a.uf die ganze jüdische Welt ausstrabten können. Anderseits vernimmt die ganze jüdische Welt mit Unruhe, daß das polnische Judentum wirtschaftlich zugrunde geht und von Tag zu Tag herunterkommt. Es ist kein Geheimnis mehr, daß die Verarmung der jüdischen Massen in Polen immer größere Dimensionen annimmt. Die Schrumpfung des jüdischen Besitzstandes, der Verlust der wirtschaftlichen Positionen, die Verdrängung der Juden aus allen Erwerbszweigen, die Proletarisierung der freiem Berufe, die Entfernung der Juden aus allen Regierungsstellen und Selbstverwaltungsorganen, die Einschränkung der Aufnahme in die Mittel- und Hochsehulen — die alles gibt ein Bild des Elends und der Verzweiflung. Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, daß in den Kreisen des westlichen Judentums, das sich für das Schicksal seiner Brüder interessieren, Unruhe und Sorge um das Schicksal des polnischen Judentums entstanden ist. Diese Sorge ist um so mehr berechtigt, als zu diesen objektiven und vom polnischen Judentum unabhängigen Erscheinungen des Niederganges in den letzten Jahren noch bestimmte Momente innerer Natur dazukamen, die das schon so dunkle Bild in noch schwärzeren Farben erscheinen lassen. Diese Momente sind nicht vom Willen und von der Schuld der jüdischen Be- Hitler über Menschenrecht „Paris Soir“ veröffentlicht ein Gespräch einer Berichterstattern! mit Hitler. Der Reichskanzler verlangt Revision des Versailler Vertrages und er macht einige Bemerkungen, die aus seinem Mund ziemlich absonderlich klingen. „Vom moralischen Standpunkt aus ist es unzulässig, ein Volk im Zustande einer dauernden Inferiorität halten zu wollen. Jede Klausel, die ein Volk herabsetzt, schafft auf der Seite der Bedrückten Bitternis und Haß, auf der anderen Seite Mißtrauen. Der Mensch hat ein Recht zu leben, als Nation wie als Individuum. Die einen auf Kosten der anderen begünstigen zu wollen, ist eine Torheit. Man muß vielmehr in der Innenwie in der Außenpolitik die widersprechenden Interessen aller möglichst im Gleichgewicht halten. Der Friede kann nur aus dem Gleichgewicht, das heißt der Gerechtigkeit hervorgehen. Der Weg dazu wäre leicht zu finden, wenn jeder nur ein wenig menschliches Gefühl, Verständnis und Intelligenz dafür aufbringen würde. In Deutschland sind wir 68,000.000 Menschen, die essen, sich kleiden, wohnen und leben wollen. Kein Friedensvertrag kann etwas daran ändern. Wer den Frieden will, muß zuerst das Recht der Völker anerkennen und in diesem Sinne gibt es in Deutschland niemand, der den Krieg wünscht.“ Diese Äußerungen sind, wue gesagt, nicht etwa von Schiller, sondern von Hitler, und völkerung unabhängig, im Gegenteil, diese sind in größtem Maße durch das polnische Judentum v e r s c h u 1 d o t. Wir meinen die innere Z o r s p 1 i 11 or u n g und die D e m o r a 1 i s i e r u n g, die sich in unser öffentliches Leben hineingescliliehen haben. Während das russische Judentum in den schlimmsten Zeilen der Verfolgungen auf die Bedrängnis mit einer inneren Konsolidierung und oiner Steigerung dor moralischen Kraft antwortete, folgen den Erscheinungen de« materiellen Elende und der Krise des jüdischen Wirtschaftslebens des polnischen Judentums innerer Zerfall und Niedergang des moralischen Geistes. Das Parteiwesen und die Verwilderung feiern Triumphe in der jüdischen Gasse. Die für das polnische Judentum so traurigen Ergebnisse der letzten Sejm- und Sematewahlen wären nicht möglich gewesen, wenn das polnische Judentum konsolidiert gewesen wäre und wenn es in Bezug auf ihr nationales Bewußtsein ein einheitliches Lager gebildet hätte. Nur bei einer Gemeinschaft, die in verschiedene Parteien und Fraktionen zerschlagen war und die das Primat der nationalen Interessen nicht anerkennt, war os möglich, daß eine Bevölkerung von über drei Millionen keinen einzigen Vertreter in den Senat entsenden kann, und daß in den Sejm eine Vertretung delegiert wurde, die kaum von Bedeutung ist. Wenn nichts anderes, so müßte dieses niederschmetternde Ergebnis dor Sejm- und Senatswahlen der. jüdischen Gemeinschaft in Polen die Augen öffnen und sie warnen, daß es der letzte Augenblick der Besinnung ist. Das westliche Judentum plant eine große Aktion der Wirtschaftshilfe für das polnische Judentum. Diese Aktion wird jedoch nicht erfolgreich ßein können, solange nicht Ordnung in die inneren jüdischen Verhältnisse kommt und das polnische Judentum nicht eine einheitliche Vertretung wählt, die mit ihrer Autoriät Vertrauen gewinnt und die berechtigt wäre, im Namen der ganzen jüdischen Gemeinschaft zu sprechen und, was wichtiger ist, in deren Hände man die Leitung der in großem Maßstab gedachten Selbsthilfe logen könnte. es ist wohl nicht notwendig hervorzuheben, in welchem Gegensatz diese Anschauungen zu den Tatsachen in Deutschland stehen. So berechtigt alle Anklagen gegen den Versailler Vertrag auch sind, so enthält er doch nichts, was sich auch nur im Entferntesten mit der Behandlung der Juden als Gemeinschaft und als Einzelpersonen im Dritten Reich vergleichen ließe. Man muß sieh aber immer wieder sagen, daß die deutsche Gesetzgebung die Juden nicht als Menschen betrachtet und ihnen jedes Recht verweigert. Hat Goebbels kürzlich gefragt, was es die Welt angehe, wie Deutschland mit seinen Juden fertig wird, so findet sich hiezu in Hitlers Äußerungen eine gewisse Ergänzung. Und nicht nur die Juden, sondern alle Menschen, also die Nieht- Nationalsozialisten, wenden diese Worte des Führers immer daran messen, wie or und die Seinen gegen Wehrlose vorgeben und solange dieser aufreizende Widerspruch bestellt, solange also dieses System lebt, solange wird kein Mensch an den Friedenswillen des Dritten Reiches glauben. Dio Juden Deutschlands sind eine täglich wiederholte Widoriegling dieses Geredes. Entwertete Pässe München, 24. Jänner (&. T, A.) Mehr als 8000 Pässo von Juden in Bayern wurdon von der Gestapo mit dem Stempel „für Auslandsreisen ungültig“ versohen. Will ein bayrischer Judo eino, wenn auch nur sehr kurzo Auslandsreise unternehmen, so muß or oin Drittel seines Vermögens bei den Behördon als Sicherheit hinterlegen. Paläsflnafreunde veranstalten zu Purim man (56%), eine Reise nach Erez. Abfahrt 27. Februar. Unverbiml liehe Auskünfte erteilt C3. Witfilln, Wien, II., Aspernbriickengasse 2 (R 46.500) täglich von 0 bis 1 Uhr (mit Ausnahme von Samstag und Sonntag). Wieder Exzesse in Polen In dom im der Nähe von Czenstochnu gelogenen Städtchen T r u s k o 1 a s, welches in der letzten Zeit mehrmals dor Schauplatz wilder antisemitischer Ausschreitungen junger Nationaldemokraton war, wurde am vergangenen Sabbath-Aliend eine Bombo in das Innere der Synagoge geschleudert, die explodierte, Wände und Dach der Synagoge am mehreren Stellen sprengte und dio gesamte Inneneinrichtung vernichtete. Glücklicherweise erfolgte die Explosion nach der Sabbathabe-ndandacht., als die Synagoge bereits verlassen war. Die seit einiger Zelt sich häufenden Morde an jüdischen Dorfbewohnern sind um einen krassen Fall vermehrt worden. In dem Dorfe Wolyzueowski, unweit Szydlowiee, wurden die Frau und drei Kinder eines jüdischen Kaufmanns durch eine achtköpfige Bande ermordet. Vor dem Krcisgeriobt in Lublin hatte sich der Bauer Josef B r o n y s z wegen Teilnahme an der Ermordung des 60jährigen jüdischen Lehrers Chajim Szyborski zu verantworten. Die übrigen Teilnehmer an dor Tat konnten nicht festgestellt werden. Es haben sich Zeugen gefunden, die bekunden, daß der alte Lehrer eine Gruppe vorübergehender Nationaldemokraten provoziert hätte. Bronysz wurde wegen Mangels an Bewesen freigesprochen. Die jüdische Bevölkerung der Stadt Zdunska Wola hatte im Zusammenhang mit der Auffindung der Leichen dreier christlicher Jungen in einer Sandgrube einen schrecklichen Tag durchleben müssen. Antisemitische Agitatoren hetzten die Bevölkerung der Stadt und der umliegenden Ortschaften gegen die Juden auf, indem sie erklärten, die drei achtjährigen Jungen, Kazimiersz G u r s k i, Jan Maricinak und Marek Skotnicki, seien Opfer eines jüdischen Ritualmordes geworden. Eine aus Warschau und Lodz herübergekommene Kommission, die die Leichen sezierte, stellte einwandfrei fest, daß die Jungen während des Spiels in der Sandgrube von Sandmassen verschüttet worden waren. Die Ortspolizei hatte Mühe, die gegen die Juden erregte Menge aufzuklären, und sie vor Exzessen zurückzuhalten. In Lodz wurde der Lebensmittelladen der Frau Blume Borowyszka durch eine Bombe vollkommen zerstört, die in der Nähe befindlichen jüdischen Schwestern Henje und Franjo Jakubowski und ein löjähriger Junge wurden ernstlich verletzt. Die antisemitische Unruhe an den Hochschulen in Warschau, Lemberg und Posen dauert an. Der Dekan der Warschauer Universität, Prof. Makowski, hielt mit den Leitern der Studentonverbändo eine Beratung ab, wobei dio letzteren erklärten, die Unruhe werde erst, dann aufhören, wenn man, ähnlich wie in Lemberg, die Juden in den Hör- und Arbeitsstilen von ihren christlichen Kollegen, absondert. Der Dekan lehnte diese Forderung als in Widerspruch mit den Bestimmungen der Verfassung hinsichtlich der Gleichberechtigung dor nationalen Minderheiten ab. Dio Repräsentanz der Krakauer Jüdischen Gemeinde hat eine von Dr. J. Schwarzbart unterbreitete Resolution einstimmig angenommen, in der u. a. ausgeführt wird; Die Repräsentanz stellt fest, daß die Ghetto-Verordnungen am Lenibergor Polytechnikum ungesetzlich sind. Dio Repräsentanz appelliert an allo maßgebenden Faktoren, dafür zu sorgen, daß der jüdischen Jugend und der jüdischen Gesellschaft ihre vollen bürgerlichen Rechte zurückgogoben werden. WAS WIRD VERANSTALTET |N [)EN SOPHIEN-SÄLEN 1^MAR]M936?