Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 516 (21.1.1936)
- Date
- 1936-01-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 816 — 21. Jänner 1986. Bll STIMM« Soff« 3 Das Judentum in England Von 6. Warburg. London, im Jänner 1936. Ein Jude, der aus dem deutschen Sprachgebiet nach England verschlagen wird, wird bald zwei Grundwahrheiten erkennen: Er wird die Tatsache des gemeinsamen jüdischen Volkstums erleben; aber er wird zugleich deutlich wahrnehmen, welchen tiefen Einfluß die Rechtsstellung und die geschichtliche Entwicklung in jedem auf Wesen und Charakter des Judentums ausiiben. Der Ässimilant, der die erste Grundwahrheit zu leugnen sucht, geht ebenso fehl wie der extre me Nationalist, der über der reinen Theorie historische und soziologische Tatsachen übersieht. Kaum irgendwo spürt man das so stark wie in England. Das ist auch einer der wesentlichsten Gründe dafür, daß hier die vom Kontinent bekannten Gegensätze zwischen Zionisten und Antizionisten — zwar existieren, aber lange nicht so zugespitzt sind wie in anderen Ländern. Extremes Assimilantentum ist hier ebenso rar wie Revisionismus. (Der Faktor, daß Großbritannien das Palästinamandat ausübt, mag dabei allerdings stark mitwirken.) Die Geschichte des englischen Judentums Um die Struktur des englischen Judentums zu verstehen, muß man seine Geschichte kennen. Ende des 13. Jahrhunderts unter Eduard I. wurden die Juden aus England vertrieben (vorher hatte es einige blühende jüdische Siedlungen gegeben). Nur vereinzelte Juden blieben in England, aber sie mußten ihr Judentum streng verheimlichen. Shakespeare, der die Gestalt des Shylock schuf, kannte keine Juden! Erst in der Mitte des 17. Jahrhunderts holte der puritanische Diktator Cromwell wieder Juden ins Land, nicht zuletzt, um dem Lande neuen wirtschaftlichen Auftrieb zu geben. Diese Juden kamen zumeist aus den Niederlanden und aus Siideuropa. Auch die spätere Einwanderung bis ins 19. Jahrhundert (hinein rekrutierte sich großenteils aus diesen Gegenden, daher die italienisierten Namen all dieser älteren englischen Judenfamilien (Ricardo, Disraeli, Montefiore, um nur drei der bekanntesten zu nennen). Natürlich gab es unter Cromwell und während dieser ganzen ersten Einwanderungsepoche keine jüdische Masseneinwanderung. Die Einwanderer waren meist Wohlhabende Leute. Die zweite Ein wand erungs welle kam im 19. Jahrhundert, im wesentlichen aus Deutschland. Auch sie war zahlenmäßig nickt allzu stark. Diesmal gab es «war schon zahlreiche ärmere Existenzen, aber im ganzen trug diese Einwanderung mehr einen mittelständischen als einen proletarischen Charakter. Mit der zweiten Gruppe kamen auch die Rothschilds. In der Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgte die Juden emanzipation, um die 'Jahrzehnte gekämpft worden war, nicht nur d’fem Buchstaben des Gesetzes nach, auch tatsächlich. Juden kamen ins Parlament, Juden wurden geadelt, einigen (nicht allen freilich) wurde der Weg zur höchsten Gesellschaft geöffnet. Taufen und Mischehen kamen vor, wenn auch nicht häufig. Jüdische Massen aus Osteuropa Doch der gleiche liberale Geist, der die 'Assimilation ermöglichte, schuf auch das Gegenmittel und verhinderte die drohende Vollassimilation. Die Tore der Einwanderung wurden weit geöffnet. Zuerst kamen im wesentlichen noch deutsche Juden, die sich wieder rasch — auch innerlich — assimilierten, meist Kaufleute, die sich in den Textilstädton Lancashires und Yorkshires niederließen. Doch Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts setzte die Masseneinwanderung aus dem Osten ein, aus Polen, Litauen, Galizien, Rumänien. Diesmal waren die Einwanderer fast durchwegs proletarische E 1 e m e n t e, kleinste Handwerker, Trödler, oft auch Luftmenschen. Sie kleideten sich anders, sie sprachen olne andere Sprache, sie hatten andere Sitten — und vor allem, sie fühlten sich als Juden, nicht etwa als Polen oder Russen jüdischer Religion. Sie kamen in Massen, sie siedelten sich zusammen in bestimmten Stadtteilen an, sie schufen — freiwillig — ein Ghetto. Sie hatten ihre eigenen Vereine, ihre eigenen jiddischen Zeitungen; die Aufschriften ihrer Geschäfte waren vielfach in hebräischen Lettern. Nun gab es plötzlich ein jüdisches Problem in England. Daß der rasche Übergang aus den bedrückten Verhältnissen der zaristischen Knechtschaft in die freie Luft des britischen Liberalismus nicht reibungslos vor sich gehen konnte, war selbstverständlich. Diese Menschen, die hatten niedrigere Lebensbedürfnisse. So gab es unter ihnen natürlich auch manchen Lohndrücker, manche sozialen Mißstände. Es entwickelte sich — wenigstens gefühlsmäßig — damals eine gewisse antisemitische Stimmung in den Schichten der Arbeiterschaft und des Kleingewerbes. Freilich verhinderte die englische Toleranz, daß diese Stimmung politischen Ausdruck finde, auch waren die politisch führenden Schichten am Antisemitismus nicht interessiert. Sie förderten daher die antisemitische Stimmung nicht, im Gegenteil. Auch die einflußreiche Kirche trat im allgemeinen den Juden freundschaftlich entgegen. Man sah in ihnen das V o 1 k der Bibel. Daß die Juden sich nicht anzubiedem versuchten, sondern offen als Juden auftraten, erwarb ihnen nur Respekt. Auch diese ostjüdische Masseneinwanderung assimilierte sich natürlich in äußeren Dingen. Der Kaftan fiel, man lernte englisch sprechen (in der älteren Generation freilich ein meist kaum verständliches Englisch), die jüngere Generation besuchte englische Schulen, begann Sport zu treiben. Die Erwerbung der britlschenStaatsbürgerschaft war meist nur eine Frage der Zeit, in England geborene Kinder waren von vornherein britische Bürger. Die niedrigen Bedürfnisse des europäischen Ostens wurden bald durch einen höheren Standard ersetzt. Das englische Gentleman-Ideal schwebte bald auch den Juden vor — aber dabei blieben sie doch Juden, wahrten jüdische Tradition, wohnten zusammen, verkehrten untereinander, heirateten untereinander. So entstand die besondere Struktur des englischen Judentums, assimiliert in allen Äußerlichkeiten, aber doch b ewußt jüdisch. Freilich jüdisch mehr aus Instinkt als aus Erkenntnis. So ist der englische Jude des 20. Jahrhunderts entstanden. Seit dem Krieg ist jede Einwanderung in England erschwert, was wieder seine Wirkungen auf die Juden hat. Aus der fließenden Form des englischen Judentums beginnt feste Gestalt zu werden. Die Kluft zwischen den verschiedenen Einwanderungsschichten wird in der jüngeren Generation immer geringer. DAS HILFSKOMITEE DES CHAJES-REALGYMNASIUM veranstaltet Samstag, den 25, Jänner 1936, präzise 2030Uhr,in sämtlichen Sälen des Militärkasino, I.,Schwarzenbergplatz 1, einen GESELLSCHAFTSABEND MIT TANZ v\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\M Es wirken mit: Karton erhältlich: Norbert Brainin, Sina Adlersbersr, Josef Polnau, Albert Feiler, Hilda Dulitzkaja, Fritz Grüi.baum, Boby Weiser Um Mitternacht: Sevilia Pastor Jazzkapelle J. Geiger. Chaje8-Realgymnasium, XX. Staudingergasse 2—4 WIZO, I., Schottenring 25 Bücberstuhe Rath, II., Taborstraße 20 a Die soziale Struktur der englischen Juden Im allgemeinen gesehen ist das englische Judentum lokal stark könzen t r i e r t. Natürlich bleiben die Einwanderer nicht immer dort, wo sie sich zuerst niedergelassen haben. Die osteuropäische Masseneinwanderung zum Beispiel ließ sich zuerst in dem Ostlondoner Viertel Whitecheapel nieder. Hier entstand eine Art Ghetto. Es ist kein schönes Viertel, im Gegenteil. Jeder Jude, der sich aus der untersten sozialen Schicht herausgearbeitet hat, strebt aus diesem trüben Viertel hinaus. Aber auch diese Wanderung vollzieht sich in Gruppen. Diese neue Schicht verstreut sich nicht etwa vereinzelt unter Nichtjuden. So zog man zuerst in einige Nordiondoner Vororte. Wächst der Wohlstand, dann geht es oft weiter in die schönen Nordwestlondoner Gartenbezirke Hampstead, Golders Green und Crioklewood, wo auch viele der früher aus Deutschland eingewanderten Juden ansässig sind. Ähnlich war die Entwicklung in einigen anderen englischen und schottischen Städten, in denen gb auch gewisse jüdische Massensiedlungen gibt: Manchester, Leeds, Glasgow. In anderen Städten (Liverpool, Birmingham, Hüll) gibt es natürlich auch kleinere jüdische Gemeinden. Aber zahlenmäßig spielt das Judentum nur in London und den drei anderen erwähnten Zentren eine Rolle. Sind die englischen Juden lokal stark konzentriert, so sind sie es auch berufsmäßig. Hier berscht ein starker Unterschied gegenüber der deutschen Entwicklung. In allen akademischen Berufen ist die Zahl der Juden sehr g e r i n g, obwohl ihnen grundsätzlich der Zugang zu allen Berufen offen steht. Auch in der Presse und im Kunstleben (mit Ausnahme des Films) ist die Zahl der Juden unbedeutend, auch hier, ohne daß irgend welche Sperrmaßnahmen existierten. Das englische Judentum ist stark auf rein wirtschaftliche Berufe konzentriert. In der Industrie spielt es keine große Rolle, nur in der Möbelindustrie und in Teilen der Textilindustrie ist es etwas stärker vertreten. Im Handwerk ist vor allem die Schneiderei stark jüdisch durchsetzt. Im Handel dagegen ist es allgemein vertreten, am stärksten im Tabak- und Süßwarenhandel und in der Konfektion. In den großen B a n k en und Warenhäusern dagegen findet man nur wenige Juden an leitenden Stellen. So kann man von einer wirtschaftlichen Machtstellung des englischen Judentums kaum sprechen. Die Wirtschaftsstruktur des englischen Judentums ist einseitig und nicht besonders stark. Eine negative „Stärke“ mag höchstens darin erblickt werden, daß das englische Judentum sich keine einflußreichen Gruppen aus Konkurreuzgründeu zu Gegneru gemacht hat — eben weil es fast nirgends stark ist. Weder die englische Intelligenz, noch die Industrie und Schiffahrt, noch das Finanzkapital hat ein materielles Interesse am Kampf gegen das Judentum. Das mag ein Grund dafür sein — wenn auch keineswegs der einzige — daß in England der Antisemitismus noch nicht hat festen Fuß fassen können. Die nächsten Aufführungen des großen Palästina-Tonfilm der Fox „DAS LAND DER VERHEISSUNG" im Imperial ■ Kino, I., Rotenturmstraße Ansprache: Pr. Max Brod (Prag) Sonntag, 26. Jänner, vor* mittags 7*11 Uhr Karten bei: JUd. Kulturatetle, I., Franz-Josefs-Kaf 3, Telephon R 28-3-36; BUcherstube Ratb, II., Taborslraße 20a, Tel,: R 46-306; Juwelier Lederer, IV., SohleifmUhlgasse 12; Installateur Jos. Weiß. II., Rotenstemgaase 22 und an der Kinokanse Sonntag, 26. Jänner, vor* mittags 7*12 Uhr Karten nur bet: Buclilinntlliing Richard Lanyl I., Kärntnerstraße 44, Telephon B 26-6-75 und an der Kinokasse Pressezensur in Palästina Jerusalem, 19. Jänner (2. T. A.J. Amtlich wird bekanntgegeben, daß den High Commissioner Sir Arthur Wauchope. eine Ergänzung zum Pressegesetz erlassen wird, durch die er die Befugnis erhält, ohne: vorherige Verwarnung Zeitungen zu veri bieten, wenn sie falsche Nachrichten ver«! breiten, die geeignet sind, Erregung und Unruhen hervorzurufen. 200*000 Pfund für öffentliche Arbeiten In Jerusalem Jerusalem, 19. Jänner (2. T. A.J. Es wird berichtet, daß die Palästina-Regierung ein Darlehen von 200.000 Pfundi aus dem Verwaltungsüberschuß der Regie* rung für die Stadtgemeinde Jerusalem zu? Durchführung öffentlicher Arbeiten bewil* ligt hait. Wieder //Illegale" fm Hunger# streik 'Jerusalem, 19. Jänner (2. T. A.J. Wiederum sind im Jerusalemer Gefängnis neun jüdische „illegale“ Einwanderer in den Hungerstreik getreten, weil man sie trotz Verbüßung der Strafe nicht aus de? Haft entläßt. Aufforstungsaktfon der Palästina# Regierung Jerusalem, 16. Jänner. (2. T. A.) Die Palästina-Regierung hat eine Aktion zur Aufforstung von 25.000 Dunam Boden, in fünf Jahren beschlossen. Der ö 1berg soll noch in diesem Jahr bepflanzt werden, Ein „Pan-Arablsdier Kongreß" in Bagdad Jerusalem, 16. Jänner. (2. T. A.J In Bagdad soll demnächt ein „Panarabi* scher Kongreß“ abgebalten werden. Die Initiatoren des Kongresses haben sich lange Zeit bemüht, die Irak-Regierung zur Übernahme des Protektorats zu bewegen. Diese hat jedoch, wie soeben bekannt wird, das Angebot endgültig abgelehnt. Lösung der Denksporteuf gebe Zugrlchtung_> KOHN, Ünionist, liest die „Selbstwehr“ RÜBEN, vom „Binjan Haares“, liest die „Neue Weltu LEVY, Agudist, liest die „Stimme“ SIMON, vom Makkabi, llesi die „Jüdische Presse'* UERRMANN, Judenstaatler, liest den „Hadawcn GÜTTMANN, Allg. Zionist, liest die „Wahrheit“ JÜDISCHE VOLKSHOCHSCHULE, WIEN, l„ FRAHZ-JOSEFS-KAI3, TEL. R 28-2-36 lä#k I EC I I Mfm Donnerstag, 23. Jänner, 20 Uhr. Ingenieur- und Architektenverein, I., Eschenbaohgasse 0, aus neuen, teilweise noch unveröffentlichten Werken yWKfcEJI v WlJ Einleitende Worte: FRIEDRICH TORB6RQ HAX BROD (PRAO) Autor von „Schiller Gerber“, „Und glauben, es wäre die Liebe“ und „Die Mannschaft“ Karten von S 1*— bis 8 4*-— bei der Jüdischen Kunst stelle, I., Franz-Josefs-Kai 8 (Toi. R 28-2-36), ferner bei Lanyi, T., Kärtnerstraße 44 und Oskar Gronners ICarten-Zentrale, I., Graben 28