Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 516 (21.1.1936)
- Date
- 1936-01-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3053752-3054243-3054272--5615-3061369- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 DIB STIMME Nr. 316 — 21. Jftnnor 1086 Die weiße Robbe Der Tor einigen Tagen verstorbene englische Schriftsteller Rudyard Kipling erzählt uns in seinem weltberühmten ,.D s e h u n g e 1 b u e h“ eine Geschichte, die den Titel trägt: ..Der Welt v e r b e s s er e r‘\ Kipling beschreibt in dieser Geschichte das Leben der Seorobben auf der Insel Novastoshna.h. hoch im Korden in der Behringssee. Jeden Tag erscheinen zwei Menschen und treiben einige hundert Robben landeinwärts. Die ungezählten tausenden Robben kümmern sich nicht darum. Sie spielen, sie ra>ufen miteinander, setzen Kinder in die Welt und wissen nicht, daß täglich einige hundert junge Robben — im Schlachthaus der Insel erschlagen werden. Eine junge Robbe aber, die aus der Art geschlagen ist — sie hat ein weißes Fell — ist einmal den Robbentreibern gefolgt und hat mitangesehen, wie ihre Spielgefährten erschlagen werden. Entsetzt eilt sie zurück und alarmiert die Artgenossen. Es wird ihr nicht, geglaubt. Und nun reift in der weißen Robbe der Plan, eine Insel zu suchen, die den Menschen unbekannt ist und wo die Robben in Ruhe leben können, ohne von den Menschen massakriert zu werden. Die weiße Robbe wird von den anderen Robben als „W eit Verbesserer“ verspottet. Inzwischen haben die Menschen nach und nach ungezählte tausende Robben zur Schlachtbank getrieben, ohne daß die anderen Robben aus ihrer Stumpfheit erwachen, ohne daß sie sich darum kümmern, wohin täglich hunderte Robben verschwinden. Endlich findet die weiße Robbe das ersehnte menschenleere Eiland, die anderen Robben wollen ihr aber nicht dorthin folgen. Nach schweren Kämpfen verlassen aber doch tausende Robben unter Führung der weißen Robbe Novastoshnah und schwimmen zu dem fernen Eiland, wo es keinen Menschen und keine Robbenschlachthäuser gibt. Die Majorität der Robben aber bleibt auf Novastoshnah und wird dort ausgerottet. Die Minorität aber unter der Führung der weißen Robbe lebt noch heute ungestört lind glücklich. 5fr Manchem Leser wird es vielleicht aufgefallen sein, daß die Tiergeschichte Kiplings vom „Weltverbesserer“ erstaunliche Analogien zur Geschichte der Juden aufweist. Die Majorität ist die blinde A ss i m i 1 a t i o n. Die Insel Novastoshnah ist die Ga 1 u t h. Das ferne, glückliche Eiland ist E r e z Israel. Die Minorität ist der der zionistische Teil des Judentums und die weiße Robbe ist Theodor Herz 1. Der Leser, der diese Schlüsse instinktiv zieht, hat richtig geraten. Rudyard Kipling hat nämlich — was wenig bekannt ist —» die Geschichte vom „Weltverbesserer“ in der englischen Originalausgabe des „Dschungelbuches“ Theodor H e r z 1 gewidmet und in der Form einer Geschichte aus dem Tierreich der befreienden und volksbeglückenden zionistischen Idee und ihrem Schöpfer Theodor Herzl ein schönes Denkmal gesetzt. Rudyard Kipling hat so, bald nachdem Herzl die politische Arena betreten hatte, die Richtigkeit der gewaltigen staatsmännische-n Konzeption des Schöpfers der modernen zionistischen Bewegung erkannt und gewürdigt. Die Majorität der jüdischen Generation um die Jahrhundertwende hat nicht die Erkenntnis besessen, die den Engländer Kipling erleuchtete. Es mußte erst ein Adolf Hitler kommen, um der Majorität der Juden zu zeigen, was Theodor Herzl erkannt hat: Daß die Assimilation nicht sah, wie ihre Söhne und Töchter täglich zu Hunderten dem Judentum entrissen werden. Daß das assimilierte Judentum, verstrickt in interne Händel und Fehden und bar jeder schöpferischen Politik nicht sah, daß es einer durchaus feindlichen Umwelt gegenüberstand. Daß es nicht geborgen und in Sicherheit lebte, sondern täglich bedroht und angegriffen wurde und tatenlos dem Moloch Antisemitismus Hekatomben jüdischer Opfer lieferte. Daß es bestenfalls den Versuch machte, mit Traktätchen, Broschüren und Versammlungsreden zu bannen, was es nicht als Emanation der ewigen antisemitischen Gesinnung der Umwelt, sondern nur mehr als ein letztes Aufflackern einer anachronistischen, in dio „hohe Kultur des 19. Jahrhunderts“ nicht mehr hinolnpassende niedrige Denkungsart gewertet wisson wollte. Dummheit zumindest bei retrospektiver politischer Betrachtung, ein anerkannter Milderungsgrund, Schlechtigkeit aber nicht. Kann man also der politischen Dummheit der Assimilation vielleicht noch ein verzeihendes Wort widmen — der Schlechtigkeit der Assimilation gegenüber ist auch das strengste Urteil zu milde. Das gilt besonders für die Gegenwart, in der der mörderische antisemitische Moloch sein Visier gelüftet hat und die Assimilation dessen ungeachtet ihre Vogel-Strauß- Politik weiter betreibt und noch Ärgeres tut: Verleumdet und denunzier t, Hintertreppenpolitik betreibt und ekehafte Speichelleckerei. Mauschel erhebt wieder sein freches Haupt, Er wagt es noch im Judentum, das er so schwer geschädigt hat, seine Stimme zu erheben. Hier müssen wir bekennen: Kipling hat die Assimilation nicht ganz richtig gesehen. Er kannte nur ihre Dummheit und nicht ihre Verworfenheit und chronische Charakterschwäche. Kipling läßt die weiße Robbe, bevor sie den Kampf aufnimmt, nur ausrufen: „Ihr dummen d i c k b ä u e h ig e n Seeigel! Kann ich euch auch nicht retten, so will ich euch doch Respekt lehren. Paßt auf! Wahret eure dumme H a u t!“ Die weiße Robbe kämpft und siegt. Und da müssen wir noch ein zweites bekennen. Wir sind selbst schuld daran, wenn diese bankerotte und ideenlose Assimilation noch lebt. Die Zionisten glaubten auf den Lorbeeren der Prosperity Palästinas ausruhen zu können und so wagt es diese sterbende Assimilation, diese Fossilie aus dem politischen Museum, noch einmal eine Rolle spielen zu wollen. Warschau, 19. Jänner. (Z. T, A.) In der Schlußsitzung der misrachistischen Parteiratstagung wurde eine sehr scharfe Entschließung gegen den Plan der Einsetzung eines Legislative Council in Palästina gefaßt. Es wird festgestellt, daß der Legislative Council eine Gefahr sei für die Entwicklung des den Juden von der englischen Regierung feierlich versprochenen und durch einen internationalen Akt des Völkerbundes sanktionierten Nationalheims. Das jüdische Volk, so heißt es in der Entschließung, In einer Veranstaltung der englischen zionistischen Vereinigung in London erklärte Prof. Brodetsky: „Der Legislative Council, in dem die Juden durch eine Minderheit vertreten wären, bedeute die Verleugnung des Prinzips des Jüdischen Nationalheims, die Verleugnung deß Status des Jüdischen Nationalheima und des Status der Juden in Palästina. Die vorliegenden Pläne würden den Juden wieder einmal den Status einer Minderheit geben, die einer Mehrheit unterworfen wäre, welche sich nicht nur dem, was die Juden in Palästina tun, widersetzt, sondern auch die Macht verlangt, das, wa/8 die Juden tun, zunichte zu machen. Würden diese Vorschläge verwirklicht, so Berlin, 19. Jänner. (Z. T. A.) Die Berliner Zionistische Vereinigung hatte die erste Gelegenheit nach Beendigung der behördlich angeordneten Versammlungspause wahrgenommen, um die Reihe der Protestaktionen der Judenheit Deutschlands gegen Legislative Concil und Drosselung der Palästina-Einwanderung mit einer Kundgebung im Bach-Saal in Berlin einzuleiten. Der geschäftsführende Vorsitzende der Dio heroische Zeit des Zionismus muß wieder auferstehen. Wir wollen uns einmal diese Gesellschaft vornehmen: Herzl hat in seinem Mausehel ihr Bild gemalt. Es ist lebensfrisch wie zu seinen Lebzeiten: „Da ist der Finanzier, der soviel Butter auf dem Kopfe hat, daß er sich vor einem ebenso verdächtigen Mauschel, vor dem journalistischen Erpresser fürchtet und diesem füttert. Da sind die zweifelhaften Geschäftsleute, die falschen Ehrbaren, die heuchlerischen Frommen, die verlogenen Biedermänner, die findigen Ausbeuter .. “ Und mR Horzl wollen wir sagen: „Mansche], nimm dich in acht!“ Wir haben diesen Mauschel zu gut behandelt, G i f t s c h i angen streichelt man nicht, man zertritt i h n e n cl o n K o p f. Wir wollen wieder in dio jüdischen Gassen gehen und die Massen zum Kampf aufmfen. Wir wollen zeigen, was wir in Erez Israel und in der Galuth geleistet haben und wollen zeigen, wie charakterlos, unfruchtbar und verworfen diese Assimilation ist, wie sie die antisemitischen Instinkte züchtet und wie sie den jüdischen Namen täglich schändet. Wir müssen den Kampf aufnehmen, wie die weiße Robbe in Kiplings Märchen. Wir werden kämpfen, weil es das Wohl des jüdischen Volkes so verlangt. Wir wollen nicht zulassen, daß es dem jüdischen Volke so ergehe, wie den Robben auf Novastoshnah, die der weißen Robbe nicht folgen wollten!: „...denn all die dummen Robben hatten längst unter den Ke ule n- Schlägen der bösen Menschen ihr Loben gelasse n.“ Das jüdische Volk will leben. Die Zionistische Idee wird es zum Siege führen. Mauschel muß aus der politischen Arena verschwinden und mit sieht sich in seinem Vertrauen, daß England entschossen sei, sein Versprechen zu verwirklichen, getäuscht. Die Schaffung des Legislative Council bedeutet einen Bruch und einen Rückzug von dem gegebenen Versprechen. Die zionistische Exekutive wird aufgefordert, unbeugsam zu bleiben; keinerlei Gewalt oder Ungerechtigkeit werde imstande sein, den Glauben des jüdischen Volkes an die Verwirklichung der Verheißung seiner Propheten zu brechen. wären wir zu der Erklärung genötigt, daß wir nicht mitarbeiten können. Wir können uns nicht zu der Annahme eines Systems entschließen, das von einer uns feindlichen Mehrheit beherrscht wird. Keineswegs sind wir Gegner einer natürlichen Entwicklung Palästina«, nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in politischer Hinsicht, nämlich der Entwicklung der Bevölkerung auf die Selbstverwaltung hin. Wenn Palästina eine gesetzgebende Körperschaft haben soll, dann muß sie aufgebaut sein auf der grundlegenden Verfassung des Landes; diese ist in dem Mandat festgolegt, das die Erklärung der Errichtung des Jüdischen Nationalheims enthält*' Z. V. f. D. und Leiter des Palästinaamtes, Dr. Franz Meyer, wies darauf hin, daß Palästina nach dem Umbruch, der sich 1933 in Deutschland vollzog, als dasjenige erschien, was gegenüber der Problematik der Existenz der Juden hier unproblematisch war. Man sah in ihm eine Art glücklicher Insel. Ein glückliches Zusammentreffen stellte dem großen Auswanderungsbedürfnis hier die große Aufnahmefähigkeit dort gegenüber. So wie auf die blutigen Ereignisse PalMstinafreunde veranstalten zu Purim 19a« (ßflOO), eine Reise nach fiPCZt Abfahrt 27. Februar. Upverbind liehe Auskünfte erteilt Q. WittlBn, Wien, II., Ä8pernbriickengas8e 2 (R 43.500) täglich von 9 bis 1 Uhr (mit Ausnahme von Samstag und Sonntag). des Jahres 1929 mit der Entfaltung verdoppelter Energie bei de>' Arbeit und mit der Schaffung neuer Positionen — damals setze die Aktion zur Erwerbung von Waadi Hawarit ein — geantwortet wurde, sp müsse auch heute der entschlossene Wille der jüdischen Bevölkerung kundgetan werden, für sich und für das jiidisohe Volk an d enb was im Mandat ausgesprochen wurde, festzu halten. Gerade die Juden Deutschlands in ihrer besonderen Situation müßten der gesamten jüdischen Weit und darüber hinaus auch der englischen Welt zeigen, daß ihnen die Ansprüche auf Grund des Mandats ein unveräußerliches Recht sind, auf das sie niemals verzichten werden. Felix Warburg 65 Jahre all Der Ehrenpräsident der American Joint Distribution Committee, Felix M. Warb 11 r g, hat anläßlich seines 05. Geburtstages am 14. Jänner Glückwunschtelegramme und »schreiben in großer Zahl aus allen Ländern der Welt erhalten. Warburg erklärte, er beabsichtige, seine Tätigkeit auf jüdisch-öffentlichem Gebiet aktiv fortzuführen. Felix M* Warburg wurde 1871 in Hamburg geboren. 1894 kam er nach Amerika. Er wurde Teilhaber des Bankhauses Kuhn, Löb & Co. und Leiter mehrerer großer Gesellschaften. Das jüdische Wohlfahrtswesen Amerikas verdankt ihm nicht nur den Anstoß zur Gründung des Joint Distribution Committee, das unter seiner Leitung während des Weltkrieges und in den Naohkriegsjahren vorbildliche Hilfs- und Wiederaufbauarbeit geleistet hat, sondern auch die Zusammenfassung aller jüdischen philantropischen Gesellschaften New Yorks zu einem großen Wohlfahrtsverband, dem 21 Krankenhäuser, ferner Waisenhäuser, Beratungsstellen und andere Wolilfahrtseinriohtungen mit einem Jahresbudget von rund fünf Millionen Dollar angehören. Dr. Chaiim Weidmann gelang es, Felix Warburg auch für das jüdische Aufbauwerk in Palästina zu gewinnen. Bei der Konstituierung her Jewish Agency in Zürich 1929 wurde Warburg zum Vorsitzenden des Administrative Committee gewählt. Später legt0 er dieses Amt zum Protest gegen das Paßfieldsche Weißbuch nieder, blieb jedoch auch weiterhin in der Palästina-Arbeit tätig. Den verschiedenen Zwecken des Palästina-Aufbaues hat er große Beträge zugefithrt. Für die hebräische Universität allein spendete er eine halbe Million Dollar, ‘ Naumann und Kareski Wie der Berliner Korrespondent de« „Haint“ berichtet, befindet sich Dr. Naumann, der Führer der patioaaldeufcschen Jude«, nooh immer in Haft. Er wurde verhaftet, weil man ecinen assimilatorischen Bestrebungen ein Endo setzen wollte. Die Behörden haben Dr. Naumann öfter gewarnt, seine Tätigkeit weiter fortzuflihren und drohten mit der Arretierung, wenn er nicht davon Abstand nehme. Als all» Drohungen nicht« halfen, wurde er festgesetzt. Während seines Aufenthalte« in Berlin befaßte sich der Korrespondent das „Haint“ auch mit der Opposition der jüdischen Kreiße gegen Kareski und macht, hiezu folgende Bemerkungen: ,jch wollte diese Opposition auf die Beziehungen Karcßkis bei der Gestapo zurückführe«. In Berlin aber glaubt man nicht an diese Beziehungen. Ich habe mit violen Leuten darüber gesprochen, sogar mit seinen politischen Gegnern. Aüe bezeichnen Kareski al« korrekten Marrnn und glauben nicht daran, daß er Polizeispitzel ist. Der Korrespondent glaubt, daß die Erbitterung gegen Kareski dadurch entstanden ist, daß er die gemeinsame jüdische Front zerschlagen hat, und daß er die höchste Repräsentanz des deute ehern Judentums, die Relchsvertretung der deutschen Juden, bekämpft, Indem er Politik auf olgene Faust betreibt. „Die moderne Anthropologie und die JudenSrage" Über dieses Thema spricht Herr Doktor S, C z o r t k o w e r, Assistent des Anthropologischen Instituts der Universität Lemberg, Dienstag, den 21. d. M., 8 Uhr abends, im Rahmen dor Gesellschaft für Anthropologie und »Soziologie der Juden, im Hantle lemuseuimtH «aal, Wien, HL, Bergga&se Iß, Zionistische Bezirkssektion Landstrasse, lw Wiener Ring-Caf6, Stubenring 18 Dienstag, 21, Jänner 1986 7» 9 Uhr abends. Dr, Oskar Grünbaum, Präsident des Zionistischen Landesverbandes für Österreich; „DER LEGISLATIVE COUNCIL" ihm die Schande des jüdischen Volkes. BALL der Zion. Jugendgruppe Währing am 35. Jänner 1936 in den Praohtsälen des Niederösterr. Gewerbevereines, Wien, I., Eschen bachgasse II. Brslklassig« Jazz (The Victories) Kabarett, Bar Karten S 1*80 im Vorverkauf Beginn 9 Uhr abends Kein Konsumationszwang Herren: Dunkle Kleidung. Misrachi gegen den GesetzgebendenRat Brodetsky: „Verleugnung desNationalheims“ Kundgebung der Zionisten Deutsehlands