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Die Stimme · 1936-01-21 · Heft 516 (21.1.1936) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 516 (21.1.1936)
Date
1936-01-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V. b. b, Pret* dleur Naimne* 20 g Dr. Josef Kasteln spricht Mitte Februar in Wien JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 5X6 | Wien, XL Jgnner 195» | Radaktion und Adminlatratlon; Wien, in Uare-Aunl-StraBa B. Tal.: U 22-3-81 RadaktionasehiuB Montag und Mittwoch vorm. | (»»■ Tebeth 5696) j 9. Jahrgang Der Oberrabiner zur Aktion Czermaks Oberrabbiner Dr. Feuchtwang hat Freitag abends, nach Schluß des Gottesdienstes, in einer Ansprache auf die katholische Palästinakundgebung geantwortet und der Besorgnis Ausdruck gegeben, die Erklärungen, die in der Versammlung abgegeben wurden, könnten in weiten Kreisen mißverstanden werden und böse Instinkte wacbrufen, indem nichtjüdische Kreise glauben könnten, die Juden seien fähig oder willens, andersgläubige, speziell katholische, Heiligtümer, irgendwie zu beleidigen. Die jüdische Religionsgemeinschaft habe ihr Leben nie auf Kosten anderer verlängert und werde dies auch in Zukunft nicht tun. Der Oberrabbiner fühle sich verpflichtet, zu sagen, daß von einer Gefährdung -des palästinensischen Katholizismus seitens der Juden keine R e d e s e i n k ö n n e. Er bitte von der Kanzel aus nicht nur als Oberrabbiner von Wien, sondern auch als Dolmetsch aller Juden der Welt, die oberste kirchliche Stelle, die feierliche Erklärung entgegenzunehmen, daß es nie und nimmer einem jüdischen Menschen einfallen werde, die religiösen oder anderen Interessensphären der Nichtjuden in Palästina zu verletzen. Das verbieten — erklärte der Oberrabbiner Religion, Hoheit und Würde des Judentums. Die mit Blut und Schweiß getränkte Arbeit der jüdischen Pioniere im Heiligen Lande, das für viele der Heimat beraubte unglückliche Menschen eine Zufluchtsstätte sei, gelte nicht bloß dem Judentum, sondern der ganzen gesitteten Welt. * Efn Stoß ins Leere Was sollte - also diese Versammlung am Donnerstag in der Herrengasse? Man hat sieh die Redner angehört und hat noch immer nicht verstanden, wo diese neueste Aktion gegen das Judentum und gegen den Zionismus landen soll. Sie haben doch wirklich nichts Greifbares vorzubringen, haben eine Aktion eingeleätet, die vollkommen in der Luft hängt. Wir wissen nicht, was wir noch antworten sollen. Wir haben schon gesagt, daß der Schutz für die heiligen Stätten, den die „Reichspost“ vor kurzem als Programm der neuen Aktion verkündet hat, Punkt für Punkt im Mandatsvertrag gesichert ist und daß niemand ihn anzutasten gedenkt, wir haben auch gesagt, daß alle Forderungen, auch wenn es welche gäbe, die begründet wären, an die Adresse der Mandatsmacht gerichtet werden müßten, und wir haben gesagt, daß in Palästina niemand den Christen das Feiern ihrer Feste verbietet: man kann zur Sache selbst auch nach den Reden des Ministers a. D. Czermak, des Monsignore Fried, des Franziskanerpaters Hasenörl und des letzten Redners des Abends, des Kardinals Innilzer, nichts neues sagen. Für eine Zukunft, die von den Rednern befürchtet und von uns heiß herbeigesehnt wird, für die Zukunft, da Palästina wirklich unser Land soin wird, können wir aber sagen: Wir werden auch dann als wahro Juden die Rechte derjenigen, die sich unserem Schutz anvertrauen, als heilig und unantastbar betrachten. Es wird uns, wie Herzl gesagt hat, eine Ehrenpflicht sein, Wache zu halten an den heiligen Stätten der Christen. Dem Juden ist es seit Jahrtausenden eingeschärft worden, er solle eingedenk sein dessen, daß er selbst einmal schwach und hilflos gewesen ist. Wir haben seither durch neue Jahrtausende weiter erlebt, was es heißt, schwach und hilflos zu sein. An uns wird nie jemand, der unseren Schutz haben will, erfolglos appellieren. Was, so muß man die Frage wiederholen, was wollen sie von uns? Sie haben ins Leere gestoßen, sie fordern, wo es nichts zu fordern gibt. Vielleicht haben sie es seither selbst schon eingesehen. Der Rufer im Streit, die „Reichspost“, verrät in neueren Auslassungen sichtliche Verlegenheit. Man könnte darum vielleicht zur Tagesordnung übergehen und das Ganze als Fehlgriff unserer Gegner erledigt sein lassen, wenn sich in der Aktion nicht ein Geist offenbarte, der uns zur weiteren Wachsamkeit zwingt. Vielleicht ist nur ein Vorwand für eine neue große antisemitische Aktion zusammengebrochen, nicht aber die Aktion selbst. Pater Hasenörl hat gesagt, man müsse achten, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen Er meinte den Zionismus. Daß die Völker sonst im eigenen Land leben, ist selbstverständlich. Wenn wir im eigenen Land leben wollen, so heißt das, daß unsere Bäume in den Himmel wachsen. Der Geist, der sich in solchen Aussprüchen offenbart, beunruhigt uns. Er ist mit dem Rückzug von dieser Aktion nicht erledigt. Was tut Genf für die deutschen Juden? Genf, 17. Jänner. (Z. T. A.) Die Frage der Stellungnahme des Völkerbundrates zu dem vor einigen Tagen veröffentlichten Bericht des Exportkomitees in Flüchtlingsfragen und zu dem dem Generalsekretär des Völkerbundes übersandten Demissionsschreiben James MacDonalds steht, wie mitgeteilt, auf der Tagesordnung der am 20. Jänner beginnenden ordentlichen Session des Völkerbundrates. Diese Tagung wird wahrscheinlich bis zum 25. Jänner dauern. Den Vorsitz wird der Vertreter Australiens A. Bruce führen. Als B e r i c h t e rs t a tter für Flüchtlingsfragen wird der Vertreter der südamerikanischen Republik Ecuador fungieren. Der Expertenbericht enthält zweierlei Vorschläge: die einen betreffen die provisoFi sehen Maßnahmen, die für die Periode vom Jänner bis September d. J. in der Organisation des Flüchtliiigsschutzwerkes zu treffen sind. Über diese Maßnahmen wird der Rat schon jetzt entscheiden. Die anderen Vorschläge, über die endgültigen Maßnahmen, sind nicht für den Rat, sondern für die im September zusammen tretende Völkerbundversaramlung bestimmt. Der Vorgang vor dem Rat wird wahrscheinlich der folgende sein: Wenn sich von keiner Seite eine Opposition erhebt — und eine solche ist nicht zu erwarten—, wird der Rat nach Anhören eines Berichtes des Vertreters von Ecuador die Vorschläge der Experten, betreffend die provisorischen Maßnahmen, gutheißen und wird, gemäß diesen Vorschlägen, au die Ernennung von entsprechenden Persönlichkeiten einerseits zum Vorsitzenden des Nansenamtes, anderseits zum Oberkommissär für die deutschen Flüchtlinge schreiten. Beide Ernennungen werden für die Zeit bis zu der nächsten Völkerbundversammlung im September gelten. Als ernstester Kandidat für den Vorsitzenden des Nansenamtes wird der Norweger Professor Hansen genannt. Ob der Völkerbundrat gelegentlich der Fassung der obigen Beschlüsse auch die politische Seite des Problems der Flüchtlinge aus Deutschland — gemäß den von Mac Donald in seinem Demissionsschreiben enthaltenen Anregungen — wird aufrollen wollen, kann noch nicht als sicher vorausgesagt werden. Angesichts der allgemeinen politischen Spannung und der großen internationalen Probleme, die den Rat anläßlich dieser Tagung beschäftigen werden, wird in manchen Völkerbund kreisen angenommen, daß der Rat eine solche Debatte lieber der kommenden Völkerbundversammiung überlassen wird. Immerhin kann damit gerechnet werden, daß möglicherweise sowohl der Berichterstatter wie einige andere Mitglieder des Rates die Gelegenheit ergreifen werden, in ihren Erklärungen zu diesem Punkt der Tagesordnung ihren Gefühlen über die deutschen Judenverfolgungen Ausdruckzugeben. Herbert Samuels Aktion In Amerika London, 16. Jänner. (2.T. A.) Sir Herbert S a m u e 1, Viscount Bearsted und Simon Marks sind am 15. Jänner nach den Vereinigten Staaten abgereist, um mit den Führern der amerikanischen Juden und auch mit maßgebenden nichtjüdischen Amerikanern einen Plan auszuarbeiten, demzufolge durch freiwillige Sammlungen in den Vereinigten Staaten, in Großbritannien und in anderen Ländern eine Summe von drei Millionen Pfund Sterling zur Ermöglichung der Herausnahme weiterer Massen Juden aus Deutschland, wo ihnen jede Lebensmöglichkeit unterbunden ist, und ihrer Seßhaftmachung in Palästina und in anderen Ländern aufgebracht werden soll. Es handelt sieh, wie es heißt, um einen Plan zur Transferierung von etwa 250.000 Juden. In einer Reuter-Meldung wird ausdrücklich «auf den reinkonstruktiven Charakter der Mission der englisch-jüdischen Führer j hingewiesen. Von maßgebender jüdischer Seite wurde bekanntlich betont, daß Pläne | eines neuen Kapitaltransfers in der Form der Herausführung deutscher Waren, wofür sogar — wie von deutscher Seite gefordert wird — die Hälfte des Wertes in Devisen nach Deutschland zurückzufließen hätte, mit dieser Mission nichts zu tun haben. Freilich kann die Samuel-Mission nicht eine einseitige sein und nicht isoliert durchgeführt werden. Eine parallel laufende politische Aktion hält man für unerläßlich. Aber diese Aktion ist nicht mehr Sache der jüdischen Führer, sondern des Völkerbundes und derjenigen Staaten, in denen die Flüchtlinge Aufnahme finden sollen. Es scheint festzustehen, daß der Völkerbimdrat in seiner jetzt beginnenden Session neben der abessinisehen Angelegenheit die Frage der deutschen Flüchtlinge als H a u p t p unkt behandeln wird. „Times“ h.abeu kürzlich angedeutet, daß gefordert werden wird, daß Deutschland den AuKwatKlernden ermöglichen soll, vier F ü 11 f t 0 1 ihres V e r m Ö g 0 n s mit sieh zu nehmen, um die Möglichkeit zu haben, sich in den neuen Ländern eine neue Existenz aufzubauen. Es ist nicht anzunehmen, daß diese Länder sich mit dem aus Kreisen der deutschen Regierung ventilierten Plan eines Transfers deutscher Waren in riesigem Ausmaße unter der Bedingung des Riickströmens eines Teiles der Wertes dieses Exports in Devisen -einverstanden erklären wird. In den maßgebende^ deutschen Kreisen, die wissen, wie der Wind jetzt weht, scheint man an ein Gelingen des Warentransferplanes nicht mehr recht zu glauben, weshalb auch eine merkliche Abkühlung gegenüber dem ganzen Plan. der Transferierung von neuen Massen deutscher Juden ins Ausland festzustellen ist. Das Organ des Ministers G 0 e r i n g, die „Essener National-Zeitung“, hat vor einigen Tagen für den Fall, daß das Ausland auf der Bedingung der reinen Vermögensausfuhr der Auswandernden bestehen sollte, mit „radikaleren Maßnahmen“ gegen die deutschen Juden im Sinne der Ausführungen des Reichskanzlers Hitler in Nürnberg gedroht. Diese Drohung wird in politischen Kreisen des Auslandes so gedeutet, daß gewisse Gruppen, statt den auswandernden Juden große Teile des Vermögens mitzugeben, lieber das Problem durch e i n e n „P 0 g r 0 m“ gelöst sehen möchten. Man ist aber im Auslande der Ansicht, daß auch ein Pogrom nicht mehr eine „rein innerdeutsche Angelegenheit“ sei. . Für c8se Chaluzim Das Zionistische Landeskomitee gibt bekannt: Der Zionistische Landesverband hat für seine neue aus jungen Männern und Mädchen bestehende Allgemein-Zionistische ChaLuzgmippe die Gründung eines neuen Stadtkibbuz in die Wego geleitet. Es gilt, 240 Menschen ideologisch heranzubilden, viele von ihnen zu verpflegen, zu kleiden, mit Arbeit zu versehen und in einem würdigen Heim unterzubiingen. In jeder Bezirkssektion ist sofort ein Chaluzreferent zu bestellen, der für die Leitung und Durchführung der Chaluzfiirsorge dem Landeskomitee verantwortlich ist und wöchentlich zu berichten hat. Es ist Ehrenpflicht jedes Ziouisten, bei diesem schönen Werke mitzuarbeiten. Jeder helfe durch Geldspenden, Spenden von Kleidern, Schuhen, Wäsche und EinriehtungsgegensUinden und insbesondere durch Beschaffung von Arbeitsgelegenheiten. Das Bureau des Landoskomitees (Tel. U 22-2-11) nimmt Gt-ld- und Naturalspcndmi, die über Wunsch abgeholt werden, entgegen.

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