Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 515 (17.1.1936)
- Date
- 1936-01-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit® n Dil ITIMMI Nr. 515 — 17. Jänner 1936 Die fortschreitende Entwicklung des Gedankens tritt logischerweise, nach seinen eigene® Worten vom 23. Juni, in ein neues Stadium. Er beginnt ein neue« I»uoh. Die Krise schien überwunden zu sein. In diesen Tagen der Krise geschah aber auch etwas, was auf Herzl unauslöschlichen Eindruck machte. Unerwartet, durch unerforschliche Fügung des Schicksals, trat in gebe, ihn ausfüllende, qualvoll geborene Arbeit, seine Mutter ein. Sie sandte ihm stolze Worte der Warnung, aber auch der Aufforderung zur Tat. Hat die Natur in einer ihrer Launen, Mit Gaben dich so hoher Art geschmückt, Daß eine Welt mit ehrfurchtsvollem Staunen Empor zu dir, dem Auserwählten, blickt; Gibst Abertausenden du Ziel und Richtung, Biet du der Stern, der die Nacht erhellt, Dann fühle auch die heilige Verpflichtung, Die solcher Herrscher würde beigesellt. Bevor das Wort dir von den Lippen gleitet, Erwäge erst sein folgenschwef Gewicht! Eh! eine neue Bahn dein Fuß beschreitet. Geh’ prüfend mit dir selber ins Gericht! Ja, überwache dich hiemit mit ernster Strenge, Nicht beuge der Versuchung dein Haupt! Die Schwächen, leicht verziehen der dunklen Menge, Dir, ihrem Führer, sind sie nicht erlaubt! ln dir den Richter ehrend und Propheten, Schart sie sich glaubensfroh um dein Panier, Nicht für dich selbst nur hast du einzutreten, Die Tugend vieler steht und fällt mit dir. Ergriffen lesen wir dieses Gedicht, das die Dichterin B e 11 i P a o 1 i (mit ihrem bürgerlichen Namen Elisabeth Barbara Glück) zur Verfasserin hat, und das die Mutter ■ihrem Sohne zukomjmen ließ. Wie mußte dieses Gedicht Betti Paolis, mit seinem merkwürdig für die Seelenverfassung Herzls zutreffenden Inhalt, ihn selbst ergriffen haben! Für den liebenden Sohn war es deutlich, daß die Mutter sich die Worte der Dichterin zu eigen gemacht hatte und sie in Beziehung zu ihm brachte. Es mußte doch für Herzl ein besonderes Omen sein, daß die Mutter, der er über seinen Zustand in den letzten Tagen nichts berichtet hatte, ihm diese dichterische Aufforderung zusandte. Welche Gefühle Herzl m diesem Augenblick bewegen mußten, verraten die Worte, die er auf dasselbe Blatt Papier unter das von der Mutter niedergeschriebene Gedicht setzte: „Von meiner guten Mama für mich aufgeschrieben und mir geschickt, während ich an dem Plan arbeitete! Als ahnte das Mutterherz. Und als wollte Fran Jeanette die Worte der Dichterin sich und ihrem Sohne besonders einprägen, verfertigte sie mehrere Abschriften des Gedichtes. Eine der Abschriften, die sie zunächst für sich behielt, versah sie eigenhändig mit den uns wiederum wunderbar anmuten den Worten: „Mir ahnte die große Arbeit meines teuren Sohnes, Gott erhalte ihn gesund. Amen. Dies von deiner treuen Mutter Jeanette Herzl.“ Die von der Mutter unterschriebene Abschrift des Gedichtes bekam Herzl erst viel später zu Gesicht. Für die ahnungsvolle Stimmung der Mutter ist noch der Umstand bezeichnend, daß dieses Gedicht Betti Paolis auch nur zufällig ihr in die Hände fiel. Dieses Gedicht im oben angeführten Wortlaut, dessen Titel „Verpflichtung“ ist, war am 21. Juni 1895 im Feuilleton der „Neuen Freien Presse“ zu lesen. Der aus Lemberg stammende Literaturhistoriker M o r i z N e e k e r besprach in diesem Feuilleton die zum ersten Todestage Betty Paolis (gestoroh — P&uCoa &cfät}b vo\ Joppen/ t b«i BarufivnftthUbali INVAllDITXTf-RIHTIM R. für «In sorglofM All«» ALTI R S- B I N TIM t. Im Abltbcmfafl« HINTER 8 LIIBIMtH«BIHTIH % ALLGEMEINE VERSICHERUNG! A.-G; PENSIONS-VEREIN ' "j WIEN, I., SCHELLINGGASSE 1 *4 / TT TZ 7f/ <x? mÄU« *MU«4 fZ* <81 8? . -MRiV II H4m^/ ** IU« -■ - flßm .. « */r t - m. A ß* J^ - **- - ben am 5. Juli 1894) soeben herausgegebene „Auswahl aus dem Nachlaß“, worin Ferdinand v. Saar, Marie Ebner- Eschenbach und noch einige Freunde jene Stücke Paolis aus wählten, die am meisten „Anspruch auf bleibenden Wert haben“. Die Herausgeber der Gedichte und der Verfasser des Feuilletons ahnten nicht, daß einem Gedicht Betty Paolis wirklich bleibender Wert beschieden sein wird. Daß ein visionär ahnendes Mutterherz den Worten der Dichterin die Weihe des Segens geben wird, den sie ihrem Kinde, dem Heros des jüdischen Volkes, spenden sollte! Eine jüdische Mutter, C h a n a h, war es, die zu Silo voller Ergriffenheit um ein einziges Kind bat, das sie dem heiligen Dienste weihen wollte. Hier segnete eine andere jüdische Mutter, die Na.mensträgerin ihrer biblischen Schwester, Chan ah bat Gawriel Harsch, genannt Jeanette Herzl, ihr einziges Kind, ihren einzigen Sohn Benjamin, den Jüngsten aus dem Hause Jakobs, für seine ihm bevorstehende große Arbeit. „Die Schwächen, leicht verziehen der dunklen Menge, Dir, ihrem Führer, sind sie nicht erlaubt!“ So geschah die Berufung Herzls. Und für unsere gewöhnlichen Sinne bleibt es unfaßbar, daß gerade an diesem Tage, an dem die Mutter die Berufung ihres Sohnes vollzieht — Theodor Herzl nach schweren, qualvollen Tagen der Erschöpfung sein Gleichgewicht erlangt. „Ich habe“, schreibt Herzl in den Tagebüchern, „das glückliche Gleichgewicht meiner Seele wieder erlangt, das ich nach dem Schiffsstoß verloren hatte. Der Todesgedanke ist Überwunden.“ An dem Tage, an dem er obige Notiz verzeichnet, schreibt Herzl an Schnitzler: „Ich denke nicht ans Sterben, sondern an ein Leben voll männlicher Taten, das alles Niedere, Wüste, Verworrene, das je in mir gewesen sein mag, auslöscht, aufhebt und alle mit mir versöhnt, sowie ich mich durch diese Arbeit mit allen versöhnt habe.“ Die Heimkehr Herzls Für Herzl ist es klar, daß er nicht eine Lösung, sondern die Lösung cler Judenfrage gefunden habe. Am 4. Juli beschließt er, seinen Plan als Denkschrift vor den deutschen Kaiser zu bringen. Die Tage des Pariser Aufenthaltes gehen nun zu Ende. Vorübergehend tauchen Gedanken auf, „weil ja der Plan wahrscheinlich als Phantasie Vorkommen wird“, einen Judenroman zu schreiben. Im Gespräch mit Theodor W o 1 f f, dem Vertreter des „Berliner Tageblattes“ in Paris (und späteren Chefredakteur desselben), der einst zu den wohlwollenden Kritikern der Muse Herzls gehörte, wundert es Herzl zu hören, daß für Theodor Wolff „der Antisemitismus nicht so arg sei und daß der vornehme Preußekein Antisemit sei.“ Kurz vor dem Verlassen der Hauptstadt Frankreichs empfängt Herzl wiederum den Besuch des ihm nahestehenden M o r i z Beichenfeld. Er wiederholt auch jetzt Reichenfcld gegenüber, daß nur ein eigener Judenstaat das einzige sichere Heilungsmittel fite <Ua Juclenfrage ßeij Am 22, Juli 1895 verläßt Herzl Paris. Er geht über Nauheim, wo er eine kurze Kur zusammen mit seiner Frau gebraucht — nach Wion. Herzl, der in seinem Berufskreise nach Mitarbeitern sucht, liest in Wien seinen Plan dem als Autorität anerkannten Finanzfachschriftsteller und Redakteur der „Neuen Freien Presse“, Dr. SiegmundEhrlich, vor. Ehrlich ist ergriffen imd erschüttert. Der Zusammenstoß mit Schiff wirkt noch in der Erinnerung nach, wenn Herzl feststellt, daß Ehrlich ihn nicht für verrückt hielt. Nach der Unterredung mit Ehrlich finden wir eine fast vier Wochen währende Lücke in den Eintragungen in den Tagebüchern. Im Oktober macht Herzl die Eltern, die inAlt-Aussee weilen, mit seiner Staatsschrift bekannt. Der Vater Herzls, mit seinem Hang zum Entwerfen von Gutachten, unterzieht auch die Schrift einer ausführlichen Analyse. Am 26. Oktober schreibt er an seinen Sohn, er finde die Konzeption im ganzen groß und bewunderungswürdig. Doch ist der Vater ganz entsetzt, daß sein Sohn mit Forderungen, Geld herzugeben, an die Rothschilds herantreten will. Die Rothschilds, wie auch die reichen Juden mit ihrem selbstsüchtigen Gebaren, kommen nicht in Betracht. „Die dritte von Dir in Aussicht genommene Kategorie, die kleinen Leute repräsentieren einzeln genommen Tropfen, zusammen genommen werden sie einen mächtigen Strom ausmachen, auf dessen Rücken Deine Idee zur Bildung und Gründung eines Judenstaates hinübergetragen werden kann, ins gelobte Land. Die kleinen Leute sind es somit, die den Judenstaat gründen können, gründen werden. Nachdem os aber nicht möglich ist, zu Millionen kleinen Leuten überzeugend anders zu sprechen als im Wege eines populär gehaltenen Buches, oder einer solchen Broschüre, so ist es meine innersto Überzeugung, daß Deine erste Idee, den Plan zur Gründung des Judenstaatos im Wege eines Buches in der zivilisierten Welt bekanntzumachen, die einzig richtige und durchführbare ist.“ Doch warnt der Vater seinen Sohn, sich mit „Kol-Jisrool“ zu befassen. Er selbst habe, solange er „Kol-Jisroel“ im Auge hatte, seine engere Familie vernachlässigen müssen und ihr schwere Leiden zugefügt. Es ist wahrscheinlich, daß zugleich mit diesem Brief des Vaters in Herzls Hand auch jene Abschrift dos Gedichtes Betty Paolis gelangte, die die Mutter für sich behielt und mit der eigenhändigen Bemerkung versah, die wir bereits kennengelemt haben. Nun beginnt Herzls Kampf um die Veröffentlichung seiner Schrift. Kampfunterredungen mit den Chefredakteuren M o r i z B e n o d i k t, dem Herzls Idee als „eine fürchterliche M i t r a i 1- 1 o u s e“ erscheint, und Eduard Bacher. Herzl unternimmt Reisen nach Salzburg und Paris. Immer näher rückt der Tag der Entscheidung heran. „Die Tat hat begonnen.“ Am 28. Oktober — also um die Zeit, als er die Anschauungen des Vaters über seine Schrift kannte — verzeichnet Herzl: „Tatsächlich bat die Schlacht zwischen mir und den mächtigen Juden ßchon begonnen,“ Am 5. November begeistert, llerzl seinen Freund Arthur Schnitzler, dem er die Sache, die Renaissance fies jüdischen Staates als „Schlußpmikt, des klassischen Jahrhunderts der Erfindungen im Verkehrswesen erklärt.“ Einige Tage später, am 9. November 1895, schreibt Herzl an den nicht nur in Wien wegen seiner Ergebenheit für die jüdische Sache bekannten Architekten Baura.t Wilhelm Stiaßny folgenden Brief: Hochgeehrter Herr! In einer ernsten, wichtigen Angelegenheit der Juden, bitte ich Sie um eine Unterredung. Ich möchte übermorgen, Montag nachmittags, um 4 Uhr zu Ihnen kommen. Ich will Ihnen eine von mir verfaßte Schrift vorlesen, wa« mindestens zwei Stunden in Anspruch nehmen wird. Das Ganze ist streng vertraulich zu behandeln. Schon diesen Brief stelle ich unter Ihr^ ehrenwörtlicheö Stillschweigen. Es liegt, mir sehr viel daran, Montag mit Ihnen zusaminenzukonimen, denn Mittwoch fahre ich in dieser Sache nach Paris und London. Hochachtungsvoll Ihr ergebener Dr. Theodor Herzl. Herzl war mit Baurat Stiaßny seit vielen Jahren bekannt. Oft trafen sie beim Scliwa.- ger des Baurates, Dr. Theophil Pisling, Regierungsrat im Preßbureau des Ministeriums des Äußern, zusammen. Der Brief an Stiaßny, „der überall Verbindungen mit eifrigen jüdischen Agitatoren“ besaß, bedeutete den Beginn der Organisierung der Massen. „Acheronta moveleo!“ Herzl ging daran, den Weg zur dritten Kategorie — der kleinen Leute — zu suchen. Und noch etwas anderes ergab die Unterredung mit Stiaßny, der der Chowewe Zion angehörte. Er plädierte beredt vor Herzl für Palästina und Herzl akzeptierte auch später diesen Gedanken, um so mehr, als er, bald nach der Unterredung mit Stiaßny, in Paris und London mit Palästinaanhängern, wie G o 1 d s m i d, Singer und den „M akkabäern“, zusammentraf. Im Dezember 1895 und Jänner 1896 werden die Aufzeichnungen Herzls in den Tagebüchern spärlich. Durch zwei Monate sind es kaum zwei Druckseiten! Desto intensiver ist sein Briefwechsel und hauptsächlich seine Verarbeitung der bisherigen Notizen und der Rede an die Rothschilds zur Buchform. Am 17. Jänner 1896 tat Herzl den ersten Schritt in die Öffentlichkeit. Ein Artikel aus seiner Feder, betitelt „Die Lösung der Judenfrage“, erschien im „Jewish Chronicle“. Tags darauf schließt Herzl mit dem Wiener Verleger Max Breitenstein, mit dem er noch aus der Zeit seiner Zugehörigkeit zur Akademischen Lesehalle bekannt war, einen Vertrag über die Herausgabe des Buches ab. Die nach langer Mühe endlich fertige Schrift versieht Herzl mit dem Titel: „Der Judenstaat.“ Unter dem 19. Jänner verzeichnet Herzl: „Den Titel habe ich geändert. Der Judensitaat.“ Am 1. Februar ist die Broschüre in den Abzügen fertig. In Wien bekam man Wind von der Sache und der erste Spott flog ihm entgegen. Herzl wolle der jüdische Jules Verne werden. Zunächst wurden 8000 Exemplare verlegt. Am 14. Februar — an einem Freitag — kamen die ersten 500 Exemplare in die Wohnung Herzls. Am nächsten Tag sieht der Vater Herzls die Broschüre im Fensterladen der Breitensteinschen Buchhandlung auf der Währingerstraße und teilt das dem Sohne mit. An diesem Tage erscheint die Schrift in der Öffentlichkeit. Ihr voller Titel lautet: „Theodor Herzl, Doktor der Rechte, Der Judenstaat, Versuch oiner modernen Lösung der Judenfrage, Leipzig undWien 1896 “ Fünfundsechzig Jahre vorher, also zwei Generationen früher, ist eine andere bedeutende Schrift erschienen. Ihr Titel lautet: „Verteidigung der bürgerlichen Gleichstellung der Juden gegen die Einwürfe des Herrn II. E. G. Paulus von Gabriel Rießer, Doktor der Recht e.“ Welche Analogie! Gabriel Rießer und Theodor Ilorzl unterfertigen ihre Schriften mit vollem Titel „Doktor der Rechte“. Beide treten sio auf: als Verteidiger der Rechte ihres Volkes. Aber welcher Untorschied! Rießer verteidigt die Emanzipation, Herzl kam, um dieser Emanzipation den geschichtlichen Sinn zu geben: „Der geschichtliche Sinn der Emanzipation: nicht, daß wir aufhören sollen» Juden zu sein, sondern unser Land wieder aufsuchen, was wir als Sklaven nicht vermocht hatten nur alg freie Männer,“