Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 515 (17.1.1936)
- Date
- 1936-01-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 515. — 17. Jänner 1936 Oll STIMMI Seit© I Der Weg durdt die Wusle Das ist nun 40 Jahre Der. Am 17. Jänner 1806 hat Herzl im Londoner „Jewish C’hronicle“ den Hauptinhalt seines „Jndenstaat“ veröffentlicht.. Er hat seinem Aufsatz den Titel gegeben „Eine Lösung der Judenfrago“. Es ist nicht bekannt, was ihn dann vera.nlaßtc, die Schri/ft selbst einen Versuch zur Lä-mng der Judenfrage zu nennen. Vielleicht war er zu der Erkenntnis gelangt, daß die Frage des jüdischen Volkes auch mit der zionistischen Lösung nicht entschieden, nicht gelöst ist, weil eine solche Frage überhaupt niemals zur Lösung gelangt. Sie entwickelt sich stets weiter. Die vierzig Jahre seit dem Jänner 1896 haben uns dies gelehrt. Ein Jahr später war das Baseler Programm da, das die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk als Aufgabe des Zionismus erklärte. Zwanzig Jahre dauerte eis dann bis zu dem Beschluß des englischen Kabinetts, in der Baifour-Deklaration, dem nationalen Willen de« jüdischen Volkes die Unterstützung Englands zuzusagen. Weitere fünf Jahre verstrichen dann bis zur Erteilung des Mandates. Und heute steht bereits fast die erste halbe Million Juden auf dem Boclen des Landes, und sie zeigt in ihrem Widerstand gegen den Gesetzgebenden Rat, daß sie von Herzls Programm nicht abweioht. Dieses Programm ist ein einziges Wort: Der Judenstaat. Herzls Idee ist Tat geworden, die täglich aus sich neue Taten erzeugt, neue Ideen schafft. Herzl ist als Journalist ein aufmerksamer Beobachter der Ereignisse gewesen und er hat die österreichischen Nationalitätenkämpfe mitangesehen, in denen sieh deutlich das Streben der slawischen Völker nach autonomer Gestaltung ihres Lebens zeichnete. Diese® selbe Streben wollte Herzl in das jüdische Volk hmeintragen. Volle Freiheit und Selbstbestimmung für das jüdische Volk ist das erste Ziel. Ein jüdischer Staat mit all den Attributen eines Staates, aber nicht als Kopie irgend eines europäischen Vorbildes, sondern eine sozial ausgeglichene Gemeinschaft, die vor allem auf dem Menschenrecht basiert. Es sind die alten jüdischen Gedanken von der Freiheit des Individuums und der einzigen Geltung der Arbeit als dem belebenden Prinzip des menschlichen Lebens überhaupt. Der Zionismus, wie ihn Herzl in allen seinen Kongreßreden definierte, ist eine neue Form des Zusammenlebens. Er soll die jüdischen Volkstcile zu einer einheitlichen Nation vereinigen, die aus dem Erlebnis der Galuth zu einer höheren, reineren, gerechteren Gesellschaftsordnung gelangt und den anderen Völkern in der Erreichung einer ethischen Auffassung von Staat und Volk vorangeht. In dem Wort „Judenstaat“ liegt etwas anderes, als sich sonst, mit diesem Begriff verbindet. Es dröhnt nicht von 'Staatsautorität, von Marschschritt der Armen — sondern es ist die Zusammenfassung von Menschen zum Zweck der Erhöhung der menschlichen Gesittung. Und diese Abkehr von den europäischen Tendenzen der Unterdrückung, der sozialen Verwirrung, der Bindung des Willens, war es, die dio jüdischo Jugend begeistert hat und die tiefe Wirkung der 'Schrift Herzls begründete. Aus Herzls Broschüre ist eine große politische Bewegung erwachsen. Diese Broschüre hat es zuwege gebracht, daß nach 2000 Jahren wieder eine Tribüne erstanden ist, von der der neu erwachte Wille des jüdischem Volkes proklamiert wurde. Aus dieser Broschüre ist das Werk der Regeneration geworden. Voraus muß man denken/ sich sichern — versichern Phönix iiil i Allgemeine Versicherung»# i Ges«f Wieiii IX«( Alserplad I Aber das bisher Erreichte, so viel und so groß es ist, deckt sich noch nicht mit dem, was Herzl vorschwebfce. Die ungeheuerlichen Schwierigkeiten, die uns auf diesem Weg durch die Wüste entgegentreten, die Einwirkungen der Herkunft aus allen Ländern der Welt, binden unsere ganze Kraft und lassen uns nicht die Zeit, den strengen Forderungen der Herzlsohen Ideen zu entsprej eben. Dio nach Palästina strebenden Juden ■ tragen noch die Laster Europas mit sich, sind innerlich noch nicht frei geworden, und so ist alles, was bisher geschehen ist, nicht, mehr als die Schaffung von technischen Vori aussetzungen. Auch im zionistischen Werk ist noch Galuth. Aber cs ist unsere Hoffnung, daß sieh aus dem Zusammensein, aus der Schule, aus der Arbeit, aus allen Imponderabilien des neuen Lebens, der Staat herausbilden wird, an den Herzl gedacht hat, das freie und gerechte jüdische Volk, das zu den Gedanken der Propheten zurückfindet und die Schlacken von zwei Jahrtausenden von sich wirft. Tule Nussenblatt .* Der Wes zum Judenstaat (Eine h storisdie Studie) „Abends kamen meine 500 Exemplare (des „Judenstaates“). Als ich den Ballen ln mein Zimmer schleppen ließ, halte ich eine heftige Erschütterung. Dieser Ballen Broschüren stellt sinnfällig die Entscheidung dar.“ Herzl in den Tagebüchern am 14. Februar 1896. Die Geschichte der Geburt der Idee und der Berufung Herzls sei hier durch ein bedeutsames und unbekanntes historisches Kapitel ergänzt*). Am 2. Juni 1895, am Pfingstsonntag, findet die Unterredung Herzls mit Baron Hirsch statt. Nach Hause gekommen, „reißt es“ Herzl gleich an den Schreibtisch. Die Tagebücher entstehen. Die Eintragungen beginnen mit einer auf 14 Seiten zusamm en - gefaßten Rückschau seiner Erlebnisse in der Judenfrage, etwa aus den letzten 13 Jahren. Einfach, in großen Zügen, ja, fast verwischten Umrissen, verzeichnet Herzl, was er als Jude litt. Auf diesem Weg entdeckte er die Judenfrage und erdachte er ihre Lösung: durch die Gründung eines Judenstaates. Auf dem zweiten Kongreß formulierte Herzl, von diesem Leid ausgehend, durch den gewandelten Spruch des Deukers, doch philosophisch einwandfrei — den Beweis für die Existenz des jüdischen Volkes. P a t i o r, ergo s u m — ich leide, also bin ich. Man hielt das jüdische Volk für tot. „Wir aber hatten dunkel gefühlt, bevor es in unser Bewußtsein trat, daß dies nicht wahr sei. Der Tod ist ja das Ende aller Leiden; woher kam es also, daß wir litten?“ Und mit der Erinnerung, wie sich dieses Bewußtsein aus den dunklen Gefühlen löste und von ihm Besitz ergriff, beginnt „der Judensache erstes B u c h“. Mit diesen Worten beginnt Herzl seine einzigartigen Tagebücher, in denen nun fortlaufend alles Platz finden soll, was Herzl in der Judensaohe unternimmt. Als ersten Schritt in der Judensache verzeichnet Herzl seinen Briefwechsel mit Baron Hirsch. In den Hintergrund seines Bewußtseins ist ein für seine jetzige Entwicklung bedeutsames Erlebnis aus letzter Zeit getreten. Die Entweihung des „N e u e n G h e 11 o“. „Ich war einmal beim Bildhauer Beer, der meine Büste machte. Während einer Sitzung schilderte ich ihm den modernen Juden und seine Bedingungen. Und ich geriet dabei in die Glut der großen Eruptionen. Als ich wegging, schoß in mir wie ein Basaltblock das Stück herauf, das ich am nächsten Tage anfing und in nicht ganz drei Wochen in unbeschreiblicher Aufregung fertig machte.“ (Herzl an Tewele.) Zwischen dem 21. Oktober und 8. November 1894 entstand das „Neue Ghetto“, das Herzl in seinem Literarischen Testament als sein Lieblingsstück bezeichnet. Von dem nächsten Monaten wissen wir, daß Herzl durch Schnitzler das Stück verschiedenen Bühnen anbieten ließ. Ich glaubte aber, daß wir noch nicht alles wissen, was Herzl in den zwei letzten Monaten des Jahres 1894 in der Judensacbe erlebt hat. Es ist die intensivste Zeit der Dreyfus-Affäre in Paris. Am 24. Dezember 1894 wird D r e y f u s abgeurteilt. Am 5. Jänner 1895 ist Herzl Zeuge der Degradierung des Kapitäns und vernimmt erschüttert den Aufschrei „ich bin unschu 1d ig“. Um deu 15. Jänner 1895, es sind schon einige Tage nach der Degradierung dos Kapitäns, empfängt Herzl den Besuch seines ihm nahestehenden Freundes aus Wien, Moritz Reichenfelds. Noch jetzt zittert in *) Die in diesem Aufsatz wiedergegebenen Schriftstücke stmimen am dem äerzl-Archiv. Herzl die Erinnerung an dies Erlebnis heftig nach. In einem berühmten Pariser Restaurant kommen die Freunde nachmittags zusammen, und in einem über vier Stunden dauernden Gespräch entwickelt Herzl vor Reiohcnfeld neue Ideen über die Judenfrage und jüdische Politik. So hat Herzl bereits am Tage nach der Degradierung Dreyfus im Jänner 1895 seinen zukünftigen Weg der Lösung der Judenfrage betreten. Einige Monate später wendet sich Herzl, einer plötzlichen Eingebung folgend, an Baron Hirsch. Nach der Unterredung mit dem Baron formen sich in Herzl die Gedanken und Einfälle wie Vulkanausbrüche, die Herzl auch bei Nacht keine Ruhe geben. Sie jagen ihn aus dem Schlaf. Es entstehen Bausteine für den mächtigen Traum, den Herzl in -einem Brief an Hirsch vom 24. Mai 1895 als „Plan einer neuen Judenpolitik“ bezeichnet. Am 11. Juni, an dem sich die Notizen und Gedanken besonders zu mehren beginnen, meint Herzl, er werde den „Plan“ in der Form eines Buches für Männer herausgeben. Das Buch soll seinen Eltern gewidmet sein. Die 'Schaffenskraft dauert auch in den nächsten Tagen unvermindert an. Es ist, wie Ilerzl sagt, „keine Arbeit, sondern nur Erleich terun g“. Herzl will diese Gedanken, die er als einen unverlierbaren Schatz aller Menschen, nicht nur der Juden, bezeichnet, auch für den Fall seines unverhofften Todes sichern. Er will sie der P a r i s e r Akademie übergeben. Was soll das plötzliche Auftauchen des Todesgedankens mitten in beseligender und Erleichterung bringender Arbeit am 12. Juni bedeuten? Am 13. Juni beginnt Herzl an der „Rede an die Rothschilds“, die er auch „die F a m i 1 i e n r e d e“ oder „den Familienrat“ nennt, zu arbeiten. Diese Rede, an der Herzl drei Tage (13. bis 15. Juni) arbeitet, bildet die erste zusammenhängende Darstellung des „Planes“ und den ersten Entwurf des späteren Buches: des „Jndenstaates“. Am 14. Juni berichtet Herzl in einem Brief an seine Fra-u, daß er in einem beispiellosen, märchenhaften Arbeitsrausch lebe. Die Finger schmerzen ihn vom Schreiben, der Kopf ist heiß, doch er kann nicht aufhören und an nichts anderes denken. An diesem Tag, es ist Freitag, klagt Herzl über „sehr starke Kopfschmerzen“, die er auf einen heftigen Blutdrang im Kopf zurückführt. Herzl ist von einer Erregung erfaßt, die ihn zu überwältigen droht. Diese Erregung hält Schritt mit denn Schaffensbedürfnis. Beide fließen sie aus derselben Quelle. Herzl selbst meinte, daß so gewaltig erschüttert nur Erfinder werden. „Wenn man was gefunden hat: — wenn das Alchimistengold zum erstenmal aufblitzt.“ Am nächsten Tag — es ist der 15. Juni — notiert Herzl, er habe oft geweint über das Unglück seines Volkes. Und einen Tag später — es ist Sonntag (16. Juni), gibt sich Herzl nach der Fertigstellung seiner umfangreichen Rede aai dio Rothschilds Rechenschaft von dem Zustand seiner Seele in diesen Tagen, an denen „die Gedankengänge erschütternd durch die Seele jagten und er irrsinnig zu werden befürchtet e“. Durch diese Feststellung will er sich selbst kontrollieren, aber er wird die peinigende Qual nicht los. Er unternimmt einen dreistündigen Spaziergang im Bois de Boulogne. Umsonst. Es ist ja auch eine besondere Qual. Es sind Visionen. An diesem ihn bis zur Neige ermattenden Tage sieht er sein Leben vorgezeichnet: das Leben des Privatmensoben hat aufgehört, und die Weltgeschichte hat begonnen. Dio Säkularisi’örun/g des Judentums durch Herzl, vo» der Ado.lf BQkm fe. Stifter tiefschürfenden Darstellung der Wirksamkeit Herzls spricht, sic muß sich an diesem Tage in der Seele Herzls vollzogen haben, als der 35jährige Herzl den scehzigjährigen, hochangesehenen, den geistlichen Beruf ausübenden Gelehrten, Oberrabbiner M o r i z Gtidemann, zu seinem „Boten“ erwählte. Berufung und Beruf sollten sich in gemeinsamer Arbeit für das "Wahl des Volkes finden. Herzl erwählte eigentlich zwei Boten, sie sollten, „ein Geistlicher vom Weltlichen unterstützt“, in gemeinschaftlichem Gang vor Rothschild die Worte Herzls — die Lösung der Judenfrage — bringen. So lautete sein Brief an Giidcmann. Ein neuer Sachwalter des jüdischen 'Schicksals, durch seine Berufung legitimiert, trat in Erscheinung. Krise und Berufung An diesem denkwürdigen Sonntag, den 16. Juni 1895, an dem Herzl klar den Satz formulierte: „Der Juden Staat ist ein W e 11 b e d ii r f n i s“, spöttelte Schiff gegen Herzl, er sähe aus, als habe er den lenkbaren Luftballon — ein damals als Utopie viel belachter Gedanke —, erfunden. Herzl schwieg und dachte: Vielleicht! In den Tagen des „Arbeiter a u sehe s“, der für Herzl eine Vernachlässigung seiner beruflichen Pflichten zur Folge hatte, versah seinen Dienst für ihn Emil Schiff, mit dem er notwendigerweise täglich Zusammenkommen mußte. Herzl schätzte Schiff, mit' dem er befreundet war, sehr hoch. Am 10. Juni, sechs Tage vor der spöttischen Bemerkung des Freundes, denkt Herzl an Schiff als seinen Sekretär, dem er für die Erschließung des Judenlandes hohe und wichtige Aufgaben geben will. Die spöttische Bemerkung am Sonntag veranlaßte Herzl, seinem Freunde am nächsten Tage die geheimnisvolle Entdeckung, also „den Plan“, mitzuteilen. Dem Spott des Freundes wollte er den Ernst der Sache Vorhalten. Was zwischen den Freunden vorgeirangen ist, hat Herzl in seiner Selbstbiographie, die er eineinhalb Jahre nach diesem Ereignis niodersohrieb, so znsamimengefaßt: „Als ich mein Buch (Rede an die Rothschilds) beendigt hatte, bat ich einen meiner ältesten und besten Freunde, das Manuskript zu lesen. Während er es las, fing er plötzlich an zu weinen. Ich fand diese Erregung ganz natürlich, da er ein Jude war; ich hatte ja auch manchmal beim Schreiben geweint. Aber zu meiner Bestürzung gab er einen ganz anderen Grund für seine Tränen an. Er dachte, ich wäre irrsinnig geworden, und, da er mein Freund war. machte ihn mein Unglück sehr traurig. Er lief weg, ohne ein anderes Wort zu sagen. Nach einer schlaflosen Nacht kam er zurück und drang in mich, die Sache zu lassen, da mich jeder für irre halten würde. Er war so erregt, daß ic.h ihm alles versprach, um ihn zu beruhigen. Dann riet er mir, Max Nordau um Rat zu fragen, ob mein Plan der Gedanke eines zurechnungsfähigen Menschen sei. Ich werdo niemand fragen, war meine Antwort; wenn meine Gedanken einen solchen Eindruck auf einen gebildeten und treuen Freund machen, werde ich den Plan aufgeben, Ich hatte dann eine schwere Krise durchzumachen.“ Der Zusammenprall war heftig. Die seit Tagen andauernde innere Erregung erhielt jetzt von außen, von seinem Freund und präsumtiven Mitarbeiter, einen mächtigen Stoß. Herzl verlor sein Gleichgewicht. Erschöpft und ruhelos sucht er nach einem Weg, der ihn aus seiner Seelenqual befreien könnte. Er beschließt, sich an Bismarck, „den gesunden Übermensche n“, zu wenden. Ein für Herzl besonders charakteristischer Zug. Selbst ein Hindernis muß zu einem Erfolgverhelfen. Mit dem Brief an Bismarck (19. Juni) gibt Herzl seinem Plan eine neue Wewdung. Herzl betritt den Weg der künftigen diplomatischen Verhandlungen, durch die er die Judenfrage, zur Weltfrage machen will. C509+C 999999 11