Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 514 (14.1.1936)
- Date
- 1936-01-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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14. Jänner 199fl DIB ST1MMB Se1t9 5 Nr. 514 - . Rosenberg antwortet James MacDonald Der Brief, in welchem der Flüchtlingskommissär James MacDonald dem Völkerbund seinen Amtsrücktritt an zeigt, hat, wio man weiß, ein« Darstellung des Lebc-ns der Juden unter den Nürnberger Gesetzen gegeben. Der Brief hatte seine Bedeutung darin, daß er die erste öffentliche Äußerung einer offiziellen, unter der Verantwortung des Amtes stehenden Persönlichkeit war und daß diese Äußerung sich auf amtliche Urkunden des Dritten Reiches stützte. Dieser Brief ist in Deutschland der Bevölkerung in einem Auszug vorgesetzt worden, der ihr gerade die Hauptpunkte der Anklage MacDonalds vorenth ä 11. Wenn man sich an die Art erinnert, in der in Deutschland die amtliche Mitteilung des amerikanischen Staatsdepartements, daß der Richter Brodsky kein Jude und kein Judenstämm- 1 i ng ist, zur Kenntnis der Bevölkerung gebracht worden ist, so braucht man sich über diese neue Schiebung nicht zu wundern. Sie gehört in das System. Den Deutschen wurdo also nur erzählt, „James MacDonald macht die deutsche Rassegesetzgebung für seinen Entschluß verantwortlich und behauptet, die Juden in Deutschland hätten während der Kaiserzeit und während des Krieges eine ständige Loyalität bewiesen, hätten in hohem Maße für die Fortführung des deutschen Kampfes beigetragen und während der Republik viele der schlimmsten Wirkung’en der deutschen Niederlage abigewandt.“ Das ist die wörtliche Wiedergabe des Berichtes im „Völkischen Beobachter“ vom 4. Jänner uind an dieses Exzerpt knüpft dann Alfred Rosenberg seine Gegenbetrachtungen. In, Wirklichkeit ist der Hinweis auf die Loyalität der Juden nur ein sehr geringer Teil des Briefes, der sich ansonsten mit den Wirkungen der Nürnberger Befehle des Hitler befaßt und ein Eingreifen des Völkerbundes fordert. James MacDonald stellt fest, daß sich die Verhältnisse seit zwei Jahren so katastrophal entwickelt haben, daß eine Lösung mit philanthropischen Mitteln nie hir^m ehr ausreicht, daß vielmehr eine Überprüfung der Situation durch den Völkerbund unerläßlich geworden sei: Diese Folgerungen sind in Deutschland weggelassen worden und so macht sich Rosenberg daran, sich mit dem zu beschäftigen, was ihm in den Kram paßt. Und wo er nicht ans legt, legt er unter. Er tritt, einen Beweis dafür an, daß die Weltpolitik des Judentums und namentlich seiner zionistischen Spitzengruppe während des Krieges eindeutig auf die Entente eingestellt war. „Es war kein Zufall, daß der Präsident der zionistischen Weltorganisation and damit der Leiter der zionistischen Weltpol itiik in London amtierte.“ Dieser Zufall existiert nur bei Rosenberg. Die Leitung der zionistischen Weltorganisation befand sich bis zum Krieg in Deutschland; das zionistische Zentralorgan „Die Welt“ wurde 1904 von Wien nach Köln und 1910 nach Berlin verlegt. Erst nach Kriegsausbruch übersiedelte das Zentralbitro nach Kopenhagen und ging erst 1916 nach London. Für die antideutsche Haltung des Zionismus —• dessen Zielen die deutsche Regierung im Jahre 1915 und die österreichisch-ungarische Regierung im Jahre 1916 ihre Unterstützung zusagten! — zitiert Rosenberg auch Äußerungen. „Lazar Pincus konnte freudestrahlend ansrufen, daß nach der Balfour-Deklaration die Sympathien des gesamten Judentums auf Seiten der Entente gestanden hätten.“ Wahrscheinlich ist dieser freudestrahlende Ausruf unwahr, aber wenn er erfolgt ist, so geschah dies eben nach der Balfour-Erklärung, und beweißt im übrigen nicht das geringste für die Stimmung der Juden in den Mittelstaaten. Allerdings hat die Entente nicht wie Deutschland eine Judenzählung während des Krieges durchgeführt. Weiters führt Rosenborg Äußerungen des „J uden Stampfe r“, des „ J u d c n E i sn e r“, des „Juden Oscar C o h n“ (in Verbindung' mit dem katholischen Politiker Friedrich Wilhelm Förster, den Rosenborg einen aus französischen Quellen bezahlten Landesverräter zu nennen sich untersteht!) und Georg Bernhards an, die sämtliche nichts zu dem Thema besagen und mit dem Zionismus oder mit zionistischer Politik in nicht den geringsten Zusammenhang zu bringen sind. Aber Rosenberg geht dann auf den Zionismus «in und entdeckt ihn. Man denke: Der Zionismus strebt eine jüdisch-nationale Heimstätte an. Der ganzen Welt ist daß seit dem August 1897 bekannt, als der erste Zionistenkongreß in Basel das sogenannte Baseler Programm proklamierte. Das ist öffentlich geschehen und Tausende von Zeitungen haben es mitgeteilt. Die Rosenbergs aber waren damit beschäftigt, diesen ersten Zionisbenkongreß um zu fälschen und die berühmten „Weisen von Zion“ zu enthüllen. Alfred ^Rosenberg, der politische Wunderknabe des Dritten Reiches, ist erst jetzt auf die Spur des Zionismus gestoßen, und er verfolgt sie mit aller wissenschaftlichen Genauigkeit. Nichts entgeht ihm. Am 20. Juni 1925 hat die ,,Wiener Morgenzeitung“ geschrieben, daß England nur des Mandats wegen in Palästina sitzt. Eine Unkorrektheit muß es immer bei Rosenberg geben, und wir stellen deshalb fest, daß die „Wiener Morgenzeitung“ niemals ein amtliches Organ des Zionismus gewesen ist. Aber es ist wirklich so, daß die Zionisten in England den Treuhänder des Völkerbunes seheD und daß sie die nationale Heimstätte ihres Volkes in Palästina aufbauen wollen. Wir leugr.en das nicht, und wir fügen zur Bereicherung des Wissens Roeenbergs hinzu, daß zu diesem politischen Zweck schon seit vierzig Jahren «ine eigene Institution, die zionistische Organisation besteht. Daß sie auch in Deutschland Anhänger hat, geben wir gleichfalls zu. In diesem Sinne gibt es auch eine zionistische Weltpolitik, und wir Zionisten nehmen es nun einmal als unser gutes Recht in Anspruch, überall, vvo .wir leben, für das jüdische Volk und für die jüdische nationale Heimstätte zu arbeiten, und wk tun das, ohne das Dritte Reich um dieErlaubnis zu bitten. Was aber hat der ganze Exkurs des Rosenberg auf das zionistische Gebiet mit dem Brief James MacDonalds zu tun? Nichts, gar nichts. James MacDonald sagt, daß in Deutschland ein« halbe Million Juden vernichtet werden, daß sie ausgeraubt werden, daß ihnen in Nürnberg die politischem Rechte genommen wurden, daß sie durch Terror, Betrug, Meineid zur Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit getrieben werden. Das sind Anklagen, und Rosenberg müßte sie doch irgendwie zu entkräften suchen. Aber alles, was er zu erwidern hat, ist das Bedauern, „daß di« Rassegesetzgebung nicht vor hundert Jahren eingeführt wurde.“ Das ist alles. Aber der „Völkische Beobachter“, dessen Hauptschriftsteller dieser Rosenberg ist, hat die Hintergründe des Rücktritts MacDonalds a u f g « hellt. Am 7. Jänner serviert er sie. Der Rücktritt ist von Sowjetrußland, bekanntlich der führenden jüdischen Macht, im Aufträge der Freimaurer herbeigeführt worden. Es ist eine halsbrecherische Logik, aber der „Völkische Beobachter“ hat’s entdeckt. Der italienische Faschismus muß niedergeworfem werden, um den Sowjets die Tore Italiens zu öffnen. Das geht aus dem „Gringoire“ vom 18. Dezember hervor, der von zwei geheimen freimaurerischen Publikationen weiß, die von dem Großmeister Italiens, dem Brüder Nathan und der Schwester Maria Rygier herrühren und die befehlen, „Frankreich darf solange nicht in Beziehungen zu Italien treten, als der Faschismus nicht niedergeschlagen ist.“ Daraus würde sich die Ohnmacht der Freimaurer ergeben, denn Frankreich ist ja in Beziehungen zu Italien. Aber für Rosenborg ergibt sich die „offensichtliche Übereinstimmung zwischen den Zielen des Großorinnt und der sowjetrussischen Vülkorbundpolitik.“ Das kleine Detail, daß in Rußland die Freimaurerei verboten ist und daß der „Bruder Nathan“, der elmmalige Bürgermeister von Rom, seit zehn Jahren tot ist, stört diesen Gedankenflug nicht. Aber man fragt sich vergebens, was denn diese ganze erstaunliche Enthüllung mit den Anklägern MacDonalds zu tun hat? Was sie enthalten, spielt sich doch vor den Augen der Welt ab, und MacDonald hat seinem Schreiben eine Sammlung deutscher Gesetze angescblossen. Wenn’s noch lange so weiter geht, haben di« deutschen Juden die Nürnberger Gesetze diktiert... Stellt denn nicht auch im letzten Absatz der „Protokolle“, daß der Antisemitismus ein Mittel der „Weisen von Zion“ ist? Aber dieser Rosenberg macht in Deutschland Politik. Si« sieht danach aus. Das Volk Goethes und Kants unter der Knute eines davongelaufenen russischen Landsknechts! American Jewish Committee fordert Völkerbund - Intervention New York, 10. Jänner. Das American Jewish Committee, der repräsentative Ausschuß der amerikanischen Juden, hat eine Resolution angenommen, in der der Völkerbund aufge- Tordert wird, die deutsche Regierung wegen der Verfolgung der Juden und der Religionen in Deutschland, durch die ein wirtschaftlicher Ruin heraufbeschworen wird, vor den Internationalen Gerichtshof im Haag zu zitieren. Deutschland streicht den Juden die Pensionen Der Reichs- und preußische Minister des Innern Dr. Fr ick hat unter dem 20. Dezember 1935 einen R u n d e r 1 a ß an die Reichsbehörden gerichtet, in dem zur gleichmäßigen Behandlung der nach § 4, Absatz 2, der Ersten Verordnung zum Reiclisbürg«ngesetz mit Ablauf des 31. Dezember 1935 in den Ruhestand tretenden jüdischen Beamten unter anderem bekanntgegeben wird: 1. Die jüdischen Beamten treten kraft Gesetzes in den Ruhestand. Mit der Versetzung in den Ruhestand ist nicht ohne weiteres ein Ruhegehalt verbunden. Die Beamten erhalten deshalb nur dann ein Ruhegehalt, wenn sie es nach den gesetzlichen Vorschriften erdient haben. Das gilt auch dann, wenn diese Beamten Frontkämpfer sind. § 4, Absatz 2, Satz 2, a. a. O. regelt nur die Höhe des zu zahlenden Ruhegehaltes und schafft nicht über die bisher geltenden Bestimmungen hinausgehende neue Voraussetzungen für die Gewährung von Ruhegehalt. 2. Als Frontkämpfer gelten nur die in der Dritten Verordnung zur Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Beruftsbeamtentums vom 6. Mai 1933 (RGBl. I. S. 245) zu § 3, Nr. 3, bezcichnnten Personen. Beamte, deren Väter, Söhno oder E h e m ä n n e r im Weltkriege gefallen sind, fallen nicht unter diesen Begriff. 5. Soweit noch jüdische Wartestandsboamte vorhanden sind, treten sie gleichfalls mit Ablauf des 31. Dezember 1935 in den Ruhestand. Frontkämpfer erhalten das Wartegeld als zuletzt bezogene ruhegehaltsfähige Dienstbezüge, und zwar auch dann, wenn sie im Zeitraum ihres Ausschei lens als nicht planmäßige Beamte voll beschäftigt waren. Das Wartegeld ist dann gegebenenfalls neu zu berechnen. In Streichers Reich Das fränkische Städtchen Roth bei Nürnberg ist seit dem 1. Jänner, nach Meldung der „Fränkischen Tageszeitung“, völlig judenfrei. Furtwängler gleichgeschaltet Aus Budapest wird berichtet: Das am 7. d. abgehaltene Furtwängler-Konzert, ureprünglich als Mendelssohn-Schumann-Abend gedacht, wurde auf Wunsch Furtwänglere in einen Beethoven- Schumann-Abend umgeändert, was damit Zusammenhängen soll, daß 6ich Furtwängler mit den führenden deutschen Kreisen versöhnt hat und daher wie auch in Wien Mendelssohn nicht mehr dirigiert. Jüdische Winterhilfe betreut 75*000 Menschen Berlin, 10. Jänner. (2. T. A.) Die jüdische Winterhilfe hat im gesamten Deutschen Reich etwa 75.000 Personen zu betreuen. Unter den Unterstützten befinden sich nicht nur Glaubensjuden; bei Mischehen wird die ganze Familie von. der jüdischen Winterhilfe betreut, wenn der Haushaltungsvorstand jüdisch ist; ebenso erhalten ausländische Juden Unterstützungen. Die Zahl der in Berlin Betreuten beträgt 25.258 Personen. Auf Grund der Volkszählung von 1933 würden damit fast 16 Prozent der Berliner Juden Unterstützung empfangen. Die Zahl der Unterstützungsempfänger in Breslau mit 4001 dürfte fast 20 Prozent der dortigen Juden betragen. In Frankfurt am Main erhalten 3409 Personen Unterstützung, das heißt über 13 Prozent der dortigen jüdischen Bevölkerung. Für Köln beträgt die Zahl 1859 oder rund 12.5 Prozent. In Leipzig werden 1653 Personen, in Hamburg 2604, in Stettin 467 oder fast 20 Prozent der dort lebenden Juden unterstützt. Jüdischer Student in Polen ermordet Warschau, 9. Jänner. (2. T. A.)’ In dem Städtchen Marowicki wurde der dort zum Ferienaufenthalt bei seinen Eltern weilende jüdische Hochschüler L e s z c z von Antisemiten auf der Straß© überfallen und mit Eisenstäben totgeschlagen. Drei der Angreifer wurden verhaftet. f,Deutscharisches Adreßbuch für Österreich“ Voraus muß man denken/ sidi sidiern — versichern Phonix Allgemeine Versilberung»« Ges., Wien, IX., Alserplats 3 Von der Firma Rudolf Kolroser erhalten wir folgende Zuschrift: Sie schreiben in der Zeitung „Die Stimme“ vom Dienstag, den 17. Dezember 1935, Nummer 508, Jahrgang 9, auf Seite 2, unter dem Titel „Deutscharisches Adreßbuch für Österreich“, daß dem Vorwort dieses Adreßbuches zu entnehmen ist, daß die im Verzeichnis enthaltene Firma Rudolf Kolroser, Wien I, den Besuch jüdischer Kunden nicht wünscht. Diese Behauptung ist unwahr. Wahr ist vielmehr, daß dem Vorwort nicht zu entnehmen ist, daß die im Verzeichnis enthaltene Firma Rudolf Kolroser, Wien I, den Besuch jüdischer Kunden nicht wünscht. * Auch diese Firma geht um die Frage herum, o b sie nun den Besuch jüdischer Kunden wünscht. ZIONISTISCHER LANDESVERBAND FÜR ÖSTERREICH Samstag, 18. Jänner 1936, ‘/,9 Uhr abends, Offenbachiaal, IV., TieltlstraSe 3 (neben Porrhaus) «prlcht der berühmte Philosoph und Dichter MAX BROD „INDIVIDUUM -VOLK- MENSCHHEIT“ Karten e rh 8 l.t 11 c ht Zion. Landesverband, I., Marc-Aurel-Str. 5, U 22-2*11/Sämtl. Zion. Bczirks^ektianen; Wizo, I., Schottenring 25, A 11-6-26/Jüdische Kunststelle, I., Franz-Josefs-Kai 3, R 28-2-36/Bücherstube Rath, II.,Taborstr. 20a, R 45-305/ Bücherstube Lanyi, I., KSrntnerstr. 44, B 25-6-75/ B eherstube löwit, I., Wollzeile 6, R 21-4-25 55296^37 C:/..B