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Die Stimme · 1936-01-09 · Heft 513 (9.1.1936) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 513 (9.1.1936)
Date
1936-01-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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SeTftf 4 Dil 8TIMM1 Nr 513 — fl. Jänner 1936 3xBERGMtHHU RABENSTEIG3 *HIMMtLPFORTQ. 5 KÖLLNERHOFG. 1 SÄMTLICHE ARTIKEL IN WÄSCHE UND WIRKWAREN SPOTTBILLIG! FÜHREND IN ETERNA-HEMDEN (von S 680 aufw.) Tu (diu. Beiiahhia Er tcar ein großer Jude und ein großer Diener Großbritanniens. Glücklich und weise muß das Land sein, das solche Dienste m Anspruch nimmt. (Daily Express.) E'm Jude ist gestorben — und das ganze English Empire trauert. Der König von England telegraphierte der Witwe Lord Eeadings: „Die Königin und ich wurden durch die Nachricht vom Tode Ihres edlen Gatten in tiefe Trauer versetzt. Die Nation wird seine Dienste für den Staat ewig im Gedächtnis behalten. Wir sprechen Ihnen und Ihrer Familie zu diesem Ihren unersetzlichen Verlust unser tiefes Mitgefühl aus.“ Der Primce of Wales, der Herzog von York, der Prinz Arthur of Ccmnaught und die Prinzessin Helena Victoria, die Kinder des Königspaares standten ebenfalls Beileidskundgebungen an die FamiMe des Marquis of Beading. Hinter dem Sarge, der mit der Flagge der „Fünf Häfen“ bedeckt war, deren „Herr“ der Jude Bufus isaacs, der nachmalige Lord Beading war, schritten die ersten Männer des englischen Weltreiches. Sie erwiesen dem toten Staatsmann, dem ehemaligen Außenminister und Vizekönig von Indien, ihre Reverenz. Tote Juden werden auch anderwärts — Deutschland ausgenommen — geehrt. Aber die Minister lassen sich dabei vertreten. Es erscheint nur die zweite oder dritte Garnitur. Zur Bestattung des Juden Lord Beading aber erschien eine Reihe Mitglieder des britischen Kabinetts unter Führung des Außenministers Anthony Eden. Erschienen waren in der Synagoge ferner zahlreiche hervorragende Persönlichkeiten des englischen öffentlichen Lebens und die Mitgliederdes diplomatischen Korps. Ehrung der Toten ist eine schöne Sache. Schöner aber ist die Ehrung der Lebenden, denen „fahr play“ die Möglichkeit gibt, ihre besten Kräfte dem Vaterlande zu widmen. Glücklich das Land, das dem Tüchtigsten freie Bahn gibt und nicht nach Stand und Geburtschein oder nach der arischen Großmutter fragt, bevor eine Staatsanstellung zur Besetzung gelangt. Der ehemalige Schiffsjunge Bufus Isaacs konnte sich entfalten, weil ihn weder offener noch versteckter Antisemitismus hinderte, sehe genialen Fähigkeiten zu entwickeln. Aus dem Bechtsanwalt wird der Lord Chief Justice, der Botschafter Englands im den Vereinigten Staaten, der Vizekönig von Indien, der englische Außenminister. Und jedermann weiß, daß es ein Jude ist, der diese sensationelle Laufbahn durchläuft. Denn Isaacs macht aus seinem Judentum kein Hehl, bekennt sich stolz als Jude und ist Zionist. Was wäre aus Isaacs geworden, hätte er in Deutschland gelebt? Der Vizekanzler der Vor einem Jahr haben wir gehört, daß die Sowjetregierung im Femen Osten eine jüdische autonome Republik gegründet hat, mit Amtssprache, Landesverteidigung usw. Es handelte sich um das bekannte Birobidschan, die jüdische Siedelung, mit der der Bolschewismus seine Art der Behandlung der jüdischen Frage aufzeigen wollte. Nachdem das Krimprojekt verkracht war, wollte das amerikanische Judentum nichts mehr hergeben. So schuf die Jewsekzia die Republik von Birobidschan. Aber so sehr man sich ansfcr engte — es war über diese Republik nichts Näheres zu erfahren. Die Siedlung hat schon seit. 1926 existiert, ehe Moskau die Staatsgründung bekanntgab. Birobidschan, das soll das bolschewikisehe Gegenstück zu Palästina sein, die proletarische Konkurrenzklausel zum Zionismus,. :der den Moskauern ein Dom im Auge ist, ühd zu dessen Bekämpfung eie auch jüdische Kommunisten kommandieren, die dann in Palästina das arabische Volk gegen das '„imperialistische, Judentum“ zu hetzen haben. Aber sö wenig man.,auch über Birobidsohan erfahren konnte, so war doch bei vielen die Vorstellung einer aufcohömen Republik entstanden, in der sich Juden frei Universität in Birmingham hat diese Frage i in einem Brief an die „Times“ beantwortet: Ein Emigrant, der in Wien oder Prag mit Bureauartikeln hausieren geht, eh Häftling in einem Konzentrationslager, oder ein „auf der Flucht“ Erschossener, ln England wurde er der erste Pair des Weltreiches. Ein schlechtes Sprichwort sagt, jedes Land habe die Juden, die es verdient. Richtig müßte es heißen: Jedes Land hat seine guten Juden, es muß sie nur an die Oberfläche kommen lassen, „Fair play“ ist ein englisches Wort. Als Wort und als Prinzip ist es im vielen Ländern ein Fremdwort. Im englischen Weltreich weiß man, was „fair play“ heißt und hält das Prinzip des „fair play“ hoch. Glückliches England! | und wenn auch innerhalb des Bolschewismus, so doch jüdisch ausleben können. L i 1 i K ö r b e r, die tapfere Frau, der wir! „Eine Jüdin erlebt das Dritte Reich“ ver- | danken, ist eben jetzt in Birobidschan gewesen. Sie hat Japan und China bereist, mit hellen unbestechlichen Augen diese gelbe Welt beobachtet. Auf der Heimfahrt macht ' sie in Birobidschan halt, in der Hauptstadt der autonomen jüdischen Republik. In dem eben jetzt im Biblos-Verlag erschienenen Buch „Begegnungen im Femen Osten“ schildert sie ihren Aufenthalt „unter jüdischen Robinsonen“. Aber was sie erzählt, stimmt so gar nicht zu den politischen Potemkinaden, die uns Moskau vorstellt. Es ist eine Siedlung wie irgend eine. Bira und Bidschan sind zwei Nebenflüsse des Amur. Der Rayon umfaßt 70.000 km2, von denen 60 Prozent bewaldet sind. Die „Stadt“ Birobklscham hat 7000 Einwohner, das ganze Gebiet 52.000, davon 12.000 Juden. Die Siedlung macht einen freundlichen, eauberon Eindruck. Also kaum ein Viertel dieser angeblich jüdischen Republik ist jüdisch. Religion, Feiertage? Gibt’s nicht. Die Leute leben sehr ärmlich, leiden unter Überschwemmungen, obzwar das Land fruchtbar ist und auch reiche Mineraischätzo besitzen soll. Die Kinder sind noch recht schlecht ungezogen, die Schule hat Parallelklassen, jiddisch und russisch. Von Hebräisch keine Rede. Es ist keine Republik, am wenigsten eine jüdische. Weshalb aber ist die Sowjetregierung gerade darauf verfallen, hier eine Judcnsiedlung zu schaffen? Frau Korber spricht es aus: „Nun verstehe ich auch, warum die Sowjetrogierung diesen Landstrich der jüdischen Kolonisation angewiesen hat: Jenseits des Amur, in der Mandschurei, stehen nicht nur japanischo Truppen, sondern auch die Bataillone der Weißgardisten...“ Es ist also eine Art jüdischer Grenzer. Aber wje lange können die paar Leute, wenn der Krieg einmal kommt, die japanisch-inandschuriscliweißrussisoho Armee aufhaltcn? Sie sind finden ersten Stoß gerade gut genug. Aber dieser Stoß geht über jüdische Menschen, vernichtet ihre Hoffnungen, ihre Arbeit. Ist der Plan klar? Das ist die jüdische Republik. Und nun stelle man ihr das jüdische Palästina gegenüber. 30.000 deutsche Juden hat es im Vorjahr aufgenommen. Und Birobidschan? Frau Körbor macht dem Redakteur des „Birobidschaner Stern“ bittere Vorwürfe, daß die Leute sich nicht der mitteleuropäischen Juden annchmen. „Was sollen wir denn tun?“ antwortet der Vorsitzende: „Es meldeten sieh bei uns 500 deutsche Rechtsanwälte und 1000 Zahnärzte.“ „So viel Zähne haben wir gar nicht“, lacht ein junger Mensch. ,,Und dann, wir nehmen nicht gern Westjuden. Sie sind zu verwöhnt, sie halten es nicht aus.“ Die Autorin wendet richtig ein, schließlich werden auch in Palästina geistige Arbeiter umqualifiziert. Aber das ist Birobidschan und. das ist Palästina. Die Zionistische Ortsgruppe und WIZO „KlagenSurt“ veranstaltet Samstag, (len 11. Jänner, eine Makkabäer-Feier. Der Reinertrag fließt zur Gänze dem Keren Kajemeth zu. Die jüdische Republik am Amur J ehuda Ehrenkranz liest Von Dr. Franz Kobler Fast ganz verfinstert wird der Saal, bevor Jehuda Ehrenkranz das Podium betritt. Dann, plötzlich in schwarzer, hochgeschlossener Kleidung unhörbar erscheinend, eilt or auf den Vortragstisch zu. Das Licht der Glühbirne fällt auf ein edles Jünglingsgesioht. Regungslos verharrt nun, mit Gebärden sparend, die seltsam-anmutige sitzende Gestalt. Nur das Blatt zu wenden, taucht ab und zu die Hand aus der Tiefe empor, in die sie bescheiden gleich wieder versinkt. Jehuda Ehrenkranz liest. Er trennt sich, wie immer er den Text inne hat, nie vom Worte, das geschrieben steht. Andacht und Ehrfurcht von dem in Schriftzüge gebannten Geist, das tiefste Erbteil seines Stammes, drückt seine Haltung aas. So, in frommer Scheu, beugten sich hunderte Geschlechter Israels über das Buch, so „lernten“ sie aus ihm, so machten sie es hörbar und wirkend. In ihren Spuren wandelt Ehrenkranz. Er Ist Jünger, Dienender. Er neigt sich nicht nnr über das geschriebene Wort, er beugt sich vor ihm, um in Demut alle darin verborgenen Schätze hervorzuholen. Mit dem edelsten Instrument, das ihm ein gütiger Himmel verlieh: mit seiner Stimme. Einer Stimme, weich und warm, gleich dem Ton des Cellos, in der viele Stimmen wohnen, wio die Fülle der Blüten im Keim: Stimmen von Kindern und Greisen, Männern und Frauen, hohe Stimmen und tiefe, Stimmen von Mächtigen und Propheten, von Gequälten und Darbenden — von diesen vor allem —, Stimmen der Klage, der Anklage, des Gerichtes und der Gnade. Hebt Elrrenkranz zu lesen an, dann Ist ee, als dirigierte er edu unsichtbares Orchester aus aufgeschlagener- Partitur, „Rezitieren — das heißt Stimmen der Geister zitieren“, so sagt er selbst mit tiefstem Recht von sich selbst. Er ist Beschwörer, der aus den stummen Zeichen der Schrift Gestalt und Schicksal in ein raumloses Sein bannt. Nein, er wetteifert nicht mit der Bühne, und ihre Gesetze sind nicht die seiner Kunst. Hier ist eine eigene, seine Kunst am Werke. Ein magischer Film rollt ab auf unsichtbarer. Leinwand. Ja, die Unmittelbarkeit, mit der die durch den Zauber des gesprochenen Wortes vermöge einer unerhörten stimmlichen Wandlungsfähigkeit entbundenen Bilder einander folgen, gemahnt an den pausenlosen Fluß des laufenden Filmbandes. Prosa ist das Element Ehrenkranzscher Kunst. Durch die Rhythmen der gebundenen Sprache, so meisterhaft er sie. wiederzugeben vermag, fühlt ersich beengt. Der Drang des Menschen . dieser Tage nach neuer Form, doppelt stark, in Jehuda Ehrenkranz, da er zugleich der jsieh wandelnde Jude dieser Tage ist, hat seind Neigung-zur hörbaren Gestaltung ungebundener Spräche bestimmt. Weil die bindende, formende,''gestaltende Kraft in ihm übermächtig ist, kann ihm das geschlossene, überbestmimte Gehäuse des Gedichtes nicht genügen. Sehnsucht nach höchster Bindung treibt Ihn: Zusammenzuschmieden im Feuer seiner Sprache die Schicksale der Geschlechter, Zwiespracho herbeizuführen zwischen Lobenden und Toten, roden und rufen lassen die Kehlen Verschollener, in eins zu schmelzen, Schluchzen und Jauchzen, gestammeltem Laut des Erniedrigten und die Ekstase des Sehers. Tradition —Ehronkranz fühlt sie sich auferlegt als persönliche Aufgabe. Er weiß, daß „Sago“ immer auch sinnvolles Verknüpfen, daß sie ans Ahnen und Wissen um den Zusammen,hang des Gesagten gewoben Ist. Und er bat die 'einende Weisheit des ‘Überschauenden und Überliefernden. Sie spricht aus seinem Humor, der, wie bei den Größten, nicht bloß menschliche Kleinheit und Schwäche besebeint, sondern allgegenwärtig ist, tröstend und versöhnend. Die zweite Seite dieser Weisheit ist das Vermögen des Wählen«, Ordnens und Zusammenfügens. Es gibt ihm den Halt in der ungeheuren Fülle, die sich seiner Kunst als Objekt darbietet. Drei Sprachräume schneiden sich in ihm, dem Juden der großen Wende. Mit höchstem Rocht darf er sich in allem Bürger nennen. Im Jiddisch seiner bessarabischen Heimat wurzelt die urwüchsige Kraft seiner Kunst, aber zweimal — in der deutschen und in der hebräischen Sprache — erfuhr sie eine wunderbare Neugeburt. Nie verirrt sieh aus seinem Munde ein fremder Ton über eine Sprachgrenze. Dennoch sind alle drei Sprach Charaktere in ihm zu rätselhafter Einheit verschlungen. Darum vermag eir, wie kaum ein Zweiter, die ..köstlichen Sagen, Legenden und Schnurren des jüdischen Ostens, Einfalt uind Ekstase aus der Welt von Soholem Aleichem und J. L. Perez nach dem Westen zu tragen, darum, hielten die Chaluzim in den Kwuzot-h den Atem an, als er ihnen erregende Kunde vom europäischen Kontinent hinüberbrachfce und, darum geht von dem aus Palästina Zu- .rUc-kge^elirten, von Palästina bereicherten Jehuda Ehrenkranz eine gewaltige Erhebung upd Erschütterung aus. Es ist eine wundersame Vorstellung, daß dieser wandernde Künder der' jüdischen Gegenwart, daß ' Jehuda Ehrenkranz demselben Geschlechte entstammt, aus dem vor hundert Jahren' Benjamin Wolf Ehrenkranz hervorging, der nntor dem Namen Wölwel Zbarazer als gottbegnadeter „fahrender Sänger des jüdischen Humanismus“ von Tausenden geliebt und verehrt, von Gemeinde zu Gemeinde umherzog, bis er, fern von der Heimat, in Konstantinopel, den Tod und das Grab fand. So umspannt — verheißungsvolle Fügung der Geschichte! — verwandte Sendung zweier Bluts- und Geistesverwandten Anfang und Ausgang einer Epoche, de-h Us^odaüf^ahe. (Neue Variante.) Die sechs Sitze eines Zugsabteils sind besetzt von den Ilerr&n Kolm, Lcvy, Hermann, Buben, Simon und Guttmann. Sie gehören sechs verschiedenen Bichtungen im Judentum am und jeder hat sein Leibblatt bei sich. Der Judenstaatler die „Neue Welt“, der Agudist die „Jüdische Presse“, der Mann vom Binjan Haarez den „Hadawar“, der Sportsmann vom Maklcabi die „Selbstwehr“, der allgemeine 7Aonist die „Stimme“, der Unionist die „Wahrheit“. Im Laufe der Zeit haben die Herren die Blätter getauscht und jeder liest nun das Blatt eines anderen. Buben Nest die „Neue Welt“; Simon liest das Blatt seines Gegenübers; Levy sitzt zwischen dem Judenstaatler und dem Untonisten; Guttmann sitzt neben dem Makkabisportsmann; der Judenstaatler sitzt dem allgemeinen Zionisten gegenüber; Kohn liest das Organ des Makkabi; Levy ist der Schwager des VIs-ä-vis von Kohn; Buben sitzt an der Ecke und hat kein Intei'esse für allgemeinen Zionismus; Kohn sitzt gegenüber dem Mitglied des Binjrn Haarez; Guttmann liest die „Wahrheit“; Herrman liest nie Sportnachrichten; Levy kam nicht Hebräisch; Buben hat eine Aversion gegen das, uns er Assimilantenjargon nennt; Kohn, dem es vom Fenster zieht, borgt sich vom Nachbarn ein Käppchen. Welcher Partei gehört jeder an, wo slJzt er (ZugAchtung nicht vergessen) und 'was liest er?

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