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Die Stimme · 1935-12-24 · Heft 510 (24.12.1935) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 510 (24.12.1935)
Date
1935-12-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seit® O 0» STIMME Nr. 510 — 24. Dezember 1035 sichtigen, und b) Palästina werde noch mehr Einwanderer aufnehmen können, als bisher wenn diesen die Transferierung ihres Kapitals ermöglicht wird. Es seien daher Verhandlungen über Transfer mägliclikeiten auch auf anderen Wegen als über die Haavara erforderlich. Dr. Ruppin besprach vor der Kommission auch die Möglichkeiten jüdischer Aus wände rung aus Deutschland nach den s ü d amerikanischen Ländern, die Dr. Rup pin vor kurzem besucht hat. Seit dem Umbruch in Deutschland haben diese Länder etwa 3000 Juden aufgenommen. Die dortige Wirtschaftskrise sei kn Abklingen, trotzdem wurden die Einwanderungsvorschriften verschärft. Sollte es den Bemühungen gewisser Bevölkerungsschichten gelingen, eine Milderung dieser EinwanderungsVorschriften durchzuset.zen, dann werde eine größere Einwanderung von Juden aus Deutschland nach •Südamerika möglich sein. Enteignung der Simson- Werke Die in Suhl in Thüringen im Mittelpunkt der deutschen Waffenindustrie geleg-enen Simsonwerke sind nationalisiert worden. Der bisherige Name der Firma Simson & Co. wird umgewandelt in Berlin- Suhler Waffen- und Fahrzeugwerke. Die Werke sollen als gemeinnützige Stiftung fortgeführt werden. Die früheren Inhaber, die Familie Simson, haben bereits anfangs 1934 die Werksleitung einem nationalsozialistischen Treuhänder, Dr. Herbert Hoffmann, überantworten müssen, womit der „n i c h t a r i s c h e“ Einfluß aus der Führung des Unternehmens ausgeschaltet wurde. Durch den neuen Vertrag mit der Familie Simson wird auch der finanzielle Einfluß der Familie vollkommen ausgeschaltet. Neben der Abtretung der Werke mußten die früheren jüdischen Inhaber eine Rückzahlung eines mehrere Millionen ausmachenden Betrages, über deren Höhe heute noch nichts genaues veröffentlicht wird, anerkennen. Dieser Betrag stellt, wie eine Kommission feststellte, „rechtswidrige Übergewinne“ dar, die die Inhaber nun zurück zahlen müßten. Aus Anlaß der Übernahme des Betriebes durch den Reichsstatthalter Sauckel stiftete dies« Firma 1000 Kinderwagen für die nationalsozialistische Volkswohlfahrt. VON ALFRED WERNER* Die jüdischen Gemeinden Polens vor dem Ruin Warschau, 22. Dezember. (2. T. A.) Durch, die Verordnung des Finanzministeriums, daß die von den jüdischen Gemeinden verwalteten rituellen Schlachthäuser, die die Haupteinnahmequelle der Gemeinden bilden, kostspielige Lizenzen erwerben und U meatzsteuern zahlen müssen, sind die jüdischen Gemeinden Polens an den Rand de6 Ruins gebracht worden. Eine Abordnung der Gemeindeführer sprach beim Direktor des Unterrichtsministeriums Graf P o t o e k i vor und protestierte gegen diese Verletzung der jüdischen Autonomie und der Verfassung, die bestimmt, daß religiöse Einrichtungen frei von Lizenz- und Umsatzsteuern sind. Die Abordnung teilte mit, daß zahlreiche Gemeinden mit hohen Strafen wegen Nichtbesitzes von Lizenzen belegt wurden, und daß bei mehreren Gemeinden fünfjährige Steuerrückstände eingemahnt werden. Graf P o t o c k i schlug der Delegation vor, Lizenzen vorläufig für ein Jahr zu erwerben, er werde inzwischen darauf sehen, daß die Angelegenheit gesetzlich erledigt wird. Die Abordnung erklärte, die Gemeinden werden auf diese Bedingung in keiner Weise eingehen, sondern eher ihre Auflösung vorziehen. ZIONISTISCHE BEZIRKSSEKTION MARIAHILF-NEUBAU Samstag, 28. Dezember, ‘/,9 Uhr, im Festsaale, Vf., Königseggasse 10: GroßeMakkabäerfeier Festrede * Dr. Oskar Grünbaum, Präsident des Zionistischen Landeskomitees KUnstlerakademie i mitwirkend u. a. Jehuda Ehrenkranz Denn die Kapelle Max Geiger Ex Oriente lux — aus dem Osten kommt das Lioht! Generationen von Philosophen haben sich mit der seltsamen Erscheinung befaßt, daß alle Religionssysteme ausnahmslos im Osten geboren wurden, daselbst ihre ersten Anhänger gefunden und von dort den Weg nach dem Westen genommen haben. Da ist es begreiflich, daß Theodor L e s s i n g dem kalten Intellekt Europas die warme Seele Asiens gegenübergestellt hat, daß Leo Tolstoi, der in einem Gebiete zur Welt kam, das zwar, geographisch gesehen, gerade noch zu Europa gehört, aber seelisch bereits jenseits des Uralgebirges liegt, daß dieser russische Graf zeitlebens sein Gesicht gen Osten wandte, daß sein Zusammenhang mit dem ursprünglichen Judentum stärker ist als bei irgendeinem anderen Geist der neueren Zeit. Drei weltbedeutende Schriftsteller hat Rußland im vorigen Jahrhundert hervorgebracht: Turgenjew, Dostojewski, Tolstoi. Ein typischer „W e s 11 e r“ war T u r g e n j e w, der ja auch große Teile seines Lebens in Westeuropa verbrachte. Ein echter Russe, aber mit seiner Dynamik, seinen starken antijüdischen Haßgefühlen doch ein „Europäer“, war Dostojewski. Einzig in Tolstoi, der, im Gegensatz zu den Vorhergenannten, in erster Linie als Ethiker, ja als Religionsstifter erkannt werden wollte, der im Lebensherbst die dichterischen Werke seiner Frühzeit verwarf, lebt die eele Asiens, das Wesen der altisraelitischen Propheten. Es ist möglich, einen Jesaia, einen Jeremia, einen Ezechiel sich ähnlich den bekannten Bildern aus Tolstois letzten Jahren vorzustellen. Aber es ist auch möglich, daß ein Nichtjude, dem chassidische Geschichten erzählt werden, ausruft: Tolstoi! — wie auch in seinen berühmten Volkserzählungen seelisches Gut aufgespeichert ist (vom „Widerstrebet nicht dem Übel!“ bis zur Verkündigung, daß „das Leben Wille zum Wohlsein, zum Wohltun ei“), dessen frappante Ähnlichkeit mit ostjüdischen Ethos zumindest geistige Verwandtschaft dieses russischen Aristokraten mit physisch wie psychisch viele tausende Werst entfernten jüdischem Volke vermuten läßt. Denn in der ersten Hälfte seines Lebens, ja noch länger hat Tolstoi vom Judentum faktisch nicht mehr als die Bibel gekannt, die schon das Kind mit ihren bunten Erzählungen entzückt hattte und die der Siebzigjährige das „Vaterlandder Juden“ nennt, das „schönste, das ein Mensch sich wünschen kann“. Auch hat er, anders als etwa Lessing, Juden erst im späten Mannes alter persönlich kennengelernt — der Moses Mendelssohn, der so manche seiner irrigen Anschauungen über jüdische Religion und Mentalität hätte zerstören können, hat ihm gemangelt. Denn in dem kleinen Dorfe J a s n a j a P o 1 j a n a, wo er zur Welt kam, wohin er immer wieder zurückkehrte, gab es ebensowenig wie in der ganzen urrussischen Provinz Tula Juden. Erst in seinem sechsten Jahrzehnt verschaffte ein Zufall dem bereits weltberühmten Schriftsteller die Bekanntschaft mit Jaden und Judentum. Der Schriftsteller Ssorkin, ein getaufter Jude, wandte sich nämlich nach einer großen Judenverfolgung an hervorragende russische Schriftsteller, sie sollten in der Not ihre Stimme zugunsten der Juden erheben. Turgenjew sagte zu, aber der Tod ließ ihn sein Versprechen nicht mehr einlösen. Tolstoi hielt mit seiner Antwort zurück; er wollte die Judenfrage, wie er sagte, vorher „aus den Quellen“ studieren. So wandte sich denn dieser stets ins Tiefe dringende Geist an den Moskauer Rabbiner Minor, der ihm hebräischen Unterricht erteilte und ihn nicht nur in die Bibel, sondern auch in die Welt des Talmuds einführte, obwohl Minor die für die Zeit vor Herzl typische Meinung vertrat, daß „die heutige Judenfrage nichts mit dem Studium der Bibel zu tun habe“, daß man das Wesen der heutigen Juden kaum in irgendeinen Zusammenhang mit dem Volke von Palästina bringen könne ... Aus der späteren Zeit Tolstois sei noch *) Dieser zur» 25. Todestage Tolstois verfaßte Aufsatz mußte wegen Raummangels zurückgosfcellt werden. der jüdische Musiker Golden weiser genannt, der den Sommer 1910 in der Nähe von Jasnaja Poljana verbrachte. Fast täglich besuchte er den kränklichen Greis, um ihm etwas vorzuspielen — so wie Felix Meudeissohn-Bartholdy zum greisen Goethe kam ln seinen letzten Jahrzehnten hatte der Dichter genug oft Gelegenheit, seine Stimme gegen den wüsten Antisemitismus der verhetzten russischen Massen zu erheben. Er unterschrieb als erster den von dem bertihm ten russischen Philosophen S o 1 o w j e f f verfaßten Protest gegen die antisemiti sehe Bewegung und ließ bald nach dem K ischinewer Pogrom in Rußland und in ganz Europa drei Legenden veröffentlichen, deren gesamten Ertrag er für die Hinterbliebenen der unschuldigen Opfer bestimmte. In der Einleitung sagte er: „Die furchtbare Tat von Kisohinew hat mich aufs schwerste getroffen. Ich habe meine Ansicht über diese Angelegenheit bereits früher in einem Brief an einen jüdischen Bekannten mitgeteilt. Dieser Tage sandten wir von Moskau aus an den Bürgermeister von Kischinew ein Kollektivschreiben, das die Gefühle zum Ausdruck bringt, die jene sonderbaren Greuel in uns hervorriefen.“ Ebenso hat Tolstoi zur Zeit der Dreyfus- Affäre mit scharfen Worten die brutale Gemeinheit der Schuldigen verurteilt. Aber Tolstoi machte einen scharfen U nterschied zwischen Juden und J udentum. Für das letztere, das sich heute wie je in seiner Religion manifestiert, hatte er wenig übrig. Er war vielmehr ein Gegner aller bestehenden Religionen! Denn er wollte bereits frühzeitig eine allen Menschen gemeinsame Religion schaffen, eine internationale Mens chheitsreligion, ohne Unterschied der Rassen und Bekenntnisse. So vermerkt Tolstoi im Tagebuch seiner letzten Jahre, die Bezeichnung christlich enge ihn ein: er wünsche der Religion, die er verkünde, über haupt kein Eigenschaftswort beizulegen, da sie eine allgemeingültige Wahrheit zum Ausdruck bringe und daher internationalen Charakter haben müsse. Mit dieser Utopie müssen wir uns heute ebensowenig befassen wie mit Tolstois seltsamer Behauptung, das Judentum stehe sittlich nicht so hoch wie das, Christentum, sondern sei als reine Gesetzesreligion der chinesischen, japanischen und römischen Religion vergleichbar — einem Irrtum Tolstois, der möglicherweise einer tieferen Schicht im Unterbewußtsein des Landedelmannes entsprungen sein mochte. Wohl aber ist auch heute noch das Konterfei des Antisemitismus, das er lieferte, so furchtbar leuchtend geblieben, als hätte der russissche Dichter bereits das Dritte Reich erlebt, übrigens wagen es die dortigen Blätter nicht, auch nur mit wenigen Zeilen der fünfundzwanzigsten Wiederkehr seines Todestages zu gedenken. Tolstoi sagt: „Der Antisemitismus ist eine Sünde. Die Antisemiten erkennen einander am verschmitzten Lächeln, am Kopfnicken, besonders wenn mit ihnen zusammen oder an ihnen vorbei ein Jude den Weg passiert. Kaum, daß sie einander erkennen, so fangen sie an, den Schmutz ihrer Seele voreinander auszubreiten und sich alle möglichen schmutzigen und ekligen Worte über die Juden zuzurufen. ,Jud‘, ,Jüdisch' usw., nichts ist sonst zu hören. Was sie dabei über Politik, über Nationalökonomie, Uber Geschichte und sogar über Religion, von Weltherrschaft, Judengemein den ußw. Vorbringen, hat gar keine Bedeutung. Es ist bloß, um sich die Hauptsache mit allerlei Krimskrams zu verzuckern, wie man es mit Früchten tut, die bald verderben. Die Hauptsache ist diie Frucht, an der sie saugen und an der sie großes Vergnügen und besonderes Labsal finden. Ich mußte oft auf Dampfschiffen und in Eisenbahnwagen stundenlang diese Reden anhören und war geradezu entsetzt über die langweilige Eintönigkeit des Themas und Uber das Kichern und Lachen, womit solche Roden begleitet werden. Dies erinnert ganz besonders an das Lachen einer losen Gesellschaft, wo Männer und Frauen einander schmutzige Zoten erzählen und mit Lustbehagen in diesem klebrigen Lehm der Fäulnis herum* wühlen. Und ebenso wie in dieser Gesellschaft bekommt man auch hier dumme Anekdoten, begleitet von gemeinen Grimassen, zu hören... Ich will nicht mit dem Gleichnis spielen und will auch nicht eine Analogie in allen Einzelheiten vorführen, bloß den unzweifelhaften Gedanken feststellen, daß der Antisemitismus ein krankhaftes, schädliches Gewächs ist und unter den Völkern zu den Zeiten vorkommt, wenn die schmutzige Welle der Sittenverderbnis den Verstand und das Herz der Menschen übergießt. So war es in Ägypten und Rom mit geschlechtlichen Ausschweifungen, so in Frankreich mit dem Sadismus und anderem ekligem Schmutz. So hat auch bei uns in dem faulen Grund, in den verfaulten und schmutzigen oberen Schichten die Verderbnis der Leidenschaften dieselben ekligen und furchtbaren Formen angenommen wie bei den alten Völkern.“ Lew Nikolajewitseh Tolstoi hielt die Lösung der J u de n f r a ge für das einfachste Ding der Welt. Seine Formel lautete: Läßt man die Juden in Ruhe, so entwickeln sie sich zu guten Staatsbürgern, verweigert man ihnen Rechte, auf die jedes Geschöpf Gottes Anspruch hat, so entstehen Kämpfe, Haß und gottlose Handlungen. Würde man den Antisemitismus ausrotten, dann würde Ruhe und Frieden herrschen und gemeinsame nützliche Arbeit zum Wöhle eines jeden Landes wäre cler Lohn! Das reine Herz Tolstois ahnte nicht die Schwierigkeiten, die sich allerorts aus der eigentümlichen Situation der Juden in sozialer und politischer Hinsicht ergeben, ja ergeben müssen. Er hielt deshalb den Zionismus für eine Krankheit, an dem „das alte, kluge, vielerfahrene Judenvolk“ leidet. Ein Verlangen, zu regieren und „eine Rollo zu spielen“ sei in den Herzen der Juden er-i wacht; sie wollen sich „von neuem mit der Oberflächlichkeit eines äußeren Nationalist mus. mit Fahnen und Militär und eigenen Aufschriften auf Gerichtsformularen befassen“. Ja, in einem Gespräch mit Tenero-s nomo versteigt er sich sogar zu der Bet hauptung: „In den Greueln des modernen bluttriefenden Staates den Fortschritt Europas zu sehen, einen neuen Judenstaat schaffen zu wollen: welch abscheuliche Sünde!“ Aber zur gleichen Zeit erklärte Theodor Herzl auf dem ersten Kongreß zu Basel der aufhorchenden Welt, was der Zionismus in Wirklichkeit bezwecke, daß die Notwendigkeit ihn geboren habe: „Sie wissen, daß der Judenstreit in manchen Ländern zur Kalamität der Regierung geworden ist. Ergreift man für die Juden Partei, so hat man die aufgewühlten Massen gegen sich. Ergreift man gegen die Juden Partei, so hat dies beim eigentümlichen Einfluß der Juden auf den Weltverkehr oft schwere wirtschaftliche Folgen. Es gibt dafür Beispiele in Rußland. Verhält sich endlich die Regierung neutral, so sehen sich die Juden ohne Schutz in der bestehenden Ordnung und flüchten sich in den Umsturz. Der Zionismus, die Selbsthilfe der Juden, eröffnet nun den Ausweg aus diesen sonderbaren Schwierigkeiten. Der Zionismus ist einfach der Friedensstifte r.“ Es ist ungewiß, ob Tolstoi diese wie eine Antwort auf seine Bedenken klingende Rede seines großen Zeitgenossen aus Tageszeitungen gekannt hat. Aber sicher ist, daß die Entwicklung der Dingo Ilorzl, nicht Tolstoi, recht gegeben hat. Dem Plan einer DEN PRIVATANGESTELLTEN DIE VORSORGE-VERSICHERUNG MONATLICHE PRÄMIE SCHILLING' 3-60 STERBEGELD RENTE UNFALL-TOD UNFALL¬ INVALIDITÄT KOSTEN- BEITRÄGE: SPITAL OPERATION DU LEISTUNG S 300*— S 15'— S 300*— S 300*— J 5*— J 100*— LEBENSVERS.-GES. PHONIX 'EGA* $ E;;■?/ 5191250815

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