Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 507 (13.12.1935)
- Date
- 1935-12-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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807 — 13. Dezember 1035. Dil STIMME Seit« 3 Nene antijfidische Kampagne in Deutschland Ernste Anzeichen sprechen dafür, daß die nationalsozialistischen Führer in Deutschland entschlossen sind, die Erregung weiter Bevölkerungskreise über den immer fühl barer werdenden Mangel an Nahrungs m i 11 e 1 n und die sich mehrende Arbeitslosigkeit a u f d i e Jndenabzulenken. In der Schlußsitzung der Reichstagung der Deutschen Arbeitsfront, die am ß. Dezember in Leipzig stattfand, hielt der Führer der Arbeitsfront Dr. Robert Ley eine Rede, in der mit einer in Deutschland jetzt nicht gewohnten Offenherzigkeit die Wirtschaftslage darlegte, aber für alles Übel die Juden verantwortlich m acht e. Das Reichspropaganadaministerium hat erst am 8. Dezember Teile der Rede Leys zur Veröffentlichung freigegeben. Sie wird als eine Parole für die Unterführer aufgefaßt, die Aufmerksamkeit der „Volksgenossen“ auf die „wirklich Schuldigen“ zu lenken. Dr. Ley führte aus, die Situation sei eine sehr ernste und man dürfe nicht mit einem künstlichen Enthusiasmus sich über den wirklichen Stand der Dinge hinwegzutäuschen versuchen. An gewissen notwendigen Nahrungsmitteln besteht ein Mangel von etwa 40 Prozent, das gleiche gilt für die Bekleidungsindustrie. Die Reichsbank verfügt kaum noch über eine Goldreserve und über sehr wenig Auslandswährung. Die wenigen Kredite, die Deutschland besitzt, müssen zur Einfuhr von Rohstoffen verwendet werden, weil sonst mindestens A% Millionen Menschen arbeitslos werden würden; für die Einfuhr von Nahrungsmitteln aus dem Ausland bleibt nichts übrig’. Bei all dem, fügte Ley hinzu, hat der Jude die Hand im Spiele. Er überzieht das Dritte Reich mit einem „kalten K r i e g“, indem er in allen Ländern den Boykott deutscher Waren organisiert. Deutschland gleicht jetzt einer belagerten Festung. Wären nicht die Juden, so würde das nationalsozialistische Deutschland heute in den internationalen Angelegenheiten eine bedeutende Rolle spielen. Der Jude aber hindert dies. Er verbreitet G r e u e 1 m ä r chen und schürt die Feindschaft gegen uns. Wir aber werden nie vor dem Juden kapi tulieren, unsere Losung muß sein: Deutsches tVolk, erhoffe nichts vom Auslandl CASINOS IN OESTERREICH ROULETTE, BACCARA - CHEMIN DE FER, TRENTE ET QUARANTE jepiSPMXjSAL w iliumjuiim H m KUR-CASINO JD^JLOLl^l BEI WIEN GANZJÄHRIG GEÖFFNET UND FÜHRENDE WINTERSPORTORTE 22. DEZEMBER 1935 ... denn ein Fürst in Israel war gestorben seit Jahrzehnten In hunderttausenden Familien bewährt, als bestes Einreibungsmittel bekannt, hervorragend zur Mund-, Zahn- und Rachenpflege und zu mannigfachen anderen Zwecken, das Ist FRANZBRANNTWEIN mitMENTHOL Kescherfleischeinfuhr in Deutschland gesperrt Berlin, 10. Dezember. (2k T. A.) Bekanntlich wurde nach der Machtergreifung durch Hitler ein generelles Sehächtverbot für ganz Deutschland erlasssen; den gesetzestreuen Juden wurde aber erlaubt, Koscherfleisch ans benachbarten Ländern eitiziifiihren, die erforderlichen Devisen wurden hiefür zur Verfügung gestellt. Nunmohr hat die Regierung ein Verbot der Koscherfleisch ein fuhr am 8. Dezember erlassen und dies mit der Notwendigkeit von Devisenersparnis begründet. Die rituell lebenden deutschen Juden können sich seit dem 9. Dezember kein Stückchen Fleisch mehr beschaffen — auch die Schächtung von Geflügel ist in Deutschland verboten — und ernähren sich nur vegetarisch. Hilfe kanu ihnen nur in der Form gebracht werden, daß jüdische Kreise des Auslandes Koscherfleischpakete an die Gemeinden und an Einzelpersonen in Deutschland senden. Durch das Einfuhrverbot für Koscherfleisch werden auch Hunderte jüdische Fleisch g esc häfte, Wurstfabriken und Restaurationen ruiniert. Das Verbot bedeutet direkt eine Mißachtung der jüdischen religiösen Interessen, die zu respektieren die Nationalsozialisten immer jvieder vorgeben» Dieser Tage jäbrt sich zum achtenmal, der Todestag des unvergeßlichen Wiener' Oberrabbiners Prof. Zwi Perez Chajes. Es ist Freitag, der 16. Dezember 1927. Sdmere Schneeflocken wirbeln durch die kalte Luft des Wintermorgens. Tausende und aber Tausende Menschen drängen in langen Kolonnen durch die engen Gäßchen der Inneren Stadt der Seitenstettengasse zu. Immer mehr schwillt die Zahl cler Wartenden an. Innerhalb kürzester Zeit bildet sich zu beiden Seiten der Straßen und Plätze, von der Seitenstettengasse über dßn Franz-Josefs-Kai bis zur Wollzeüe, dichtestes Menschenspalier, strömt auf der ganzen Strecke ein unübersehbarer Menschenstrom. Da stehen sie im Schneegestöber, das immer heftiger wird. Männer und Frauen, Studenten und Arbeiter, Geschäftsleute, die ihre Läden geschlossen und Angestellte, die ihre Büros verlassen, weißbärtige orthodoxe Juden und elegant gekleidete Damen und Herren: Wiens Judenschaft war gekommen, um ihren toten Führer zur letzten Ruhe zu geleiten. Zwi Perez C ha j es, Wiens bedeutendster Oberrabbiner, einer der edelsten Führer des Judentums seit vielen Jahrhunderten, der letzte Fürst in Israel, wird u Grabe getragen. Eine Bewegung geht durch die vor Kälte erstarrten Massen. Vor der großen Synagoge des Wiener Stadttempels, der nächsten unmittelbarsten Wirkungsstätte des großen Toten, sind Bundespräsident Dr. Michael 11 a i n i sch und Polizeipräsident Schober, die höchsten Würdenträger des österreichischen Staates, vorgefahren und ihren Wagen entstiegen. Nicht lange und ein lautes Schluchzen durchreißt die kalte, trübe Dezemberluft. Ein Schluchzen aus tausend und aber tausend Kehlen, ein lange zurückgehaltenes, das nun unaufhaltsam in aufgewühltem Schmerz ausbricht. Man hat den einfachen Holzsarg aus dem Tempel gebracht und in den Wagen gehoben. Es weinen alte Frauen und junge Mädchen, mc-HAjEs es schluchzen graubärtige Kaftanjuden, und manch hartgestähltes Gesicht ist tränennaß. Es trauert die Gemeinde um ihren Führer, die Jugend um ihr Vorbild, die Hilflosen und Ärmsten um den väterlichen Freund, den gütigen Helfer in ihrer Not. Es weint der jüdische Bürger um seinen großen Oberrabbiner, der Student des Hebräischen Pädagogiums um seinen Lehrer, der Hilfsbedürftige um den stets Hilfsbereiten. Alle erkennen nun mit schmerzlicher Klarheit, was der große Tote der jüdischen Welt bedeutet hat. Die Läden der im Umkreis liegenden Geschäftshäuser sind geschlossen, in den Straßen, die der Kondukt passiert, brennen die Lampen schwarz umflort. Bis zur Stadtgrenze folgt die Menge, ein unübersehbarer Menschenstrom. Dann fährt der Wagen allein eilig die Landstraße hinauf... ü: Draußen der Gottesacker ist wieder von Menschen überflutet. Die schnee- UM)€»€NPR€C? mit KAY FRANCIS, GEORGE BRENT, WARREN WILLIAM I in ITr OPERN-KIYO I. HbU I t STAFA-KIKO VII. UNI NAHM MO«.*SANKTION VOTIVPARK-KINO IX. bedeckten Wege, die zum Friedhof führen, sind zu schmal, um die Menge zu fassen. Oberrabbiner Prof. Chajes war zeitlebens Diener den' Allgemeinheit, und so trauerte um ihn auch ein ganzes Volk. Angestellte und Arbeiter, denen er Arbeit verschaffte, Studenten und Schüler, für deren warme Mahlzeit er sorgte, Kinder, für die er, der große Kinderfreund, Kinderhorte schuf, Greise, die er liebevoll in Altersheimen unterbrachtet und schließlich das Land, dessen er m keiner Minute seines großen, starken, aber ach so kurzen Lebens vergaß, für dessen Werden und Gedeihen er mit allen Phasern seines Seins bis zur letzten Minute kämpfte. * Es ist Abend geworden. Freitag Abend. Der große Stadttempel in der Seitenstettengasse ist bis aufs letzte Plätzchen gefüllt. Die Betenden sind still und in sich gekehrt. Eine unsagbar schwere Trauer lagert über dem Gotteshaus. Das Lecho-Daudi, die Sabbatheinweihung, ist vorüber, das Maariwgebet zu Ende. Die Stimmung ist erwartungsvoll. Die so beliebte Kanzelrede soll beginnen, die von seltener Weisheit und prohetischer Kraft getragenen Worte des Führers .., Traumverloren und selbstvergessen wandert der Blick zum Almemor. Bald wird die weiche Stimme in edler Einfachheit beginnen: „Meine lieben Freunde...“ Ist das Lecho-Daudi schon vorüber, das Abendgebet schon zu Ende? Scheu geht man von seinem Platze weg, an dem Almemor vorbei... , Das Pult an der Ostwand steht verwaist. Ein Gebetbuch liegt geschlossen und verlassen da. Jakob Rosenthal. Gedächtnisfeier für Oberrabbiner Chajes Aus Anlaß der achten Wiederkehr des Todestages des Oberrabbiners Prof. Z. P. Chajes, findet Sonntag, den 15. Dezember im Stadttempel in der Seitenstettengasse anschließend an den Abendgottesdienst um 4.20 Uhr, eine Chajes-Gedächtnisfeier statt. Die Gedenkrede wird Oberrabbiner Dr. Feuobtwang halten. Das Reisebüro Dr. S. Tocker, IX„ Liechtenstein strafte 2, veranstaltet mehrere Reisen nach Polen und Czernowitz, die sieb beton reisenden Publikum großer Beliebtheit erfcooeo,