Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 506 (10.12.1935)
- Date
- 1935-12-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE STIMME 506 — 10. Dezember 1935. Schweden Micke! Buchhandlung Schneider &, Co., Wien. I. Franz-Joaefs-Kal 7. l\i i listo Auswahl neuer Büchet Soslr- Auioit'ii nt billigsten P r t' i s e n! Katalog gratis! populär. Die amtlichen Stellen sind korrekt und. untorlas-mn in ihren öffentlichen Äußerungen je :■ r. Hinweis dieses Charakters. Aber der Wirkungskreis der antijüdisclu'n Parole ist dennoelt sehr weit geworden. E ist vor einigen Tagen erst bekannt gewor den. da Io in einer Flugschrift des ..Sozialen Arbeitskreises des Reichßbnndes der katholischen deutschen Jugend" die folgende Anweisung gegeben wird: ..Gegen den Einfluß des Judentums: In jüdischen Geschäften (Kaufhäusern) nicht einkaufen, keine judenfreundliche Zeitung beziehen und andere zur Abbestellung veranlassen (Gaethüfe). zu christlichen Ärzten und Advokaten gehen, beziehungsweise andere dazu bereden.“ Das ist klare Aufreizung zum Boykott, bewußte Mißachtung der Verfassung, aber auch ein Angriff auf die wirtschaftlichen Notwendigkeiten, die dringend jede Beeinträchtigung von Arbeit und Verdienst untersagen. Es ist vom Standpunkt des Staates nicht gleichgültig, ob einer Schichte der Bevölkerung das Brot vom Mund weggerissen wird und die Stellen, die hinter diesem ..Arbeitskreis“ stehen, tun sich sehr viel darauf zugute, daß duroh Ausgleich der Gegensätze in der Bevölkerung, durch vorbildlichen Minderheitenschutz die Voraussetzungen für wirtschaftliche Gesundung geschaffen werden. Sie wissen auch, daß clie Erscheinungen des Rassenhasses, der von den österreichischen Universitäten schon zur Zelt der Monarchie sorgsam gepflegt worden ist, in Deutschland auf das Gebiet der Kirche übergegriffen hat, und sie sollten — so müßte man annehmen — dadurch genü gend gewarnt sein. Sie wissen auch, welche gräuliche Verwüstung der nationalsoziali stische Terror in Handel und Industrie Deutschlands angerichtet und wie sehr er Deutschlands Lage geschädigt bat. Die Vor gänge in Deutschland und seine Situation sind hier trotz der so lückenhaften Bericht eretattung sehr gut bekannt, zu hunderten leben in Österreich Katholiken, die aus Deutschland geflüchtet sind... Daß die Verhetzung trotz aller Intensität und trotz aller Förderung duroh getarnte Funktionäre in Staat und Gesellschaft doch nicht alle Österreicher ergriffen hat, zeigt der Beschluß der Völkerbundliga. Er ist ein Beweis, daß die alte schöne österreichische Kultur noch nicht abtreten will, und daß sie sich ihrer Verpflichtung zur menseh liehen Solidarität bewußt bleibt. Es gibt auch noch in Österreich Menschen, die ihr Teil dazu beitragen wollen, daß das Weltgewissen waohgerafen wird. Gründling eines Vereines der Freunde der Hebräischen Universität Angenehme Sonderfahrten noch Polen und Czernowitz am 19., 22. Dez. und 2. Jämer. Rückfahrt 5. Jänner u. aufgelSit REISEBÜRO IRUT (P. Rosenkranz) l„ Karlsplatz 1, Tel. U44>5-79 Der Niedergang der deut' sehen Wissenschaft Wie vor kurzem mitgeteilt, hatte em Warschauer Gericht in der Klage eines deutschen Buchverlags gegen den jüdi sehen Arzt Dr. Lastmann entschieden, daß Dr. Lastmann den bestellten 20-bändigen Brockhaus nicht entgegenzunehmen brauche, weil im heutigen Deutschland hergestellte wissenschaftliche Werke für das Ausland ohne Wert seien. Nunmehr hat ein zweites Gericht in Warschau in einem anderen Fall in ähnlicher Weise entschieden. Der deutsche Verlag „Artibus et Letteris“ klagte den Warschauer jüdischen Advokaten Sirnon Gelernter auf Annahme der Geographischen Enzyklopädie, die er vor der Machtübernahme durch Hitler bestellte und von der er die ersten vier Hefte bereits bezogen hatte. Dr. Gelernter sagte vor Gericht, aus, er habe die geographische Enzyklopädie in dern guten Glauben bestellt, daß an ihr weltberühmte Gelehrte mitarheiten; solche Gelehrte wurden aber durch die Hitler-Regierung als Nichtarier außer Landes getrieben. Der Verlag „Artibus et Letteris“ sei durchaus nicht in der Lage, seine Verpflichtungen zu erfüllen. Das Gericht gab dem Antrag von Dr. Gelernter sta/tt und vertagte die Verhandlung, Am 5. d. fand im Festsaal der Bari Brith- T.ogc die g r U n d e n d e V e r s a m m l u n g d e s V e r e i n o s de r F r e u ul e d o r I I e b r ä iis c h e n U n i v e r s i t ä t J e r us a l e m in Wien statt. Die Elite des jüdisch-geistigen Wien. Repräsentanten der Gelehrteinvelt. haben dieser Grün hing,“Versammlung ihr Oeprikre verliehen. Man aah unter anderen Oberrabbiner Feuchtwang, Adolf Böhm, Prof. Braun, Prof. Eisler, Prof. Elias, Prof. Goldmann, Prof. Gottlieb. Prof Geiger, Prof. Hajek, Prof. Knöpfei mnolicr, Prof. Jerusalem, Prof. Kraus (Theologische Lehranstalt'). Prof. Pick, den früheren Dekan der Medizinischen Fakultät der Wiener Universität. Direktor Dr. Viktor Kellner begrüßte im Namen des Vorbereitenden Komitees die Versammlung und betonte, daß es sich hie-r nicht um eine gewöhnliche Vereinsgrii.odung handle. Es ist seitens der Hebräischen Universität die Parole auisgegebe.n worden, in der ganzen jüdischen Welt hunderttausend Menschen zu werben, die durch Entrichtung eines jährlichen Mitgliedebeitrages die Universität fördern sollen. Das Budget, der Universität soll durch reguläre Beiträge gesichert werden, wodurch sie unabhängig wird. Über die materielle Leistung, über die GcPlsammlung hinaus hat. der zu gründende Verein auch eine g e i s t i g e Aufgabe. Es soll der innere Zusamemhang mit dem neuen Volks-, Staats- und Kiiltunveseri Palästinas hergestellt werden. Es gilt, heute schon, das geistige Ziel, das menschlich Religiöse und | Übernationale nicht aus den Augen zu verlieren. Den wissenschaftlichen Arbeiten ist hrer Natur nach die Möglichkeit der Mit teilung an weite Kreise verengt. Eine der Aufgaben des neuen Vereines bestehe daher in dieser Geistespropagauda. Der Verein soll ein Organ der Aufnahme für die geistigen Werte bilden, die in Palästina geschaffen werden, und auch für jene Werte, die zu schaffen noch möglich ist. Die Arbeit der Universität bedeutet eine legitime Fortsetzung der wissenschaftlichen Tradition Europas. So wenig wir verzichten wollen und können auf die stolzen Positionen, die wir in der allgemeinen Wissenschaft Europas in den letzten 150 Jahren errungen haben, so müssen wir doch erkennen, daß ein Prozeß der Ausscheidung jüdischer Wissenschaftler eingesetzt hat. Wir wollen, daß das jüdische Volk nunmehr auch in der Wissenschaft auch a 1 s Volk schöpferisch werde. Die Leistungen der jüdischen Menschen waren bisher Leistungen von Individuen, die nicht dem jüdischen Volke als solchem gutgeschrieben wurden, sondern jenem Volke, dessen Kulturkreis der Gelehrte angehört. Durch die Hebräische Universität wird diesem Zustand ein Ende ge macht werden. Von nun an wird die Leistung eines Juden als jüdische Leistung gewertet werden. Der jüdische Ge lehrte wird nun die Möglichkeit haben durch innere und äußere Verbundenheit mit der Hebräischen Universität in Jerusalem seine Leistung auch als eine jüdische Leistung zu Ehren zu bringen. So werden die vielen Quellen und Ströme jüdischer geistiger Arbeit und Leistung in Jerusalem zusammenfließen und zu einem gewaltigen Sammelbecken geistiger Energie und schöpferischer Kraft werden. „Es sollen sich sammeln die Wasser“, heißt es im Schöpfungsbericht der Bibel. Die lebendigen Wasser jener Wissenschaft, die wir unter den Völkern der Welt gelernt und gelehrt, angenommen und geschaffen haben, sie werden sich vereinigen und das Leben von Volk und Land durchströmen und befruchten. Nach der mit großem Beifall angenommenen Rede Dr. Kellnere gab Prof. Jerusalem kurzen Bericht über und Entwicklung einen Werdegang Ischen Universität“, und fortseil reitende ,Entstellung, der Hebrä- Er wie« auf die stetige Entwicklung und den Ausbau des Lehrkörpers der Universität hin und unterstrich die großen Aufgaben, die sich die Universität für die nächste Zeit estellt hat. Insbesondere «ei bemerkenswert, daß in Bälde au oh an die Gründung filier M e d i z i n i s c hen F a k u 1 t ä t geschritten werden soll, die in Zusammenarbeit. mit der ..Iladassa“ ihre Tätigkeit ausüben wird. Auch die Nationalb i b l i o t h c k der Universität, die ungefähr der Universitätsbibliothek von Graz oder Innsbruck entspricht und deren PuhIumbestand ungefähr einem Mertel (Uns Bestandes der Wiener Universitätsbibliothek entspricht. Ist in ständiger Entwicklung. Ein Mitglied des vorbereitenden Komitees, Dr. Nathan Korn, hat Ln Wien allein 20.000 Bände für die Hebräische Nationalbibliothok gesammelt.. Die Universitätsbibliothek in Jerusalem hat natürlich einen viel größeren Be larfsumfang, da He Entlehner öfter dieselben Werke in verschiedenen Sprachen verlangen. Dr. Jerusalem appellierte an die Vertreter der geistigen Berufe in Wien, dem Verein tätig hei zu st eben. Nach Annahme der Statuten wurde zu den Wahlen geschritten, die folgendes Ergebnis zeitigten: Zum Präsidenten des neugegründeten Vereines der Freunde der Hebräischen Universität wurde unter großem Beifall Adolf Böhm gewählt, zu Vizepräsidenten Prof. Gott lieb und Sa.ndor W o 1 f. Außerdem wurde ein zeling 1 i e d r i g e s Kuratorium gewählt, dem eine Reihe bedeutender Gelehrten an gehört und dessen Leitung aus den Mitgliedern der Jewiish Agency, Bernhard A 11 mann und Prof. Braun, besteht. Adolf Böhm, der neugewählte Präsident de« Vereines, I der nun den Vorsitz übernahm, dankte für die Wahl und führte a.ius: Es ist eine konkrete Arbeit, die von der Versuchsstation in Reehowoth und den Instituten der Universität geleistet wird. Wenn ein Volk heute solche Rekordleistungen zu voll bringen imstande ißt, dann ist dies der beste Beweis für den innigen Zusammen hang zwischen der Wissenschaft und dem praktischen Leben in Palästina. Jede Leistung ist dieser Zusammenarbeit zu danken. Der Verein soll sich nicht im Geldsanuneln erschöpfen. Eine Fülle von geistigen, pädagogischen Problemen beherrscht heute das Leiben in Palästina. Auch wir hier müssen uns mit diesen Problemen beschäftigen. Wir werden davon nur Anregungen für eine Intensivierung unseres eigenen geistigen Lebens gewinnen. Der Verein, zu dessen Gründungfisitzimg die besten Repräsentanten der jüdischen Wissenschaft und des geistigen Wien sich eingefunden haben, soll zu einem Zentrum des jüdischen Geisteß in Wien werden. Das Interesse an solchen geistigen Punkten und Zentren ist hier groß. Der Mangel an einem solchen Zentrum ist fühlbar. Ein solches Zentrum wäre berufen, nicht nur der Universität Jerusalem zu helfen, sondern den hier lebenden jüdischen Menschen die Mög ’ichkeit der Hebung de« jüdischen Bewußtseins zu geben. Oberrabbiner Dr. Feuchtwang der als Schlußredner das Wort ergriff, gab «einer großen Freude über die Gründung des Vereines Ausdruck und schloß sich im Wesentlichen den Worten dos Direktors Dr. Kellner und Prof. Jerusalem an. Dr. Feuchtwang betonte, daß die Hebräische Universität das ganze Judentum mit Stolz erfülle. Ein jeder werde begreifen, daß die Hebräische Universität eine Notwendigkeit für die jüdische Kultur und Wissenschaft darstelle. Ganz besonders erscheint es dem Redner als notwendig hinzuweisen, daß auf der Hebräischen Universität in Joruaslem auch jene Freiheit der Forsch ring gewahrt werde, wie sie einer wisseiischaftiichon Stätte entspricht. Denn Wissenschaft hat keine andere Aufgabe, als jeno der Auffindung der Wahrheit auf allen Gebieten der Erkenntnis sagen, daß dio Hebräische eine j ü d i s c h e sein, in derselben jüdischer für die jmlaislisehe müsse ein großer der Universität gedio Universität in Jerusa- Stätte der jüdischen Kulwelehor wir jüdische Kultur, Geschichte und Überlieferung verstehen. Man könnte sagen, es gäbe keine besondere jüdische Wissenschaft. Das gelte aber nur für die allgemein e, nicht aller Wissenschaft. Dieser Raum im Lehrsystem sichert sein, will lern wirklich eine tur werden. Wir werden genügend Gelegenheit haben, bei der Gründung von weiteren Lehrstühlen für Bibel- und Talmudwissenschaft, der Erhaltung des großen jüdischen ÜberluTerungsstoffes auf dem Gebiete des Denkens und der Religiosität entsprechenden Ausdruck zu verleihen. Die Hebräische Universität kann und wird zum Mittelpunkt jüdischen Geisteslebens werden, wenn an derselben große Lehrer auf allen Gebieten tätig sein werden. Es genüge nicht, nur in den naturwissenschaftlichen Fächern und allen anderen realen Erkenntniszweigen bedeutende Lehrer zu haben, denn auch die Wissenschaft, hat ihre Grenzen. Es komme auch darauf an. was jenseits der Grenzen liegt: auch das Gebiet des Transzendentalen, das keineswegs vernachlässigt werdeu darf. Dafür bürgen dio weiten Gebiete der Religionswissenschaft, für welche hervorragende Lehrer berufen worden sind. Der Erfüllung dieser Forderungen müssen wir alle unsere materiellen und geistigen Kräfte widmen. Überflüssig zu Universität auch das heißt, daß Geist herrschen Am 22. Dezember wird in dem weltberühmten Thermalbad und Winterkurort mit prachtvollem Skigelände Hofgastein (Österreich) eine streng rltue.Ie “MIO Pension unter Aufsicht der Wienor Adass Jisroel-Geraetndo (Schiffschul) im Kurhotcl „Alte Post“ eröffnet. — Wiener Küche, schöne Zimmer, Zentralheizung, Thermalbäder im Hause. Fahrpreisermäßigung! Anfragen an Frau H. Wolff, Hofgastein „Alte Post“ oder G. Wolff, Wien, I., Freyung 5, 6. Stiege, Tel. U 23-9-55. * Wichtige Erklärung des Vizekanzlers Starhemberg Bei einer Kundgebung’ der weiblichen vaterländischen Jugend, die am 7. d. in Wien stattfand, hat Vizekanzler Starhemberg edne längere Ansprache gehalten, in der er unter anderem sagte: „Was meiner Meinung nach angestrebt und erreicht werden muß, ist die große österreichische Jugendorganisation, in der der Staat alle jene Arbeitsgebiete betreut und vor allem auch kontrolliert, die ihm zitkommen, und in der die katholische Kirche dafür sorgt, daß die österreichische Jugend in einem katholischen Sinn heranwächst und erzogen wird, wobei selbstverständlich jede Möglichkeit offenbleibt, dort, wo andersgläubige Minderheiten in größeren Gruppen beisammen sind, diesen in analoger Form entsprechende Rechte einzuräumen. Ich bin .mb klar darüber, daß die Lösung, die Ich hier entworfen habe, nicht in nahm* Zukunft verwirklicht werden kann, ich bin mir aber ebenso klar darüber, daß es clie Endlösung sein muß, wenn man wirklich daß Problem der Jugenderfaesung und -erziehuug golöst sehen will. In erster Linie ist uns also die Aufgabe gestellt, dafür zu sorgen, daß nicht durch Konkurrenzneid unter uns und nicht durch zu starkes Betonen des Veirbandsmoments dort Uneinigkeit entsteht, wo ßie ganz und gar nicht am Platze ist. Darum spreche ich heute auch über dieses Problem, weil es auch in erster Linie Ihre Aufgabe ißt, darauf hinzuwirken, daß Einigkeit und einheitliche Auffassung herrschen, daß nicht» entstehen könnte, das in der Lage wäre, eure Geschlossenheit und eure Kampfgemeinschaft für d.io Zukunft zu stören. müsse. Es müsse dio jüdische Weltanschauung zum Andruck gebracht worden, unter Der Vizekanzler anerkennt mit diesen Äußerungen das volle Recht der jüdischen Bevölkerung auf Organisierung und Erziehung ihrer Jugend im jüdischen Sinn. Daß fließe Erziehung in voller Übereinsbim- Zionistfoche Beiirk»ek*ion Breitensee, XV , Sthanistraße 32 Qm Hofe links) Donnerstag, den 12. Dezember 1935, halb 9 Uhr abends HEIMEROfFNUNG Festrede; Dr. Oskar GrUnbctunt, Präsident des Zionistischen Landesverbandes für Österreich Oberkantor Einhorn bringt die Mesusoth an.