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Die Stimme · 1935-12-06 · Heft 505 (6.12.1935) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 505 (6.12.1935)
Date
1935-12-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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505 — 0. Dezember 1935 DIf STIMMI Seit« 3 JACK LSI OB N HUMOR. Sala Russota, die aus Berlin kam und eine Zeit lang in Paris arbeitete. In der Wohnung Werner Senators in Jerusalem sah man eine besonders schöne Kollektion des in Paris wohnhaften ausd r u c!< s r ei eh en, p h an tasi eer f ii 11 te n os tj U d isehen Malers R y b a k. Der palästinensische Rundfunk soll nach den letzten Informationen a,m 1. Jänner seinen Unterhaltiingsdiunst auf nehmen. Das Archäologische Museum, das John Rockefeiler jun. für zwei Millionen Dollar am Rande der alten Stadt, in dor Nähe des Dania.skust.ores, als Herberge aller archäologischen Funde auf palästinensischer Erde errichten ließ, und das gegenwärtig von einer Reihe ägyptischer und englischer Spezialisten eingerichtet wird, soll im Frühjahr seine Pforten dem Publikum öffnen. Eine kuriose Nachricht: Ein ausgeruhtes (jüdisches) Köpfchen schlug dem Jerusalemer Stadtrat die Schaffung eines städtischen Symbole vor, das die religiösen Symbole der Mohammedaner, der Juden und der Christen zeigt. Doch kaum war die Idee bekannt, versank sie auch schon im stadtväterlichen Papierkorb. Ego. „Ausländer fühlen sich in Deutschland nicht sicher“ In Deutschland weilte dieser Tage William C i t r o n, jüdisches Mitglied des Kongresses der Vereinigten Staaten von Amerika, um die Lage der Juden in Deutschland im Zusammenhang mit den Vorbereitungen zur Berliner Olympiade 1936 zu studieren. In einem Gespräch mit dem Sonderberichterstatter der Jüdischen Telographen-Agentur erklärte Citron, er habe feststellen können, daß im deutschen Sport eine rücksichtslose Diskriminierung gegen die Juden betrieben wird, und daß jene Amerikaner recht haben, die entschieden ein Fernbleiben Amerikas von der Berliner Olympiade fordern. Citron kündigte an, er werde nach seinem Wiedereintreffen in Amerika eine Konferenz von Mitgliedern des Kongresses einberufen und ihnen eine Schilderung dessen, was er in Deutschland gesehen und erlebt hat, geben. Das, was heuto den deutschen Juden angetan wird, fuhr Citron fort, ist schlechthin Raub. Man zwingt die Judon durch Terror, ihre Unternehmungen für einen Pappenstiel zu verkaufen, und erlaubt ihnen nicht einmal, die paar erhaltenen Groschen in Deutschland selbst auf rationelle Weise zu verwenden. Während seines Aufenthaltes in Berlin hielt Congressman Citron mit dem amerikanischen Botschafter Mr. D o d d und den anderen Mitgliedern der Botschaft, sowie mit den Mitgliedern der amerikanischen konsularischen Vertretung in Deutschland Beratungen an. Ich verlasse Deutschland, sagte Citron, mit dem Eindruck, daß hier nicht nur Juden deutscher Staatsangehörigkeit, sondern auch Ausländer, auch Judon amerikanischer Staatsangehörigkeit, verfolgt werden. Amerikanische Filme, die von Juden inszeniert sind odor in denen jüdische Künstler mitwirken, ja, sogar solche Filme, doren Manuskripte von Juden stammen, dürfen in Deutschland nicht zur Vorführung gelangen. Schon allein dies bedeutet eine schwere Diskriminierung amerikanischer Juden und eine Schädigung der amerikanischen Handelsinteressen. Ein Ausländer, schloß Citron, kann sich in Deutschlanddurchaufi nicht sicher fühlen. Ich habe Beweise dafür, daß man zum Beispiel m i r während meiner ganzen Anwesenheit in Deutschland n a c h s p i o n i e r t bat. Eine Kundgebung für den Keren Hafessod in Wien Vorfrag Dr. Sammy Gronemann Wir haben schon in der letzten Nummer unseres Blattes über die einzelnen Veranstaltungen berichtet, die aus Anlaß der Fünfzelinjahrfeier des Keren Hajcssod vom österreichischen Komitee der Jewish Agency und des Koren Hajessod in Wien zur Durchführung gelangt sind. Zu einer schlichten, aber doch eindrucksvollen Feier gestaltete sich der am Montag abends im Mittleren Kon zertliaussaal veranstaltete, dem Jubiläum gewidmete Abend, in dessen Rahmen der Vor sitzende des österreichischen Keren-Hajessod-Direktoriums, Hofrat W o r n e r, das Mitglied des Administrative Committee der Jowish-Agoncy, Primarius Prof. Braun, und schließlich als Festredner des Abends Doktor Sammy Gronemann das Wort ergriffen. Hofrat Werner eröffnete im Namen des österreichischen Keren-Hajessod-Direktoriiims den Abend, wies auf die Bodeutuug des Keren-Hajessod- Jubiläums hin und streifte kurz die Leistungen dieses Fonds, für den Nichtzionisten und Zionisten gleichermaßen in der neutralen Körperschaft der Jewish Agency Zusammenarbeiten. Eine überaus eindrucksvolle Rede hielt im Namen der Jewish Agency Prof. Dr. Ludwig Braun, der ungefähr folgendes ausführte: Es gibt im Leben der Menschen und der Völker Zeitperioden, die man als ganz besonders wichtig, inhaltsreich und bestimmend für die Zukunft bezeichnen kann. In oiclien Zeiten drängen sich Ereignisse zusammen, die sich in Jahren vorbereitet hatten. Sie drängen in bestimmter Richtung, nach einem bestimmten Ziele, und man ist oft versucht, zu glauben, daß Kräfte im Spiele sind, die wohl . von Menschenköpfen und Menschenhänden in Bewegung gesetzt worden sind, daß aber die Ereignisse am Ende ihren Lauf aus sich selbst herausgenommen haben, und daß im Strome des Geschehens Ungeahntes, Ungewolltes, Überraschtes entstanden ist. Man spricht in solchen Fällen in historischer Betrachtung oft von Schicksalswenden, von einem neuen Geschichtsabschnitte, einem neuen Anfang. Und nur das Auge, das mit prophetischem Blick begabt ist, wird im scheinbar Ungeahnten eiu Vorausgesehenes, im scheinbar Ungewollten einen tiefen Sinn und im scheinbar Überraschenden einen weit zu rück reich enden Zusammenhang erkennen. Zwei große Schicksalswenden gibt es im Leben des jüdischen Volkes. Die erste hat Rom herbeigeführt, als es das jüdische Volk in die Verbannung trieb. Seither waren wir immer nur Objekt, niemals Subjekt der Geschichte. Dann kam die Zeit, der sogenannten bürgerlichen Gleichberechtigung. Man hat in dieser, der „Emanzipat i o n s z e i t“, die vielen Gaben, mit welcher die Juden die Kultur und die Zivilisation der Völker beschenkte, mehr oder weniger dankbar entgegengenommen, aber die Bestrebungen, ein sozusagen unauffälliges Judentum zu schaffen, sind schließlich doch erfolglos geblieben. Dieser Verleugnung des Judentums, wie man im Grunde genommen sagen kann, hat sich nun eine neue jüdische Gedankenwelt mit neuen Zielen und neuen Hoffnungen kräftig gegenübergestellt. Allem Anscheine nach stehen wir an der zweiten J großen Schicksalswende des jüdischen Volkes, vor einer neuen Epoche und — hoffentlich — einem neuen Frühling im Leben unseres uralten, vielgeprüften Volkes. Die neuen Männer haben eben nicht bloß Ihre eigene Lebensepoche vor Augen, sondern die ganze Schicksalsgemeinschaft ihres Volkes, in der immer wieder und an vielen Orten kurze Zeiten der Ruhe mit langen Zeitläuften des Hasses, der Verfolgung, der Vernichtung abgewechselt haben. Dann kam die entsetzliche Enttäuschung „Deutschland“ Gerade da, wo der jüdische Geist das hellste Licht verbreitet hatte, haben sich die tiefen Schatten herabgesenkt. Nun heißt es helfen! — doch was können wir aber tun? Worin soll unsere Hilfe bestehen? Der Weg. den wir zunächst zu betreten haben, sagte Prof. Braun, ist uns vorgezeichnet. Wir müssen dafür sorgen, daß eine möglichst große Zahl jener Unglücklicher in das Land der Verheißung, in das Palästina des jüdischen Volkes, getragen werde. Der Vortragende erörtert die Aufgaben der Jewish Agency und ihres Finanzinstrumentes, des Keren Hajessod, und schließt seine mit großem und herzlichem Beifall aufgenommene Rede mit folgenden Worten: „Wir Juden sind im Kampfe um unser Dasein fast nur auf uns selbst angewiesen. Zugunsten Abessiniens und des Mcmelgebietes ist der Völkerbund sofort eingetreten, f ü r Danzig und das Saargebiet hat er nichts getan. Vielleicht fängt jetzt eine Intervention an. Spät genug! Und das Gewissen der Welt? Nur ganz leise, langsam, mühsam, gleichsam verschämt, beginnt es da und dort, sich für die deutschen Juden zu regen. Allerdings mit einer Ausnahme, und das ist England. Wir haben wohl alle die Kundgebungen der englischen Bischöfe gelesen. Die Namen Lang, Henson, Parsons verdionen es, mit goldenen Lettern in das Buch der Geschichte geschrieben zu werden. Man kann da nur sagen: „Gott schütze E n g 1 a n d!“ Vielleicht darf auch des Internationalen Juristentages an dieser Stelle gedacht werden. Es bedeutet gleichfalls einen Lichtpunkt im Dunkel unserer Zeit. Ist es Furcht, was die anderen zurückhält; oder hat die Menschheit wirklich jeden Sinn für die elementaren, erhabenen Grundsätze verloren, die wir Juden in dreitausend Jahren als Voraussetzungen des Menschentums gelehrt haben? Chaim Weizmann nennt den Keren Hajessod den Boten der Erlösung Israels. In der Tat ist der Keren Hajessod heute unsere große, unsere starke Hoffnung. Der bisherige unheilvolle Rhythmus, in dem immer wieder Verfolgung und Zerstreuung eingesetzt haben, muß endlich sein Ende finden. Indem wir unsere Pflicht gegen den Keren Hajessod erfüllen, erfüllen wir eine Pflicht gegen uns selbst. Indem wir dem Keren Hajessod geben, gehen wir unserem eigenen Hause. Denn von solcher Gabe kann man sagen, die ist wie ein guter Baum, der Früchte trägt und Segen bringt. Unser Hauptaugenmerk muß jetzt auf den Keren Hajessod gerichtet sein. Viele Augen warten auf uns. Geben wir rasch, zur rechten Zeit! (Langanhaltender, stürmischer Beifall.) Der Festredner des Abends war Dr. Sammy Gronemann, der in seinem Vortrag’ über das Thema „Das jüdische Volk auf der W e 11 b ü h n e“ geistreich, witzig und gleichermaßen tiefschürfend eine psychologische Analyse über das Sein und das Schicksal der Juden im abendländischen Kulturkreis gab. Dr. Gronemann, der nicht nur ein begeisterter Zionist und bedeuten der Schriftsteller, sondern auch ein ausgezeichneter Kenner des Theaters ist, suchte die Analyse sozusagen von den Sphären der Bühne her dem Zuhörer transparent zu machen. In einer an Gleichnissen reichen Rede konnte Dr. Gronemann in scheinbar improvisierter, ihm so ausgezeichnet liegender Art die ganze Dynamik des jüdischen Schicksals im europäischen Kulturkreis fenthalten. Dt. Gronemann griff eine Episodisteniigur aus Artur Schnitzlers „Freiwild“ heraus, die, wie er glaubt, zum Symbol geworden ist. Es ist die Figur des Kassiers Kohn in diesem Stück, dessen Szenerie Gronemann überaus plastisch und lebenschillernd vor uns erstehen läßt. Schnitzler hat diese Figur, die im Range den vielen anderen im Theaterzettel namenlos angeführten Figuren gleich, eine nebensächliche Rollo hat, mit dem Namen „Kohn“ versehen. Gronemann glaubt, daß Schnitzler, ‘der zur Zeit, als er dieses Stück schrieb, schon in enger Beziehung zu Theodor HerzI stand, mit Absicht dieser qßheinbar nebensächlichen Episo'lenfigur einen so prononciorteii Namen gegeben hat. Es sollte hierin etwas Bestimmtes symbolisiert werden. Der jüdische Kassier Kohn, der in dem Kiosk ein geschlossen sitzt und scheinbar ohne Teilnahme an dem Getriebe außerhalb seines Kiosks ist, symbolisiert die Lage des Juden, der stete mir Objekt der anderen war. Von dieser unscheinbaren Episodenfigur führt ein gerader Weg über den „Weg ins Freie“ zu der lichtvollen Gestalt des Professors Bernhardi. Die Juden könnte man, um in der Sprache des Theaters zu sprechen, also als die Episodiflten des Völkertheaters bezeichnen. Doch dies scheint nicht ganz richtig zu sein. Denn als Episodisten hätten sich die Juden nicht so lange erhalten können. Doch wo sind heuto die Griechen und clie Römer? Wo sind all jene Hauptdarsteller das großen Theaters? Und wo ist Moses?. Nein, die Juden sind keine Episodisten. Dies .sind vielleicht gar die anderen, j Ausgeschlossen vom Getriebe der Um-! ge bong, immer konzentriert auf den fest umrissenen Punkt seines Daseins, ist gerade der Jude im gleichen Rhythmus des Lebens «einer Ahnen von Gestern und Vorgestern geblieben, war es gerade dem Juden wie kaum einem Angehörigen eines anderen Volkes vergönnt, jederzeit an die Kontinuität des jüdischen Seins und Schicksals anzukntipfen. Die ganze jüdische Geschichte gibt hiefür Zeugnis. Und Geschichte ist nichts anderes als kontinuierliche Entwicklung, Die Juden sind keine Episodisten. Die Juden repräsentieren vielmehr eine jener drei Adelsgruppen, die es in der Weit gibt. Kaum ein Nicihtjude wäre zum Beispiel imstande, etwas Bestimmtes über das Leben, über die Lebensformen, über Sein und Schicksal seiner Vorfahren, «ei es auch nur seiner unmittelbaren Generationen auszusagen. Ganz anders bei den Juden, die überall in Europa jederzeit in der Lage «ind, hierüber Bescheid zu geben, darüber, wie die Juden in vorangegangenen Generationen gelebt, was sie gelitten und geduldet haben. Und Adel bedeutet: Kontinuierlichkeit des Lebensrhythmus einer Gemeinschaft. Der ganze geschichtliche Ablauf des jüdischen Volkes — vom Tage der Zerstörung des zweiten Tempels im Jahre 70 bis heute beweist uns dies. Die Symbole hat sieh das jüdisch# Volk bei seinem Auszug aus dem Gelobten Lande mit auf die Wanderung genommen. Und die Juden haben alle geistigen Schätze, die sie in Palästina besaßen, und durch die sie zum großen, auserwählten Volke geworden waren, auf ihrer Wüstenwanderung mitgetragen. An diesen gemeinsamen Symbolen, überall mit Liebe gepflegt, erkennen einander Juden aus Stockholm und Kapstadt, New York und Brüssel, und so fühlen sie für einander und sind einander verbunden. So kann man wohl sagen, daß die Juden die eigentlichen Geschichtsträger und staatsbildenden Elemente sind. Gronemann gab dann einen kurzen Abriß über die geistige Situation der deutschen Juden zur Zeit de« Beginne« des Zionismus. Er wies auf die im deutschen Judentum infolge der Emanzipation eingetretene jüdisch-geistige Erstarr u n g hin, aus der erst der Zionismus die Jugend wecken mußte. Er streifte in kurzen, prägnanten Sätzen den anfänglichen Kampf der deutschen Juden gegen den Zionismus und das mutige Auftreten der jungen jüdischen Generation, die sich dem Zionismus mit Begeisterung angeschlossen hat. Der Kampf der alten Generation gegen den neuen Geist des Judentums war vergeblich. Denn schließlich setzte sich dor Gedanke durch, das „Asthma noch ange keine Weltanschauung“ bedeute. Aber andere Faktoren und Erscheinungen, von niemandem herbeigesehnt und von niemandem erwartet, haben auch hier \ Pension Eckstein - * «Sfr 1 J Semmering Pensionspreis bt von 3 Tagen $ lü Mindeslaufenthalt inklusive Abgaben

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