Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 504 (3.12.1935)
- Date
- 1935-12-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIB STIMMB 504 — 8. Dezember 1985 Bücher 5« Schweden DrScke! Buchhandlung Schneider & Co., Wien, I. Franz-Josefs-Kal 7. Reichste Auswahl neuer Bücher bester Autoren zu billigsten Preisen! Katalog gratis! — allmählich zum großen Friedenstempel entwickelt, und schließlich die Siedlungen, der prachtvolle Emek, das schöne Daganiah, wo noch vor wenigen Jahren die verzweifeltsten Kolonisationsversuche gemacht wurden, bei welchen viele junge Menschen zugrunde geheu mußten, und das heute der Stolz der jüdischen Siedlungen ist.. Doch über all den wirtschaftlichen Aufschwung hinaus ist das Große und Schöne, d:.s uns au Palästina erfreut, das rege, geistige Leben des jüdischen Menschen dort. Doch all das Erreichte ist noch zu wenig, um allen großen Anstürmen standhalten zu können. Große Aufgaben stehen dem Keren Hajessod noch bevor. Palästina existiert, bereits, aber noch immer gibt es viele Gegenden, die der Entsumpfung harreu. weite Strecken, die wie das letztens erworbene Hille-Gebiet, urbar gemacht werden müssen. Aufforstung. Kolonisation, Spitäler bauen — cs darf nicht Vorkommen, daß Menschen an gewöhnlicher Blinddarmerkrankung rettungslos zugrundegehen, nur weil Spitalsmangel herrscht — und vieles andere mehr muß noch geschaffen werden. Es müssen — und dies ist ohneweiters möglich — die Voraussetzungen für eine weit größere Einwanderungsziffer geschaffen werden. England soi bereit, jene Quote zuzulassen — und von diesem Grundsatz hat es sich in den letzten zwei Jahren bei der Zertifikatsbemessung leiten lassen — die der wirtschaftlichen Auf nahmst ähigkeit des Landes entspricht. An den Juden aber liegt cs, diese Absorbienmgsmöglichkeit so groß und stark zu machen als nur möglich. An uns liegt es, solche Vorbedingungen zu treffen, die es uns ermöglichen, nicht nur die bisherige jährliche Ein wänderungszahl von 60.000 zu verdreifachen, sondern all jenen hunderttausenden Juden, die heute verzweifelt in den europäischen Ländern leiden, ohne zu wissen, wohin sich zu wenden, zu helfen. Die neue Aufgabe de« Keren Hajessoi bestehe nicht zuletzt darin, durch die Verbreiterung der Basis des Aufbaues in Palästina zur Lösung jener Probleme, die man Judenfrage nennt, beizutragen, die heute die Welt so in Atem halten. Minister Dobretsberger an die jüdischen Aerz!e Die Vereinigung jüdischer Ärzte teilt uns mit: Der Minister für soziale Verwaltung, Professor Dr. Dobretsberger, hat vor einigen Tagen eine Deputation der jüdischen Ärzte Österreichs empfangen. Die Abordnung bestand aus dem Präsidenten der Vereinigung jüdischer Ärzte, Professor Dr. Ludwig Braun und Primarius Dr. Kurt Tschiassny, geführt vom Staatsrat und Präsidenten der Kultusgemeinde, Dr. Desider Friedmann. In einer nahezu einstünd-igen Unterredung konnten die Herren dem Minister alle Sorgen und Kümmernisse rückhaltlos unterbreiten, von denen gegenwärtig die jüdische Ärzteschaft bedrückt wird. Über die Einzelheiten dieser bedeutungsvollen Aussprache solle nicht besonders berichtet werden, doch müsse aus den Äußerungen des Bundesministers eine besonders hervorgehoben werden. Professor DobretsbergeT sagte ungefähr folgendes: ,?I e h bin kein Antisemit, Sie können es mir glauben. Wer eines Menschen Antlitz trägt, gilt mir gleich. Ich urteile nur nach dem inneren Wert, nach Moral und Tüchtigkeit.“ Schlagaderverkalkung. Wissenschaftliche Beobachtungen in den Kliniken für Krankheiten der Blutgefäße haben ergeben, daß das natürliche „Franz-Josefa-Bitterwasser namentlich älteren Leuten sehr ersprießliche Dienste leistet, Die Flüchtlingsfrage vor dem Völkerbund In Genf wurde am letzten Donnerstag die Tagung der von der Völkerbund Versammlung eingesetzten Sachverständigenkommission zur Behandlung der Flüchtlingsfragen eröffnet. Die Kommission wird dem Völkerbundsrat Bericht über organisatorische Maßnahmen zur Lösung des Problems der Flüchtlinge aus Deutschland im Zusammenhang mit den bestehenden allgemeinen Einrichtungen des Völkerbundes für Flüchtlinge aus anderen Ländern erstatten. Der Völkerbundsrat wird im Verlauf seiner nächsten Tagung hierüber Entschlüsse fassen. Die Kommission setzt sich aus dem ehemaligen englischen Botschafter in Berlin Sir Horace R u m b o 1 d, dem Franzosen Marcel Rolland, dem Italiener Senator D. Michaelis, dem tschechoslowakischen Gesandten in Paris Dr. Stefan O s u s k y und dem Norweger Michael Hansen zusammen. Den Vorsitz Führt Gesandter Doktor 0 s u s k y. Der Kommission liegen Pläne verschiedener Hilfsorganisationen zur Lösung des Status der aus Deutschland bereits ausgewanderten Personen und zur Regelung der zu erwartenden weiteren Auswanderung aus Deutschland vor. Die Kommission wird alle diese Pläne im Verlauf ihrer jetzigen Tagung durchberaten. Nach Ansicht der Kommissionsmitglieder dürften die Beratungen etwa acht bis zehn Tage in Anspruch nehmen. Die Kommission wird auch die Richtlinien einer Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten des Völkerbundes mit Deutschland bei der Erledigung des heiklen Problems der deutschen Flüchtlinge festlegen. Sie betrachtet das Flüchtlingsproblem als ein rein soziales und unpolitisches Problem. In der Nachmittagssitzung vom 28. November berichtete der VölkerbundsLommissär für Auswandererfürsorge James G. M a c Donald über die Tätigkeit seines Amtes und die gegenwärtige Situation der Ausgewanderten. Am 2. Dezember werden die Vertreter der Jewish Agency der JCA und des Joint Foreign Committee (Board of Deputies of British Jews und Anglo Jewish Association) ihre Pläne unterbreiten. Parallel mit der Tagung der Expertenkommission findet eine Konferenz von zwölf zentralen jüdischen Organisationen (JCA und Enrigdirect sind nicht vertreten) statt, deren Aufgabe es ist, die Auswanderungsarbeit zu koordinieren und Wege zur Legalisierung des Status der Ausgewanderten in ihren derzeitigen Aufenthaltsländern zu finden. Es steht noch nicht fest, ob die Expertenkommission sich ausschließlich mit dem Schicksal der etwa 30.000 aus Deutschland ausgewanderten Menschen befassen wird, die bisher in den neuen Ländern noch nicht festen Fuß fassen konnten, oder ob auch der Frage der zukünftigen Auswanderung in den Besprechungen Raum gewährt werden wird. Die Olympiade und „Der Stürmer" Aus Berlin wird gemeldet, daß nicht die geringste Absicht besteht, den „Stürmer“, das Organ Streichers, mit Rücksicht auf d i e Olympiade im Jahre 1936 einzustellen. Solche hie und da aus Berlin ins Ausland lanzierte Nachrichten sind tendenziös. Die Olymplabesucher werden vielmehr den „Stürmer“ in ganz Deutschland in den zu Hunderttausenden ausgestellten roten Stürmerkästen lesen und sich selbst davon überzeugen können, wie in Deutschland eine Minderheit diffamiert und beleidigt wird. In Berlin findet man heute fast in jeder zweiten Straßenkreuzung oder an den Mauern der amtlichen kommunalen oder privatwirtschaftlichen Gebäude Stürmerkästen, in denen die jeweils neueste Nummer ausgehängt wird. Auch die Auflage des „Stürmers“ hat infolge der offiziellen Förderung bereits eine halbe Million erreicht. Naumann ein „Staatsfeind“ Das Deutsche Nachrichtenbureau bestätigt die Meldung von der Auflösung des Verbandes nationaldeutscher (später n ational Sozialist iß eher) Juden und der Verhaftung des Verbandsfülirers Doktor Max Naumann und fügt hinzu, die Auflösung des Verbandes sei wegen „staatsfeindlicher Einstellung“ seiner Mitglieder erfolgt, weswegen auch das Verbandsvermögen beschlagnahmt wurde; die Verhaftung Naumanns erfolgte, weil er „unrichtige Angaben über die Betreuung der Juden durch das Winterhilfswerk“ gemacht hat. Rosenbergsche Phantasien Einem Berliner Artikel der „Prager Presse“ entnehmen wir die folgende Stelle: „Da nach Julius Streicher die Rassenfrage der Schlüssel zum Verständnis der Weltgeschichte ist, sind die Bassetheoretiker des Nationalsozialismus auf den Plan getreten, um den italionisch-abessinischen Konflikt nach ihren Gesichtspunkten zu analysieren, sie gelangten jedoch zu keinem einheitlichen Resultat. Dio einen glauben einen Kampf der weißen gegen die schwarze Rasse vor sich zu haben, wobei hinter den dunkelfarbigen Böyowichten die ,britische Hochfinanz1 und daher auch das »internationale jüdische Kapital* stehen soll. Die andern, dazu gehört die radikal antisemitische Zeitschrift AV e 1 tk a in p f‘, die von Rosenberg gegründet wurde, kommen zu dem gegenteiligen Ernaanmmummmmmmmmmmmm ebnis, daß die Abessinier durchaus keiner minderwertigen Rasse angehörten, auch der jüdische Einfluß stände viel eher auf der Abessinien feindlichen Seite. Das genannte Organ bezeichnet den General G r a z i an i als ,R assejude n‘, dessen militärischer Ruhm in unmenschlicher Rücksichtslosigkeit begründet ist. Der Weltkampf* spricht dann bezugnehmend auf den Oberbefehlshaber an der Somalifront von .echt jüdischer Brutalität.“* Der Beschluß des Bundes der jüdischen Frontsoldaten Österreichs, gemeinsam mit allen gleichartigen jüdischen Verbänden die Rettung der Kinder der 12.000 für Deutschland gefallenen Juden durchzuführen, ist von der jüdischen Öffentlichkeit der ganzen Welt als ein Akt echter Brüderlichkeit begrüßt worden. Alle jüdischen Organe haben diesen Beschluß mit dankbarer Anerkennung verzeichnet. Nur die „Jüdische Wochenpost“ in Bielitz ist der Ansicht, daß die Erlösung von Waisenkindern ein Verbrechen bedeutet; sie widmet der Angelegenheit einen Artikel, den wir hier im ungekürzten Wortlaut folgen lassen. Der „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten“ lehnt ab. — Gegen einen aufdringlichen Liebesdienst ihrer österreichischen Kameraden. Letztens machte durch die Presse eine Erklärung des Bundes jüdischer Frontsoldaten Österreichs die Runde, derzufolge angesichts des Erlasses des deutschen Reichspropagandaministeriums zur Äußerung der Namen der jüdischen Gefallenen aus den Gedenktafeln ein „Dorf der 12.000“ in Palästina zur Pflege des Andenkens an die für Deutschland gefallenen 12.000 Juden errichtet werden soll. Dieser Beschluß wird auch jetzt noch aufrechterhalten, wiewohl von offizieller deutscher Seite entschieden bestritten wird, daß eine derartige Weisung jemals ergangen sei. Wie wir nun aus Kreisen des „Reichshundes jüdischer Frontsoldaten“ aus Berlin erfahren, hat dieser Beschluß der Wiener Kameraden höchst peinlich überrascht. Man verwahrt sich dagegen, daß ein solcher Schritt, den der Reichsbund entschieden ablehnt, über den Kopf der Betroffenen hinweg unternommen wurde und weist eine derartige Vordringlichkeit aufs schärfste zurück. Neben der grundsätzlichen Einstellung zu diesem Projekt findet es der Reichsbund ganz unbegreiflich, daß diese projektierte Ehrung ausgerechnet nach Palästina verpflanzt werden Stellenaussdhreibung Bei der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien gelangt die Stelle des ersten Sekretärs und Amtsdirektors zur Besetzung. Anstellungserfordernisse sind: a) die österreichische Bundesbürgerschaft, b) ein ehrenhaftes Vorleben, c) die zur Erfüllung der Dienstesobliegenheiten notwendigen körperlichen und geistigen Fähigkeiten, d) ein Lebensalter von nicht mehr als 40 Jahren, e) die Zurücklegung der rechts- und staatswissenschaftlichen Studien und Staatsprüfungen, f) der Nachweis der für die Dienststelle erforderlichen besonderen Fähigkeiten und Kenntnisse. Der Kultusvorstand' behält sich vor, im Falle besonderer Eignung des Bewerbers die Dispens von dem vorgeschriebenen Alter sowie von dein Erfordernis des Hochschulstudiums zu erteilen. Mit der ausgeschriebenen Stelle sind die Bezüge der ersten Stufe der ersten Bezugsklasse sowie die im Wege der Vereinbarung festzusetzenden Dienstaufwands- und Uberstundenentlohnungen verbunden. Auf die Vorrückung, die Ruhe- und Versorgungsgenüsse haben die jeweiligen Normativbestimmungen für die Angestellten der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien Anwendung zu finden. Die ordnungsmäßig und vollständig belegten Bewerbungsgesuche sind bis längstens 16. Dezember 1935 beim Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien in geschlossenem, mit der Bezeichnung „Stellen-Bewerbung“ versehenen Briefumschläge einzubringen. Wien, am 29. November 1935. Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien. soll. Angesichts der bekannten streng ablehnenden Haltung des Reichsbundes zum Zionismus und dem natiooialpolitischen Palästina wirke der Versuch einer Verschleppung des Andenkens an die jüdischen Gefallenen Deutschlands nach Palästina wie ein Hohn auf die weltanschaulichen Ideale des Reichsbundes. Man vermutet, daß dieser Plan von den zionistischen Drahtziehern innerhalb des österreichischen Frontsoldatenbundes ausgeheckt wurde und erblickt in dieser. Mache einen Versuch, die Lage der jüdischen Frontsoldaten Deutschlands für zionistisch-propagandistische Zwecke auszuschroten. Wie wir hören, beabsichtigt der Reichsbund schon in den nächsten Tagen eine scharfe Verwahrung gegen diese zionistisch inspirierten Machinationen der Wiener jüdischen Frontsoldaten zu verlautbaren. Die „Jüdische Wochenpost“, die wir hiendt an den Pranger nadeln, ist schon oft durch den Eifer aufgefallen, mit dem sie — in dem polnischen Bielitz — die Pogrompolitik Hitlers vertritt. Es ist auch der Verdacht laut geworden, daß das Blatt im Dienste der Gestapo steht. Sicheres ist darüber nicht bekannt geworden. Aber wenn man nur diesen einen oben abgedruckten Artikel liest, so findet man darin eine Bestätigung für den Verdacht. Es ist nicht anzunehmen, daß der „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten“ bei aller antizionistischen Einstellung die Rettung von Kindern ablehnen würde. Aber es ist klar, daß die unterschiedlichen Spitzel gerne die Gelegenheit wahrnehmen, ihren jüdischen Antisemitismus zu beweisen. Telephonverbindung Palästina — Irak Am 27. November wurde dio Telopbonverbindung zwischen Palästina und Iruik mit einem Gespräch zwischen dem Ministerpräsidenten des Irak, Jassin Pascha, und dom Chef Sekretär der Palästinaregierung, John Ilathorn II all, ln Vertretung des erkrankten Iligh Commi&sioner, eröffnet. In Jerusalem fand die Eröffnungs- Zeremonie im Studio der Palestine Broadcasting Corporation in Anwesenheit des Gonoralpoßtmeisters von Palästina, Oberstleutnant William Hudson, und anderer hoher Beamter der Palästina-Regierung sowie der Vertreter der Presse statt.