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Die Stimme · 1935-11-26 · Heft 502 (26.11.1935) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 502 (26.11.1935)
Date
1935-11-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 502 26 November 1935 Oll 8TIMMI Seit« 3 Die Erstaufführung des Palästinatonfilms „Land der Verheißung" in Wien Sonntag vormittags ging im Apollo-Kino dio Wiener Erstaufführung des großen Keren-Hajessod-Tontilms „L a n d d e r Verheißung* vor sich. Zu Beginn der Matinee sprach Jakob Feldhammer sehr wirkungsvoll das Kapitel 40 von Jeschajahu „Tröstet, tröstot mein Volk“, worauf Hans Langer an der Christie-Orgel mit tiefer Einfühlung Improvisationen über das „Emek-Lied“ zu Gehör brachto. Nun ergriff das österreichische Mitglied der Jewish Agency, Herr Bernhard Alt mann, das Wort zu oinor Ansprache, in der er die Gäste im Namen des Keren Hajessod begrüßte und in prägnanten Sätzen die für das jüdischo Kolonisationswerk in Palästina so entscheidende und segensreiche Arbeit des Keren Hajessod zeichnete. Durch den Keren Hajessod erst wurde die Landnahme eine Landes ermöglicht, wie eie in der Geschichte moderner Kolonisation wohl einzig dasteht. Redner rühmte die Umwandlung des jüdischen Menschen in Palästina, sprach von dem gewaltigen Erlebnis, das durch diesen neuen Judentypus vermittelt wird, wie man ihm heute überall im Lande, bei härtester, schwerster Arbeit auf dem Felde und bei der Maschine, beim Häuser- und beim Straßenbau begegnet. Ein neuer Menschenschlag tritt uns überall entgegen, ein starker, kraftvoller Judentypus ist in diesen lotzten fünfzehn Jahren dort neu erstanden. Denn was noch vor 10 bis 20 Jahren Utopie schien, ist heute Wirklichkeit. P alästina ist Realität geworden und liegt vor aller Welt offen. Die ungeheure Wirkung des Palästinaauföaus auf die Juden in aller Welt manifestierte sich am besten in der Tatsache, daß es heute keine Palästinagegner oder „-Freunde“ gebe; diese Grenzen seien unter dem überwältigenden Eindruck des lebendigen jüdischen Palästinas ebenso verwischt, wie die Begriffe von „Zionisten“ und „Nichtzionisten“. Der jüdische Kreis gelte heute nicht als geschlossen, wenn nicht Palästina in diesen Kreis einbezogen ist. Herr Altmann schloß mit einem eindringlichen Appell an die Judenschaft, dieses große, stolze Werk des Keren Hajessod in Palästina nach Kräften zu unterstützen. Ein jeder einzelne stelle sich in die Reihen der Mitarbeiter, damit, wenn dereinst von der Erlösung Palästinas für die Juden gesprochen werden wird, auch er sagen könne: „Ich war auch dabei gewesen.“ Die nun folgende Vorführung des Films löste bei dem bis aufs letzte Plätzchen besetzten Hans enthusiastische Begeisterung aus, die zum Schluß in stürmischem Beifall zum Ausdruck kam. Mit den „Hatikwah“-Klängen, die von der Orgel ertönten, schloß die eindrucksvolle Feier, die auf das aus allen Kreisen der Wiener Judenschaft sich rekrutierende Publikum starken Eindruck machte und wsicherlich von größter propagandistischer Wirkung war. Auf don Film selbst kommen wir noch ausführlich zurück. Der Vorführung des Films ging ein Presse empfang voran, bei welchem Doktor Ludwig Neumaiin über die grandioso Arbeit dos Keren Hajessod in Palästina sprach, von der der Film „Land der Verheißung“ nur einen kleinen Bildstreifen biete. Dr. Neumann umriß in kurzen Strichen das zionistische Kolonisationswerk in Palästina, welches immer mehr auch die Bewunderung der nichtjüdischen Welt errege und von Tag zu Tag immer größere Aufmerksamkeit auf sich zieho. Dem freien Erneuorungiswerk in Palästina stellte Dr. Neumann das düstere Bild der jüdischen Situation in der Diaspora gegenüber. 350.000 Juden leben heute in Palästina. Aber hunderttausende Juden stehen von den Toren dieses Landes, in dem sio ihre einzige Rettung erblicken. Redner bat zum Schluß, bei dor Vorführung des Films „Land der Verheißung“ sich jenen noch ungedrehten Bildstreifen in Gedanken vorzustellen, der aber noch von den Juden, insbesondere vom Keren Hajessod in die Wirklichkeit umgesotzt werden müsse. Ein jeder möge dazu beitragen, daß diese Arbeiten Palästina wirklich zum Lande der Verheißung“ machen. 11 Mauschel in Palästina iiiiiin Von Ch. Haller, Tel-Aviv „Tu Tel-Aviv ersoheint eine deutsche Tageszeitung, die auf Vervielfältigungsapparaten gedruckt und an dio Abonnenten durch die PoBt verschickt wird.“ „Am Samstag, den 6. November, abends, wurde im Saale des Kinos ,Orient* in der deutschen Kolonie Jeru- 'saloms von jüdischen Schauspielern der deutschen Alijah, unter dem Schutzo arabischer und englischer Schutzleute, das deutsche Schauspiel ,Satan* trotz des Protestes eines Teiles des Publikums aufgeführt. Die Protestierenden wurden von der Polizei aus dem Saale entfernt.“ (Beide Nachrichten a«B der palästinen sisohen Tagespresse der letzten Tage.) Als Herzl vor bald vier Jahrzehnten Mauschel außerhalb der jüdischen Gemeinschaft stellte und damit glaubte, ein für allemal eine reinliche Scheidung zwischen dem jüdischen Volk und Mauschel durchgeführt zu haben, da gab er sich einer angenehmen Täuschung hin. Er machte die Rechnung ohne — Mauschel. Er zog Mauschels Zähigkeit und tausendfältige Wandlungsfähigkeit nicht genügend in Betracht. Volk und Mauschel sind offenbar untrennbar. Das Schicksal scheint es so zu wollen. Das jüdische Volk, das in Ehren leben will, wird immer einen Kampf gegen Mauschel zu führen haben. Bei dem Auszugaus derägyptischenKnechtschaft in die Freiheit schloß er sich ihm an (in jener Epoche trägt er den Namen „Erew-Raw“) und verließ es seither nicht wieder. Er macht mit ihm alle Phasen der Entwicklung mit. Natürlich in seiner Art, in der Art Mauscheis. Er heftet sich an seine Fersen, wie das Fliegengeschmeiß an den Körper des arbeitenden Tieres. Trifft es der Schweifenschlag rückwärts, so setzt es sich ihm auf das Gesicht, und wird es von hier verjagt, so findet das Geschmeiß eine andere passende Gelegenheit. Mauschel hörte, daß es Prosperity gibt im Lande Israel, und so schloß er sich dem vor der Verfolgung in die Freiheit flüchtenden Volke an. Denn zu Hause ist Mauschel arbeitslos geworden. Er merkte, daß” der europäische Fortschritt, dessen Verteidigung vor der zionistischen Reaktion ihm immer oblag, Pleite machte und daß das Ghetto jene eingerichtet haben. Und Mauscheis Entschluß ist schnell gefaßt: er verlegt sein Arbeitsfeld mitten ins Feindesland. Natürlich vorübergehend, bis das etwas verrückt gewordene Vaterland das Gleichgewicht wiedergefunden hat. Für diesen Augenblick ist Mauschel ständig gerüstet. Er wird das erste Flugzeug belegen, um „heimzukehre n“. Bis dahin aber findet Mauschel in Palästina ein reiches Arbeitsfeld. Barbarei und Unkultur an allen Ecken. Der sattsam bekannte „Oste n“ auf allen Gebieten zu hundert Prozent und noch mehr. Die ihm so sehr bekannten und verhaßten „Sitten“ findet er hier in Reinkultur vor, und dazu noch eigenartige, prätentiöse Bestrebungen. Und was Mauschel vor allem vermißt, ist eine Sprache, in der sich ein zivilisierter Mensch ausleben und verständigen kann. Der Einwandererstrom schleppt auch aus den anderen Gastländern den „Erew-Raw** mit sich. Aber Mauschel der Dzika und Nalewki hat nur ein Bestreben, er sucht sich zu bereichern, selbst auf Kosten der Gesamtheit und des Werkes. Alles andere ist ihm gleichgültig, er hat keine Tendenzen, nicht für und nicht gegen. Anders Mauschel vom K u r f il r s t e n d a m m. Er hat die Prätension eines Kulturbringers dos Westens. Er ist von einer offenen oder verschlagenen Feindschaft erfüllt gegen all das, was dem Volke teuer ist, wofür es litt und dio größten Opfer brachte. Selbst in Palästina. Und Mauschel wirkt innerhalb kurzer Zeit, was dio deutschen Templer in drei Generationen verachlässigt habon: er errichtet in Palästina einen Stützpunkt für die wahre, die deutsche Kultur. In Palästina strömen Juden aus siebzig Galuthiländern zusammen, um die jüdische Heimat wieder aufzurichten und daboi auch die eigene Existenz. Keiner aber hat noch den Versuch gemacht, die Sprache seines Herkunftslandes hierher zu verpflanzen, so schwer ihm die sprachliche Eingliederung ankommen mag; selbst die jüdische Volkssprache nicht ausgenommen, die vom Geist des Volks vollgesaugt und zu einem beträchtlichen Teile den Rhythmus der hebräischen Sprache in den fremden Worten nicht verleugnet. Der ideell vom Zionismus noch so entfernte Jude bringt, wenn er dio Ufer dieses Landes betritt, auf der letzten Schicht seiner Seele noch ein instinktives Verstehen einen triebartigen Anschluß an das hier Geschehende mit sich. Er respektiert die nationale Tendenz, den werdenden Charakter des Landes, wenn er auch eine Zeitlang noch in der gewohnten Sprache verkehren muß. Er fügt sich den Verhältnissen mit Willen an, ehe er mit seinem Können folgen kann. Nicht so Mauschel. Er ist ein erklärter, und wo er sich tarnen muß (in Palästina muß er das leider manchmal), ein verkappter Feind der hebräischen Sprache. Iwrith, erklärt Mauschel, ist eine asiatische Sprache, die kein Kulturmensch annehmen kann. Mehr Verständnis hat schon Mauschel für Englisch, und dies begründet er so: Palästina ist ein englisches Mandatsland und es ist nur recht, daß Englisch die allgemeine Geschäftssprache sein soll. Deutsch erklärte Mauschel aber sofort als „vierte Landessprach e“, wobei er aber die praktische Tendenz bekundet, von der nun einmal unvermeidlichen Vierzahl nur zwei gelten zu lassen: Deutsch und Englisch. Man hält Mauschel vor: wir wollen uns hier ein eigenes Heim errichten, und das soll jüdisch sein; jüdisch in der Sprache und in der Kultur. Aus so vielen Ländern die Juden herkommen, in so vielen Weltanschauungen und Interessensphären sind ie zerrissen. Die hebräische Sprache ist das erste Bindemittel und die erste Hoffnung, daß aus diesem Babel eine geeinte Gemeinschaft wird. Das jüdische Kulturgut hat das Volk nur deshalb vor dem Untergang bewahrt, weil es in seiner Sprache erhalten und weitergepflegt wurde. Die Sprache wieder spiegelt die jüdische Seele in ihrer eigentlichen Reinheit. Deshalb muß in Palästina vor allem jedes öffentliche Hervortreten und jeder öffentliche Verkehr in unserer Sprache, in Iwrith, vor sich gehen, und deshalb muß die innere Bereitschaft zur Umstellung vorhanden sein. Wer Hebräisch noch nicht kann, tritt öffentlich nicht hervor, und das gibt ihm den Antrieb, diese Stummheit zu überwinden. Er ist sich bewußt, daß das jüdische Freiheitswerk Verpflichtungen auferlegt und daß auch hervorragende Mitarbeiter an diesem Werk intellektuelle Opfer auf dem Gebiete der Sprache bringen müssen. Aber das macht auf Mauschel keinen Eindruck. Er betätigt im Gegenteil seine deutsche Kulturmission in jeder möglichen Weise. Auf seinen Schildern und Speisezetteln darf das Deutsche nicht fehlen, wo sio nicht schon alleinherrschend ist. Die Korrespondenz, die Reklame, die Rundschreiben, die Verträge, die Bedienung in den Läden und Büros — warum nicht, warum nicht selbstverständlich deutsch? Manchmal muß wohl Mauschel Konzessionen machen, er bringt auch auf seinen Briefbogen und Geschäftskartell ein paar Worte in Iwrith an, aber dio Art, in der er die f- Vermahlt« Cernauti, im Oktober 1935 eigentliche Überflüssigkeit dieser sonderbaren Zeichen zum Ausdruck bringt, Bißt die niederträchtige Gesinnung dieses Mitbürgers des jüdischen Jisohuws hell zurai Vorschein kommen. Dio Namen seiner Geschäfte drücken natürlich die Kultur aus, die Mauschel am Herzen liegt. Manche Fäden suchte Mauschel zu den deutschen Templern, deren Liebe zu dem jüdischen Werk in Palästina ja bekannt ist, hinüberzuwerfen, und es ist nicht seine Schuld, wenn er auf den Gebieten der. Schule, der Publizistik und des Theaters sich noch nicht richtig durchsetzen konnte. An hartnäckigen Versuchen hat er es nicht fehlen lassen, und immer neue Anzeichen lassen darauf schließen, daß Mauschel an seinem Erfolg noch nicht gezweifelt hat. Denn er stützt sich auf sein gutes Recht und auf die Gesetze des Landes, und das herrschende empfindliche Bedürfnis und auf die breite Basis des Halben-, Viertel- und Achtel-Mauscheltums und auf die vielen „Neutrale n“, denen alle diese Dinge im Grunde so wurscht sind — wenn nur das Geschäft geht-—. Aber, tun wir Mauschel nicht unrecht?. Kommen wir ihm nicht mit übermenschlichen Forderungen? Nehmen wir vielleicht nicht genügend Rücksicht auf Mauscheis schwere Lage? Hat nicht auch Mauschel ein Anrecht auf unser menschliches Mitgefühl? Man muß gestehen, daß solche Einwände geeignet sind, uns einen Augenblick besinnlich zu machen. Denn jedes menschliche' Leid, selbst wenn es das Leid Mauscheis ist, hat ein Anrecht auf unsere Nachdenklichkeit, wenn man ihm Gründe der Unverschuldetheit zusprechen kann. Aber da erhebt sich das Volk, erheben sich die erschütternden Heimwandernden, an deren Fersen Mauschel sich heftete, um wider ihn feierlich Anklage zu erheben. Da zeugen gegen ihn die über Dikduk und T’nach gebeugt auf der Schulbank sitzenden reifen Männer und Frauen, die ihr Leben umstellenden, ich zurückhaltenden und entsagenden, in tiefer Seelenaufwüblung den Rückweg zu Volk und Land Suchenden. Sie sind ein lebendiger Protest gegen Mauscheis Gesinnung und gegen Mauscheis Handlungen. Eine Gemeinschaft sucht Umkehr und Neuaufrichtung. Da kommt Mauschel und stellt sieh in den Weg. Und hier befinden wir uns wohl bei dem entscheidenden Punkte. Was bindet Mauschel an diese Gemeinschaft? Ja, wozu bist du, Mauschel, nach Palästina gekommen? Spürst du noch nicht, daß es hier, auf diesem Boden, für dich keinen Platz gibt? Es ist ein tausendjähriger, harter hebräischer Boden, er hat seit jeher, früher oder später, alle diejenigen ausgespien, dio sich ihm nicht in voraussetzungsloser Liebe und Selbstverleugnung verbunden haben. Mauschel, M a uschel, nimm dich in acht! Setze dein Ohr an den Boden und du wirst die Stimmen des aus der Tiefe aufsteigenden Unwillens vernehmen. Mauschel, du bist gewarnt! MITTLERER KONZERTHAUSSAAL Montag, den 2. Dezember, präzise 8 Uhr abends Vortrag Dr. Sammy Gronemann, Bert n, ober das Thema: „Das IQdisdte Volk und Palästina" veranstaltet vom Keren Hajessod aus Anlaß seiner Fünfzehnjahrfeier Karten 5 S 2* —, 1’50, 1*—, 50 g (Stehp'Stze) Kartenvorverkauf: Buchhandlung R. Löwit, WoMzeile 6, R 25-4-53/ Bücherstube M. Rath, II., Taborstraße 20 a, R 45-305/ Jüdische Kultuistelle, I., Kai 3, R 28-2-36/ WIZO, I., Schottenring 25, A 11-6-26 Der englische Kerker im jiidi* sehen Nationalheim Jerusalem, 24. November. (2. T. A.) Gegenwärtig befinden sich zwölf jüdische illegalo Einwanderer schon den fünften Tag in Hungerstreik, weil sie trotz Verbüßung der Strafo aus dem G e f ä n gn i e nicht entlassen wurden. Acht von ihnen können deshalb nicht freigelassen werden, woil sich bisher niemand gofunclen hat, der für sie die vorgeschriebene Bürgschaft hinterlegt. Drei aus Deutschland geflüchtete Juden, die keine Einwanderungs- Zertifikate hatten, sprangen vor der Landung ins Wasser und schwammen vier Stunden lang zum Hafen von Akko. Dort irrten sio drei Tage herum, bis sio von der Polizei ungehalten und ins Gefängnis eingeliefert wurden.

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