Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 502 (26.11.1935)
- Date
- 1935-11-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 502 — 26. November 1935 Philippe Rheim? sich an irgend welche Parteien oder Fraktionen zu binden, sondern strebt danach, die unparteiische Plattform für alle Bestrebungen zur körperlichen und geistigen Erneuerung dos jüdischen Volkes zu bilden." Französische Absage an die deutsche Olympiade Paris, 22. November (Z. T. A.). de Rothschild und Jean die Frankreich auf der Winter- Olympia le in Garmisch-Partenkirchen hätten vertreten sollen, erklärten in einem Schreiben an den Präsidenten des französischen Bobsleigh- und Toboganning - Verbandes unter anderem: ..Herr Präsident! Nach unseren Leistungen bei den Bobsleigh-Weltmeisterschaftsspielen 1935 in St. Moritz wurde uns die Ehre erwiesen, als Kapitän und Pilot der Mannschaft bestimmt zu werden, die Frankreich auf der Olympiade in Deutsch land 1936 vertreten soll. Wir können um aber an einer internationalen Schau nicht beteiligen, bei der die Deutschen jüdischen Glaubens nicht als ihren Mitbürgern gleichberechtigt behandelt werden. Wir sind besonders darauf bedacht, jeden Zwischenfall zu vermeiden, den allein schon unsere Gegenwart (die Briefschreiber sind beide Juden) heraufbeschwören könnte, und den wir in keinem Falle dulden würden. Wir setzen uns selbstverständlich mit unserem ganzen Enthusiasmus für die Verteidigung der Farben Frankreichs überall in der Welt und unter allen Umstünden ein, aber wir können nicht in einem Lande starten, welches einen Unterschied zwischen uns und unseren Mitbürgern machen will. Glauben Sie uns, daß wir verzweifelt sind, einen solchen Beschluß fassen zu müssen. Wir bitten Sie, diesen Entschluß dem Präsidenten des Französischen Olympischen Komitees und dem Präsidenten des Nationalen Sportkomitees zur Kenntnis zu bringen.“ Wie Rumänien die Ausschaltung der Juden durchfuhren will Czernowitz, 21. November. (2. T. A.) In der „Ostjüdischen Zeitung1 fuhrt Dr. Meier T e i e h u. a. aus: Die Bukarester Zeitungen bringen auszugsweise ein vom Unterstaatssekrctär Valer Roman verfaßtes Projekt, das schon in der jetzigen Parlamentssession vorgelegt werden soll. Es betrifft die Unifizierung der Normen über Erlangung der Berechtigung, einen Handel, ein Gewerbe oder ein Industrieunternehmen za betreiben und in sol ohen Betrieben arbeiten zu dürfen. Dem äußeren Anschein nach soll ein Fortschritt erzielt werden: Handel, Gewerbe und Industrie sollen ausschlmwlich geschultes Personal bekommen; selbständig werden soll nur derjenige, der von der Pike auf gedient und alle nötigen Vo: bereitungsschulen absolviert hat. Unter dem Gewände dieses „F o r t s c h r i 11 e s“ verbirgt sich der klare Versuch, einen Numerus nullus in denjenigen Zweigen des Öko nomischen Lebens einzufiihren, in denen bisher noch Juden schlecht und recht, mehr schlecht als recht, ein Auskommen rinden konnten. Niemand wird laut dem Gesetzes Projekt den Beruf als Kaufmann oder Industrieller ausüben können, der nicht die im Gesetze vorgesehene „Vorbereitung“ hat. Diese Vorbereitung besteht zunächst in der Absolvierung von Lehrlingsschulen, die von genau organisierten Schulkomitee-: verwaltet werden. Dann folgen in der Schulhierarchie obligatorische Kurse, schließlich sogenannte „Vervollkommnungs- Kurse“. Die Arbeitskammer wird für den zukünftigen Kaufmann und Industriellen auf Grund des Diploms einen Gewerbeschein ausstellen, ohne den niemand mehr selbständig einen dieser Betriebe wird eröffnen dürfen. Nicht einmal eine Handels¬ oder Exportakademie kann diese Lehrlings schule ersetzen. Als Leitmotiv für diese gesetzgeberischen Maßnahmen wird di« schlechte ökonomische Situation des Lau dos unterstrichen; für diese aber wird die mangelhafte Vorbereitung mul das Unvcr ständnis des Kaufmanns schuldig erklärt Es ist wieder nur eine Ausrede, um „kalte antisemitische Maßnahmen von weittragend ster Bedeutung zu verschleiern. Man denke an die „Möglichkeiten“ eines jüdischen Lehrlings, in ein staatliches Lehrlingsheim aufgenommen zu wer den, damit man die ganze Tragik, die sich da vorbereitet, ermessen kann. Wer das begreift, muß zu dem Resultat kommen, daß das Recht auf Arbeit, dieses primitivste Bürgerrecht, das die Konstitution gewährt, in Handel, Gewerbe und Industrie in der Zukunft für die Juden nicht mehr existieren wird; nicht nur als Arbeitgeber, sondern nicht einmal als Arbeitnehmer. In dein Projekt gibt es noch oine Bestimmung, daß „F r e m d c" noch zahlreiche andere Bedingungen erfüllen müssen: Nachweis der perfekten „Ehrenhaftigkeit“, absolute „Notwendigkeit“, einen bestimmten Betrieb in der betroffen den Ortschaft zu errichten, schließlich die Erklärung, ausschließlich „rumänisches“ Personal anzustellen. Minister und Staatssekretär gehören zu jenem Teil des rumänischen Volkes, da.-1 noch selbst, vor zwei oder drei Jahrzehn ten, am eigenen Leibe gespürt hat, was Unterdrückung heißt. An uns aber liegt es, daß wir uns rechtzeitig zur Weht setzen und alles aufbieten, damit dieses geplante Attentat nicht zur Wirklichkeit werde. Zumindest dürfen wir nicht zulasseu, daß mit uns Verstecken gespielt wird. Ls soll der Gesetzgeber klar sagen, was seine wahre Absicht ist. Wir sind in die Situation gekommen, wo uns Klarheit ment nützen kann, als der versteckte Vernichtungsfeldzug ohne Ende. Naumann-Verband aufgelost Bei Drucklegung des Blattes wird uns von der „Ita“ aus Berlin gemeldet, daß gestern dort Gerüchte von der Auflösung des Naumann-Verbandes verbreitet waren. Die „Ita“ konnte feststellen, daß diese Gerüchte auf Wahrheit beruhen. DeT Verband deutschnationaler Juden mit Naumann an der Spitze, jene Juden also, die das national sozialistische Programm bedingungslos aner kannt haben, wurde von der Regierung aufgelöst und ln seiner weiteren Tätigkeit verboten. Der Jüdische Kulturbund wird sabotiert Der Reichskulturkommissär Hans Hink e 1 hat, wie aus Berlin gemeldet wird, dem Jüdischen Kulturbund die Aufführung de-s Stückes „Nacht auf dem alten Mark t“ von dem Klassiker der jiddischen Literatur J. L. P e r o t z verboten. Ein Grund wurde nicht angegeben. Bekanntlich wurde dem jüdischen Kulturbund die Aufführung von Opern und Musikstücken „rein arischer“ Musiker, wie zum Beispiel Mozarts, untersagt. Solche Verbote hänfen sich, so daß die jüdische Kulturbetätigung, deren „Autonomie“ anläßlich der Verkündung der Judengesetze in Nürnberg und neuerdings anläßlich der Veröffentlichung der Ausführungsb^stimmungen zu den Nürnberger Gesetzen seitens nationalsozialistischer Führer in für das Ausland bestimmten Erklärungen zugesichert wurde, allmählich verkümmern muß. In Wien, ist, wie berichtet, der ehemalige österreichische Reichsratsabgeordnete der Stadt Lemberg, der Pole Ernest Theodor Breiter gestorben. In ihm verliert das jüdische Volk einen verläßlichen Freund, die zionistische Bewegung einen bewährten Mitkämpfer. In der Geschickte der politischen, der nationalen Freiheitsbewegung der Juden Österreichs nimmt der Verschiedene einen Ehrenplatz ein. Das letzte Jahrzehnt des vorigen Jahrhundert. Das österreichische Kronland Galizien ist in der alleinigen Macht dee polnischen Adels, der es auch im Reichsrat in Wien vertritt. Doch regen eich schon die Sozialisten und Volksparteiler unter den Polen, die Jungen unter den Ukrainern, bald darauf auch die Jüdisch-Nationalen. Die Unterdrückten beginnen sich zu rühren. Der Bauer, der Arbeiter, der kleine Beamte, alle drei, das Land bewohnende Völker suchen Zuflucht, finden Schutz vor Verfolgung bei einem jungen Abgeordneten, beim Redakteur der Lemberger Wochenschrift „M o n i t o r“, bei Erneet Theodor Breiter. In Interpellationen, in Artikeln geißelt er jede Unterdrückung, die soziale, die nationale. Er, der Unerschrockene, der Mutige, der Hilfsbereite wächst in den Augen der Kleinen, der Schwachen unter den Polen, Ukrainern, Jude.n zum Gegenpol des allmächtigen galizischen Statthalters. * Die Jahre 1905 bis 1906. Der Kampf um das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht breitet sich immer weiter aus. Für gemischt-nationale Länder werden nationale Kurien gefordert. Die Zionisten verlangen eine solche für die Juden auf Grund eiue-s frei abzugebenden nationalen Bekenntnisses. Es ist dies der Vorläufer der Forderung der nationalen Autonomie, der Minderheitsrechte. Unter den Tschechen ist es der damalige realistische Abgeordnete Prof. Dr. Th. G. M a s a r y k, unter den Ukrainern Abg. Prof. D. Julian Romanozuk, unter den Polen Abg. Ernest Theodor Breiter, die der jüdischen Nation das Wort reden und für die sich daraus er gebenden jüdischen Forderungen eintreten. Kräftig und aufmunternd setzte sich damals Breiter für die jüdische Politik ein. Seit jenen Tagen bleibt er der nie ver sagende, immer bereite Helfer. Dieser „Arier“, dieser Christ hat mehr Verständnis für die jüdische Sache, für die Schmerzen des Volkes und des Einzelnen gezeigt, als so mancher, der sich Zionist nennt. * Aus den ersten Wahlen auf Grund des reformierten Wahlrechte« zogen im Jahre 1907 vier Zionisten ins Wiener Abgeordnetenhaus ein. Es waren dies Dr. Benno Strauche r, Adolf Stand, Dr. Heinrich Gabel, Prof. Dr. Artur Mahler. Sie bil den den Jüdischen Kl ab. Nach dem Tode Gabels blieben nur mehr drei Abgeordnete Die Harmonie unter ihnen war keine besondere. DaB Zentralkomitee der Zionisten Galiziens in Lemberg entsandte eines seiner Mitglieder als Sekretär des jüdischen Parlamentsklubs nach Wien. Seine Aufgabe war es vor allem, die gemeinsame Arbeit wieder herzustelleu. Den eifrigsten Helfer in diesen Bemühungen fand er in dem Hospitanten des jüdischen Klubs, in Breiter. Seine Unterordnung, seine Disziplin wirkten sich beispielgebend aus. * Den armen, verfolgten Juden stand Breiter so hilfreich, so echt menschlich bei, bekundete ein solches Verständnis für ihre Nöte, daß eie Um für einen der ihrigen, für einen Judon hielten. Aus einem polnischen Städtchen kam ein Jude nach Wien ins Parlament, um die Intervention des jüdischen Klubs bei einer Zentralbehörde in Anspruch zu nehmen. Die Aufgabe fiel dein Abg. Breiter zu. Er kam, die Zigarette im Mund, um die Angelegenheit zu übernehmen. Es war ein Samstag. Der jüdische Petent wandte sich an den Sekretär des jüdischen Klubs mit der Bemerkung: „Daß dio anderen Mitglieder des jüdischen Klubs am Samstag rauchen, hätte ich mir noch vorstellen können, — aber ein so treuer Judo wie Breiter!“ * Ende 1910. — In Galizien standen zwei Ereignisse bevor, die Revision der S c h a n kkonzessionon und die Volkszählung. Als Strafe für den Zionismus sollten vielen Juden die Konzessionen nicht erneuert werden. Der jüdische Klub und Abg. Breiter nahmen den Kampf auf. In Galizien wurde nach Wien, zu den Zentralbehörden, zum Parlament, zum Kaiser ein Zug der Entrechteten organisiert. Hunderte machen in Separatzügen die Reiso mit. In den Straßen Wien« wirkte ihr Aufmarsch als Sensation. Der Zug erregte ungeheures Aufsehen. Die meiste Arbeit, die größten Opfer leistete Breiter. Bei der Volkszählung wurde die Angabe von „j ü d i s c h“ als Muttersprache für unzulässig erklärt und gestraft. Ein Kämpfer für das jüdische Bekenntnis war nebst den Zionisten der Christ Breiter. WZJUZ cjCamjte MOTZT DURCH DOPPELWENDEI AUS PATENTGESCH. EDEL.KRISTALLDRAHT DEN STROM VIEL BESSER AUS ALS DIE BISHERIGEN GIOHLAMPENTYPEN. BESITZT ÜBERDIES GROSSERE WIDERSTANDSFÄHIGKEIT DAHER amBffl 1914. Der Krieg war da. Lemberg wurde geräumt. Wer nur konnte, flüchtete. Breiter blieb. „Hier sind meine Wähler, ich habe sie zu vertreten, es ist meine Pflicht, hier auszuharren.“ Dio Russen führten ihn als Zivilgefangenen nach Rußland. Dort nahmen die russischen Juden dio Gelegenheit wahr, ihm ihre jüdische Dankbarkeit zu beweisen. In der Gefangenschaft schrieb er Gedichte, von denen mehrere jüdisch-biblische Stoffe behandeln. Im Jahre 1918 kam Abg. Breiter im Austauschweg wieder nach Österreich zurück. Der Staat war zerfallen, ein neues Polen war entstanden. In Ostgalizien tobt der polnisch-ukrainische Krieg. Es fanden keine Wahlen mehr statt. Die ostgal izißchen Abgeordneten des letzten österreichischen Parlaments waren eo ipso Mitglieder des neuen Abgeordnetenhauses in Warschau. Breiter lehnte es ab, nach Warschau zu gehen. Er war der Ansicht, daß Ostgalizien als Land mit ukrainischer Majorität den Ukrainern gehört. Er trat als Repräsentant der polnischen Minorität in den ukrainischen Nationalrat ein. Die Ukrainer wurden geschlagen. Freunde bemühten eich, Breiter die Rückkehr nach Polen zu ermöglichen. Er lehnte alle Ratschläge ab und ging nach Wien. Mit der Währung wurde auch sein einet ansehnliches Vermögon restlos entwertet. Es wurde still und einsam um den ungebrochenen Mann. Schwor wurde ihm der materielle Kampf um das Notwendigste. Erst eino bescheidene Beamtonetello bei der „Phönix“ schützte ihn vor dem Ärgsten. Ein einzigartiger, seltener Freund und Helfer des jüdischen Volkes ist heimgega.ngen. Leon Wechsler. Die Vorfälle in Danzig In Nr. 498 vom 12. Novomber d. J. haben wir einen Bericht über progromartigo judenfeindliche Ausschreitungen in Danzig veröffentlicht, den wir der JTA. entnommen haben. Hiezu orhalten wir von dom Vorstand der Synagogengomoinde Danzig eino Zuschrift, in der es heißt, daß dieser Bericht die tatsächlichen Vorg”->qro auf das gröbste übertreibt und entstellt, und zum Teil auch völlig unrichtige Angaben enthält. Klub jüdischer Frauen. Mittwoch, 27. November, Yib Uhr, im Klubheim der WIZO, I., Schottenring 25, Diskussion Uber das Thema; „Unsere Aufgabo in dieser Zeit,“