Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 502 (26.11.1935)
- Date
- 1935-11-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis dieser Nummer 20 g jüdische zeitung V. b. b. MIRIAM HOPKINS Bicsr&mr REGIE*. R0 ÜBEN MAMOULI AN HEl/TE Pß-EMIE RE IM SCHWEDEN-KINO Nr« 502 I Wien, 26. November 1935 I Redaktion und Administration: Wien, l, Mare-Aurel-StraBo 5. Tal.: U 22-3-91 RsdaktlonsaehluB Montag und Mittwoch yorm. |CS«. Cheschvan 5696) | 9« Jahrgang Absagen an die Olympiade in Deutschland Keine Zeit für den Friedens- Nobelpreis Es ist wieder eine Zeit internationaler Hochspannung und so fällt in diesem Jahre . die Verteilung des Friedensnobelpreises aus. Dieser Entschluß des Stockholmer Komitees ist ein sehr scharfes Urteil gegen die Politik und die Politiker, unter denen kein einziger . der Ehre internationaler Anerkennung für wert erachtet wird. Dieses Urteil ist an demselben Tage veröffentlicht worden, an dem sich der Mechanismus der Sanktionen in Bewegung setzte, und daß war just derselbe Tag, an dem man in Genf den versiegelten Brief öffnete, der Artur Hendersons letzten „vorläufigen Bericht“ über die Abrüstungskonferenz. enthielt. Henderson war gestorben, ohne von der Zuspitzung der Weltkonflikte etwas erfahren zu haben. Und während er. noch im Fieberdelirium seiner letzten Stunden von der Begrenzung der Rüstungen phantasierte, schmetterten in Abessinien schon die Fliegerbomben hernieder. Es ist keine Zeit für den Friedensnobelpreis, dessen letzter Träger Artur Henderson gewesen ist. Dieser im höchsten Sinn leozte Europäer, der noch an Ehrlichkeit und Friej densbereitschaft. geglaubt hat, ein Schwärmer wie Woodrow Wilson, der vermeint hatte, in dem Genfer Völkerbund den übermenschlichen Gedanken dos Jesajas zur’ Verwirklichung gebracht, zu haben. Wilson ist in schwerster Enttäuschung, gebrochen und vereinsamt gestorben. Henderson verzettelte seine Autorität in fruchtlosen Reisen, und er wurde siech und sterbenskrank, noch ehe er die Krankheit dieser Zeit erkannt hat: daß die Demokratie müde und senil geworden ist. Sie ist seit dem Krieg vor dem „para bellum“ ununterbrochen zurückgewichen und hat das Terrain don Elementen überlassen, die im Dienste des Chauvinismus und de.s mordgierigen Nationalismus stehen und denen der Krieg, die absolute Negation des Gesetzes, so etwas wie eine Weltanschauung bedeutet. Die Aufbietung der Massen, die im Weltkrieg erfolgte, hat sich in die Politik der Friedenszeit fortgesetzt* und sie kristallisiert sich in den Systemen, d:io nach dem Krieg neu entstanden sind: im Faschismus und im Bolschewismus, zu denen sich in den letzten Jahren noch der zur nationalsozialistischen Fratze erstarrte deutsche Rassenglaube gesellt ha/t.. Dieso drei Gewalten sind von Natur aus offensiv urnd zur Expansion bereit. Allo drei negieren den einzelnen und sprechen ihm das Recht auf frcio Gestaltung seines Lebensweges ab. Allo drei sagen, daß der einzelne nur Wert hat als Teil eines auf Expansion bedachten Kollektivismus, das in jed’Oin Falle über ihm und seinem Interesse steht. Alle droi sind mit den Mitteln der Demokratie in die Höhe gekommen, haben sich der von der bürgerlichen Demokratie des 19. Jahrhunderts gesehaffenon technischen und sozialen Organisation des Zusammen lebens bedient, um ihren Sieg zu erfechten und predigen nun dio Abkehr von der Demo kratie, dio sorgsam das Recht dos Individuums gegen das Recht der Gesamtheit ab- Ruhe in Polen und in Ungarn Der staatsgefährUche Charakter der antijüdischen Studentenunruhen in Polen und in Ungarn hat sich so deutlich manifestiert, daß die Regierungen eingreifen mußten. Ihre Maßnahmen haben bewirkt, daß die Anstifter der Exzesse zurückweichen mußten. Sowohl in Warschau und den anderen polnischen Universitätsstädten wie auch in Budapest und Szegedin waren Agitatoren, die aus Deutschland zugereist waren, an der Arbeit. Die weitere Untersuchung wird die Fäden, die nach Berlin und München führen, bloßzulegen haben. Es sind insbesondere in Budapest Flugschriften in ungarischer Sprache verteilt worden, die in Erfurt gedruckt worden sind. Nach den heute vorliegenden Meldungen ist der Hochschulbetrieb in Polen und Ungarn in vollem Umfang aufgenommen worden. ★ ★ ★ Der polnische Innenminister über die Studentenexzesse Erklärung an die Mitglieder des Jüdischen Parlamentsklubs. Warschau, 22. November (2. T. A.). Die Mitglieder des Jüdischen Parlamentsklubs, Senator Professor Mosche S c h o r r, Deputierter Rabbiner J. Rubinstein, Deputierter Dr. E. Sommerstein, Senator M. Trokenheim und Deputierter L. M i n z b e r g, wurden vom Innenminister Raczkiewicz empfangen. Die Konferenz dauerte längere Zeit. Die jüdischen parlamentarischen Vertreter schilderten dem Minister die traurigen Folgen der in ganz Polen betriebenen antijüdischen Agitation. Sie übergaben dem Minister ein reiches Material, welches die antijüdische Hetze und die Exzesse gegen die Juden an den Hochschulen und in den Straßen der verschiedenen Städte illustriert, und forderten die Herausgabe entsprechender Verordnungen, die den vollen Schutz von Leben, Gesundheit und Vermögen der jüdischen Bevölkerung in Polen garantieren. In seiner Antwort erklärte Innenminister Raczkiewiez, es seien bereits entsprechende Verordnungen über Schutz und Sicherheit für die Juden ergangen; die Regierung werde antijüdische Ausschreitungen nicht dulden. Vorher hatte Deputierter Dr. E. S o mm e r s t e i n im Lokal des Jüdischen Parlamentsklqbs eine Abordnung der jüdischen akademischen Jugend empfangen, die ihm Materialien über die nationaldemokratische Hetze gegen die jüdischen Studenten an den Hochschulen übergab. Der Senat der Universität und des Polytechnikums befaßte sich in einer Sondersitzung mit der antijüdischen Unruhewelle und beschloß, die Hochschulen vorläufig noch geschlossen zu halten. Bei den letzten Ausschreitungen in den Straßen von Lodz wurden mehrere Juden verletzt, davon zwei schwer. J. H. Thomas englischer Kolonienminister London, 24. November. (2. T. A.) Die Umbildung des Kabinette B a 1 d w i n ist vollzogen. Zum Kolonienminister, dem auch die Verwaltung der Mandateländer, unter anderem Palästinas, untersteht, ißt der bisherige Dominionmitvister J. H. Thomas gewählt worden. Der bisherige Kolonienminißter M a 1 c o 1 m MacDonald verbleibt im Kabinett als Dominionminißter. Auch RamsayMac- Donald verbleibt auf seinem Posten als stellvertretender Ministerpräsident und Vorsitzender des Geheimen Rates. Makkabi und Zionismus Die Exekutive des Weltverbandes der Makkabi veröffentlicht eine Erklärung zu den Beschlüssen des Brunner Kongresses. Die Erklärung besagt, daß das oberste Ziel des Makkabi-Weltverbandes die Erneuerung und Stärkung der jüdischen Jugend durch Sport, und die Schaffung eines Geistes nationaler Disziplin ist. Als nationaljüdische Organisation erklärt der Makkabi seine Loyalität gegenüber der Zionistischen Weltorganisation, und unternimmt es, seine Mitglieder zu Zionisten und zurErfüllung zionistischer Pflichten inn erhalb dieser Organisation zu erziehen. Der Makkabi lehnt es jedoch ab, ßeinen Mitgliedern ein Glaubensbekenntnis abzuverlangen, und verhängt keine Sanktionen gegen die, die ihren zionistischen Pflichten noch nicht voll nachgekommen sind. Der Makkabi lehnt es nach wie vor ab, wägt und beide aufeinander abstinimt. Ein Spanier, Jose Ortega y Gaßsos, hat in einem wundervollen Buch diesen Aufstand der Masse dargestellt und er sieht voll Pessimismus die Entwicklung an, deren vorläufig letztes Stadium wir heute miterleben. Sein sinnfälligster Ausdruck ist der Beschluß, den Friedenspreis nicht zu verteilen. Es ist die tiefste Verzweiflung, ein Zurücksehrecken des guten Geistes Europas vor der Mystik der tollgcwordenen Phrase, vor der aufgepeitschlen Masse, die kein Gedanke vorwärtstreibt, sondern nur ein dunkler Trieb der Herde, angestaohelt, beflügelt und geführt von Geschäftemachern, hinter denen sich die Waffenindustrie aufbaut, die an Blut und Jammer verdienen will und dick verdient. Sie führt diesen Krieg gegen den Geist der Vernunft, sio hat, zwanzig Jan re seit dem großen Krieg, die neue Psychose dieses Europa geschaffen und von ihr gezahlt, hat der deutsche Nationalsozialismus eine fertige Wissenschaft vom Gewehr and Gummiknüppel erzeugt, dio Lehre vom Recht der Faust. Und indessen steht an dem äußersten Rand dioser europäischen Welt der japanische Imperialismus marschbereit. Ist da noch Zeit für den Friedensnobelpreis? Es gibt fünf Nobelpreise: einer für Physik, einer für Chemie, einer für Literatur, einer für Medizin, einer für Frieden. Seit 1901 erhielten für Physik 39, den für Chemie 31, den für Literatur und Medizin je 33, den für Frieden nur 28 Personen. Ist dies nicht ein Beweis dafür, daß die Menschen auf allen Gebieten erfolgreicher ßind, als auf dem, das die Grundlage aller Arbeit ist, auf dem Feld des Friedens und des Zusammenlebens? Vielleicht müssen sie noch durch Ozeane von Blut und Tränen gehen, ehe sie die Größe des Josaja-Gedankens vom Völkerfrieden erfassen, diesen Gedanken von der Gleichheit und dem gleichen Recht jeglicher Kreatur, die Gott geschaffen luvt. Es ist ein jüdischer Seher gewesen, ein Sohn des einzigen Volkes, das immer den Krieg verworfen hat und das dio Scheu vor dem Blut in seiner Seele trägt. Ist es nicht mehr als ein Zufall, daß sich unter den 28 Personen, dio aus allon Völkern als die würdigsten für den Friedenspreis genannt wurden, zwei aus jüdischem Stamm, Alfred H. F r i c d (Wien) und Tobias Michael Ass er (Amsterdam) befinden? Auch unter den übrigen Preisträgern sind Juden: 1907 Albert Abraham M i c if e 1 s o n (Physik), 1908 Paul Ehrlich (Medizin), Gabriel L i p p m a n u (Paris, Physik), 1910 Otto Wallach (Chemie), 1914 Robert B aranyi (Österreich, Medizin), 1915 Willst ä 11 e r (Chemie), 1918 Fritz Haber (Chemie), 1921 Albert Einstein (Physik), 1926 James Frank (Physik), 1928 Otto M a y e r h o f (Medizin) und 1931 Otto Warburg (Physiologie). Acht von ihnen rechnet sieh das deutsche Volk, das Volk des Hitler, stolz auf seine Liste von 44 Namen, zählt sie sogar in seinen Lehrbüchern auf, allerdings ohne sie zu nennen, so wie es die 12.000 jüdischen Kriegstoten mitzählt, ohne ihre Namen, auf den Denkmälern zu dulden. Und ebenso werden auch die anderen Juden nicht ihrem eigenen Volk, sondern den einzelnen Mehrheitsnationen zugezählt und tragen zur Erhöhung ihres Ausehens bei. Das ist eine Erscheinung der Galuth. Wenn das jüdische Volk imstande sein wird, seinen geistigen Arbeitern freien Wirkungsraum zu bieten, wird es auch als Volk zur Sache des Friedens beitragen können, in dem stolzen Bewußtsein, daß der erste Prediger des Rechtes und der Versöhnung ein Jude gewesen ist. Bücher Sei Schwedeirtrßcke! Buchhandlung Sohneider & Co., Wien, I. Franz-Josefa-Kal 7, ReichBle Auswahl neuer Bücher bester Autoren zu billigsten P r e 1 s e n 1 Katalog gratis l 01 mi