Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 500 (19.11.1935)
- Date
- 1935-11-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 500 — 19. November 1935 DIE STIMME Seite 13 Beleidigung des Oberrabbiners von Bukarest im Czernowltzer erzbischöflichen Palais Aus C z e r n o w i t z, 14. November, wird fcms gemeldet: Ein aufregender Vorfall, der sich anläßlich der Installierung des neuen Metropoliten der Bukowina, Visa.rion, Im Czernowitzer erzbischöflichem Palais abgespielt hat, hat bei den Juden der Bukowina iund ganz Rumäniens tiefe Empörung ausgelöst. Zum Empfang des neugewählten Metropoliten fand sich am Bahnhof in Czernowitz neben anderen Würdenträgern auch der Vertreter des jüdischen Kultus im rumänischen Senat, Landesrabbiner Senator N i emirower, Bukarest, ein. Als der neue Metropolit ihn erblickte, schritt er auf ihn zu und sprach seine Freude darüber aus, daß Dr. Niemirower der Einladung zur Teilnahme an seiner Installierung gefolgt sei. Vom Bahnhof bewegte sich der Festzug durch die festlich geschmückten Straßen zur Kathedrale, Dr. Niemirower schritt in vollem Ornat unter den Festgästen mit. In der Kathedrale selbst wurde dem Vertreter des jüdischen Kultus ein seiner hohen Stellung angemessener Platz angewiesen. Nach dem Gottesdienst bewegte sich der Festzug zum •erzbischöflichen Palais. Als Dr. Niemirower neben den anderen Gästen das Palais betreten wollte, stellte sich ihm der cuzistische Deputierte R o b u entgegen und forderte ihn auf, zurückzugehen, da Rabbiner bei der Installierung des Kirchenoberhauptes nichts zu suchen hätten. Dr. Niemirower erwiderte, er sei in seiner Eigenschaft als Senator eingeladen worden und sei verpflichtet, der Einladung zu folgen. Darauf schrie ihn Robu an, e r s o 11 e sofort gehen, sonst werde er ihm den Bart ausreißen, Juden müssen hinaus. Hierbei machte Robu daicht mißzuverstehende Gebärden, Dr. Niemirower und, der ihn begleitende Präsident der Czernowitzer Jüdischen Gemeinde, Dr. Markus M e n c z e r, entfernten sich, ihnen folgte bis zum Portal ein junger Mann, der sie fortwährend beschimpfte. Der Oberrabbiner von Czernowitz, Doktor Mark, der bereits in der Metropolie anwesend war, entfernte sich von dort, als er von dem Vorfall Kenntnis erlangte. Unter polizeilichem Schutz verließ er die Metropolie. Der Vizepräsident der Jüdischen Reichspartei und frühere Senator Dr. Mayfer- Ebner setzte sofort das Präsidium der Reichspartei in Bukarest von dem Vorfall in Kenntnis, worauf das Präsidium beim H.J.ÜL...L.- , ... ..WB»!,' Dr. Chaim Tartakower: S. /. Afynund $tih& neueste- EndUdiUiQ- „Bil’waw Jamim“ (Im Herzen der Meere). 1 Agnon ist der hebräische Erzähler unserer Tage, der größte und ureigenste. Er war eigentlich schon mit seiner ersten Erzählung, die vor dem Krieg erschien, vollendet. Sie hieß „Agunoth“ (vom Manne verlassene Frauen), er veröffentlicht sie unter dem Namen „Agnon“, wahrscheinlich in Anlehnung an den Titel seiner Erzählung. ■ Seine Themen holt er sich aus dem Ghettoleben, es ist die jüdische Gasse von Mendele, Scholem Alejchem und anderen. Nur schildert Agnon Galizien. Man Bollte meinen, daß nach all den genannten Großen aus dieser jüdischen Gasse nicht mehr herauszuholen sei. Und doch: es ist beinahe eine ganz neue Welt, die er uns zeigt. Er zeigt uns die Juden der Thora, die uns als die Versteinerten erschienen sind, als Menschen, die nur das Gesetz kennen und den lebendigen Gefühlen unzugänglich sind. Oft sind es die Misnagdim und deren Ungeist, gegen die Jehuda Leib G o r d o n und mit ihm die ganze Haskalah, gegen die oft Achad H a a m ihre größten Geschütze auffahren ließ, letzterer speziell in seinem berühmten Aufsatz „Thora schebalew“. Aber wieder einmal erweist es sich, daß der große Künstler aller Definitionen spottet, sich über alle künstlerischen Grenzen hinwegsetzt, daß es für echte Schöpfer keine engen Milieus gibt, Minister des Innern intervenierte und eine straf gerichtliche Verfolgung II obus forderte, zumal der Tatbestand die Kriterien des Verbrechens der Erpressung enthalte. Wie mitgeteilt wird, hat der neue Metropolit, als er von dem Vorfall erfuhr, Robu gegenüber seiner Entrüstung über dessen Benehmen Ausdruck gegeben; man erwartet, daß der Metropolit auch sonst seinem Ehrengast Dr. Niemirower Genugtuung verschaffen wird. In Czernowitz ist es schon vorgekommen, daß bei feierlichen Anlässen ins Nationaltheater eingeladene jüdische Repräsentanten eich entfernen mußten, weil Studentengruppen in ihrer Gegenwart antisemitische Lieder sangen. Die Studenten wurden durch niemanden zureohtgewiesen, bei den jüdischen Repräsentanten hat man sich nicht entschuldigt. * Deutsches Geld und rumänischer Judenhaß Über die Verhältnisse in Rumänien gibt der nachfolgende Brief Aufschluß, der uns von einem Freund unseres Blattes aus Bukarest zugeht: Rumänien ist seit jeher in bezug auf Antisemitismus ein gelehriger Schüler „großer“ Vorbilder gewesen, und wenn diese Betätigung von Judenhaß und Judenverfolgung vor dem Kriege „milder“, aber bis zum höchsten Gipfelpunkte demütigend vor sieh ging, so hat der Antisemitismus nach dem Kriege, nach der sogenannten „Emanzipation“ die rüdesten Formen angenommen. Die antisemitische Agitation ist heute auf dem Höhepunkt angelangt. Deutsches Geld spiele da natürlich eine große Rolle. Täglich entstehen neue Huliganparteien, täglich neue Hakenkreuzzeitungen, auf Schritt und Tritt an Wänden der Häuser, an Planken, der Einzäunungen Svasticas und „Jos jideni“ (Nieder mit den Juden). Die Regierung tut gar nichts... Dagegen hat sie in allen privaten Unternehmungen „Numerus valacticus“ eingeführt, ah der Universität herrscht strengster Numerus clausus. Unter 150 neueingeschriebenen Medizinstudenten sind 4 Juden, die von einer separaten Prüfungskommission examiniert wurden. Übrigens prügelt man auch diese vier jüdischen Studenten und verwehrt ihnen den Zutritt zur Fakultät. Hungersnot unter den Juden Bessarabiens Kiscbinew, 14. November. (2. T. Ä.) In vier Distrikten Südbessarabiens ist eine Hungersnot ausgebrochen, von •der insbesondere auch die dort lebenden jüdischen Landwirte und Kleingewerbetreibenden auf dem flachen Lande erfaßt worden sind. Zehntausende jüdische Familien entbehren des täglichen Brotes. Der Kälteeinbruch der letzten Tage hat die Not verschärft. Die jüdischen Gemeinden tind Organisationen Alt-Rumäniens und der Bukowina haben Hilfsaktionen eingeleitet. In Kiscbinew fand ein von der Jüdischen Gemeinde dieser Stadt eiuberufener Kongreß der jüdischen Gemeinden Bessarabiens statt, an dem fast 150 Delegierte aus allen Teilen der Provinz teilnahmen. Die Delegierten schilderten die in ihren Gemeinden herrschende Not, die verschärft wird durch eine hemmungslose antisemitische Propaganda. Es wurde beschlossen, eine Hilfsaktion für die notleidenden Bezirke zu organisieren und^ von den zentralen Stellen Maßnahmen gegen die judenfeindliche Propaganda zu fordern. Ferner wurde die Gründung eines Verbandes der jüdischen Gemeinden Bessarabiens beschlossen. Ein Rat, dem die hervorragendsten jüdischen Persönlichkeiten Bessarabiens angebören, wurde zur Leitung des neuen Verbandes eingesetzt. Den Vorsitz in diesem Rat führt Carol Steinberg. Die Czernowitzer Jüdische Gemeinde spendete 30.000 Lei für die hungernden Juden in den südbessarabischen Kolonien. tfBund der Deutschen“ in Brüx aufgelöst Prag, 14. November. (Z. T. A.) Das staatliche Polizeikommissariat in Brüx (Böhmen) hat bei den führenden Funktionären des „Bundes der Deutschen“ in Brüx Haussuchungen vorgenommen und darauf den „Bund“ aufgelöst. In dem diesbezüglichen Bescheid wird mitgeteilt, das Polizeikommissariat habe auf Grund eingehender Untersuchung und Vorgefundener Belege festgestellt, daß Funktionäre des Vereines „Bundesgruppe des Bundes der Deutschen, Männerortsgruppe Brüx“ einen Ausweis ausgestellt haben, durch welchen Richard Spill- ^m a n n, der im Ausland (gemeint ist Deutschland) mit fremden Funktionären ln Verbindung treten wollte, bestätigt wurde, daß er sowohl väterlicherals auch mütterlicherseits rein arischer Abstammung ist. Die Absicht Spillmanns, im Ausland mit fremden Funktionären in Verbindung zu treten, war dem Ortsgruppenführer Otto F ü s s e 1 bekannt. Der Verein hat weiter in seinem Wirkungskreis Klebemarken mit der Aufschrift „Kauft deutsche Ware“ verbreitet, was ebenfalls den Tatbestand einer strafbaren Handlung bildet. Dr. Füssel ist verhaftet worden. Voraus muß man denken/ sidi sidiern — versidiern Phönix Allgemeine Versldfierungs* Gef.« Wfen,IX./A!aerp!n!x3 Das griechische Königshaut und die Juden Zürich, 15. November. Den Zusammenhang mit der bevorstehend den monarchistischen Restauration vei* öff entlieht die „Jüdische Preßzentrale“* Zürich, folgende Reminiszenz: „Im November des Jahres 1920 wurde defl Herausgeber der jüdischen Preßzentrale1* Zürich, Oskar Grün, von dem damals wie-« dergewählten König Konstantin, der iü Luzern weilte, in einer längeren Audienz empfangen, wobei er Gelegenheit bekam* auf die Notlage der Juden in Saloniki, di<3 infolge der Vernichtung deß jüdischen Vier« tels durch einen großen Brand und auch’ sonst unter dem Regime von Venizeloä wegen ihrer Königstreue zu leiden batten* hinzuweisen und die besondere Aufmerk« samkeit des Königs für die kulturellen Bo« Strebungen der jüdischen Gemeinde zu len« ken. Auf diesen Hinweis versicherte deil König, daß er den Juden von Saloniki beim Wiederaufbau des jüdischen Viertels b^h stehen und daß er auch die jüdischen kul* turellen Bestrebungen fördern werde. Einige Zeit darauf veröffentlichte dej Stadtpräsident von Saloniki eine Prokla* mation an die Bevölkerung, in der es unteE ausdrücklichen Hinweis auf die obenerwähtfl Unterredung König Konstantins in Luzern hieß, daß der Monarch nach seiner Rüclai kehr nach Griechenland sich des Aufbaus der niedergebrannten Teile Salonikis anneh« men und den jüdischen Gemeinden Sub« ventionen aus staatlichen Mit* teln für die G ründung besold derer Schulen unter Wiedel belebung der hebräischen Sprache gewähren wolle. König Konstantin spendete auch außerdem aus seiner Privatschatulle 50.000 Drachmen fü< den Wiederaufbau des niedergebrannten! jüdischen Viertels von Saloniki.“ Man muß den großen Mendele mit Agnon vergleichen, um zu sehen, wie vielseitig und vielfältig das Leben der jüdischen Gasse war, und daß Künstler, die die Gabe des Sehens und Schilderns besitzen, ganz neue Seiten zu entdecken vermögen. Mendele schildert den Luftmenschen, den äußeren Juden in seinem Leiden, in seiner Enge und oft in seiner Lächerlichkeit. Der Maskil Mendele, der Vorkämpfer für Licht und Bildung in der Judengasse, ist auch im großen Schilderer sichtbar. Mendele ist also >us seiner Zeit zu verstehen. Anders Agnon: er hat mit seiner Zeit eigentlich nichts zu tun. Er lebt in Erez Israel, sein Dichten und Denken aber gilt seinem galizischen Heimatort Buezacz. Wie sieht er diese Welt? * Ist Mendele der Realist, so ist Agnon Romantiker. Aber all diese Bezeichnungen sind Worte, prallen, an der Wirklichkeit ab. Agnon sieht das Feierliche, das Ewige, das Unsterbliche im Juden der Thora. Es sind die uns bekannten Rabbiner, Thoraschreiber, Dajanim usw., aber in eine höhere Atmosphäre gerückt — eben in die der Ewigkeit. Es sind Juden, die streng nach dem Gesetze leben, in den lichtlosen Judengassen leben, die die engsten Horizonte besitzen, aber wie lichtvoll, wie bezwingend sind sie, wie eingetaucht in Schönheit, ja Weihe! Es ist grauer Alltag, aber wie groß sind die Seelen dieser Menschen, wie bongen vir uns vor ihrer Ganzheit und Ungebrochenheit. Und auch die allergewöhnlichsten Menschen* die er schildert, die Kutscher* die ungebildeten Frauen, die Gasthausbesitzer, alle sind sie uns wohlbekannt und doch anders. Ist Agnon ein Schönfärber? Nein, so waren diese Menschen. Das jüdische Leben in der Gasse hatte eben seine große Schönheit und Eigenartigkeit, die der Maskil mit seiner Tendenz nicht sah. Agnon ist vielleicht in der Beziehung zeitgebunden, daß erst in einer Zeit der nationalen Bewegung, der Rückkehr zum Judentum es möglich wurde, in jener versunkenen Welt alle ihre wunderbaren Lichtseiten zu sehen. Es bedurfte freilich auch eines Dichters, wie Agnon, um sie ziur Darstellung zu bringen. Eigenartig wie die Darstellung ist auch die Sprache Agnons, er hat sie sich selbst aus den Fragmenten der Agadoth und Maasijoth-Literatur hervorgezaubert. Inhalt und Form sind bei ihm zusammen auf die Welt gekommen, sie sind sein Eigen. Und wie wunderbar ist sie, wie melodisch, wie berauschend und zugleich beruhigend. Und nun zu seiner neuesten Erzählung „B i l’w a w j a m i m“. Mir erscheint sie als die vollendetste, die er bisher geschrieben hat. Sie behandelt eine Reise von Ghettojuden nach Erez Israel, in jener guten alten Zeit, da man nach Erez Israel ging, um dort die letzten Lebenstage zu verbringen. Man fuhr noch mit Wagen bis zum Meer und dann mit Ruder- und Segelbooten. Und sagen wir es gleich: Eiu wahrhafter Zauber ist über das Ganze gegossen, eine woihevolle Feierlichkeit. Man spürt es auf Schritt und Tritt: es handelt sich um die heiligste Handlung dieser Menschen, um idifi Verwirklichung des innigsten Wunschtraumes im Leben dieser Fahrer, s i 0 fahren nach Ere z Israel. Was sin<$ all die Leiden, denen Sie sich unterziehen* auf dem Wege und im Lande selbst, gegen* über dem berauschenden Glück, in Eren Israel leben zu dürfen. Und nicht nur drei Reisenden selbst sehen es so, die ganze jtfc dische Umgebung, ja auch die nichtjüdische* der Bauer, der nichtjüdische Städter wissen, daß etwas Großes, etwas Heiliges im Leben dieser Fahrer vor sieh geht und sie benefr den sie fast. Allenfalls aber umgibt sie überall, wo si$ erscheinen, Liebe und Verehrung. Hier sehen wir den eigentlichen tiefen Quell der Zionsliebe, die wahrhafte „io mantische“ Verbundenheit miit unserem Lande, die ebenso mystisch ist, wie difl Existenz unseres Volkes und wie alles Lq« ben auf Erden. Der Dichter führt uns durch die wichtig« sten Stationen Galiziens, Rumäniens, schuh dert dann die Seereise, die Ankunft in Erei Israel und das Wohnen und Leben der An« gekommenen in Jerusalem. Jeder Ort gibt dem Autor Gelegenheit, in einigen Strichen die dortige jüdische Bevölkerung zu zeiolm nen, und zuweilen glauben wir, einen Bericht eines jüdischen Weltreisenden vor uns zu haben. Bei allen Gelegenheiten flicht der Dichter Aussprüche und Sagen ein, die auf Erez Israel Bezug haben, von denen jede eine Perle darstellt. Aber nicht einen Augenblick verlieren wir das Interesse, so kunstvoll, so wahrhaft dichterisch ist jedes Detail. Kurz gesagt, wir habe» vor uns ein Hohe« lied der Liebe zu Gott und zu Erez Israel 45249757 999998