Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 500 (19.11.1935)
- Date
- 1935-11-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 500 — 19. November 1.935 DIB 8TIMMI Sette 11 25 Jahre Daganiah Von Dr. Jakob Rosenthal / , ' Nachwuchs in Daganiah In etwa zehn Minuten währender Autofahrt auf prächtig asphaltierter Chaussee gelangen wir von der lebhaften und bewegten Jaffastraße in Jerusalem zu den Höhen des Skopusberges, des ,.Har Hazofim“. Hier, wo eine großartige Aussicht auf das gewaltige Panorama Alt- und Neu-Jerusalems vermittelt wird, erheben sich die imposanten Gebäude der ersten Hebräischen Universität und der Jüdischen Nationalbibliothek, der größten des vorderen Orients. Durch 1 die vielen grünen Bäume und Büsche des schönen, gepflegten Universitätsgartens glitzern im hellen Licht der Mittagssonne die Marmorquadern und -Stufen des Amphitheaters. Aus dem durch die Einfachheit seiner Linien doppelt wirkenden Halbrund erlebt man wohl einen der stärksten Eindrücke palästinensischer Landschaft. Im zartesten Violett leuchtet in das Tiefblau des palästinensischen Himmels die lange Kette der transjordanischen Berge. An ihrem Fuße, in der tiefsten Senkung des Erdenrundes, ruht friedlich und verträumt in .tiefblauer Farbigkeit, einem Metallspiegel gleich, das Tote Meer. Die Berge Transjordaniens, sie künden etwas von der Größe und Ausdehnung des transjordanischen Landstriches, der mit seinen etwa 40.000 Quadratkilometern Bodenausmaß, fast doppelt soviel als das heutige Palästina, von der lebensstrotzenden und zukunftserfüllten Kolonisationsarbeit des kleinen, aber mächtig aufstrebenden zisjordanischen Landstriches abgcsclmitten ist. Ein zweitesmal erlebt man diesen etwas unnatürlich anmutenden Einschnitt, wenn man, an Bananengärten und Orangenhainen vorbei, das subtropisch blühende Jericho verläßt und sich dem Jordanfluß nähert. Die Felsen der judäischen Wüste liegen hinter uns, aus weiter Ferne grüßen die kahlen Zipfel der judäischen Steinbrüche; wie eine Idylle fließt der das Gehirge hinunterströmende Jordan. Eine hölzerne Brücke, nach dem englischen General A 11 e n b y genannt, der sich hier mit der jüdischen Legion den Übertritt nach Pa.lästine erkämpft hat, teilt das Land in Zis- und Transjordanien. Und ein d r i 11 e s m a 1 erlebt man diese Teilung, wenn man sich der Siedlungsebene des Jordantaks, dem Emek Hajarden, am Einmiindungspunkt des Jordans in den Tiberias- oder Kinereth-(Genezareth-)Sce nähert. Die blühende im Zypressenwald eingebettete Kolonie D a g a n i a h, lange vor dem Weltkrieg besiedelt, bildet hier die Grenze zwischen Zis- und Transjordanien. Diese dritte Grenzstelle zwischen Westpalästina (Zisjordanien) und Ostpalästina (Transjordanien) ist vielfach interessant und boziehungsreich, denn sie gibt bei der Behandlung der transjordanischen Frage eigentlich die lebendige Begründung für die kolonisatorischen Notwendigkeiten Transjordaniens. Die Forderung nach Einbeziehung Transjordaniens in den zionistischen Kolonisationsbereich Palästinas hat hier nämlich den realen Stützpunkt. Die Konferenz in San Remo, die das Mandat an Großbritannien übertragen hat, und England selbst haben hier nicht den Jordan als die Grenze festgelegt, sondern den Endpunkt auf die bereits von früher her bestandene, vor nun fünfundzwanzig Jahren begründete jüdische Siedlung Daganiah verschoben. Das jüdische Kolonisationsgebiet wäre heute sicherlich auch nach Transjordanien zu größer, wenn bei Übernahme Palästinas als Mandatsland durch England mehr jüdische Siedlungspunkte jenseits des Jordans bestanden hätten. Diese wären dann die Grenze geworden, wie der Fall Daganiah1 beweist. Diese dritte Grenzstelle ist aber auch Symbol: Hier, diesseits des Jordantales, grüne Felder und Wiesen, dort kahle, unbebaute, öde Flächen, die mit ihren riesigen Ausmaßen nach menschlicher Bearbeitung lechzen. Hier intensive landwirtschaftliche Bearbeitung des knappen Bodens, dichte Bevölkerung, ein einziger aufstrebender Prozeß fortschreitender Entwicklung, dort weite unbebaute Strecken, ab und zu von schwarzen Beduinenzelten unterbrochen. Wandert man heute durch beide Gebiete, ist man von dem jähen Unterschied zwischen blühendem Leben und verdorrtem Gestein gebannt, so vergißt man leicht, daß auch hier vor nur 25 Jahren ein Gebiet öde, verlassen, sumpfig und malariaverseucht war, daß dieses Daganiah, heute eine Musterkolonie von aufstrebender Bewirtschaftung, ein Symbol des Idealismus und des chaluzischen Pioniergeistes, vor einem Vierteljahrhundert nichts anderes war, als eine einzige arabische Lehmhütte, die den ersten russischen Chaluzim damals als Behausung diente. Besudi in Daganiah Ansicht von Daganiah Vor 25 Jahren... eine arabische Lehmhütte Ich kam nach Daganiah, als die . Kolonie ein besonderes Ereignis feierte: Sie weihte ihren neuen Speisesaal ein. War das ein Fest! Es war gerade während der Ostertage. Am Abend zuvor hatte man schon im neuen Speiscsaal gegessen, aber noch immer arbeiteten die einzelnen Mitglieder der Siedlung an der Vollendung dieser ihrer Schöpfung, auf die sie beinahe genau so stolz waren, wie auf das zweite Ereignis, das kürzlich am Kinerethsee gefeiert worden war, und das wohl das eigenartigste Fest Neu-Palästinas bildete, das Fest des tausendsten Liter Milch, den die prächtigen schwarzweißen Rassekühe Daganiahs als Tagesproduktion der Kolonie geschenkt hätten. Was sind die Juden doch für ein Bauernvolk! Aber kehren wir zurück zum neuen Speisesaal, der heute das Ereignis des Tages ist. Noch immer wird gefeilt, werden die Türen geölt, die Klinken auf Glanz hergerichtet, an den Füßen dev Sessel Gummirollen angebracht, der ganze Saal erstrahlt am Abend — es ist Freitagabend — dank des Geschenkes von Ruthenbergs Elektrizitätskraftwerk, das an der Jordanfälle in Gescher, gespeist wird, in hellem, freundlichem Licht, und die ganze Kwuzah — eine einzige große Familie von etwa zweihundert Köpfen — präsentiert sich in feierlich gehobener Stimmung. Das Essen ist, wie fast überall in den Kwuzoth in Palästina, ganz ausgezeichnet, die Speisen werden hier durchwegs unter sorgfältiger Bedachtnahme auf den Nährwert zubereitet. Kaum ist die Mahlzeit zu Ende, tritt das Lied in seine Rechte. Singen, ja, das ist überhaupt ein wesentliches Merkmal dieser jungen, fröhlichen, arbeitenden Palästiuamenschen. Ein junger Chaluz aus einer befreundeten Kwuzah ist eben dabei, die neuesten Liedor auch dem singfreudigen Daganiah zu vermitteln. Etwa ein Chor aus Sängern des Dorfes? Nein. Zuerst leise summend lehrt er sie die neuesten Strophen und Melodien, und bald singen sie alle das Lied von „Emelc, hajarden, Emek, Emek awodah“, dann „Ami aliiu1, arm cliarasebnu“, oder „Esu pele, esu pele“, und noch andere mehr. :Diese Lieder, es singen sie die reizenden Kinder aus der Kwuzah Schiller, wenn sie von der Schule nach Rehoyöth heimfahren, es singen sie die erwachsenen Chaluzim, wenn sie durch die Täler des Emek und die Berge des Gabis wandern. Aus dem Speisesaal in Daganiah ist indes eine einzige singende Gemeinschaft entstanden. Und im alten Speisesaal? Oh, da hat sich längst eine Gruppe der Jungen zu einem ihrer hinreißenden Horatänze zusammengefunden. Ein Kreistanz, der immer größer wird, der immer wilder, immer heißer die jungen Körper durch die Enge des Raumes wirbelt, singend und tanzend in einem überschäumenden Tempo. Welch gesunde Lungen diese Jungen doch besitzen, in. deren Mitte einer nicht müde wird, auf seiner Mundharmonika mit einem immer wiederkehrenden monotonen Lied die Tanzmusik zu stellen. Es hat etwas Überwältigendes, diese jungen Menschen nach acht- und mehrstündiger Feldarbeit, bei 40 und mehr Grad Tropenhitze, am Abend hier tanzen zu sehen. In den Kreis dieser Jungen haben sich aber auch die Älteren gemengt, die dem Tempo der Jugend um nichts nachstehen. Drei Generationen Diese Szene der tanzenden Siedler an dem Feiertagsabend in Daganiah verdichtet sich zu einem Bilde: Es sind drei Generationen, die hier durch ein Band des Idealismus verknüpft sind. Die erste Generation —- diie Menschen der sogenannten zweiten Alijah sind keine Emigranten, wenn auch sie seinerzeit aus ihrem Heimatlande flüchten mußten. Es sind russische Juden, Idealisten, Nur- Idealisten, die nach den Kischenewer Pogromen der Jahre 1905/06, wo sie schon damals die mutige Schar des jüdischen Selbstschutzes bildeten, mit der unstillbaren Sehnsucht im Herzen nach Palästina kamen, um.auf alter, väterlicher Erde ein neues Leben zu beginnen, für siel], für ihre Kinder,, für ihr Volk. Es waren die ersten Pioniere, die ersten praktischen Sied- Das älteste Mitglied von Daganiah ler Neu-Palästinas, noch lange, bevor es einen politischen Charter auf Palästina gab. Und sie wurden die Schöpfer der neuen kollektiven Siedlung in Palästina, der. Kwuzah. Die erste Generation — das sind die ersten Helden der harten Palästina-' arbeit. Wir werden ihnen noch begegnen.' Die zweite. Generation ist schon zum. Teil in Palästina selbst geboren, zum Teil ist sie aus Mittel- und Osteuropa, Menschen also, die die sogenannte dritte A I i j a h. in den Tagen der großen Revolutionen in Osteuropa am Ausgang des Weltkrieges ins Land brachte. Auch diese dritte Alijah, clie ebenfalls bereits ein ruhmvolleres historisches Blatt in den Annälien des chaluzischen Aufbaues Palästinas bildet,' hatte eine große . Zahl jugendlicher Idealisten, im Geiste eines Trupeklors, des Schöpfers des Heehaluz, den bereits bestehenden Kwuzoth zugeführt. Jetzt wieder haben diese Siedlungen eine recht ’ segensreiche frische Jugendzufuhr durch den Zustrom einer Anzahl d e u t s c h e r C h a 1 uzim — die jüngste und die. dritte Genera-; tion — erfahren. Es sind dies Insbesondere-' die Mitglieder der Jugend alijah aus Deutschland, die unter der Leitung der bekannten Sozialpolitikerin, der edelmütigen Miß Henriette S z o 1 d, steht, die für die Jugend- und Kinderfürsorge in Palästina schon Grandioses geleistet hat. Leben in der Siedlung Übers ganze Gesicht lachend und mit sichtlichem Stolz zeigt mir einer der Mitbegründer der Kwuzah — heute ihr Ökonom und Leiter — die herrlichen Rosengärten, die sich längs der Häuserzeilen ausdehnen. Rosenzucht in Daganiah? Das war noch vor wenigen Jahren nebst vielen anderen Pflanzungen ein kühner Traum. Wie vieles, mit unsagbarer Mühe versucht, mußte aus dem Boden immer wieder gerissen, entwurzelt werden! Wie oft säten wir Getreide und ernteten Heu, manchmal auch das nicht. Doch wir verzagten nicht. Es erkrankten, die Erwachsenen, es litten die Kinder durch das schwere Klima der Jordansenke — doch wir hielten durch... Daganiahs Wirtschaft ist inzwischen vom einseitigen Getreide* anbau zur Gemischtwirtschaft übergegangen und heute dehnen sich bis weit ins Galii hinein die gelben Kornfelder, schenkt' der Boden alle Gemüse- und Obsfearten in Hülle und Fülle. Und gar die Milchwirtschaft. Die schönsten Rasseuexemplare an Kühen, edle Zuchtherden, und blendend weiße Hühner zieren Daganiahs Stallungen. Und im kühlen Schatten hoch- Und heute,.. -»»au1*