Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 500 (19.11.1935)
- Date
- 1935-11-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 Oll STIMM! Nr. 500 — 19. November 1935 Schalom Asch: Norman Angell: Um die Omarmoschee s Jüdisches ßoudous indischem (Jeist Eres Israel ist nicht nur unser höchstes IdcaJ., es ist die einzige Lösung d er brennenden Judenfrage. Es ist die letzte Hoffnung, die dem Juden geblieben ist. Eine Bewegung, die die Rettung eines geplagten Volkes in sich birgt, wie bewährt muß sie sein, wie treu dem Ideal, dem sie ihre Entstehung verdankt. Das jüdische Volk auf jüdischem Boden zu verwurzeln, damit es ein bescheidenes, ehrliches Leben führe, ein gerechtes und wahres Leben, ein jüdisches Leben, das scheint mir unsere ideale Aufgabe zu sein. Wir wollen ja nicht nur den Körper des jüdischen Volkes retten, wir träumten doch von einer höheren Warte aus davon, die jüdische Seele zu erlösen. Das Ideal eines ehrlichen Lebens, das der Jude schon einmal in seiner Heimat, aus der er vertrieben wurde, führen durfte, schwebt ihm wieder als Hoffnung für die Zukunft vor. Dieses Ideal ist der wichtigste Bestandteil unseres Erlösungsgedankens. Das jüdische Land soll nicht nur dem jüdischen Volke wiedergeschenkt werden wie ein beliebiges Land einem beliebigen Volke. Was Israel in den Jahrhunderten seiner Verbannung als Sehnsucht nach dem Messias erträumte, war soziale Gerechtigkeit, war ein ethisches Leben, wie es die Propheten von einst lehrten und vorlebten. Ohne diese hohe Auffassung des prophetischen und messianisefwn Ideals konnte das jüdische Volk niemals seine Erlösung denken. Jedes andere Volk ist schon ein unabhängiges Volk, wenn es seinen nationalen Boden besitzt. Das jüdische Volk aber ist und bleibt das „jüdische Volk das die Bibel hervor gebracht hat, bleibt Israel, wenn es ein gerecktes jüdisches Leben nach den Lehren seiner Propheten im eigenen Lande lebt. Nicht auf die zahlenmäßige Stärke des Volkes kommt es an, sondern darauf, daß sein Leben im Lande für die Juden aller Länder zum Symbol eines messianischen Ercz Israel werden kann. Dann werden die Juden aller Länder in Erez Israel ihre Heimat sehen und die Völker der Welt werden auf Erez Israel schauen und werden wissen, dort ist die Heimat der Juden, Übertragen wir aber nur das Leben der Diaspora ohne dieses Ideal nach Palästina, so wird es, auch wenn die Juden der ganzen Welt dort lebten, niemals die jüdische Heimat sein. Ohne jüdisches Leben kein Ertz Israel. Von einem solchen Erez Israel träumten unsere Väter, einem solchen Erez Isr icl wollen wir alle unsere Kräfte weihen. Ich bin tief überzeugt, daß dieses Erez Israel nur errichtet werden kann mit Hilf'.: der beiden nationalen Institutionen, denen der materielle Aufbau des Landes obliegt: Keren K a j e m e t h Lejisrael und Keren Hajessod. Ich weiß, weichet machtvolle Faktor in der Verwirklichung Erez Israels gerade der Keren Hajessod ist, und ich schütze mich glücklich, daß auch ich ihm Zeit und Kraft widmen dirfte. Alle anderen Brücken, die ich zwischen Galut (und nicht nur jüdischer Erlösung) geschlagen habe, gerieten unter meinem Fuß ins Wanken. Die einzige, die h/ilt, ist die papierene Brücke, die zur jüdischen Erlösung führt. Ich strecke euch meine Hand entgegen, um mit euch zu arbeiten, so weit meine Kraft es vermag. Hasset die fackeln leuchten! Als der Keren Hajessod geschaffen wurde, stellte er selbst damals schon einen charakteristischen und zukunftsreichen Teil des Versuches dar, aus der „Brüderlichen Menschengemeinschaft“ noch etwas mehr zu machen, als eine bohle Phrase in Versammlungsreden. Das Ziel des Keren Hajessod wurde als ein notwendiges Element in der wissenschaftlichen Organisation der menschlichen Gesellschaft anerkannt Die Mitarbeit Angehöriger der westlichen Nationen bedeutete eine Anerkennung nicht nur dessen, was sie dem Judentum schuldeten, sondern auch ihrer Verpflichtung, bestimmte Wiedergutmachungen zu leisten, die doch so lange fällig waren. Wenn dies aber vor 15 Jahren galt, so sind die Bemühungen um die Entwicklung des Keren Hajessod heute sowohl dringender nötig als auch von höherer Bedeutung, denn das ganze Prinzip der Freiheit, der Gleichheit der Menschenrechte, alies, was die Renaissance und die französische Aufklärung geschaffen hat, wird jetzt von großen Nationen in Frage gestellt, die mit vollem Bewußtsein zu den Methoden und zu den Bewertungen des Mittelalters zurückgekehrt sind. Es ist nötiger als jemals, die Fackel leuchten zu lassen. Wenn wir im Westen es hinnehmen, daß den Juden Recht und Gerechtigkeit verweigert wird, dann nehmen wir hin, daß uns selbst das Recht geraubt wird und der historische Kampf der nichtjüdischen Völker um ihre eigene Freiheit wird von neuem beginnen müssen, wenn wir untätig Zusehen, wie das Prinzip des Rechts mit Füßen getreten wird. Auf dem Rechte der Juden bestehen, heißt in diesem Augenblick auf dem Rechte der Nichtjuden, der Menschheit bestehen. Darum haben Nicbtjuden, wie ich, so starkes Interesse an den Leistungen des Keren Hajessod. Dies ist die Wurzel unseres innigen Wunsches, seine Arbeit möge wachsen und gedeihen. Justin Goda't President de France Palestine: Vas Mühende Weck Seit fünfzehn Jahren hat der Keren Hajessod seine Saat auf die Erde Israels gestreut Die Ernte ist her r lieh. Sie setzt sich aus mannigfachen Reichtümcrn zusammen. Das Land der Väter ist aus langer Erstarrung wieder auferweckt und mit Liebe befruchtet worden. Nicht nur die Pflanzen, die Bäume — auch die Verbannten haben, zurückgekehrt, hier Wurzel gefaßt und auch in ihnen ist die Lebenskraft erwacht, die sie wieder auf gerichtet hat, und die in ihren Seelen die glorreichen Früchte der Freiheit hat neu erstehen lassen. Der volle Erfolg, der von den Juden in Palästina aufgewandten Bemühungen ist die größte historische, sozialökonomische, rassische Tat der Neuzeit. Der Keren Hajessod hat einen beträchtlichen Teil dazu beigetragen. Wünschen wir ihm Glück, daß er sein reich blühendes Werk fortsetze und vergrößere. Lord Amery: Stefan Zweig: Nicht durch Waffen und Gewalt, sondern durch Opfergaben Der Versuch, nicht durch Waffen und Gewalt, sondern durch Opfer gäbe einem Volke seine Heimat zu gewinnen, wird in künftigen Zeiten ein Ruhmesblatt der jüdischen Nation sein. Großartig Im moralischen Sinne, hat der Keren Hajessod aber auch im organisatorischen vorbildlich gewirkt: Öde ln Fruchtbarkeit, Verlassenheit in Kultur verwandelnd, große Vergangenheit mit großer Zukunft schöpferisch verbindend. Jeder Jude hat die Pflicht, hier mitzuhelfen, denn jeder Jude hat in diesen dunklen Tagen das Glück, sich an ir‘>' scr Schöpfung zu freuen. Unermüdliche Arbeit Ich benütze mit Vergnügen die Gelegenheil, anläßlich des 15. Jahrestages der Begründung des Keren Hajessod, den Schöpfern des Fonds meine besten {Glückwünsche zu seinen bisherigen Leistungen zu senden, uni ihnen weiteren Erfolg zu wünschen bei ihrer Aufgabe, das neue jüdische Nationalheim in Palästina auf der festen Grundlage sich selbst er halt ende r landwirtschaftlicher Gemeinschaft aufzubauen. Wenn man auf die vergangenen 15 Jahre zurückblickt, kann man wohl mit Recht sagen, laß der in Palästina erzielte Fortschritt bedeutungsvoll und für alle Beteiligten höchst ehrenvoll ist. Ich, der ich jahrelang mit dem Problem von dem Gesichtspunkt der Verantwortlichkeit der britischen Regierung zu tun hatte, bin glücklich, len Wert der unermüdlichen Arbeit und der Begeisterung jener, die ihre Bewegung mit hrem Geiste erfüllen, meine Anerkennung zu zollen. Lord Snell: Verzweiflung wird Hoffnung Es ist mir eine Freude, anläßlich des 15. Jahrestages des Palästina-Gründungsfonds seinen erfolgreichen Führern, die ihn so klug geleitet und seine Tätigkeit inspiriert haben, Glückwünsche zuzurufen. Es sei mir auch erlaubt, den Gönnern dieses Fonds in allen Teilen der Welt zu der Größe ihrer Schöpfung zu gratulieren. Es gibt wohl wenig Organisationen, die mit mehr Befriedigung auf ihre Bemühungen zurückblicken können als der Keren Hajes so d, und sicherlich keine, deren Werk zu segensreicherem und stärkerem Einfluß auf das künftige Glück und den gesellschaftlichen Aufbau des jüdischen Volkes bestimmt ist. Es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß seit dem Beginn des Palästina-Gründung sfonds sich das Zukunftsbild für einen großen Teil der jüdischen Bevölkerung aus dunkler Verzweiflung in Hoffnung und Begeisterung gewandelt hat. Mit großer Erwartung schaue ich schon jetzt auf die Fortführung des Werkes durch jene, die sich schon im Nationalhelm eingerichtet haben. Auf ihre Schultern fällt die doppelte Last einer günstigen Gelegenheit und einer großen Vera.nl worlung. Es ist meine tiefempfundene Hoffnung, daß sie eine blühende, gulregierte, schaffen und dazu durch freundschaftliche Beziehungen nachbarschaftliche Hilfsbereitschaft uni Sympathien das Vertrauen und die Freundschaft der arabischen Arbeiter gewinnen mögen, unter denen sie leben. Ich hege das größte Vertrauen, daß sie in dieser ihrer grüßten Verantwortung nicht versagen werden. Franz Werfel: Fünfzehn Jahre Keren Hajessod Der Keren Hajessod vollbringt ein unvergängliches Werk. Macht und Wert dieses Werkes werden erst die fernsten Geschlech ter in seiner ganzen Glorie erkennen. Jeder Jude aber, in welchem Lager er auch immer stehen mag, muß danken und muß Mitwirken. Gesegnet sei der neue Kraftstrom, der das Volk Gottes durchflutet. Thomas Mann: Mit aufrichtiger Anteilnahme höre ich von dem Gedenkfest, das der Keren Hajessod in diesem Sommer begehen wird, indem er auf fünfzehn Jahre seiner Tätigkeit zurückblickt. Ich iceiß, mit welchem Maße von Energie. Glauben und Enthusiasmus diese Arbeit Ihrer Organisation geleistet worden ist, und habe nicht nur vom Hörensagen, sondern zum Teil auch aus eigener Anschauung einen Begriff von ihren reichen und fruchtbaren Ergebnissen. Erlauben Sie mir, Ihnen zu dem bevorstehenden Gedenktage meine herzlichsten Glückwünsche auszusprechenl Heinrich Mann: Die Wiederansiedlung in der alten Heimat Fünfzehn Jahre eines einzigartigen Unternehmens, die Wiederansiedlung eines Volkes in seiner alten Heimat: Das verdient mehr Dank, mehr Ruhm, als alle Kriege, ob siegreich oder nicht. Kriegerische Eroberungen haben noch niemals vorgehalten. Die Juden werden sich durch Arbeit dauerhafter durchsetzen. Sie werden das Land reich machen, es mit Kultur durchdringen; und sie werden endlich so zahlreich sein, daß von „Fremdrasslgkeit“ nicht mehr die Rede sein kann. Sie selbst werden gewiß niemals versucht sein, dieses Argument gegen andere zu gebrauchen. Sie wissen, daß Völker, die es gegen sie angewendet haben, sich selbst am meisten schadeten. Ich beglückwünsche den Keren Hajessod zu seinen verdienten Erfolgen und erhoffe palästinensische Gemeinschaft i für die Juden ein eigenes, freies Land. Kfee ist McaUatn Jlosenljach? Von Dr. Mayer Ebner. Unter dem Titel „Der Mufti hetzt in China* haben wir in der „Stimme“ vom 8. November auf die Quertreibereien des Mufti in China hinge wiesen. Hiezu schreibt uns Herr Doktor Mayer Ebner: In Schanghai erscheint die jüdische Zeitung „Israels Messenger“. Sie berichtet, daß unter den Mohammedanern in China anblzionislische Broschüren, die vom Groß-Mufti von Jerusalem herausgegeben wurden, verbreitet werden. Die Broschüren enthalten unter anderem Bilder der Omarmoschee, über der die blau-weiße Fahne mit der Inschrift flattert: „Vergesse ich Dein Jerusalem, verdorre meine Rechte.“ Weiters publizieren diese Broschüren den Brief eines gewissen Abraham M us c hi sc h Rosenbach, Großrabbiner von Cernauti, str. Sf. Treimi Nr. 20, Bucovina, Romdnta, worin der „Großrabbiner“ die Araber auffordert, die Omarmoschee den Juden zu übergeben. Als Czernowitzer — seit dem Anschlüsse an Rumänien heißt die Stadt nicht mehr Czernowitz, sondern Cernauti — kenne ich Herrn Abraham Rosenbach sehr genau, und ’ch fühle mich verpflichtet, ihn der jüdischen Öffentlichkeit vorzustellen, damit man darüber informiert ist. welchen Wert man auf seine an die Araber gerichtete Aufforderung, iie Omarmoschee den Juden zu übergeben, 'egen soll. Herr Abraham Rosenbach ist ein alter, streng religiöser Jude in der traditionellen Tracht der orthodoxen Ostjuden. Er war nicht und Ist nicht Rabbiner und er wird auch von keiner Seite als sogenannter Großrabbiner anerkannt. Seit mehr als einem Menschenalter beschäftigt ihn aber die fixe Idee von der alsbaldigen Errichtung des Bet Hamücdosch auf dem alten Tempelplatz in Jerusalem. Diesbezüglich schrieb er noch Ende des 19. Jahrhunderts rekommandierte Briefe an „Seine Majestät den Sultan Abdul HamidH in Konstantinopel, ohne jemals irgend eine Antwort erhalten zu haben. Während der verflossenen Jahrzehnte ließ ihn der Gedanke von der Errichtung des Tempels nicht los und des öfteren entwickelte er mir seine Ideen in dieser Frage. Vor etlichen Jahren erschien er bei mir mit einem Projekt für den Wiederaufbau des Tempels auf dem Har Ilabait, und was er sagte, klang originell genug, und es steht in krassem Widerspruch zu dem, wovon der Mufti berichtet, daß Rosenbach es von den Arabern gefordert hätte. Er sagte ungefähr folgendes: Er sehe ein, daß die Omarmoschee ein heiliges Besitztum der Mohammedaner sei, und daß sie es niemals räumen werden. Er sehe auch ein, daß wir aus politischen Gründen es den Mohammedanern auch nicht zumuten können, daß sie den Platz, wo die Omarmoschee stehe, freimachen. Bis daher klang das, was er sagte, sehr vernünftig. Aber nun rückte er mit seinem Projekt heraus: wir wollen auf dem Har Habait große, mächtige Steinsäulen errichten, die so hoch sein müssen, daß sie sogar den Halbmond auf der Spitze der Omarmoschee überragen. Auf diese Säulen wäre ein starkes Plateau aus Stein und Eisen zu legen. Ich glaube mich zu erinnern, daß er so freundlich war, den Umkreis, auf dem die Omarmoschee steht, nicht zu überdecken und frei zu lassen. Auf dem so hochragenden Plateau wollte er nun den neuen jüdischen Tempel, genau nach den Beschreibungen der Heiligen Schrift und wohl auch des Josefus Flavius, erbauen lassen. Die Verbindung mit diesem Tempel soll geschehen durch eine im Niveau des Plateaus zum ölberg hinüberzulegende mächtige Brüclce, Es ist traurig, daß wir Juden für Taten einzelner verantwortlich gemacht werden. Daß wir auch die Verantwortung tragen sollen für fixe Ideen religiöser Schwärmer, ist vielleicht neu. Aber ich glaube unserer Sache zu dienen, wenn ich über die im übrigen harmlose Persönlichkeit meines braven Mitbürgers Abraham Muschisch Rosenbach Aufklärung gebe.