Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 500 (19.11.1935)
- Date
- 1935-11-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 500 — 19 November 1985 DIE STIMME Seit« 7 Unter der ruhigen Oberfläche... Von Dr. I. Schwarzbari (Krakau), Präsident des Weltverbandes der Allgemeinen Zionisten Ruhe herrscht io der zionistischen Bewegung seit dem XIX. Kongreß. Die „große Koalition“ hat in die Partei Verhältnisse Frieden hineingebracht. Der Mechanismus der zionistischen Organisation bewegt sich normal. Fast in allen Ländern setzt, wie jahraus jahrein, die neue Keren-Hajessod-Aktion ein, der Keren Kajemeth absolviert seine gewohnten Sammlungen, die Landes- und Sonderverbände beginnen ihre gewöhnliche Winterpropaganda, die Palästinaämter — warten auf Zertifikate, in den Jugendorganisationen werden die alten Debatten über Ideen und Ideale neu aufgerollt. Alles geht in Ordnung. Wie in einer gut eingeölten Maschine. Aber — unter dieser ruhigen Oberfläche des zionistischen Alltags, hinter dem Schweigen unserer Exekutive verbergen sich schwere Sorgen, die die Exekutive und das jüdische Leben in Palästina ganz in Anspruch nehmen. Wir wissen, daß die neue Leitung der zionistischen Bewegung sieh ihrer großen Verantwortung in einer schworen Zeit voll bewußt ist und es wäre ein Fehlurteil, wenn die zionistische Öffentlichkeit aus der oberflächlichen Ruhe den Schluß ziehen würde, daß unsere Leitung nicht bemüht ist, den Gang der Dinge zu beherrschen. t Im Vordergrund unserer Sorgen liegt jetzt die Frage der neuen Alijah. Neben den Bodenerwerb ist ja das Problem der Alijah die Hauptsorge der zionistischen Bewegung. Gerade aber auf diesem Gebiete bestehen zwischen der Mandatarmacht und der Jewish Agency grundlegende Meinungsverschiedenheiten. Die Alijah der ersten neun Monate des Jahres 1935 schloß mit einer Zahl von über 47.000 ab. Das bedeutet um 5000 mehr als in der gleichen Zeitperiode des Jahres 1934. Der Monat September 1935 erreichte die Rekordziffer von über 6000. Trotzdem also die begründeten Forderungen der Jewish Agency von der Mandatarmacht nur zu einem Bruchteil berücksichtigt wurden, so muß doch eine loyale und objektive Weitung der Alijah-Resultate der letzten Zeit, ja selbst der letzten drei Jahre, zugebeu daß diese Alijah eine beträchtliche war. Sie trug bis zu einem gewissen Grade der steten Entwicklung des jüdischen nationalen Heims Rechnung. Aber nur bis zu einem gewissen Grade. Die Anforderungen der Jewish Agency bezüglich der Zuteilung von Zertifikaten sind stets von einem äußerst präzisen Memorandum begleitet, in welchem die voraussichtliche Nachfrage nach Arbeitern mit einer mathematischen Genauigkeit von Ort, Unternehmung und Zahl belegt ist. Trotzdom hat die Mandatarmacht in den letzten Jahren nur höchstens 30 bis 40 Prozent dieser berechtigten Anforderungen berücksichtigt. Diese Differenz ist ein Gradmesser der Spannung zwischen Mandatarmacht und Jewish Agency in dieser Lebensfrage der zionistischen Bewegung. Da sieh diese Meinungsverschiedenheit Uber die Aufnahmefähigkeit des Landes seit Jahren jedes halbe Jahr wiederholt, so beweist dies, daß unsere Leitung einem System, von dem sich die Mandatarmacht leiten läßt, gegenübersteht. Ein solches System besteht. Es läßt sich kurz dahin charakterisieren: die Mandatarmacht will nicht, daß die jüdische Wirtschaft in Palästina ausschließlich vom jüdischen Arbeiter gesättigt wird. Die Mandatarmacht will den Beduinen Beßhaft machen, den Fellachen sättigen. Dadurch will sie diese Elemente einer antibritischen Propaganda der arabischen nationalistischen Parteion entreißen. Das ist das politische Grundmotiv ihrer sozialen Politik im Lande. Die Mandatarmacht könnte auf dem Wege von entsprechenden sozialen Reformen dieses Ziel auch innerhalb der arabischen Wirtschaft im Lande erreichen. Würde sie diesen Weg wählen, so müßte sie eine Politik führen, die gegen den arabischen Effendi, gegen den arabischen Großgrundbesitzer und oft auch gegen den arabischen Wuchergläubiger gerichtet ist. Das will aber die Mandatarmacht auch nicht. S'e will es sich auch mit diesem Element nicht verderben. Den Ausweg aus diesem Dilemma findet die Mandatarmacht — auf Kosten der jüdischen Wirtschaft. Von diesem Gesichtspunkte aus behandelt und regelt sie das jüdische Alijah-Problem. Sie läßt zielbewußt in der jüdischen Wirtschaft auf dem Arbeitsmarkt eine Lücke, eine beträchtliche Lücke, die nachher kraft des ökonomischen Gesetzes von Angebot und Nachfrage durch den arabischen Arbeitei ausgefüllt werden muß. Um für die arabischen Massen dieses Ventil in der jüdischen Wirtschaft freizulassen, schränkt sie systematisch die jüdische Arbeiter-Alijah ein. Die Folgen dieses Systems sind schwerwiegende: ein Sinken des Prozentsatzes der jüdischen Arbeiterschaft in der Landwirtschaft im Vergleiche mit der Gesamtzahl der jüdischen Arbeiterschaft im Lande, ein fortwährendes Anschwellen der arabischen Arbeiterschaft in der jüdischen Wirtschaft, wobei gleichzeitig die arabische Wirtschaft notgedrungen für den jüdischen Arbeiter abgesperrt bleibt, schließlich ein kaum nennenswerter Anteil der jüdischen Arbeiterschaft bei den verschiedenen Regierungsarbeiten. Das ist nur ein Ausschnitt aus diesem Gesamtprofit^. Hat unsere Exekutive schon in normaler. Zeiten mit diesem hartnäckigen System zu kämpfen, so wachsen die Schwierigkeiten für unsere Exekutive noch mehr in einer infolge der politischen Zustände etwas unruhigen Zeit, wie es die gegenwärtige ist. Diesen Schwierigkeiten steht eben unsere Exekutive jetzt gegenüber. Es ist also nicht nur der Kampf um eine konkrete Schedule. sondern der Kampf gegen ein System. Die zionistische Öffentlichkeit bat die Pflicht, diese Schwierigkeiten zu verstehen. Wenn nun jetzt, schon Mitte November, für das laufende Halbjahr noch keine Zertifikatenzuteilung erfolgt ist, sondern lediglich ein Vorschuß von kaum 1000 Zertifikaten, so offenbart dieser Umstand den schweren Kampf unserer Exekutive. Trotz des vorübergehend verringerten Kapitalszuflusses aus der Galuth ins Land, trotz einer gewissen Rückflut der jüdischen Arbeiterschaft von Stadt ins Land in den letzten Wochen, ist die jüdische Wirtschaft im Lande für eine große Alijah aufnahmsfähig. Damit aber auch die Mandatarmacht und'nicht nur wir diese Wahrheit anerkennen, dazu ist der Bruch mit dem bisherigen System der Mandatarmacht nötig, mit jenem System, dessen Grundlinien oben charakterisiert wurden. Diese Sorge gibt unserer neuen Leitung viel zu schaffen. Das Unrecht, das uns die Mandatarmacht, mit der wir stets eine Verständigung finden wollen, zufügt, läßt sich leider nicht durch Lobsprüche für den jüdi sehen Genius in Bankettreden gutmachen. II. Die zweite große Sorge Ist — das arabische Problem in seiner politischen Auswirkung. Es unterliegt keinem Zweifel, daß di« Mandatarmacht gegenwärtig unter einem besonders' starken politischen arabischen Druck steht. Wenngleich der italienisch - a b e s s i n i s c h e Kriegkeine Gefahr eines Übergreifen des Krieges auf den Nahen Osten in sich birgt, und obwohl England aus verschiedenen Gründen bo müht sein wird, Palästina den mittelbaren Folgen dieses Krieges zu entziehen, so ha» doch dieser Krieg die arabische Front in Palästina in Bewegung gebracht. Die Marschrichtung dieser Front ist keineswegs eine antibritische. Eine Reihe von Erschei nungen, selbst auf der arabischen Halbinsel und insbesondere im Reiche Ihn Sauds und im Jemen beweisen, daß die Orientierung auch dort keine proitalienische ist. Im Gegenteil, die politische Haltung der Araber wird zu einem Druck auf die Mandatarmacht gegen das jüdische nationale Heim ausgenUtzt. Nur von diesem Gesichtspunkte aus ist die Tatsache zu verstehen, daß sich sämtliche arabischen Parteien jetzt anläßlich des letzten Generalstreiks vereinigt haben. Die Araber sind keine leichtsinnigen Politiker. Die Hetze mit dem letzten Waffenschmuggel, dessen Herkunft und Ziel keinesfalls feststeht, ist ein Glied in der Kette dieses politischen Druckes, der jetzt kondensiert wird und sicherlich im Generalstreik nicht seinen letzten Ausdruck gefunden hat. Der Ton der arabischen Presse ist mit ein Zeichen dieses Druckes. Manche Redewendungen in der Ansprache Malcolm MacDonalds am Bankett in London in Anwes enheitdes High Commissioners sind schwer anders zu verstehen, als eine WTürdigung dieses arabischen politischen Druckes. Die politische Situation unserer Leitung ist also alles andere als leicht Schon dieser Umstand erfordert von der ganzen zionistischen öffentlichen Meinung und insbesondere von der Zionistischen Organisation, daß sie sich hinter die Exekutive in ihrem schweren Kampfe stellt. Das ist der tiefere Sinn der Koalition. Die objektiven Machtmittel unserer Bewegung sind: die Haltung und die politischwirtschaftliche Verteidigungskraft der jüdischen Bevölkerung in Palästina und die Solidarität der großen zionistischen Front in der Welt. Dazu kommt die subjektive Kunst unserer Leitung, diese Positionen auszuwerten, um die Resultante der gegebenen Machtkomponentenin eine für uns möglichst günstige Richtung zu lenken. In diesem Spiel der Kräfte sind wir auch für England ein Machtfaktor. Die Kunst unserer j Politik beruht darin, :daß a u c h England diese Tatsache würdigt, anerkennt und — das ist die Hauptsache — bei seinen praktischen Entscheidungen zum Ausdruck bringt. Wir wissen, daß unsere Leitung auch diesem Problem wie dem Problem der Alijab ihre ganze Aufmerksamkeit widmet. Dieteste- Ausgabe dee //Sti-PMMt Das sind nicht die einzigen Sorgen, die unter der ruhigen Oberfläche unseres zioni* stischen Alltags das zionistische Veranfc wortungsgefühl beunruhigen. Es ist gut, daß uns die Ruhe an der Ober-i fläche nicht täuscht, weil die Unruhe — die zionistische Bewegung gewiß zu einer um so größeren Aktivität anspornen wird. Auf allen Gebieten unseres WTirkens, hier und in Erez Israel! Die Mechanisierung des zionistischen Alltags kann uns zum Unheil werden, weil die Zeiten eine ungeheure Initial tive, ein immer tieferes Verant-« wortungsgefühl und eine fest* gefügte nationale Front erfordern. Dieses Bewußtsein muß heute allö Teile der zionistischen Bewegung umfassen und sich in einer großen Anspannung unserer Opfer auswirken. Der 9. Katalog der Buchhandlung Richard Lanyi Wien, I., Kärntnerstraße Nr. 44 — Ist soeben erschienen. Auf Verlangen gratis und franko. De. Taitlöwitsck ä&ee die fal&scU&s- Kürzlich hielt Dr. Faitlowltsch, der Entdecker der Falaschas, in New-York einen Vortrag über seine Entdeckungsreise in Abessinien und über die Arbeiten des Pro- Falascha-Komitees. ln den Jahren 1904 und 1905 stellte Faitloidtsch das Vorhandensein der Falaschas in Abessinien fest und gründete dann das Pro-Falascha-Komltee. Im Jahre 1923 gründete Faitlowltsch eine Zentralschule in Addis-Abeba. Der Tätigkeit des Pro-Falascha-Komitees war es zuzuschreiben, daß der Übertrittspropaganda der Missionäre ein Ende gesetzt werden konnte. Derzeit bleiben die Falaschas unbehelligt, nicht zuletzt auf Grund des Einschreitens des Kaisers von Abessinien, der sehr tolerant ist. Faitlowltsch konnte auch verschiedene Falaschas nach Palästina und in die Galuth bringen, wo sie als Lehrer und Rabbiner ausgebildet icerden. Das Pro-Falascha-Komltee verbreitete auch Auszüge aus dem hebräischen Schrifttum und förderte die Kenntnis des Hebräischen, das den Falaschas bis dahin unverständlich war. Faitlowltsch bezeichnet es als notwendig, in Palästina ein Erziehungsheim für Falaschas zu gründen. Die Zöglinge dieses Helmes sollen dann führende Stellungen in ihrer Heimat erhalten. Darüber hinaus macht Faitlowltsch den Vorschlag, in Palästina auch andere exotische Juden aus Indien, Afghanistan, China und Persien auszubilden. Ein derartiges Heim würde eine einzigartige Institution werden .und segensreich wirken. Faitloidtsch erachtet es daher als notwendig, die Geldsammlungen für das Pro-Falascha-Komitee zu verstärken. KOJSGO-mE£E 1 Das exotlsdieTanzlokal »Täglich von 9-4h«IX Porzellangasse 39 I Dizengoff will nicht mehr kandidieren Jerusalem, 17. November. (2. T. A.) \ Der Bürgermeister von Tel-Aviv, Mel? Dizengoff, hat es abgelehnt, sich bei der bevorstehenden Neuwahl des Tel* Aviver Stadtrates als Kandidat aufstellen zu lassen. In einem Interview erklärte der Bürgermeister, die negative Haltung der Regierung gegenüber den Bedürfnissen von Tel-Aviv, insbesondere im Zusammenhang mit dem städtischen Budget und den in letzter Zeit geführten Anleiheverhandlungen, habe ihn bestimmt, die Wiederwahl nicht anzustreben. Er fasse diese Haltung der . Regierung als M i ß t r a u e n für ihn und sein Lebenswerk auf. Die „Palestine Post“ bemerkt, daß ira Laufe der letzten Verhandlungen mit der Regierung über die Tel-Aviver Anleihe eine ernste Bedrohung jeglicher Unbhängigkeit, deren sich die Stadtverwaltung gegenwärtig erfreut, offenbar geworden sei. Zweifellos spielt das Blatt hiebei auf die Abschaffung der Polizeiautonomie der Stadt an. Eine Abordnung unter der Führung des Vorsitzenden des Verbandes jüdischer Landwirte, Mosche Smilansky, hat bei Bürgermeister Dizengoff vorgesprochen, um ihn zu bewegen, bei den bevorstehenden Wahlen doch wieder zu kandidieren. Man erwartet, daß Bürgermeister Dizengoff auf Grund dieser Intervention seinen Ent-ehluß noch ändern wird.