Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 499 (15.11.1935)
- Date
- 1935-11-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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«•!♦• O DIB tTIMMI Nr. 499 — 15. November 1935 Der studentische Nachwuchs Von Dr. Max fiosenzweig Mit diesem Artikel eröffnen wir die im unserer Montags-Nummer eingeleitete Diskussion. Zwei Vorschläge, die in den letzen Wochen von Vertretern der bestehenden jüdisch-akademischen Verbindungen Wiens gemacht wurden, veranlassen mich, zur Trage des Nachwuchses dieser Organisationen auf der bisherigen dem deutsch-studentischen Kult-urkreis bis auf das letzte I-Tüpfelchen entnommenen Grundlage, sowohl dem Inhalt als auch der äußeren Form nach, Stellung zu nehmen. Im A. H.- Verband der jüdisch-akademischen Verbindung „Unitas“ wurde von mir als derzeitigen Präses im Generalkonvent dieses Verbandes der Vorschlag gemacht, eine völlige Reorganisation und Neuorientierung der Aktivitas der Verbindung vorzunehmen und sie vor allem des für die heutige Zeit fast lächerlich wirkenden bisherigen rein studentischen Inhaltes zu entkleiden und ihr dafür einen jüdisch-voiksbewußter Art ent sprechenden Inhalt zu geben, mit der c i nz i g e n unserer zionistischen Weltanschauung entsprechenden Zielsetzung: Palästina- Aufbau. Der bisherige couleurstudentisohe Charakter der schlagenden Verbindung mit den von der deutschen Studentenschaft aus der Zeit der Gründung gerechtfertigten Sit ten und Gebräuchen darf und kann nicht mehr Inhalt einer jüdischen Studentenver einigung sein. Von dieser unbestritten gebliebenen Voraussetzung ausgehend, schlug ich vor, aus unserer alten jüdisch-akademischen Verbindung einen lebendigen jüdischakademischen Jugendbund „Unitas“ zu machen und dem aus den verschiedenen jüdischen Jugendorganisationen ins akademische Leben tretenden jüdischen Studenten einen auf alter Tradition und Bundesbrüderlichkeit festverankerten Freundschaftsbund und uns, dem Altenherrenverband, einen wertvollen, durch Auslese hervorgegangenen Nachwuchs au schaffen. Wandern, Touristik, Turnen und Sport überhaupt sowie eine gewissenhafte geistige Vorbereitung des jungen jüdischen Akademikers für Erez Israel sollen Zweck und Inhalt des jüdisch-akademischen Jugendbundes „Unitas“ sein. Das Ziel des Jugendbundes sei vor allem Erziehung zu aufrechter jüdischer Gesinnung und Pflege von Geselligkeit und Freundschaft in jener bundesbrüderlichen Form, wie sie bei uns seit Dezennien Tradition war und geblieben ist- . Nach Beendigung des Studiums oder Erlangung einer Lebensstellung soll dann unser Bundeebruder in den A.-H.-Verband aufgenommen werden, um erst recht die Aufgaben erfüllen zu können, die heute mehr denn je Pflicht eines jeden jüdischen Akademikers sein müssen. Der zweite Vorschlag wurde in den allerletzten Tagen im Seniorenkonvent der Verbindungen gemacht. Er soll an Form und Inhalt der jüdischen Verbindungen nichts wesentliches ändern, zumindest nicht an der Form, und für die Heranziehung des Nachwuchses soll eine aus Vertretern aller Verbindungen zusammengesetzte ^Kommission wirken, die die zum Hospitium sich meldenden Akademiker auf die einzelnen Verbindungen aufteilt. Gegen den ersten Teil des Vorschlages möchte ich für meine Person entschiedenst Stellung nehmen in der Überzeugung, daß eine Abstimmung unter der Altenherrenschaft der Verbindungen eine überwiegende Majorität für meine Stellungnahme ergeben müßte. Ich möchte vorwegnehmen, daß ich hier meine persönliche Ansicht vertrete, daß ich nicht als Präses des A.-H.-Verbandes, sonderm als Privatmann eine für die zionistische Jugendorganisation sowohl, als auch für die Zukunft des Zionismus überhaupt überaus lebenswichtige Frage zur Diskussion stelle. Dagegen möchte ich mir den zweiten Teil vom Seniorenkonvent ausgehenden Vorerfassen und einheitlich zu organ isiesehlages zu eigen machen und die Reorganiren. Nach unten könnte dann als Daohversation des Aktivitas der Verbindungen in einen jüdisch-akademischen Jugendbund auf breiter Basis vornehmen. Der Ringverband der A. H. (übrigens auch eine Gründung der Unitas, mit Julius Löwy als Initiator), der durch seine Aktivität seine Daseinsberechtigung erwiesen hat, könnte, die Anmeldungen von Hospitanten übernehmen und die sich meldenden auf die einzelnen A.-H.-Verbände aufteilen, wobei die Anciennität der einzelnen Verbindungen bei der Aufteilung berücksichtigt werden sollte. Ich erhoffe mir durch eine solche Neuorientierung und gemeinsame Aktion der jüdisch-akademischen Verbindungen die Lösung der für uns und den Zionismus leband der „Makkabi“, nach oben der Ring verband der A. H. dienen, und damit wäre ein geschlossen fester Ring geschaffen. Eines aber müßte unter allen Umständen aus dieser Jugendorganisation, mag sie nun eine rein akademische oder eine gemischte sein, a.usgesohaltet werden: jedes trennende Moment, das durch die einzelnen Par t e igru p p ie r u n ge n im Zionismus eine einheitliche Organisation sabotiert hat. In dieser Jugendorganisation müßte für alle Platz geschaffen werden, ob sie nun die Mitte bilden oder äußerst links oder rechts stehen, betont religiös oder freisinnig sind. Eine einzige große a.IIjüdische Plattform muß gebenswichtigsten Aufgabe: der Schaffung schaffen, jedem Separatismus vom Haus aus einer zielbewußten, straffen und festgefügten Organisation der Jugend überhaupt. Denn mit der Gründung einer solchen Organisation wird wahrscheinlich bald die Frage an uns herantreten, ob es nicht ratio¬ Parole geboten werden. Bedingung wä re nur e i n •«© f fe n e s, freimütiges, volksbewußtes Bekenntnis zum Judentum. Letzten Endes führen alle Wege nach Erez Israel. Ein nur neller wäre, heute, wo das Streben der akamit geistigen Waffen ausgefochtener Ideendemischen Jugend nach beruflicher Umkampf wird schließlich für diese Jugendschichtung reale Formen angenommen hat, diese „klassenmäßige“ Trennung von Akademiker und Nicht-Akademiker fallen zu lassen und die jüdische Jugend allgemein zu Organisation jene Führung schaffen, die in diesem geistigen Ringen die für unsere Zukunft und Erez Israel beste Lösung auf ihre Fahne geschrieben hat. Anläßlich der Vermählung Frl. Edith Zellermayer mit Herrn Dr. Jeheskel Rathaus gratuliert herzlichst Ing. Dr. F. Fickholz Geistige Wegbereiter des Nationalsozialismus Von Alfred Werner GROSSFLEISCHHAUEREI flEGM. KORNMEHL ZENTRALE iX., BERGGASSE NUMMER 19 TELEPHON NUMMER A 17-3.09 und A 18-9-34 Lieterant tür Heilanstalten Abteilunsen t. untei Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinateder Israelitischen Kultusgemeinde Wien Autozustollung kostenlos IX„ Berggasse 15, XVIII.,WähringerstraBe 7t (Schluß.) Das alles ist hier sehr drastisch gesagt worden, nicht 60 verworren fein, wie es in den „Blättern für die Kunst“ geschieht Aber er soll einmal klar ausgesprochen wer den, daß drei wesentliche Bestandteile der nationalsozialistischen Ideologie: die F ti h rervergottung, der Militarismus und der Antikatholizismus dem George-Kreis entstammen. HieT einige Blüten auß dem George-Kreis man muß nur in den Aussagen dieser an sich bedeutenden Gelehrten an die Stelle des Namenß George den Hitlers setzen und man ist zu den Ursprüngen der heutigen Führervergottung gelangt. Nach seinem Hie rodulen Friedrich Gundolf Gundelfin-ger ist George „die höchste menschliche Erscheinung seiner Zeit.“ Er sucht „die Macht, Menschen und Erde nach dem Bilde seines Gottes umzuformen.“ Über Algabal heißt es: Georges erschaute in dem „Priesterkönig“ ein „Gleichnis für antikisohe Nöte und Triebe seines eigenen Geblütes“, ein „Gleichnis seiner Einzigkeit“, einen „verwandten Blut- und Geisterbann.“ Aber es kommt noch schöner: „George tut durch die Sprachweihe mit der Natur, was die Kirche durch die Sakramente, zumal durch die Messe, als durch rhythmische Akte, mit Gott tut.“ „Wer aber das Zeichen erkannt hat, unter dem er (Ge orge) kommt, muß ihn vernichten oder im folgen.“ Intelligente 45 jährige Witwe in allen Zweigen der Hauswirtschaft bewandert, äußerst tüchtig, sucht tagsüber Stelle bei älterem bessern Herrn. Zuschriften unter „Erste Referenzen“ an die Administration. Friedrich Wolters (Wolfsohn) bleibt hinter Gundolf nicht zurück. Er nennt George „die nahe und doch unbegreiflich hohe Erscheinung, an der das Dasein erst seinen Sinn erhält.“ „Man darf die einzige, geschlossene Figur des heutigen geistigen Deutschtums nicht an tasten bei der ohnehin so stark erschütterten Weltgeltung der Deutschen.“ „Mit keinem Namen ist er zu nennen, mit dem wir sonst gewohnt sind, Menschen zu unterscheiden.“ „George ist eine Norm, kein modernes Genie unter anderen Genies“, er „verkörpert das ewige Menschentum“ und „sein Wort ist Fleisch und sein Fleisch Wort.“ Im „Jahrbuch“ von 1912 heißt es wörtlich: „Den Weg der Menschheit wissen wollen, ist die Anmaßung der größten Toren. Wohin aber mein Führer geht... das weiß mein Fuß und folgt ihm nach...“ Und die Jüdin Edith Landmann ora kelt so: „Die in ihm das Göttliche verleiblicht sehen, müssen ihm dienen und sein Gesetz als Glück oder Not auf sich nehmen. Hat es da nicht den Anschein, als sei George nur auf den Schultern seiner jüdischen Schwärmer in jene Höhe emporgehoben | worden, die ihn schließlich zur gefeierten Bildsäule des Dritten Reiches werden ließ?! Welch Glück für Gundolf und Wolters, daß eie vor 1933 gestorben sind und die furchtbare Entwicklung nicht miterleben mußten! Das Bisherige wurde aber noch übertroffen von Singer und Landsberg. Darüber, was „nicht irgend welche berauscht^ Schmöcke oder Literaten, sondern berühmte Geisteswissenschaftler und Universitätsprofessoren allen Ernsten lehren konnten, berichtet der verdienstvolle George- Entlarver Benda folgendes: Nachdem die George-Jünger die mystische Personalunion George-Plato statuiert hatten, schritten sie zur Apotheose dieses merkwürdigen Doppelwesens. Und da man denn doch nicht gut d-en George-„Aßpekt“ dieses Wesens dazu heranziehen konnte, unternahm man es sozusagen von seiner Reversseite her: man versetzte Plato auf den Olymp, und zwar indem man die antike Legende von dessen göttlicher Zeugung durch Apollo für eine geisteswissenschaftliche Wirklichkeit höherer Ebene4 erklärte. Daß ist kein Scherz, nein, Singer versichert ausdrücklich, daß es sich n i c h t um ,allegorischen Schmuck und rhe torische Übung4 handelt, sondern um ,mythi sehe Wirklichkeit höchsten Ranges4, und Landsberg bekräftigt, daß es ,wirklich und wörtlich4 gemeint ist.“ „Versteht man nun“, fragt Benda mit Recht, „wieso die deutsche Jugend der blasphemischen Führer-Vergöttlichung zugänglich war?“ Auch die Verherrlichung des Krieges als solchen fand im George-Kreis reiche Nahrung. Wolters preist das „Wagnis zur kriegerischen Eroberung“ und verabscheut die Friedensidee als „bewußte Bekämpfung des heldischen, opferwilligen, kampf- und todbereiten Menschen durch die Schiefen und Scheelen oder Zukurzgekommenen, denen der Neid vor allem Schönen und Großen schon die Züge verzerrt und gebrandmarkt hat.“ Allerdings war George selbst hierin richtunggebend. In ihrem neuen Buch über George berichtet Sabine L e p s i s : „Es erschütterte mich, wenn George von dem Krieg, der kommen müsse, so erbarmungslos sprach, wie von einer Notwendigkeit, die Deutschland aus seiner geistigen Misere retten würde, kurzum von etwas willkommene n.“ Aber George, der Kriegssänger, zog nicht in den Krieg — blieb daheim, andere als der demokratische, pazifistische, um sechs Jahre ältere Dehmel, seine „herrscherliche“ Sendung erforderte die Selbstbewahrung, denn seiner harrte ja die Aufgabe, im »Rahmen aller nihilistischen Wähne“ den Ruf ziu erhoben „nach dem einzig Helfenden, dom Mann, der das Neue Reich pflanzt“, wie der wortgewaltlge Wolters es für ihn formulierte. Kein Wunder, daß für Teile der neuen studentischen Jugend Hitler als Heiland von seinem Jesaias Wolters gemeint schien... Benda behauptet, daß auch die Dolchstoß-« Legende im George-Kreis entstanden sei oder zumindest die Sanktion des „Geistes44 empfangen habe. Schon 1914 brachten die »Blätter für die Kunst4 (zehnte Folge) Gedichte Gundolfs, die als Aufruf, allen Friedensfreunden und Freiheitsmännern eine Bartholomäusnacht zu bereiten, aufgefaßt werden konnten. Der Zusammenbruch erfolgte nach Wolters dadurch, „daß der innere Feind Gewalt gewann, das Heer versagte und der bittere Rückmarsch in empörter, wirrer Heimat endete.“ Daß der Kreis leidenschaftlich Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Demokratie, Republik und andere „aufgeputzte Götzen des Europäertums“ bekämpfte, ist bekannt. Minder bekannt dürfte sein, daß das neudeutsche Heidentum im Kreis einen starken Rückhalt hat. Am schärfsten von allen zieht Wolters gegen beide Konfessionen los, weil sie infolge ihrer demokratischen Heilslehre, des Prinzips der Gleichheit aller vor Gott und besonders wegen ihres Friedens- und Liebesevangeliums „niemals die volle Wucht des gegenwärtigen Augenblicks, niemals die ganze Blüte der Schönheit, niemals die dichte Vollendung der heldischen erreichen“ können. Er wettert gegen die christliche Demokratie, die zu „jener Anbetung des Mindern und Niedrigen, Entzügelung des Schwachen und Bedürftigen in der Volksgemeinschaft führen muß, die wir vor uns sahen und noch sehen“ und rühmt Georges Auftreten gegen „dieses schon zum bewußten Verderben gewordenen Verbrechen der Zeit“. Da ist es begreiflich, daß im Kreise eine große Abneigung gegen Rilke, den Dichter eines proletariscbn Lebens- und eines französischen Weltgefühls herrschte. „So gestehen wir“, erklärt Wolters im Namen des ganzen Kreises, „daß dessen Religiosität uns eher Abscheu erweckt hat. Dieses haltlose Siehwegwerfen hielten wir nur für schädlich zur Bildung eines höheren Lebens und wir waren nie erschüttert von den Erschütterungen dieser durchaus slawisch gerichteten Seele.“ In Bezug auf Georges frühe Verse sagt Wolters: „Von christlichem Glauben tönt kaum noch ein Anklang hinein. Wie jeden (!) Fünfzehnjährigem, der etwas auf sich hält (!), hat die Kirche auch diesen Frömmsten der Lebendem im gleichen Alter nicht fesseln können, da er die Erfüllung tieferer Sehnsüchte in ihrem Schoße nicht mehr fand.“ Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, daß Gundolf im Katholizismus das j üdische Element verabscheut und dafür die Reste des Heidentums darin hochhält, die er Georges „heidnischen Blutskatholizismus“ nennt!... Die Kette, die mit dem Täufling Julius Friedrich Stahl, der eim Zeitgenosse der Enkel Moses Mendelssohns gewesen ist, beginnt und mit den kürzlich verstorbenen Gundolf und Wolters schließt — sie umspannt auch die Gedankenwelt einer Vergeblichkeit. Nicht darin, daß diese Männer deutsches Volk und deutsches Wesen liebten, liegt ihre Schuld — wenn der Historiker überhaupt von Verschulden reden darf. Die Judenheit handelte falsch, würde sie sich fremden Einflüssen verschließen. Sie nimmt, wie Kastein unlängst sagte, „das Gute auf, wo wirklich Gutes sich darbietet. Denn das Gute in der Welt ist nicht national gebunden und von niemandem in Erbpacht genommen.“ Wohl aber war es der Fehler jener Generation, unjüdisclien — aber letztlich auch undeutschen oder doch wenigstens nur heidnisch-deutschen — Einflüssen sieh allzu bereitwillig hingegeben zu haben, zum Schaden des jüdischen, aber auch des deutschen Volkes. Denn dio auf Unrecht und Ungerechtigkeit gegründete Herrschaft Hitlers kann nicht lange währen. Und das Wort des weisen Rabbi Josua hat auch heute noch seine Geltung: „Die Gerechten unter allen Völkern haben Anteil an der künftigen Welt.“ Infolge Raummangels entfällt die heutige Fortsetzung des Artikels „Unter eigener Flagge“ von Dr. Hugo Bojko.