Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 499 (15.11.1935)
- Date
- 1935-11-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIS STIMME Nr. 490 — 1B. November 1935 falls in kühler Korrektheit gegenüber. Sie überläßt, alle Entscheidungen dem Oberkommissär und seinen Beamten. Wenn die Regierung selbst Stellung nehmen muß, dann tut sie das in einer Weise, die den Zionisten nicht günstig stimmen kann. Herr Malcolm MacDonald, der Kolonienminister, zum Beispiel hat es kürzlich für angemessen erachtet. den Zionisten mit.zuteilen, daß es sich nicht um die Errichtung des Judenstaates handelt. Er ist sogar noch weiter gegangen und hat in bewußter Antithese z>u Balfour- Erklärung und Völkerbundbeschluß die historische Verknüpfung der Araber mit Palästina hervorgehoben. Dies ist bei einer zionistischen Feier geschehen und wenn der Minister dort als Ehrengast die kalte Brause in Bewegung setzt, so kann man sich vorstellen, wie er innerhalb seines Amtszimmers spricht. Der von ihm instruierte Oberkommissär soll in den nächsten Stunden in Palästina landen und es heißt, daß er eine Entscheidung über den gesetzgebenden Rat in seiner Aktentasche mitbringt. Ein Gerücht will wissen, daß die Proklamierung des Rates aus sechs Mohammedanern, zwei Christen, vier Juden und zehn Engländern bevorsteht. Ein anderes Gerücht besagt, daß von der Errichtung eines Rates im Hinblick auf die weltpolitische Lage abgesehen wird. Diese Unsicherheit ist charakteristisch für die Art mit der die Regierung und insbesondere der Kolonienminister das Problem behandeln. Der Minister gehört der Labcmr-Party an und auch seine Partei wendet sich an den zionistischen Wähler. Während Neville Chamberlain politisch-konkret spricht, appel liert die Arbeiterpartei an das Sentiment Sie hat, so heißt es dort, auf ihren Jahreskonferenzen wiederholt mit Enthusiasmus ihre Bereitschaft dargetan. Die Arbeit an dem Palästina-Werk ist eine kategorische Pflicht in der Zeit der deutschen Judenverfolgungen. Die Arbeiterpartei erkennt dies und auch ihre Pflicht, diesen Menschen Mitgefühl entgegenzubringen. Wie äußert sich das? Es äußert sich so, daß die Ar beiterpartei jeden aktiven Schritt gegen Hitler-Deutschland bekämpft hat und daß sie ein gemeinsames Vorgehen Englands und Frankreichs verhindert hat. Sie ist dabei gewiß nicht allein gewesen, Herr Herbert Samuel hat auch schon ein Bündnis mit Hitler ins Auge gefaßt. Aber die Arbeiterpartei ist ein Teil der Regierung und sie ist mitverantwortlich für Tun und Unterlassen Und so ist auch ihre Erklärung nichts als ein Wahlplakat. Wenn der jüdische Arbeiter abgestimmt haben wird, dann wird Zionismus und Palästina wieder in die blaue Ferne schwinden, in der schon so viele Erklärungen und Versprechungen verschwun den sind. keit und Verfolgung zusammenzubrechen drohten. Vor der zivilisierten Welt entsteht jetzt die dringende Pflicht, den Menschen, die so plötzlich und so ganz ohne Schuld solchen Leiden und Nöten ausgesetzt sind, Mitgefühl entgegenzubringen. Die Erklärung schließt: Wir sind stolz auf unsere enge Verbindung mit den Organi sationen und Institutionen der pal äst nensischen Arbeiterschaft, die ihre verantwortungsreiche Aufgabe beim Aufbau des Landes Israel in einer Weise erfüllt, die in der ganzen Welt Bewunderun erregt. Der deutsche Käfig Stuhlverstopfte Zuckerkranke -s q nießen das aromatische dunkle Simmtrei Dai einzige Bro‘ In hygienischer Verpackung. Sehr bequem I Schnittenpäckdian in Stanlol. Ambrosiabrot, la Früchtenbrot, Aufbaunahrung. In den besseren Delikatessenhandlungen ■ und Bäckereien za hab n. * Slmombrotfübrlk, Wien, 21/, — Täglicher Versand, Erklärung der Labour Party London, 12. November. (2. T. A.) Im Zusammenhang mit den bevorstehenden Parlamentswahlen in England gab der Vorsitzende der Arbeiterfraktion im britischen Parlament, Major A t h 1 e e, im Namen der gesamten Labour Party die folgende Erklärung ab: Die British Labour Party denkt mit Stolz daran, daß sie Bich bereits in den dunkeln Tagen des Weltkrieges dem Ideal der Schaffung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk iq Palästina verpflichtet hat. Seither hat die Labour Party auf ihren Jahreskonferenzen wiederholt mit Enthusiasmus die Bereitschaft dargetan, die Anstrengungen zur Verwirklichung dieses Ideals zu unterstützen. Die Labour Party hat niemals ihre aktive freundschaftliche Mitarbeit an dem großen Werk politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbaus, welches in Palästina vor sich geht, unterbrochen und sie wird die Mitarbeit auch in Zukunft nie versagen. Die Arbeit an diesem Werke erwies sich als immer notwendiger und wurde zu einer kategorischen Pflicht in dem Augenblick, als die deutschen Juden unter einer schweren Last von Rechtlosig- In einem „Verfolgung ohne Nutzen“ überschriebenen Leitartikel richten die „Time s“ vom 8. d. eine ernste Warnung an das heutige Deutschland vor einer Fortsetzung der Judenverfolgumgspolitik, die doch niemandem in Deutschland Nutzen bringen kann, aber das Gewissen der Welt aufrührt. Im Ausland, schreiben „Times“, erwartete man nach Verkündung der Nürnberger Judengesetze das Ende eigenmächtiger Tyrannei gegenüber den jüdischen Bürgern. Man sagt sich, nach einer Zeit der Gesetzlosigkeit werde nun wieder ein Gesetz, wenn auch ein hartes und drückendes, herrschen; die Juden würden nun wieder einige Rechte haben, wenn auch nur Rechte von „Bürgern zweiter Klass e“. Die fortdauernde, ja, sich täglich steigernde tragische Lage der Juden zeigt, daß diese Annahme falsch war. Fanatisches Denunziationswesen, Unterdrückung und Verfolgung einer Gemeindet fie&er* smb ©öUenleiben ftetS nur flauer schaft, die eich nicht wehren kann, dauern an und scheinen von Kontrolle und Verantwortung entfernter zu sein denn je. Ein Volk wird in einem Käfig gehalten und gefoltert. Entkommen kann es nicht. Nachdem man den Juden die Bürgerrechte genoitfmen hat, wird ihnen nun auch das Recht zu leben aberkannt. Auf Geschlecht' und Alter wird "keine’ Rücksicht genommen. Selbst die Kinder entgehen. nicht-4e.r vielleicht.grausamsten aller Verfolgungen. Eine Gemeinschaft, di© so viel Böses zuläßt, wird schließlich das ernten, was sie gesät hat. Wenn jedem.gestattet ist, in das Privatleben des anderen einzugreifen, ja der Angeber sogar ermutigt wird, so darf man sich nicht wundern, wenn Deutschland im Auslande als ein ,,P a r a d i e s für Erpresser“ gilt. Wem nützt das alles? Der Deutsche selbst leidet unter den Folgen des Bankrotts und der erzwungenen Liquidation jüdischer Betriebe. Wohl profitieren einzelne, aber die Gesamtwirtschaft Deutsch lands sowie sein Handel und Kredit im Aus lande werden schwer belastet. Die Erei nisse, die das Gewissen der Welt so be unmhigt und so viel tiefe Entrüstung ge weckt haben, werden in England vielleicht noc-h mehr bedauert als anderswo. Sie sind ein dauerndes und nicht zu überwindendes Hindernis für eine bessere Verständigung zwischen dem englischen und dem deutschen Volke, die beide zur Evolution und Organi sation Europas doch so viel beitragen könn ten. Diese Ereignisse berühren zwar nicht die Korrektheit der gegenseitigen Beziehun gen und stören nicht den Abschluß beson derer Abkommen, aber formale Diplomatie ist ja kein Ersatz für den guten Willen der Völker. In der gleichen Nummer behandeln „Times“ ausführlich den „kalten Pogrom“ der jetzt gegen die Juden in Deutschland im Zuge ist. „Times“ in Deutschland beschlagnahmt Das Propagandaministerium hat die Be schlagnahme dieser Nummer der „Times“ verfügt. Beschwerden bei der polnischen Botschaft Eine Abordnung in München lebender polnischer Juden wurde vom p o 1 n i sehen Botschafter in Berlin empfangen und ersuchte um Schutz vor Ver ..folgungen, denen die "Juden polnischer ' Staatsangehörigkeit in München ausgesetzt sind. Es verlautet, daß der polnische Botschaf ter eine Untersuchung über die Schäden, die polnisch-jüdische Haus- und Geschäftsbesitzer in Deutschland im Zuge der Ausschaltung der Juden aus Handel und Grundbesitz erlitten haben, durchführt. BRUCHLEIDEND ~ Garantiert hilft mein federloses Bruchband mit elast. Palette. IIIu*fr. belehr. Gratisbrosohüren mit Maß tabelle. ST. POTOKY, Wlen,VI.,8tlBgeng. 10, seit 30 Jahren Auch Rumänien Bukarest, 11. November. (2. T. A.) Die Bukarester jüdische Firma „S o c e c“ hat auf Geheiß des Arbeiteministeriums 150 jüdische Angestellte entlassen. Die Forderung des Ministeriums soll auf dem Gesetz ,,zum Schutze der nationalen Arbeit“ basieren. Nach diesem Gesetze müssen die Angestellten jedes Unternehmens, auch privater Betriebe, zu 80 Prozent rumänische Staatsbürger sein, Ausländer dürfen nur 20 Prozent sein. Nach der Verfassung wird ein Unterschied zwischen den Rumänen von Geburt und Rumänen anderer Volkszugehörigkeit nicht gemacht. Die entlassenen Angestellten der Firma „Soeec“ sind durchwegs rumänische Staatsbürger. Dennoch wurden sie, weil eie Juden sind, entlassen. Als das Gesetz „zum Schutze der nationalen Arbeit“ publiziert wurde, ist seitens der rumänischen Gesandtschaft in London auf eine Anfrage von englisch-jüdischer Seite ausdrücklich erklärt worden, das Gesetz wolle die rumänischen Staatsbürger vor der ausländischen Konkurrenz schützen, die von den Firmen angeforderten Listen, in denen auch die ethnische Abstammung und Religionszugehörigkeit der Angehörigen angegeben werden sollte, hätten lediglich statistische Zwecke. In <ler „Ostjüdischen Zeitung“ nimmt einer der Führer der jüdischen Reichspartei Rumäniens, der frühere Deputierte im Senat, Dr. Mayer-Ebner, unter der Überschrift „Auf den Wegen Hitlers“ zu der von der Regierung erzwungenen Entlassung von 150 jüdischen Angestellten der jüdischen Firma „Socec“ Stellung und führt aus, die Firma hätte sich gegen dieses ungesetzliche Verlangen mit gesetzlichen Mit teln wehren können. Sie hat es nicht getan: weil sie Behörden fürchten muß, die immer gesetzliche Möglichkeiten haben, etwas zu erzwingen. Im Kampfe mit der Macht ist der einzelne Bürger immer der schwächere, schon gar das jüdische Unternehmen, welches für seine jüdischen Ange stellten streitet. Mehrjährige Kerkerstrafen für zwei Juden in Crodno Warschau, 11. November. (2. T. A.) Das Kreisgericht in Grodno verurteilte den Juden Reuben Jaczunski zü 10 Jahren, zwei andere Juden. Mosche Sosnowicz und AUCH IM WIENER RATHAUSKELLER STUBERLPREISE OK Alt-Wien im Grinzinger Keller. Täglich Musik der Kapelle Auerbach. Konzert, Jazz, Stimmung. Mitwirkend: Stimmungssanger Hans Blaschck und Violinvirtuose R. Ohlenschläger niiiiiiiiiiliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiKimimiinmiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiliNiiiNiiii’M 1 NEUERÖFFNUNfc I ] H. Morlti WEISZ aus I am I. November in Wien, II., Sauerbrunn hat § Kl. Sperlgasse t i |"km RESTAURANT berühmt gute Küche, eröffnet. Zeitgemäße Preise bei bester Bedienung. Leib Kobrowsky, zu je drei Jahren schweren Kerkers wegen schwerer Mißhandlung de« sie angreifenden Antisemiten Witold Markiewicz, der an den Folgen dieser Mißhandlung starb. Die Verurteilten erklärten, in schwerer Notwehr gehandelt zu haben. Hausverwaltungen und ausverkäufe kulantest durch Realbüro KOFHANS, Wien, IX., Berggasse 14 Kostenlose fachmännische Beratung — Telephon A 14-4-36 Wirkungen der Arierpraxis Im Budgetausschuß des österreichischen Bundestages hat am 12. d. Professor Doktor Arzt die Verhältnisse an den Hochschulen und an den medizinischen Fakultäten besprochen und u. a. gesagt: Die Zahl der fremden Studierenden sei ständig zurückgegangen, der einst blühende internationale ärztliche Unterricht sei wesentlich restringiert worden. Daraus seien in der Auswirkung Schäden entstanden, die die Ziffern des Ersparungsprogramms weit übertreffen. Es gebe keinen besseren Propagandisten für Österreich als den Studenten, der hier wissenschaftlich ausgebildet wurde, und keinen besseren Apostel als d e n g e h e i 1ten Kranken, der in seiner Heimat als lebendes Beispiel für Österreich werbe. Österreich habe sicherlich die besten Ärzte der Weit, und daraus erwachse uns die verantwortungsvolle Aufgabe, auf der Höhe dieser wissenschaftlichen Entwicklung zu bleiben. So klein und bedeutungslos Österreich im großen Rate der Völker sei, so reich sei es an internationalen wissenschaftlichen Beziehungen. Auf dem Internationalen Neurologenkongreß in London habe Österreich heuer glänzend abgeschnitten, sogar in Moskau herrschte Begeisterung für Österreichs Wissenschaft und Forschung. Keiner der Besucher des Internationalen Dermatologenkongresses aus Ubersee versäumte es, vor oder nach seinem Aufenthalt in Budapest nach Wien zu kommen und hier Fragen zu erörtern und zu studieren. Eine bessere Anerkennung gebe es wohl nicht. Wolle man die österreichische Wissenschaft erhalten, dann müsse man auch für entsprechenden Nachwuchs sorgen, weil die Wissenschaft sonst verdorre. Professor Arzt hat hier ein Krankheitsbild gezeichnet, aber nicht die Krankheit genannt. Die Studenten aus dem Ausland, die nicht mehr kommen, sind Juden. Die Verhältnisse an den Hochschulen haben sich gegen früher insoferne gebessert, als die lärmenden Exzesse der Hakenkreuzler eingestellt worden sind. Daneben geht aber der Entjudungsprozeß sowohl gegen jüdische Hörer wie gegen Lehrer weiter. Ganze Kliniken sind bereits judenrein und für die nähere Zukunft ist auf die Beschäftigung jüdischer Ärzte im wissenschaftlichen und klinischen Betrieb nicht zu rechnen. Solche Tendenzen wirken selbstverständlich über die Grenzen hinaus. Auf der anderen Seite sind es jüdische Gelehrte, die auf ausländischen Kongressen den hohen Ruf der Wiener Schule beweisen. In einigen Jahren wird auch dies nicht mehr sein und die heute schon vorhandene Unlust der jüdischen Studierenden aus dem Osten, vom Balkan und in den Vereinigten Staaten, zur weiteren Ausbildung nach Wien zu gehen, wird durch diesen schleichenden Ausschaltungsprozeß nur verschärft. Beklagt man die Verdorrung der Wissenschaft, so muß man auch diese Erscheinungen bedenken und ihre Wirkung erkennen. Es ist nur in geringem Grad ein© Geldfrage, in der Hauptsache ist es die Politisierung der Wissenschaft, die zu solchen Notrufen Anlaß gibt und tatsächlich die Forschung und den Lehrbetrieb in Gefahr bringt. An dem Antisemitismus und der Rassentollwut gehen die Hochschulen des Dritten Reiches zugrunde. Wir wollen hoffen, daß dies in Österreich erkannt wird.