Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 498 (12.11.1935)
- Date
- 1935-11-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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S«lt# 4 Dil tTIMMI Nr. 498 — 12. November 1935 Die Olympiade Montreal, 7. November. Da« Kanadische Olympische Komitee beschloß einstimmig, zu der Einladung der deutschen Regierung, an der Olympiade Berlin 1936 teilzun^lmien, erst dann Stellung zu nehmen, wenn der Beschluß des British Olympic Committee betreffend Teilnahme an der Berliner Olympiade vorliegt. Stellungnahme Morgenthaus Henry M o r g e n t h a u, der frühere amerikanische Botschafter in der Türkei und Vater des jetzigen amerikanischen Finanzminister?, erklärte Pressevertretern, Amerika müsse sich mit allen Kräften dafür ein setzen, daß die Olympiade 1936 aus Deutschland in ein anderes Land verlegt werde. Morgenthau hätte über diesen Gegenstand mit dem amerikanischen Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees General Sherrill, eine Konferenz abhalten sollen; als aber Sherrill seine bekannte Erklärung, die mit einer antisemiti sehen Drohung an die amerikanischen Juden verbunden war, veröffentlicht hatte, sagte Morgenthau die Konferenz mit Sher- Till ab. Einen überaus scharfen Standpunkt gegen Sherrill nimmt das führende katholische Blatt „Commonweal“ ein, welches Sherrills antisemitische Drohung mit Indignation verurteilt und erklärt, Sherrill habe die Juden der Vereinigten Staaten in einer unerhörten Weise verhöhnt, indem er ihnen zumutet, vor dem Schatten eines ihnen angedrohten Pogroms zu erschrecken und einen Standpunkt der Ehre und der Würde aufzugeben. christliche Menge provozierten. Dem jüdischen Advokaten Fürstenberg gelang es, diese Aussagen als grundlos hinzustellen, die Polibeibeamten mußten schließlich zugeben, daß von einem provokatorischen Vorgehen jüdischer Jugend nicht die Rede war, sondern daß lediglich in einer kleinen Synagoge einige jüdische junge Leute verhaftet wurden, als sie sich über die Notwendigkeit der 0 r g a n i s i erung eines Selbstschutzes unterhielten. Die Beamten gaben zu. daß die Panikstimmung unter der jüdischen Bevölkerung so groß war, daß lange nach dem 7. Juni kein Jude wagte, sich auf der Gasse zu zeigen. Der I3jährige Becher gab eine erschütternde Darstellung der Ermordung seines Vaters Gedaljah Becher Der Vorsitzende des kaufmännischen Vereins, Rubinczuk, sagte aus, die Vorgänge am 7. Juni erinnerten ihn an die Pogrome in Rußland, deren Zeuge er gewesen war. Der Vorsitzende läßt eine Vorhand lungspause bis 12. November eintreten. Die Forderungen der Juden in Polen Warschau, 7. November (Z. T. A.). Der polnische Senat hat nach einer eingehenden Debatte das Gesetz über die Erteilung von Vollmachten an die Regierung angenommen, womit die außerordentliche Session von Sejm und Senat beendet wurde. Im Laufe der Debatte hielt der Warschauer Rabbiner Senator Prof. Dr. Mosche Schorr erklärte, die Erteilung Regierung sei anan moAg&H — ßenätan sc&üfyt vjok l bt) Btnifiunfählqktlf IHVAUDITSTJ.RENTEN *• KJr ein sorstoMt Ak«r ALTERS. BCNTfM S. Im Abl«b«nsfal1* HIMTER31IEBENIH.RENTEN %;; ALLGEMEINE VERSICHERUNGSÄ.-G. < PENSIONS-VEREIN -y-Vf i v Der Prozeß der Orodnoer Pogromtsten Warschau, 7. November. (2. T. A.) Am zweiten Tag des Prozesses gegen die Urheber der pogromartigen antisemitischen Ausschreitungen in G r o d n o am 7. Juni d. J. wurde das Verhör mit den Angeklagten beendigt, 40 Zeugen wurden einvemommen. Die Angeklagten begrüßen einander beim Betreten des G e r i c h t s s a a 1 e s mit dem H i 11 e r - G r u ß. Als der Staatsanwalt den Hauptangeklagten Alfons Panaeiuk fragt, ob er die Exzesse, die zwei jüdische Todesopfer und mehrere jüdische Schwerverletzte zur Folge hatten, bedauere, erklärte dieser: Nein, ich bedauere nicht, ich hasse die Juden! Sämtliche verhörten 40 Zeugen bestätigten die Schuld der Angeklagten. Als der Zeuge Stadtrat J e z i e r s k i von den Angeklagten als von ,,H u 1 i g a n «“ spricht, protestiert Panasiuk und der Vorsitzende weist den Ausdruck zurück. Die Verteidiger der Angeklagten bemühen sich nachzuweisen, daß die Juden einen Selbstschutz gebildet hatten. eine große Rede. Er der Vollmachten an die gesicht« der bedrohten wirtschaftlichen Lage eine staatliche Notwendigkeit. Der Redner ging dann zur Schilderung der Situation der drei Millionen Juden Polens und zur Formulierung ihrer Forderungen nach voller bürgerlicher Gleichberechtigung und nach Recht auf Arbeit über. Wir Juden, sagte Prof. Schorr, sind gleich allen anderen Bürgern stets bereit, jedes Opfer für den Staat zu bringen, wir fordern aber, in unseren bürgerlichen und persönlichen Rechten den anderen Bürgern gleichgestellt zu werden. Niemand wird die unumstößliche Wahrheit in Zweifel ziehen, daß wir in der Erfüllung der Pflichten gegenüber dem Staate niemals und auch nicht um einen Schritt hinter den anderen Bevölkerungsteiien zurückgetreten sind, niemand wird aber auch die nicht weniger unumstößliche Wahrheit leugnen wollen, daß d i e jüdische Gleichberechtigung, wenn sie auch auf dem Papier besteht, in Wirklichkeit — vorsichtig ausgedriiekt — weit davon entfernt ist, verwirklicht zu sein. Ich kann nicht umhin, die Regierung auf diesen Umstand aufmerksam zu machen in einem Augenblick, wo man an unsere Pflichten appelliert, an schwer zu erfüllende Pflichten. Es handelt ich um unser Recht auf Existenz. Betrachtet man heute die wirtschaftliche Lage der drei Millionen Juden in Polen, so erhält man ein Bild von Niedergang und Ruin. Diese Situation ist die logische Folge der Wirtschaftspolitik der letzten Jahre, die oft direkt gegen die wirtschaftlichen Interessen der jüdischen Bevölkerung gewendet war, indem man den Kreis der freien wirtschaftlichen Betätigung der Juden immer enger zog. Dazu kommt, daß die öffentlichen Posten beim Staat und bei den St a d t v e r w a 11. u n g e n f ii r uns verschlossen sind. Unsere erste Forderung ist die nach Anerkennung unseres Rechtes auf Arboit. Die Regierung hat Maßnahmen zur Schaffung von Arbeit für die Jugend angvküncligt, wir fordern, daß dabei die jüdische Jugend entsprechend berücksichtigt wird. Ganze Scharen jüdischer junger Leute stehen bereit, in die Arbeitsfront einzutreten. Anknüpfend an die Worte des Ministerpräsidenten im Sojm, daß die Administration alle Bürger gleich Wohlwollen d behandeln müsse, erklärte Professor Schorr: Mit Schmerz stelle ich fest:, daß sich in den letzten Wochen, hauptsächlich in der Provinz. Vorkommnisse häufen, die die Sicherheit des Lebens der Juden b e d rohe n, wobei Organe der Administration nicht den erforderlichen Eifer zur Bekämpfung dieser Vorfälle entwickeln. Wir erwarten, daß die Regierung energisch und entschlossen eingreifen wird. Die R eg i e r u n g m u ß auch wisse n, d a ß das Spiel, das jetzt auf de m Rücken der Juden gespielt wir d, eigentlich gegen den Staat gespielt wir d. Prof. Schorr stellte für die Regierung folgende drei Prinzipien bei Ausnutzung der ihr von Sejm und Senat erteilten Vollmachten auf: 1. Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz: 2. Gleichmäßige Verteilung der Lasten auf alle Schichten entsprechend ihrer wirtschaftlichen Lage und ihrer wirtschaftlichen Kraft; 3. Respektierung der erworbenen Rechte. Den Ausführungen von Prof. Schorr trat das Mitglied des Regierungslagers Senator P'ritraszycki entgegen, der erklärte, die Juden seien durchaus glcichbereohtig't, die beweise die große Zahl der Juden an den Universitäten. Ja, die Juden haben auch Privilegien, sie haben nämlich ihre Kassen für zinslose Darlehen, die nur Juden offens leben. (Dio Gemiloth-Gluissadim-Kassen für zinslose Darlehen an unbemittelte Juden werden in keiner Weise vom Staate gefördert, sie sind eine Selbsthilfe-Einrichtung der Juden und werden von der Joint-Ica- Foundation finanziert.) geführt, daß der Führer der Extremisten aus der Partei ausge« schlossen worden ist. Kommunistische Hetze in Palästina Jerusalem, 10. November. (Palcor.) Die kommunistische Partei Palästinas, die in den letzten Jahren das Schwergewicht ihrer Arbeit auf die arabischen Massen verlegt hat, entwickelt, in den letzten Tagen eine besonders starke Agitation im Gefolge der Aufdeckung des W a f f e n s c h m u gg e 1 s. Am Abend vor dem arabischen Streik erließen die Kommunisten einen Aufruf, der sich durch seinen a n t i jüdischen Hetzcharakter besonders auszeichnet. In diesem Aufruf an da« ,.u nt e r d r ü e k te a r a b i s c h e V o 1 k“ wird behauptet, d a ß s i e h die Juden st ä nd i g h o w a f f n e n, und daß der Zweck dieser Bewaffnung sei, das arabische Volk zu vernichten. Die Regierung — so heißt es in dem Aufruf weiter — die die Juden bewaffnet, entzieht gleichzeitig den Arabern das letzte Gewehr, das man bei ihnen findet. Der Aufruf fordert die arabischen Massen auf, ihr Blut für das Vaterland zu vergießen, den Streik in eine revolutionäre Demonstration zu verwandeln und ihn nicht zu beendigen, bevor die Regierung den arabischen Forderungen über die Durchführung einer Untersuchung in Fel-Aviv und in den jüdischen Kolonien zugestimmt habe, deren Aufgabe es sei, den Juden die Waffen abzunehmen, und bevor nicht die arabischen Massen die Erlaubnis erhalten, sich zu bewaffnen. England und Aegypten National demokratische Vor• stoße Der dritte Tag des Prozesses war reich an aufregenden Momenten. Die Nationaldoniokratie versuchte durch die Verteidiger im Gericihtssaal, einen Voretoß gegen die Juden zu inszenieren; die Juden sollten als die Urheber der Geschehnisse „entlarvt“ werden. Es fanden sich auch zwei Polizeikommissare, Najman und Bronowski, die, allerdings verklausuliert. ai’ v;i v"n. daß Gruppen mit Gummi knüttein und Messern bewaffneter jüdischer i junger Leute zu 100 und 150 Mann diel Ein Spezialkorrespondent der „Palcor“ in Ägypten berichtet: Die internationale Spannung im Gefolge des italienisch-abessinischen Krieges hat zu einem ernsten Wandel in der Stimmung der führenden ägyptischen Parteikreise geführt. Die ägyptischen Nationalisten, die früher die schärfsten Gegner Englands waren, schauen heute auf Großbritannien wie auf den engsten Freund und Beschützer der ägyptischen Unabhängigkeit. Diese Wandlung ist die Folge der Furcht, die in Ägypten durch die imperialistische Politik Italiens, insbesondere durch eine Rede Mussolinis über die Wiederherstellung des römischen Kaiserreiches hervorgerufen wurde. In diesen ägyptischen Kreisen spricht man offen darüber, daß, wenn Italien in Ägypten herrschte, es sich nicht, wie England, damit begnügen würde, dort nur militärische Formationen zu unterhalten, um die Verbindungsstraßen des britischen Imperiums zu schützen, sondern sofort hunderttau8ende italienische Bauern aus den ärmsten süditelicr’schen Provirre'i ins Land gebracht hätte. j Sehr gering ist heute die Zahl derjenigen Ägypter, die an die Möglichkeit einer vollständigen Unabhängigkeit Ägyptens glauben. Erst heute beginnt man in Ägypten die große Bedeutung der besonderen geographischen Lage dieses Landes zu verstehen. Es wird berichtet, daß sogar Nahas Pascha, der Führer der großen nationalistischen „W a f d“ - Partei, sich kürzlich iin engen Kreise seiner Parteigenossen dahin ausgesprochen habe, daß die letzten Ereignisse zu beweisen beginnen, daß diejenigen Ägypter nicht völlig Unrecht haben, die der Meinung sind, daß der Eintritt Ägyptens als Dominion in das britische Imperium die einzige Lösung des ägyptischen Problems ist. Die „Wafd“-Partei, die die absolute Mehrheit des ägyptischen Volkes hinter sich hat, unterstützt daher die Politik des heutigen Premierministers N i s s i in Pascha, der völlig unter dem Einfluß Englands steht. In den extremen Kreisen der „Wafd“-Partei hat die ausgesprochen probritische Haltung des „Wafd“ stark Unzufriedenheit hervnrgerufen, und man beginnt in diesen Kreisen die neue politische Haltung der Partei zu bekämpfen. Dies hat dazu j eingeworfen. Die WIXO und der Keren Hajessod Aus London wird uns berichtet: Das Londoner Hauptbüro der WIZO hat an alle ihre Föderationen lind Gruppen einen Appell gerichtet, in welchem auf die Beschlüsse de« Luzerner Zionistenkongresses in bezug auf den Keren II aj e s s o d hingewiesen wird. Die W I Z 0- F rauen werden in diesem Appell aufgefordert, sich „in die vordersten Reihen des friedlichen Arbeitsheeres zu stellen, das die zionistische Bewegung in den Mitarbeitern des Keren Hajessod geschaffen hat! Eure Intuition möge den Keren Hajessod-Delegierten und -Mitarbeitern den V\eg zu den Herzen und Hirnen jüdischer Menschen bahnen! Es ist Pionierdienst, den Ihr leistet, wenn Ihr so den Weg bereifen helft, der zur Stärkung unseres Kolonisationsfonds, des Keren II aj e s s o d, führt! Bedenket, welch’ gewaltige Arbeit der Keren Hajessod noch leisten muß, um die Tausende, die ins Land strömen, anzusiedeln und den Hunderttausendeil die noch folgen sollen und folgon müsse n, Platz zu schaffen!“ Dio Leitung de$ Föderationen und Gruppen werden dringend aufgefordert, s p ezielle Komitees zu bilden, die die Avant-Garde der Keren Hajessod-Arbeit sein sollen. Studentenexzesse in Warschau Warschau, 10. November. Gestern und heute kam es an der Universität und Technischen Hochschule zu Studenten unruhen, die gleichzeitig antisemitischen und regierungsfeindlichen Charakter hatten. Die nationalistisch gesinnten Studenten wollten die jüdischen Studenten zwingen, in den Hörsälen besondere Plätze auf den „Ghettobänken“ einzunehmen. Dabei kam es zu tätlichen Auseinandersetzungen, bei denen einige jüdische Studenten mißhandelt wurden. Dio nationalistischen Hörer wollten dann antisemitische Kundgebungen abhalten. Da sich clor Rektor weigerte, ihnen zu diesem Zwecke die Räume der Universität, zur Verfügung zu stellen, wurden sämtliche Fenster im Rektoratshause eingeworfen. Dabei wurden Rufe gegen die Juden und die Regierung laut, die zu viol Juden an die Universität zulasse. Dann bildeten die nationalistischen Studenten Gruppen, die in das Zentrum der Stadt marschierten. Fünf Personen mit, jüdischem Aussehen wurden von den Studenten überfallen und zahlreiche Auslagenfenster von jüdischen Geschäften ^999999999