Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 498 (12.11.1935)
- Date
- 1935-11-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. '498 — 12. November 1935 Dl« «TIMM« 6eftö 3 Die Hakoah-Schutzhiitte am Semmering eröffnet ' Die Dunstschleier des Semmeringer Nebels waren längst einer strahlenden Horbstsonne gewichen, als die feierliche Eröffnung der neuen Hakoah-Schutzhütte auf dem Semmering ihren Anfang nahm. Zunächst begrüßte der geschäftsfiihrende .Vizepräsident der Hakoah, Robert Glücksmann, die Festgäste. Dann hielt Oberrabbiner Dr. David Feuchtwang eine Ansprache, in der er unter anderem ausführte: Unserer aufrichtigen Freude und Genugtuung wollen wir zu allererst dankbaren Herzens darüber Ausdruck verleihen, daß dieses schöne Schutzhaus der Hakoah auf dieser entzückenden Bergeshöhe nun vollendet dasteht. Durch Anbringung der Pfostenrolle an der Eingangstilr haben wir nach jüdischer Vorschrift und Art dem Hause die Weibe verliehen; denn in dieser Kapsel steht das Bekenntnis zum Einzigen Gott, von dem wir sagen, daß er es ist, der Kraft „Koach“ verleiht, von welchem hebräischen Worte der Verein, dem dieses Scbutzhans gehört, seinen Namen hat. Wir wollen aber auch der jüdischen Sitte gemäß den Segensspruch sprechen und sagen: „Gepriesen sei die Vorsehung, die uns diese Stunde erleben ließ.“ Die Zermtirbung und Schwächung der jüdischen Körperkräfte ist unnatürlich gewesen und nur eine Folge der furchtbaren Schicksale des jüdischen Volkes. So wie im Ursprung helle Freude an der Natur und Verbundenheit mit der Erde zum Wesen des jüdischen Volkes gehörte, so auch Pflege der physischen Kraft. Deshalb preist der Prophet den Gott, „der dem Müden Kraft (Koach) verleiht; und verkündet den Mutlosen und Kleinmütigen: „Die auf Gott vertrauen, erneuern und verjüngen ihre Kräfte, sie steigen empor wie mit Adlersflügeln, sie laufen und ermüden nicht, sie gehen und werden nicht matt.“ Das tut auch ihr, meine jungen und älteren Freunde von der Hakoah, die ihr dem jüdischen Namen und Volke Respekt und Ehre verschaffet überall, wo ihr eure wackeren Kräfte entfaltet und eure Männer und Mannscliaft stellet im ehrlichen Wettkampf, mit ehrlichen, starken Kämpfern. Bruder und Schwester ist in diesem Hause nicht nur der Jude, sondern jeder, der ehrlich und friedlich an die Pforte pocht und mit Recht Einlaß begehrt. Hier gilt das Psalmenwort: „Wenn der Herr das Haus nicht baut, haben die Bauleute sich umsonst gemüht.“ Auch dieses Haus ist mit Gott gebaut; es sei seiner Bestimmung feierlich übergeben zum Stolze der Hakoah, zur Freude aller Mitglieder und Förderer und nicht zuletzt zur Ehre der Judenschaft. Gott beschütze dieses Haus auf dfer Waldeshöhe und lasse es unberührt von feindlichen Elementen auf seinem festen Grunde stehen. Hierauf sprach Jakob Feldhammer in meisterhaftem Vortrag den von Alfred Winzer verfaßten Prolog, der auf alle Anwesenden tiefsten Eindruck machte, in die Schlußworte des Prologs mischen sich die Klänge der Bundeshymne, die nun intoniert wurde. Staatsrat Dr. Desider Friedmann, der es sich trotz gesundheitlicher Indisposition nicht nehmen ließ, an der Feier persönlich teilzunehmen, beglückwünschte die Hakoah zu ihrer Schöpfung im Namen der Kultusgeineindo und gab seiner Genugtuung darüber Ausdruck, daß hier die erste alpine jüdische S c h u t z h ü 11 o eröffnet wurde. Wir alle — sagte Staatsrat Dr. Friedmann, sind Zeugen eines denkwürdigen Augenblicks. Die Eröffnung der Hakoah-Sehutzhütte ist nicht allein für den jüdischen Sport, für die jüdische Touristik Österreichs, sondern für die jüdische Allgemeinheit von großer Bedeutung. Die Tausende Menschen, die zu diesem Fest gekommen sind, haben damit nicht nur ihre Anhänglichkeit an die Hakoah zum Ausdruck, sondern auch ein Bekenntnis zur jüdischen Tatkraft und jüdischer Selbstarbeit gebracht. Redner woist auf die Anfänge der Entwicklung der Hakoah hin, die in einp Zeit falle, da auch seine Generation den Weg zum Judentum zurüokgefundon halt:. i Die Entstehung der Hakoah ist nicht auf die Zurückweisung durch die anderen zurückzuführen. Ihre Gründung basierte auf der Überzeugung und auf dem Grundgedanken der Selbsthilfe und darauf, aus eigener Kraft Leistungen hervorzubringen. Wir wußten, daß die Betätigung im Zeichen der jüdischen Renaissance nicht nur Großes für uns, sondern auch für die Menschheit zu leisten imstande ist. Der Weg, den die Hakoah bisher ging, hat dies bestätigt und ihr Erfolg spricht für sie. Die jüdische Öffentlichkeit wünscht der Hakoah, daß auch weiterhin ihr Weg nach aufwärts führe, zum Segen des österreichischen Vaterlandes, zur Ehre des jüdischen Volkes. Der nächste Redner, Hugo Kohn, der Präsident der Ski- und Touristensektion der Hakoah, des eigentlichen Initiators und unverdrossenen, aufopferungsvollen Kämpfers für die Errichtung der Schutzhütte, wies in einer längeren Ansprache auf die schwierigen Verhältnisse der österreichischen Bergsportwelt hin, unter denen die jüdische Sportbewegung zu leiden hatte. In keiner Sportdisziplin vielleicht sei den jüdischen Sportlern so hart zugesetzt worden, wie den Juden in der Touristik. Denn kann es für einen Sportler etwas Schmerzlicheres bedeuten, wenn man ihm bei Frost und Kälte, bei Nacht und Nebel die Türen zu den Schutzhütten versperrt? Redner schilderte die zehnjährige Entwicklung, die zur Errichtung des Werkes vor sich gegangen ist, und dankte mit herzlichen Worten den Mitarbeitern, insbesondere dem Architekten Philipp D i a m a n d s t e i n, der in selbstloser Weise den Bau durchgeführt hat. Nicht zuletzt galt sein Dank der Kultusgomeinde Wien für ihre Unterstützung. Kaum hatte Obmann Koihn seine Ansprache beendet, stimmte die Semmeringer Kapelle die „T i k w a h“ an. Während der Klänge der jüdischen Hymne wird die blau-weiße Fahne aufgezogen und im herbstlichen Sonnenglanz flatterte die zionistische Flagge vom First der Hakoah-Schutzhütte. Nachdem der Bürgermeister von Semmering, Musger, Chefarzt Dr. Hecht für die Semmeringer, der Vertreter des österreichischen Wintersportklubs, der Vizepräsident des Allgemeinen österreichischen Skiverbandes und des Alpenvereines „Donauland“ die Hakoah zu ihrem Werke begrüßt hatten, ergriff Dr. Jakob Ehrlich, Rat der Stadt Wien, das Wort. Er sagte: Schön ist diese Hütte, schön ist diese Umgebung und schön ist der Gedanke, der diese Schöpfung erstehen ließ. Redner erinnert an das Gleichnis aus der Bibel, in der es heißt, daß der Mensch erst am fünften Tage der Schöpfung erschaffen wurde, nachdem bereits alle anderen Lebewesen erschaffen waren. Dies solle den Menschen zu Bewußt- Wer erhält die nächste Million? Vor kurzem berichteten die Tagesblätter, über die Schlußziehung der Somtner-Klassenlotteric 1935, bei welcher, ebenso wie in der Sommerlotterie 1934, der große Millionenhaupttreffer von Kunden der „Glückstelle Stein“ an der „Hohen Brücke“ go-. wonnen wurde. Ferner wurden dort gewonnen: der zweitgrößte Haupttreffer S 200.000, sowie Treffer zu S 50.000, zwei zu 30.000, 20.000 usw. Mit Recht fragt nun jeder, wer wohl den Millionenhaupttreffer der nächsten Klassenlotterie gewinnen wird. Warum sollen Sie nächstens nicht die Million, oder einen der anderen großen Haupttreffer der Klassenlottorie gewinnen? Beachten Sie die in unserem heutigen Blatte enthaltene Beilage der '„Glückstelle Stein“ an der „Hohen Brücke“ und bestellen Sie noch heute dort per Postkarte Ihre Glückslose. Es kostet 1Ib Los S 6, Y\ S 12, H S 24, 1h S 48. Klassenlosbestellungen aus den Bundesländern sind direkt zu richten an die „Glückstelle Stein“, Wien, I., Wipplingerstraße 21, an der „Hohen Brücke“ (da in den Bundesländern keine Filialen). Wiener Filialen: II., Taborstraße 2, VI., Mariahilferstraße 105, X., Favoritenstraße 101. „Glückßtelle Stein“ hat wieder über Nacht Tausenden in Österreich Glück gebracht! sein bringen, daß selbst das kleinste Lebewesen seine Bedeutung habe. Die Schneeflocke, die dem Skisportler auf Bergeshöhe ins Gesicht geweht wird, habe ebenfalls ihre Kraft und Bedeutung. Es sei daher eine schöne und große Tat, die die Hakoab mit der Errichtung dieser Schutzhütte für die jüdische Allgemeinheit vollbracht hat. Dr. Ehrlich richtete im folgenden einen Appell an die jüdischen Gruppen, sich in Einheit zusammenzuschließen. Nachdem noch Direktor Spie gier für den Makkabi-Weltverband und Makkabi- Kreis Österreich, und Karl Schwarz, Vizepräsident der Grazer Kultusgemeinde, Oberleutnant S t i a ß n y für den Bund jüdischer Frontsoldaten und Dr. Fischmann'- für die Jüdisoh-legitimistisoben Frontkämpfer ihre Glückwünsche überbracht hatten, hielt der Präsident des Zionistischen Landesverbandes, Dr. Oskar Grünbaum, eine Ansprache. Dr. Grünbaum überbrachte die Grüße des Landesverbandes und gab deiner Freude darüber Ausdruck, daß sich hier der zionistische Gedanke in einer besonders sohönen Art manifestiere. Nordau war es, der die Parole vom Muskeljudentum schon vor einigen Dezennien ausgegeben hat. Es sei heute angebracht, über die Motive etwas zu sagen, die zur Gründung dieser Hütte geführt haben. Es ist keine Schande, wenn das Motiv in der Zurücksetzung durch die anderen zu suchen ist. Denn die Zurücksetzung einer Minder-* heit durch die Majorität wird zur Schande der Majorität. Wir alle blicken mit Stolz auf die Hakoah. Wir Juden, die überall eine Minorität darstellen, verlan-: gen nichts anderes, als nach jenen Grundsätzen behandelt zu werden, die Bundes-* kanzler Dr. Schuschnigg „als Vorbildliehen Rechts- und Kultur-* schütz“ bezeichnet hat. Wir werden nie auf etwas verzichten, was uns gebührt. W i r werden uns nie zu einer Bür-* gerschaft zweiten Grades her-* abwürdigen lassen. Redner streift die innerjüdische Situation und fährt fort? Auch wir sind für eine gemeinsame jüdische Einheitsfront. Wir haben es jedoch nicht notwendig, immer wieder unser Bekenntnis zu Österreich, unseren Patriotismus, zu betonen, weil wir immer loyale Bürger waren und dem Staate geben was des Staates ist. Das Glanzvolle der heutigen Tat besteht darin, daß hier der zionistische Gedanke lebendigen Ausdruck gefunden hat. Im Zionismus und im mutigen Bekenntnis zum jüdischen Volk, in der. Pflege alles Jüdischen, liegt die beste Ge«, währ für eine bessere Zukunft. Nachdem noch der Vertreter der Haganali die Grüße der jüdischen Wehrsportvereinigung „Haganali“ überbracht hatte, fand dio eindrucksvolle Feier ihren Abschluß. An die offizielle Feier schloß sich unter Führung des Architekten Dia/niandstein ein Rundgang durch die sehr geschmackvoll eingerichtete Hütte, die etwa 80 Personen Raum bieten wird. * 1 P I I gf 0 0 m I | m I ( 0 gf $ I | s I I i I p i i p I % cUt Uük&aU-UiUU am SwMnxwMjsprach Jakob Feldhammer den folgenden Vcokfy von Alfred Winzer Wo steile Gipfel jäh zum Himmel ragen, Vom gottesnahen Firmament umspannt, Hort wird des Menschen Geist emporgetragen ln reiner Sphären freies Sonnenland. Hier schweigt der Streit, der in den Niederungen Des Menschenlebens und der Menschenseele schwelt. Hier wird der Mensch von Menschlichkeit bezwungen, Die mit dem Odem Gottes sich vermählt XJnd wenn des blinden Hasses Leid und Wehe Uns Juden schmäht mit Hohn und mit Tortur, Hier in beglückend freier Gottesnähe Gilt jeder Mensch als Gottes Kreatur — —- — * ln Heimatliebe und in Gottvertrauen, Dem Judentums und dem Vaterlande treu, Ließ die Hakoah diese Hütte bauen, Damit sie ihrer Treue Sinnbild sei. Hakoah, die in Ehren sich geschlagen, Wo in der Welt sich eine Walstatt bot, Die ruhmreich durch die ganze Welt getragen Blau-weiß und heimatliches Rot-weiß-rot — * Und wem in diesen sturmgepeitschten Tagen Die Welt versinkt in Menschenhaß und Streit, So soll der Sport Versöhnungsbrücken schlagen Von Mensch und Volk zur Edelmenschlichkeit. So möge dieses Haus die Werke mehren Der Nächstenliebe, unsrer Lehre treu: Es soll dem Wandrer Rast und Schutz gewähren, Wes Glaubens und wes Stammes er auch seil Und möge noch in fernen Zeiten künden Dem sportbeflissenen Kind und Kindeskind, Daß Menschen immer zueinander finden, Wenn edel sie und guten Willens sind. So laßt uns dieses Haus der Eintracht weihen! Söul wir doch alle Brüder, alle gleich! Gott möge dir, Hakoah, Glück verleihen! Gott segne uns, Gott segne Oster reich! P p (f I P I % p g| p p p Ü p 0 I 0 m m 0 ~ m I 0 0 0 l 0 I i