Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 497 (8.11.1935)
- Date
- 1935-11-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 497 — 8. November 1985 0» ITIMM1 S«Tte 5 Sind UebtaUcUt Uniecscltdflen tecUtstyiittiCf.? Unter clem Titel „II e b r ä i 6 c b — keine tote Sprache“ veröffentlicht der Vizepräsident, der Zag roher Kultusgemeinde, Rechtsanwalt Dr. Lavoslav 8 i k, in der Zagreber jüdischen Wochenschrift „Ziclov“ einen auch als Sonderdruck erschienenen sehr interessanten Artikel über die Rechtsgültigkoit einer Unterschrift in ■hebräischen Lettern. Der als jüdischer Historiker weit über die Landosgrenzon bekannte Autor bringt einon aus seiner Anwaltspraxis stammenden juristisch und jüdischkulturell höchst bemerkenswerten Fall zur Besprechung. In Zagreb verschied vor einiger Zeit der Präsident der kleinen orthodoxen Gemeinde, Arje Jehuda Ben Rohei Rothstein, der sein im Jahre 1022 verfaßtes Testament mit einer hebräischen Unterschrift versehen hatte. Das vom Autor als „sehr schönes, echt jüdisches Testament“ bezeichncte «Schriftstück wurde selbstverständlich von den Hinterbliebenen anerkannt. Das Zagreber Kroisgorioht erklärte aber unter Bezugnahme auf Dekrete aus deu Jahren 1814, 1842 und 184(5 das Testament für ungültig. Das dieser Entscheidung zugrunde Hegende „H o f k a n z 1 e y d e c r e t vom 22. Octobcr 1814“ lautete folgendermaßen: „So haben Sr. Majestät zu befohlen geruht, dass auch der Gebrauch der hebräischen und sogenannten jüdischen Sprache und Schrift in allen öffentlichen in- und außergerichtlichen Handlungen aufgehoben und statt derselben sich künftigder landesüblichen bedienet, auch jedes nach geschehner Kundmachung dieses höchsten Befehles in der hebräischen oder auch nur mit hebräischen Buchstaben geschriebene Instrument für n-ull und nichtig angesehen werden solle.“ Es ißt klar, daß Dr. Sik mit Rücksicht darauf, daß in Kroatien noch heute die alten Gesetze der Doppelmonarchie in Kraft, sind, einen sehr schweren Stand hatte. Daß es ihm aber dennoch geglückt ist, durch den Appellationsgorichtehof die A n e rkennung des Testaments bei den Behörden zu erwirken, ist fraglos von außergewöhnlicher Tragweite. RESTAURANT HOTEL STEFANIE (vorm. Opercr) li., Taboretraiie 12 Telephon H 40-6-67 Ausgiebige Rruten-MenüB S 1*00 „ Geflügel .. S a-ao 'w-? sowie 6 la Carte. Speisen am Rost Großer Saal mit Bühne für Veranstaltungen und Hochzeiten abzugeben. Im Zusammenhang mit diesem Fall hat er ein reiches Urkundenmaterial gesammelt, bei dem ihm der leider schon dabingeschiedene Bibliothekar der Wiener Kultusgemeinde, Dr. Bernhard W a c h e t e i n, sowie die beiden im jüdischen Recht besonders bewanderten Rechtsanwälte Dr. Samuel S. D e m a j o, Beograd, und Dr. Braoo P o 1 j o k a n aus Sarajewo tatkräftig an die Hand gegangen sind. Besonders interessant ist dabei die erstmalige Veröffentlichung und Reproduktion oiner lvetuboth der Tochter des jüdischen Konsuls in Split (Spalato) aus dem Jahre 1075, die künstlerisch sehr reich ausgestattet ist. Die Ketuboth werden vom Verfasser deswegen besonders eingehend behandelt, weil sie, obgleich rein hebräisch abgefaßt, in ihrer Rechtsgültigkeit gegenüber den Behörden niemals angezweifelt wurden. Dr. Sik konnto auch auf die in andern Teilen Jugoslawiens bestehenden Gesetzo verweisen, die, wie in Bosnien, die Recbtsgültigkeit der hebräischen Spracho ausdrücklich betonen, oder wie in Altserbien die Frage überhaupt nicht behandeln. Schließlich enthält das gesammelte Material eine ganze Reihe von Parallolentscheiclungen bezüglich anderer Sprachen der alten Monarchie, die auch keine Rechtskraft, besaßen und deren Gebrauch länget wieder eine Selbstverständlichkeit geworden ist, wie zum Beispiel da« Kroatische, da« heute wieder eine sehr lebendige und blühende Sprache darstellt. Das Appellationsgericht hat mit seiner Entscheidung die Rechtskraft der hebräischen Sprache in Kroatien wieder hergestellt und damit eine durchaus zeitgemäße Haltung bewiesen. Wenn heute in der gan-1 zen Welt etwa 1500 Zeitungen in hobrä-' isoher Sprache erscheinen, davon in Palästina 200, ßo hat Dr. 8ik damit allein schon nachgewiesen, daß dio Sprache der Bibel, die von der palästinensischen Jugend begeistert gesprochen wird, lebt, und wieder das werden wird, was sie einst, war: Die Sprache deß jüdischen Volkes. In Österreich wird aber meines Wissens die Rechtsgültigkeit des oben zitierten Ilofdekrets von den Gcriohten bejaht. Eine Aufhebung dieses Dekrets wäre am Platze. Ernst Winkler. Aber auch katholische Herrscher in Spanien bedienten sich gerne der diplomatischen Begabung der Juden. Der König von Kastilien, Alfonso VI. (1072 bis 1100), stellt«'1, die Juden Bürgern und Rittern gleich und verwendete sie trotz der Proteste des Papstes Gregor VII. ab Minister und uesandte. In den Kriegen, die zur Zurückeroberung Spaniens für das Christentum führten, kämpften Juden auf beiden Seiten mit. Der siegreiche Katholizismus hat, ihnen freilich Ubei gedankt, doch hat die katastrophale Wendung immerhin einige Jahrhunderte lang auf sich warten lassen. Auch in andoren Ländern hat der Sieg des Katholizismus nicht so unmittelbar wie bei den Westgoten die Lage der Juden verschlimmert Karl der Große, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, die Germanen, und zwar nicht bloß dio noch heidnischen, sondern auch die arianischen Christen, zum Katholizismus zu bekehren, stattete dio Juden mit besonderen Rechten aus, die ihnen Sicherheit des Lebens und Erwerbs, froie Roligionsübung und eigene Gerichts-« barkeifc gewährleistete. Auch sein Sohn Lud-i Es ist angosichts der heutigen Konstella-1 alle Ursache, den Siegder Araber bei Xeres f*e.r, Fromme begünstigte die Juden., tion der Weltpolitik nicht uninteressant, auf cle la Frontera (711) zu begrüßen. Unter. ^rst mit. ^em ^.cf karolingischen der Herrschaft des Islam genossen sie ge- M“h'i 8t‘5?»r Antisemitinmus, und Karl gen Zahlung einer müßigen Kopisteuer Re-belohnenden Bemamen „der Lin« ligionsfreiheit und eigene Gerichtsbarkeit.! “ “'t? f no JndenentOignung großen Es entstand der stolze Volkstvpus der SWs durch. Er ist era würdiger Schutzpatron _ . v 4 noc I lvirron Wmnhaci n«io nflL*niinr. i/in Kflrl Die neuo Winlorlotterio 1935/3(5 beginnt iichon am 19. November d. J. Bei der vergangenen Sommorlottoric waren es wieder eine Reihe von Haupttreffern, u. zw. rin Haupttreffer zu S 50.000, ein Haupttreffer zu iS 40.000, ein Haupttreffer zu S 30.000, und vlolo andere Gewinne zu S 20.000 abwärts, dio im Laufe dieser Lotterie mit Schel* hammer-Losen gewonnen wurden. LosbeRtellungcn aus Wien und den Bundesländern werden vom Bank- A Wechselhaus Schelhammer & Schattera Wien, I.« Itepansplad 11* Filiale: Wien« XIII.« Hadikgasse 60 a entgegengenommen und umgehend zur Erledigung gebracht. Lospreis für */8 S 6'—, '/* 8 14»—, */« 8 24»—, ‘/i S 48»—. clie geschichtliche Tatsache zu verweisen, daß Abessinien einmal im A u f t r a g e Roms militärische Sanktionen durchgeführt hat, und zwar gegen — Juden. Zu Beginn des sechsten nachchristlichen Jahrhunderts entstand im Jemen ein jüdisches Reich, da die Könige dieses Landes das Judentum annahmen. Obwohl sie;ilso mit den anderen Juden weder die Abstammung noch die geschichtliche Tradition verband, fühlten sie sich trotzdem mit ihnen so solidarisch, daß der letzte dieser Könige, Dliu- Nowas, dio Grausamkeiten der byzantinischen Kaiser gegen dio palästinensischen Juden an den griechischen Kaufleuten und christlichen Arabern des Jemens heimzahlen wollte. Zum Schutze der Bedrohten mobilisierte der römische Kaiser Justinian, der auch in seinem eigenen Reich viel Unheil über die Juden gebracht hat, seinen Bundesgenossen, den christlichen König von Abessinien, und dieser zerstörte durch einen Feldzug im Jabro 529 das Judeureich im Jemen. Es leben zwar auch heute noch Juden dort, aber nicht als Angehörige einer regierenden Klasse, sondern im Gegenteil in einer unwürdigen Pariasstellung. Zu viel wirkungsvolleren „Sanktionen“ gegon Byzanz hatten die Juden Neapels als Bundesgenossen des Ostgotenkönigs T h Code r i c h des Großen Gelegenheit,. von der sie heldenhaft Gebrauch machten. Es wird heute gleichfalls als paradox empfunden, daß der Germaneneinfall im antiken Rom und speziell die Ostgoten h er rschaft ftti die Juden in Italien eine b edeutende Besserung ihrer politischen Stellung und eine freundlichere Gestaltung ihres Schicksals, das sich seit dei Erhebung des Christentums zur Staatsreligion im Römerreich sehr böse gestaltet hatte, bedeutete. Auch mit den Westgoten in Spanien kamen die Juden sehr gut aus, solange diese germanischen Eroberer der iberischen Halbinsel sich zum Arianismus bekannten, das heißt zu jener unter den Germanen ursprünglich am weitesten verbreiteten Form des Christentums, dio Christus nicht als gott. g l o i c h, sondern nur als gott ähnlich nach dem Vorbild der alttestamentarischen Propheten gelten ließ und mit jüdisch-religiösen Auffassungen viele Berührungspunkte hatte. Erst als die Westgoten zum Katholizismus übertraten (589), verschlechterte sich ihr Verhältnis zu den Juden. Diese wurden schon damals mehrmals vor die Wahl gestellt, aus Spanien auszuwandern oder katholisch zu werden. Als sie sich gegen diesen Druck zur Wehr setzten, wurden sie aus den wichtigsten Erwerbsquellen vordrängt, ihrer Kinder beraubt und unter tyrannische Aufsicht gestellt. Dr. Josef Bloch führto auf diese Zeit dio Entstehung des „Kol nidre“ zurück, in der Annahme, daß sich die Zivangsgetauften dieser Formel bedionten, um trotz ihrem Taufgelöbnis mit ruhigem Gewissen dem Glauben ihrer Väter innerlich troubleiben zu können. Jedenfalls hatten die spanischen Juden sephardischen Juden, die es zu hohem materiellen Wohlstand, blühendem Geistesleben und geachteten sozialen Stellungen brachten. Chasdaj ibn Schaprut machte am Hofe Abdurrahmanns III. (912 bis 961) des Dritten Reiches, das bekanntlich Karl dem Großen nur Verachtung zollt... Sei rf)eumati[rf)en Befdjmerbeit aller ülrt Ijübcjt jid) TogaLTablettett gattj fyerbor* diplomatische Karriere und hatte gelcgcnt-' ragen!) bcmäljrt. 3al)Imd)£ 3>anff(fp:et&ett übet: ’ Togal bei bereiteten Seiben, bet betten fein anbeteä SDTittel ©in 33erjudj überzeugt! 3« allen 2tbotf)cfen erljciltltdj. ißretS S 2.40. lieh auch eine Gesandtschaft des deutschen Kaisers Otto dn« Großen zu empfangen. Geistige Wegbereiter des Nationalsozialismus Duiilil Von Alfred Werner IV*). Wo immer mau jüdischem Selbsthaß in irgend einer Form begegnet — es fehlt in keinem Fall in derselben Persönlichkeit oder Gruppe sein „positives“ Gegenstück, die unnatürlich-gesteigerte Fremdliebe. Weiningers Überschätzung des christlichen Menschcn, der „Proarismus“ des unglücklichen Arthur Trebitsch, die Vorliebe Rudolf Borchardts für „lichte Augen“ und „Frankengeblüt“, die Vergottung Stefan Georges durch den vorwiegend jüdischen George- Kreis sind extreme Beispiele für diese eigenartige, fast pathologische Seelenhaltung eines bestimmten Teiles dem Judentum entfremdeter Juden. Ihr Wunsch, völlig im deutschen Volke aufzugehen, hieß die Juden Deutschlands im verflossenen Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts — wie idyllisch mutet es uns neute an! — den ehrlichen Patriotismus in einer Weise überentwickeln, daß zum Beispiel der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens im Weltkrieg einen Aufruf an die deutschen Juden erließ, mehr zu tun als ihre Pflichten. Zerrissen, wie die deutschen Juden innerlich waren, suchten sie, statt ihrer nationalen Eigenart, sich zu besinnen, ihr Zentrum außerhalb ihres eigenen Seins und glaubten es in dem sie umgebenden geliebt-gehaßten Volke zu finden. Daraus erklärt sich dio Geisteshaltung Maximilian H a r d e n s, dessen „Zukunft“ gern antisemitelte, auf den aber in der Nachkriegszeit von Deutschvölkischen ein Attentat verübt wurde; darauf die Problematik Walther Rathenaue, der 1908 in seinem Aufsatz „Von Schwachheit, Furcht und Zweck“ zwischen Mut-Menschen und Furcht-Menschen, Mut-Typen und Furcht- Typen, Mut-Völkern und Furcht-Völkern unterscheiden, den Mut-Typus einseitig den Germaneu, Furcht-Typus einseitig den slawischen und orientalischen Völkern zugeschrieben hatte. Rathenau, der immer wie- *) Siehe „Die Stimme“ vom 7. and 21. Juni und 12. Juli 1935. Jüdische Volkshochschule eröffnet! I.« Franz«Josefs-Kai 3 Telephon R 28-2-36 der bewundert von der germanischen Eroberergeschichte sprach, vom preußischen Adel als von Vertretern des Mutidealß und sogar das Wort vom „blonden Mutmenschen der germanischen Herrenschicht“ geprägt hatte, das von einem Nationalsozialisten herrühren könnte. Rathenau, der Zeit «eine« Lebens nur blonde Frauen geliebt hatte und dessen größter Schmerz es war, wegen seiner Abstammung nicht Offizier werden zu können — dieser „Mensch mit seinem Widerspruch“ ist dem Glauben der Väter treu geblieben und hat durch seine eigene Furchtlosigkeit, die seine Feinde ausnützten, seine eigene These widerlegt! Rathenau war eine Persönlichkeit größten Stils, vielleicht eio Genie. Den Juden des Stefan-George-Kreises fehlte hingegen zur Bei Arterienverkalkung des Gehirns und des Herzens läßt sich durch täglichen Gebrauch einer kleinen Menge natürlichen „Franz-Josef“-BitterwaRsers die Absetzung des Stuhles ohne starkes Pressen erreichen Größe die geistige Initiative, deshalb scharten sie sich in blinder Ergebenheit um einen Dichter, in dem sie das Beste der Deutlichkeit verkörpert zu sehen glaubten: um Stefan George! Die Geschichte des Kreise«, der in den Neunzigerjahren als Gegengewicht gegen die Literaturbetriebsamkeit Berlins sich in strenger Abgeschlossenheit bildete, ist bekannt. Wenn Friedrich Wolters (Jude) sagt, daß die Geschichte des Kreises die deutsche Geistesgeschichte der letzten vier Jahrzehnte darstelle, so ist das nicht übertrieben, da man den Sieg des Nationalsozialismus als Frucht dieser Jahrzehnte buchen muß; ebensowenig seine Feststellung, George sei der „Herr der Gegenwart“ — denn in gewissem, von George selbst freilich nicht gewünschtem Sinne sind die geistigen Deutschon von heute „von seinem Geiste so tief durchdrungen ... daß ihr Tun und Lassen in allen Lebensäußerungeu vom Herzen bis zum Finger davon bedingt und geformt wird“. Die Nationalsozialisten selbst (nicht die proletarischen S. A.-Männor, sondern die „Intelligenzbestien“) bestätigen gern, daß die „deutsche Geisteekultur, wie sie der Haltung gemäß in Stefan George gipfelt... der Nährboden gewesen aus. dem diese Dinge