Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 497 (8.11.1935)
- Date
- 1935-11-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seit« 2 Dil ITIMMI Nr. 497 — 8. November 1935 Die seelische Verfassung der deutschen Juden Der bekannte jüdische Publizist und populäre Kunzelredner Rabbiner Doktor Joachim Prinz führt, im Leitartikel der „Jüdischen Rundschau'1 vom 5. November unter der Überschrift „Zur Analyse der Zeit. — Seelische Spannkraft läßt nach“ ungefähr aus: Die Tragödie der Juden in Deutschland vollendet sich. Der Prozeß der Ausgliederung aus vielen Zweigen des öffentlichen Lebens, der um die Mitte des Jahres 1934 zu einer gewissen Konsolidierung geführt hatte, hat in einem viel größeren und ungeahnten Ausmaße wieder begonnen. Seit vielen Monaten, insbesondere aber seit dem Erlaß der Nürnberger Gesetze und in Erwartung der Ausführungsbestimmungen, hat geradezu eine P s y c h o s o die Judenheit in Deutschland ergriffen, überall, wohin man kommen mag, finden Verkäufe jüdischer Häuser undGeschäfte statt. Der Strom der Abwander u n g jüdischer Menschen und die Veräußerung jüdischer Vermögenswerte ist ungewöhnlich groß. Der Prozeß überschlägt sich im Tempo. Es ist fraglos, daß unter den Juden heute die seelischen Spannkräfte nachzulassen beginnen und daß sich unserer Menschen eine Depression bemächtigt hat, welche eine große Anzahl von falschen, unüberlegten und nicht immer klugen Entschlüssen zur Folge hat. Der seelische Zusammenbruch wird so für uns zu einem sehr wesentlichen Problem. Die Verzweiflung kommt gewiß nicht allein aus dem Bewußtsein, daß die Frage der Existenz gefährdet ist, was schon allein die Gemüter der Menschen beschäftigen könnte. Sie ist das Signum einer Generation, die den Be griff der Zukunft nicht mehr denken kann und die nicht weiß, wo sie einmal begraben werden wird. Noch eines muß hinzugefügt werden. All unsere Beziehungen zu den verschiedensten Lebenskreisen der deutschen Umwelt sind gelöst, objektiv gelöst Aber was bleibt, was innerlich bleibt, ist bitter genug. Mehr als wir hier in Norddeutschland, leben die Menschen der alten Judengemeinden in den Dingen draußen. Mehr als wir Großstädter waren sie an die Welt der Natur gebunden. Sie kannten die Menschen und sprachen zu ihnen im Dialekt der Heimat. Das neue Ghetto ist ein Leben in den vier TV ä n d e n. Außerhalb dieser vier Wände gibt es keine Beziehung mehr. Es ist ein Lehen ohne Dinge, ohne Echo, ohne „Lebe n“. Es wird zum Schemen. Der Zionismus hat die moralische Verpflichtung zu helfen, denn er allein sieht die Ereignisse nicht isoliert, sondern eingebettet in ein System. Mehr als je ragt unsere Aufgabe über das „Wohin“ und „Wie lange“ hinaus, und die Umgestaltung und die Umwertung unserer Menschen, ihre Erziehung zu Juden, ist das Zentrale. Die Reichsvertretung hat ein Programm veröffentlicht, das mit allen Kräften zu verwirklichen sein wird. Wir wünschten, daß die Juden bald erfahren möchten, welches ihr Schicksal sein wird. Denn die Ungewißheit erstickt ihren Lebenswillen. Der Zionismus fordert nicht nur die Rettung der Existenzen, sondern die Neuwerdung des Juden und des Judentums. Palästina ist kein „Auswanderungsland“, keine „Neue Heimat“, sondern die Wiedergewinnung der alten Heimat. Das Prinzip des Zionismus wird immer heißen: Auswahl der jüdisch Besten. Gutsbesitz bei Wr.-Neustadt Schloß mit 400 Joch Ökonomie und Waid gegen Realwerte oder Effekten, Industriebeteili^ung in Deutsch« land zu tauschen gesucht oder zu verkaufen. Realbüro V. Hofhans, Wien, IX., Berggasse 14 Tagung des deutschen Palästina" Amtes In Berlin fand am 6. d. unter dem Vorsitz von Landgerichtsrat Rau eine Arbeitstagung der Mitarbeiter des Palästina-Amtes aus dem Reiche statt, an der über 120 auswärtige Vertrauensleute teilnahmen. Doktor Franz M e y e r, der Leiter des Palästina- Amtes, sprach über die Planung der Palästina-Amts-Arbeit. Das Wirtschaftsreferat von Sfchalom Wurm (Bet Alfa) befaßte sich besonders mit der Struktur und Entwicklungstendenz der Palästina-Wirtschaft. Den Referaten über Zertifikatsverteilung von Alexander Adle ra über Jugendalijah von Eva Ster n, und Gesundheitsfragen der Palästina-Wanderung von Dr. Herbert N e umann, schloß sich eine umfangreiche Debatte an. Walter T e m p e 1 berichtete über die organisatorischen Fragen der Palästina- Amts-Arboit. Assessor TV n 1 1 b a c h behandelte daß D c v i s e nu n d Steuerrecht unter dem Gesichtspunkt der Palästina«-Wanderung und nahm die Gelegenheit wahr, die voraussichtliche Neugestaltung des Transferw e s e n s zu diskutiere n. Dr. Herbert F e i 1 c h e n f e 1 d, der Geschäftsführer der Ilaawnra in Tel-Aviv, schildorte die Bedeutung und die großen wirtschaftlichen und auswanderungstechnischen Aufgaben des Transferverfahrens. Die Veranstaltung wurde mit dem Absingen der TTatikwnh geschlossen. Aus dem Dritten Reich Die Nürnberger Juden Gefangene Sämtliche in Nürnberg wohnhaften Juden erhielten von der Nürnberger Geheimen Staatspolizei die Aufforderimg, ihre Pässe abz ii liefern. Bei dieser Ge- Schwimm- und Badeanstalten folgende« zum Aushang gebracht wird: ,, Juden sind in den städtischen Schwimm- und Badeanstalten unerwünscht. Für J u d o n besteht Gelegenheit zum Schwimmen und Baien im Stadtbad Münsterstraße Dienstags.“ Die Bassengesetze legenheit wurde ihnen mitgeteilt, daß sie sich ins Ausland nicht ohne eine besondere Erlaubnis der Gestapo begeben dürfen. Ein Nürnberger Jude, der eine Auslandsreise antritt und hierzu die Erlaubnis der Gestapo bekommt, erhält auf dem Paß den Vermerk, daß, falls er länger als drei Monate von Deutschland fernbleibt, er das Land nicht wieder betreten dürfe. Er darf Deutschland nur an der von der Gestapo vorher bestimmten Grenzstation verlassen und nur über die gleiche Station zurückkehren. Das erträgliche Verhältnis Aus Berlin liegen die folgenden Meldungen vor: In Oppenheim am Rhein werden gemäß Beschluß der Gemeinde Handwerker und Fuhrleute bei Vergebung von Gemeindearbeiten nur dann bedacht, wenn sie die eidesstattliche Versicherung abgeben, daß sie öderihre Angehörigen keine Geschäfte mit Juden machen. — Der pommersche Ort Ratzebühl hat am Orbseingang ein Schild mit der Inschrift erhalten: „Juden, Motten und Wanzen betreten diesen Ort auf eigene Gefahr.“ — In Bückenberg sind in allen Geschäften und Gaßtstätten insgesamt 1000 Plakate mit der Inschrift „Juden unerwünscht“ ausgehängt worden. — Der Magistrat von Quedlinburg hat beschlossen, den Juden den Zutritt zum Schlosse, zum Museum und zum Dome nicht mehr zu gestatten. "eborjuße fteta öaä altheroährie iftemltfdfcfn Dl neroltoafjer Ireblauer Mit Zustimmung Schachts Berlin, 4. November. Soeben wird offiziell bekanntgegeben, daß ab Jänner 1986 keine Lizenzen an jüdische Handelsreisende mehr ausgegeben werden. Ehemalige jüdische Frontkämpfer werden Lizenzen erhalten, aber sie werden arische Firmen nicht vertreten dürfen. Man nimmt an, daß diese Bekanntmachung mit Zustimmung Dr. Schachts erfolgt ißt. Schacht verbietet schon wieder Berlin, 5. November. Der Reichswirtschaftsminister Doktor Schacht hat an die Reichswirtschaftskammer ein Schreiben gerichtet, worin es heißt, daß die Nürnberger Gesetze und die demnächst ergehenden Ausführungsbestimmungen gewisse Regelungen in der Stellung der Juden nach sich ziehen. Solange diese gesetzliche Regelung nicht erfolgt ist, haben alle Maßnahmen untergeordneter Stellen gegen jüdische Geschäfte zu unterbleiben. Der Minister ersuchte auch die Gruppen der gewerblichen Gemeinschaften davon in Kenntnis zu setzen. Das Baden ln Düsseldorf. Düsseldorf, 4. November. Der Oberbürgermeister der Stadt Düsseid o r f hat mit sofortiger Wirkung verfügt, daß in den städtischen Berlin, 5. November. Die Durchführungsbestimmungen zum Gesetze zu dem Nürnberger Rassegosetz oder, wie es jetzt amtlich kurz genannt wird, zum Blutschutzgesetz, werden in spätestens vier Wochen veröffentlicht. Die Bearbeitung steht unmittelbar vor dem Abschluß. Die zuständigen Stellen wollen noch nichts über die Einzelheiten bekanntgeben, sie weisen lediglich auf die bereits verkündeten Straf arten hin, die im Gesetzestext bereits vorhanden sind. Überall, wo Zuchthaus angedroht wird, bedeutet dies eine Strafbemessung von 1 bis 15 Jahren, wo Gefängnis angedroht wird, von einem Tag bis zu fünf Jahren. Auch wird die Schließung einer Mischehe im Ausland mit Zuchthaus bis zu 15 Jahren, das Vergehen der Rassenschande, das heißt der außereheliche Verkehr, mit Zuchthaus bis zu 15 Jahren oder Gefängnis bis zu 5 Jahren bestraft werden. Die Anstellung eines deutschen Hausangestellten durch Juden wird mit Gefängnis bis zu einem Jahr oder einer Geldstrafe geahndet. Ordnungsgesetze in Griechenland und Rumänien Durch das in Athen verkündete Gesotz zum Schutz der öffentlichen Ordnung und de« Regimes, welches „Aufreizung von Bürgern direkt oder indirekt zu gegenseitigem Haß sowie Erhitzung religiöser und politischer Leidenschaften“ unter Strafe stellt, ist auch die antisemitische Bewegung in Griechenland illegal geworden. Antisemitische Propaganda müßte demnach in Zukunft als gegen die Gesetze deß Staates verstoßendes Delikt behandelt werden. Der rumänische Innenminister erließ eine Verordnung an alle Polizeibehörden, in der diese im Hinblick auf die jüngsten antisemitischen Exzesse ermächtigt werden, scharfe Maßnahmen gegen Personen zu ergreifen, die die öffentliche Ordnung zu stören versuchen. Dia Polizeibehörden werden aufgefordert, alle jenen Elemente, die eine Propaganda gegen eine bestimmte Nation oder Konfession führen imd zu Haß gegen bestimmte Bevölkerungsteile aus rassischen und religiösen Motiven auffordorn, strengstens zu überwachen. Das Tragen von Parteiuniformen und Parteiabzeichen ist verboten. Der frühere rumänische Justizminister Grigore J u n i a n, der Führer der Radikalen Bauernpartei, erklärte in Czemowitz: „Es ist leicht, die Schuld an allen Verhältnissen den Juden in die Schuhe zu schieben. Das iS t dumm. Prüfen Sie due Verhältnisse. Ich stamme aus einem Bezirk, in welchem es keine Juden gibt. Ist die Lage der Bauern dort besser? Nein, sie ißt schlechter. Die Schulden sind dort ebenso drückend, und der Bauer ißt ebenso arm wie in den anderen Landesteilen. Wer beutet die anderen Bauern dort aus? Die rumänischen Bankiers. Wie wollen die extremistischen Parteien, deren einzige Formel ,Nieder mit den Juden* ist, die kritischen Verhältnisse iu meinem Bezirk lösen? Nicht der Nationalismus bildet den Kern des Problems, sondern die wirtschaftliche Lage. Wir müssen gegen die Ausbeuter kämpfen, gleichgültig, ob »ie Juden oder Rumänen «incL,“ Arierparagraph im Stellennachweis für Filmschaffende in Wien Im Stellennachweis für Filmschaffende, omor öffentlichen Institution, worden von den Mitgliedern Dokumente über i h r o Abstammung verlangt, in jeder Kartothek Ist. ein Vermerk angebracht, welcher darüber Auskunft gibt, ob der Stollungsuchcnde „r a s s o n r e i n“ ist oder nicht. Dies wurde auf Ersuchen einiger Aufnahmeleiter der Filmproduktion eingeführt, die sich bei der Aufnahme von Mitwirkenden die jedesmalige Überprüfung des Stammbaumes ersparen wollon und so eine generello Kategorißierung sämtlicher Filmschaffenden Österreichs durchzuführen versuchen. Anläßlich des Engagements von Statisten für den Film „Die. Leuchter des Kaisers“ wurden alle Stellungsuchen len nach ihren Famlllondokumenten und nach ihrer rassischen Abstammung befragt. Die Produktionsfirmen fügen sich dem deutschen Diktat.' Bei der Aufnahme der Mitwirkenden, vom ersten Solisten bis zum kleinsten Komparsen, ist ein Vertrauensmann des deutschen Verleih anwesend, der die Reinrassigkeit jedes einzelnen Bewerbers überprüft. In der Öffentlichkeit ist bereits wiederholt das Verlangen gestellt worden, daß die Regierung gegen den Arierparagraphen in der österreichischen Filmindustrie, der sowohl der Verfassung wie den guten Sitten widerspricht, einschreite. Bis jetzt ist da« nicht erfolgt. ] NEUERÖFFNUNG I 1 H, M o r 11 z W EI 8 Z aus Sauerbrunn hat 1 | am I. November in Wien, II., Kl. Sperlgasee I 1 |-w» RESTAURANT -wol | berühmt gute Küche, eröffnet. 1 3 | 1 Zeitgemäße Preise bei bester Bedienung. g 'liiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiil Tschechoslowakei schätzt die religiöse Freiheit Prag, 6. November. (2. T. A.) Die Regierung der Tschechoslowakei hat im Senat ein Tierschutzgesetz eingebracht, dessen Paragraph 8 dahin lautet, daß sich „derjenige strafbar macht, der bei der Tötung eines Tieres ihm überflüssige Qualen zufügt, insbesondere derjenige, der ohne vorherige Betäubung Schlachtvieh zum gewerbsmäßigen Fleischverkauf tötet“ Zu diesem Punkt 8 werden durch Regierungsverordnung Ausnahmen für die „Tötung von Tieren nach religiösen Vorschriften erlassen. Demnach fällt die Schechita (jüdische rituelle Schächtung) nicht unter das neue Gesetz. Die antijüdischen Unruhen in Grodno vor Gericht Warschau, 6. November. (2. T. A.) Vor dem Kreisgericht in Grodno begann der Prozeß gegen 17 Antisemiten, die sich an den antisemitischen Ausschreitungen in Grodno während dee verflossenen jüdischen Schewuoth- Festes am 7. Juni d. J. beteiligt haben, bei denen zwei Juden, Israel Berezowski und Gedalja Becher, getötet, 13 Juden zum Teil durch Messerstiche erheblich verletzt und in 183 jüdischen Häusern und 85 jüdischen Läden die Fenster eingeßchlagen und viele andere Zerstörungen angerichtet wurden. Ein Vorprozeß fand vor fünf Wochen statt; zwei jüdische junge Leute, Steiner und Kantorowiez, wurden im Zusammenhang mit der Ermordung des Matrosen Kucz bei einer Schlägerei in einem Tanzlokal vom Gericht, ersterer zu zwölf Jahren, letzterer zu zwei Jahren Kerkers, verurteilt. Nach dor Bestattung von Kucz begannen die antijüdißchen Ausschreitungen, die zu so schwerwiegenden Resultaten führten. Als Hauptführer der pogromartigen Ausschreitungen werden in der Anklageschrift der SSjährigo Alfons Pa n a s i u k und der 28jährige Edmund Zygmanski genannt- Die Familien dor getöteten Juden und die übrigen Gevschädigton haben Entschädigungsansprüche gestellt. Die Mehrheit der Beschuldigten weigert sich, auf die Fragen dor jüdischen Advokaten Antworten zu geben,