Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 496 (5.11.1935)
- Date
- 1935-11-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 496 — 5. November 1935 DIE SUMME Seite 3 Heldenfeier der Jüdischen Frontsoldaten Sonntag vormittags wurde im S t a d tt e m p e I in der Seitenstettengasse eine Votivtafel für die im Weltkrieg gefallenen jüdischen Offiziere und Soldaten des ersten Bezirkes enthüllt. Die Tafel ist vom Bund jüdischer Frontsoldaten gewidmet worden. Zu der Feier waren neben den führenden Persönlichkeiten der Wiener Judenschaft Vertreter militärischer und ziviler Behörden, der Vaterländischen Front, des Heimatschutze-s, der christlich'-deutschen Turner, des Frei heitsbundes, der Ostmärkischen Sturmscharen und des Ringes österreichischer Soldaten erschienen. Nach einer Begrüßungsansprache des Regimentsarztes d. R. Dr. E h r e n t e i 1 ergriff Oberrah-biner Dr. Feuchtwang das Wort. Er wies auf die Opfer hin, die auch von Juden für ihr Land gebracht worden sind und sagte in diesem Zusammenhang: „Wer heldenmütigen Soldaten, die Ihr Leben für das Vaterland hingegeben haben, die Erinnerung und die Gerechtigkeit versagt und deren Namen aus den Ehrentafeln streicht, begeht ein Verbrechen am Vaterland, an der Religion und an der menschlichen Gesittung. Nicht ungeahndet kann solch ein Frevel, begangen von wahnwitzigen Kulterschändern, bleiben. Es ist für jeden anständigen Menschen unsagbar abstoßend und furchtbar, seine Ehrenhaftigkeit lügenhaften Beleidigern gegenüber beweisen zu müssen. Um so abstoßender und entsetzlicher ist dies für eine Glaubens- und Volksgemeinschaft alten Adels, uralter Geschichte, die der ganzen Kulturwelt die Botschaft vom Glauben an einen einzigen Gott, die Botschaft der Nächstenliebe gebracht hat.“ Nach der Verrichtung der Trauergobete sprach der Präsident der israeditischen Kultusgemeinido Staatsrat Dr. Desider Friedmann, der folgendes ausführte: „Wer unsere jüdische Lehre, unsere Gebräuche, die innige Anhängigkeit an unsere Toten kennt, der weiß, daß wir nicht genug Dank denen bezeugen können, die ihre Seelen ausgehaucht haben, die ihr Leben in höchstem und edelstem Patriotismus geopfert haben. Wir enthüllen die Gedenktafel in einer 'düsteren Zeit. Unser Himmel ist umwölkt, im Nachbarland tobt gegen uns Haß und Verniohtungswille. Die Stimme ider Menschlichkeit ist verstummt, und es soll die Erinnerung ausgelöscht werden an die, die mit Recht Anspruch erheben können auf den Dank und die Anerkennung ihres Vaterlandes.“ Deir Bezirksführer des ersten Bezirkes, Hauptmann d. R. Dr. H o r o w i t z, verlas die 120 Namen der gefallenen Soldaten und Offiziere, die auf der Gedenktafel verzeichnet sind, worauf die Orgel das Lied vom guten Kameraden spielte. Dann sprach Bundesführer Hauptmann Siegmund Edler von F r i e d m a u n, der unter anderem ausEührte: „Dio Namen unserer toten Helden sollen der Mit- und Nachwelt erhalten werden. Sie haben getreu ihrem Eid gekämpft, sie sind getreu ihrem Eid gefallen. Uns Juden soll diese Treue jederzeit ein leuchtendes Beispiel soin, und wir wollen uns in Zeiten der Not und Bedrängnis an der Erinnerung an unsere Toten aufrichton und Kraft sammeln, alles Häßliche zu libonvinden. Ich erfülle eine heilige Pflicht im Sinne und im Andenken an unsere Gefallenen, wonn ich gegen alles f 1 a in in o ti d o n Protest e rh e b e, was uns Juden diffamiert, was Juden ungorechterweise angGlastet wird und was Juden zu Menschen minderer Rasse und minderen Rechts raaohoa w i 11.“ Alliance in den Maßnahmen semitismue einzuberufen. verschiedenen Ländern über zur Bekämpfung des Anti- Schließlich wurde ein Antrag angenommen, den Plan einer Weltpetition gegen den Antisemitismus aus* zuarbeiten. 80.000 jüdische Betriebe werden verschleudert größere In Nr. 44 der Zeitschrift „Deutsche Zukunft“ behandelt Wirtschaftsschriftleiter Egon B a n d m a n n die -im Anschluß an jüdische Gesohäftsverkäufo und Aktie.ntransaktionen auf.getauohten Wirtschaft,sfragen. Nicht nur im Bereiche der industriellen Großwirtschaft lassen sich derartige Operationen vorstellen, schreibt er. Der Anzeigenteil von Tageszeitungen, die vorwiegend in Finanzkreisen gelesen werden, zeige eine außerordentliche Anschwellung der Rubrik G eschäftsverkäufe. Neben mittleren Industriebetrieben ständen insbesondere in kleinerem und mittleren Städten Einzelhandelöbetriebe zum Verkauf. Dr. Bandmann fragt, welchen Umfang die gesamten Transaktionen haben. In Börsenkursen nenne man Ziffern, die bei dem geschulten Sozialstatistiker helles Entsetzen hervorrufen müssen. ,,Dle amtlich zuständigen Stellen (die Faohibearbeitungen im Reiohsinnenministerium und im Rassenpolitischen Amt der NSDAP.) rechnen mit etwa 450.000 Volljuden jüdischen Glaubens etwa 300.000 Volljuden der Rasse nach, die nicht zur jüdischen Religionsgemeinschaft gehören, und etwa 750.000 Abkömmlingen aus Misch verbin düngen. Wir dürfen nun, nach Analogie der Haushaltungsetatistik, annehmen, daß je 31^ Personen eine Familie bilden (wir haben bei 65 Millionen Einwohnern rund 18 Millionen Familien-haushaltungen in Deutschland). Es ist also mit etwa je 225.000 Haushaltungen auf volljiidischev und auf ,gemischter4 Seite zu rechnen. In der Gruppe ,Handel und Verkehr4 der j Reichsberufsstatistik, die vermutlich für die i berufliche Gliederung des jüdischen und nichta.rischen Bevölkerungsteiles am typischj sten ist, finden wir, daß etwa 25% der Berufszugehörigen selbständig sind, 75% neh-1 men eine abhängige Stelle ein. Unter Bej rück-sichtigung der früheren starken Durch-' Setzung der niohtarischen Bevölkerung mit Angehörigen freier Berufe darf man vielleicht mit 33% Selbständigen rechnen. Das besagt, daß sowohl auf voll jüdischer wie auf sonstiger nichtarischer Seite je 75.000 bis 80.000 Betriebe im Maximalfall zur Voräußerung stehen werden. Die neueste Statistik des statistischen Reichsamtes über Vermögen und Kapital kleinerer Gewerbebetriebe läßt den Schluß zu, daß der bilanzmäßige Eigenkapitalwert sich in der Regel zwischen 30.000 bis 40.000 RM. belaufen wird. Aus diesen Angaben läßt sich ein oberflächlicher Überschlag über die theoretischen Höchstsummen, die zur Debatte stehen, gewinnen. Eine Schätzung des Anteils von nichtarischem Besitz an Kapitalgeeell- I schäften ist n i c h t möglich. Bei den er- J wähnten mittleren Gewerbebetrieben dürfen i nun zwei wichtige Faktoren nicht außer j acht gelassen werden: ©3 bestehen einmal I k e i n e Unterlagen dafür, ein wie gro-; ßer Teil dieser Firmen überwiegend nicht-! arische Kundschaft hat, also gewissermaßen der Eigenversorgung der nichtarischen Be- , völkerung dienen. Weiter läßt sich bei einer solchen Rohrechnung nicht übersehen, inwieweit der mittleren Betriebs wert durch 1 Schulden usw. vorbelastet ist Wir möchten . clah-er davor warnen, einfach Globalsummen auszurechnen, ehe man die neue Regelung, die bevorst-eht, kennt. Hier kam es nur darauf an, einmal die Grenzwerte, zwischen denen das Problem sich bewegt, zu er- , örtern.“ Ausschneiden und Aufheben? STUDIEN BERATUNG durch Hofrat Dr. H. MONT2TKA, Gyra.- Dir. i. P. Verein „Studienhilfe44. <Lebrinstitut „Universum“). IX., Garnisongasse 8. Tel. A 20-4-48. Die Alliance Jsraelite will keinen Weltkongreß Amsterdam, 31. Oktober. (Z. T. A.) Die Jahresversammlung des Amsterdamer Zweiges der Alliance Israölite Universelle ließ nach eingehender Diskussion den Antrag auf Einberufung eines Weltkongresses zur Bekämpfung des Antisemitismus durch die Alliance fallen, beschloß aber, sich an das Zentralkomitee der Alliance in Paris mit der Frage zu wenden, ob dieses os als wünschenswert erachtet, eine Beratung von Vertretern allea: Zweige dflt In Genf herrscht Hochbetrieb. Im Namen der duroh den Völkerbundpakt verbürgten kollektiven Sicherheit wurden Sanktionen gegen Italien beschlossen, weil os gegen Abessinien, einen wilden Negerstaat, dessen soziale Ordnung auf Sklaverei aufgebaut ist, Krieg führt. Wie festgenagelt starren Europas Nationen nach Abessinien und bemerken nicht, daß ihre eigene Sicherheit, die k o 1lektive Sicherheit Europas durch Deutschland bedroht ist, das allen Verträgen trotzend eine ungeheure Militärmacht im Herzen Europas aufrichtet. Die Nationen Europas bemerken auch nicht, oder stellen sich blind und taub, daß Hitlers Judenpolitik Gefahren für ganz Europa heraufbeschwört. Hier wächst eine Gefahr für den Frieden Europas heran, gegenüber der die abessinische Frage eine Frage von untergeordneter Bedeutung ist. Der Ungeist des Nationalsozialismus unterminiert die innero Ordnung der europäischen Staaten. Nicht jeder Staat bringt jene Widerstandsfähigkeit gegen den Nationalsozialismus auf wie die Schweiz, wo dio jüngst stattgefundenon Wahlen Hitler ein kräftigo Abfuhr eintrugen. Dio traurigen Ereignisse in Österreich sind zu bekannt, als daß man sie hier besonders schildern mllßto. Aber auch in anderen Staaten rollt die Mark und erhebt der Nationalsozialismus sein Haupt: In Ungarn dio Rassenschtltzl e r und Pfeilkreuzler, in Rumänien die C u z i 8 t e n, in Frankreich die F e u e rk r e u z 1 e r und in England Sir Oswald M o s I e y mit seinon Faschisten. In Deutschland selbst leben 450.000 Jude n unter Bedingungen, gegen dio die abessinischen Sklaven sich einer ausgezeichneten Behandlung erfreuen. 450.000 Mens c h e n werden Tag für Tag gnusani gequält, in ihrer Menschenwürde schwer beleidigt und systematisch ausgeplündert. Mit Entsetzen .muß man an den Tag denken, wo 450.000 Menschen bettelarm aus Deutschland werden fliehen müssen. Wer wird diese Menschen betreuen? Wer wird ihnen Brot und Unterkunft, wer eine neue Existenz schaffen? 450.000 unglückliche Juden werden die Nationen Europas anklagen, daß sie ihnen nicht gehofen haben, daß eie die heroischen Anstrengungen der zionistischen Organisation nicht gefördert und Deutschland von Genf aus nicht gezwungen haben, die deutschen Juden gerecht zu behandeln. Immer lauter erheben sich in den westlichen Staaten die Stimmen, die ein Eingreifen des Völkerbundes zugunsten der Juden in Deutschland verlangen, und es soll hier untersucht werden, ob der Völkerbund hiezu auf Grund des Völkerbundpaktes legitimiert ist. Die Einleitung des Völkerbundpaktes sagt: „In der Erwägung, daß es zur Förderung der Zusammenarbeit unter den Nationen und zur Gewährleistung des internationalen Friedens und der internationalen Sicherheit wesentlich ist; bestimmte Verpflichtungen zu übernehmen, nicht zum Kriege zu schreiten; in aller Öffentlichkeit auf Gerechtigkeit und Ehre gegründete internationale Beziehungen zu unterhalten; die Vorschriften des internationalen Rechtes, die fürderhin als Richtschnur für das tatsächliche Vorhalten der Regierungen anerkannt sind, genau zu beobachten; die Gerechtigkeit herrschen zu lassen und alle Vertragsverpflichtungen in den gegenseitigen Beziehungen der organisierten Völker peinlich zu achten, nehmen die Hohen vertragschließenden Telle, die gegenwärtige Satzung, die der Völkerbund erviohtot, an.44 Schon daraus gehthervor, daß der V ölkor b u n d zur Anwendung von Sanktionen gegen Deutschland b o r e c h t. i g t, ist, denn was Deutschland heute seinen Juden tut, gefährdet den internationalen Frieden und spricht jeder Gerechtigkeit Hohn. Es gibt aber auch ausdrückliche Bestimmungen des Völkerbundpaktes, dio eine Intervention dos Völkerbunde.? wogen der Behandlung der deutschen Juden als gerechtfertigt erscheinen lassen. Artikel 11, Absatz 2 des Völkerbundpaktes besagt: „Es wird weiter festgestellt, daß jedes Bundesmitglied, das Recht hat, in freundschaftlicher Weise die Aufmerksamkeit der Bundesversammlung oder des Rates auf jeden Umstand zu lenken, der von Einfluß auf die internationalen Beziehungen sein kann und daher den Frieden oder das gute Einvernehmen zwischen den Nationen, von den der Friede abhängt, zu stören droht.“ Diese Bestimmung ermöglicht ein Einschreiten des Völkerbundes, weil Deutschland dadurch, daß es seine Juden zum Transfer zwingt und durch sein Dumping in unlauterer Weise die Handelsbeziehungen der Völker schädigt und die Arbeitslosigkeit in verschiedenen Staaten vermehrt. So verschärft Deutschland die internationalen Beziehungen und stört dadurch den Frieden und das gute Einvernehmen zwischen den Nationen, von dem der Friede abhängt. Es sind also genügende Gründe für ein Einschreiten des Völkerbundes vorhanden, ura so mehr als Artikel 19 des V ölkerbund paktes vorsieht: „Die Bundesversammlung kann von Zeit zu Zeit die Bundesmitglieder zu einer Nachprüfung der Verträge und solcher internationaler Verhältnisse auffordern, deren Aufrechterhaltung den Weltfrieden gefährden könnte.“ Wie lange werden die Staaten noch ruhig zusohen, daß von Deutschland aus die Welt revolutioniert wird? Wann werden sie sich endlich dazu aufraffen, um die Vergiftung der internationalen Verhältnisse zu beseitigen, die durch diemittelalterlichenVerfolgung e n und durch die m a c h i a v e 11 i s t isc-he deutsche Außenpolitik Europa nicht zur Ruhe kommen läßt? Laut Artikel 23 des Völkerbundp&ktes übernehmen die Buudesmitglieder folgendes: „Sie werden sich bemühen, angemessene und menschliche Arbeitsbedingungen für Männer, Frauen und Kinder zu schaffen und aufrecht zu erhalten sowohl in ihren eigenen Gebieten wie in allen Ländern, auf die sich ihre Handels- und Gewerbebeziehungen erstrecken, und zu diesem Zwecke die ei-forderlichen internationalen Stellen zu errichten und zu unterhalten.“ Was geschieht in Deutschland? 450.000 Menschen werden systematisch aus dem Wirtschaftsleben hinausgedrängt, Geschäftsleute aus ihren Geschäften, Angestellte aus den Büros, Ärzte aus ihrer Ordination, Rechtsanwälte aus den Gerichten. 450.000 Menschen werden dem Hungertode preisgegeben und von der Winterhilfe ausgeschlossen. 450.000 Unschuldige werden der Verzweiflung in die Arme getrieben. Hat der Völkerbund nicht die Pflicht, für diose Unglücklichen „menschliche Arbeitsbedingungen“ zu schaffen? Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß der Völkerbund moralisch und de lege lata berechtigt undverpflicht e t ist, zugunsten der Juden Deutschlands einzuschreiten, weil Deutschland durch seine Judengesetze den Frieden Europas und die internationalen Handelsbeziehungen schwer gefährdet. Aber der Völkerbund blickt hypnotisiert nach Abessinien. Er hört nicht die Schmerzensschreie der in den Konzentrationslagern Deutschlands gefolterten Juden, er sieht nicht das grenzenlose Eiend von 450.000 Menschen, dio mit sadistischer Grausamkeit zu Tode gequält werden. Man müßte aber an der Menschheit verzweifeln, wenn man die Passivität des Völkerbundes als unabänderliche Tatsache hinnehmen müßte. Schon machen sich gewichtige christliche Stimmen bemerkbar, die gegen die braune Barbarei ihre Stimme erheben. Roosevolt-, der Präsident der Vereinigten Staaten, Lord Cecil und Churchill in England, seit der Bedrückung der Katholiken in Deutschland verschiedene Kirchenfürsteu, und in Österreich kürzlich General Weiß v. T i h a u y. Vereinzelte Stimmen nur, aber sie sind heute die Anzeiehon dafür, daß die Stimmen de« Protestes aus dem jüdischen Volke gehört werden und daß es noch Menschen gibt, die für ein unglückliches Volk, für Recht- und Gesittung den Kampf aufzuueliinen bereit (sind, Nicht an uns Juden wird es