Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 495 (1.11.1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 498 — 1, November 1936 Dl« STIMM« Seite 3 Bei Regen, Wind, Kälte wird man leicht von Erkältung befallen, man muß daher rechtzeitig dafür Sorge tragen, daß im Hause nie fehle der in seiner schmerzlindernden k Wirkung einzige nana Franzbranntwein mit Menthol! welcher für Massage. Einreibung, Umschläge und als Guigelwasser gleich unentbehrlich ist. Das anerkannt beste Hausmittel. Ueberall erhältlich. Minister a. D. Czermak über die „Verständigung“ Der ehemalige Unterrichtsminister Doktor Czermak hat letzten Samstag vor den christlichen Turnern Wiens einen Vortrag über die Judenfrage gehalten. Er verlangt die Einfügung der Juden in den österreichischen. Gedanken, gesteht ihnen aber zu, daß sie sich nach jüdischen Grundsätzen z u s ammensoh 1 ießen. Am Schluß erklärt der Vortragende: „Wir sind geneigt, mit den Juden, die sieh zu ihrem Judentum bekennen, uns ernst und sachlich auseinanderzusetzen. Wir Österreicher haben bemerkt, daß auf dem Gebiete der Judenfrage im Deutschen Reich große Fehler gemacht wurden, daß man vor allem nicht alles erreicht hat, was geplant war. Jede Haßwelle gegen das Judentum bringt Nachteile für das betreffende Volk; am besten ist die ruhige Auseinandersetzung. Dinge, die nur die Juden angehen, sollen sie sich selber regeln, aber bei Angelegenheiten, * die auch uns berühren, wollen auch wir mitreden.“ Der Redner schloß mit der Mahnung, die J.udenfrage ohne Ängstlichkeit und Haß, niit Freimut und Verständnis anzupaoken «nd dafür zu sorgen, daß unsere Heimat ein wirklich christliches Österreich werde. * Wir haben wiederholt erklärt, daß das Judentum jederzeit zu Besprechungen über Verständigung bereit ist. Es muß nur vorher das Gebiet der Besprechungen abgesteckt werden. Worüber soll man sich verständigen? Die Juden sind Bürger dieses Staates und es kann gegen sie nicht der geringste Vorwurf, daß sie es etwa an Treue und Loyalität gegenüber dem Staat fehlen lassen, erhoben werden. Insoweit sie nicht Bürger sind, arbeiten sie mit den anderen an dem Gedeihen des Staates mit. Wo sich ein Jude gegen ein Gesetz vergeht, untersteht er dem Richter. Daß sich die Juden unter jüdischen Gesichtspunkten zusammensohließen, ist ihr Recht und muß nicht erst auf dem Wege von Verhandlungen zugestanden werden. Gegenstand von Verhandlungen könnte nur die Beseitigung der faktischen Ausschließung der Juden aus der Hoheitsverwaltung und der jüdischen Ärzte aus den Spitälern überhaupt, der schleichende Boykott, die Einführung der demütigenden Parallelklassen sein. Das Binl aber Akte, die gegen die Juden gerichtet' sind. Will sich Herr Dr. Czermak darüber mit uns ernst und sachlich auseinandersetzen, so würde er auf jüdischer Seite die vollste Unterstützung finden. Wobei auch noch zu bedenken ist, daß Besrrechungen nur mit ausreichend legitimierten beuifonen Vertretern des jüdischen Volkes geführt werden können, das ist also mit der Kultusgemeinde. JEin* firhlärun# des ,,Bundes Jüdischer Frontsoldaten Österreichs" Die Pressestelle des „Bundes jüdischer Frontsoldaten Österreichs“ teilt uns mit: „Auf Grund des allgemeinen bekannten Erlasses des deutschen Propangandaministeiriums sollen die Namen der für Deutschland gefallenen 12.000 Juden aus dor deutschen Geschichte des großen Krieges ausgemerzt werden. Sollte diese Verfügung Wirklichkeit werden, so würde der „Bund jüdischer Frontsoldaten Österreichs“ die Pflege des Andenkens der 12.000 für Deutschland gefallenen Juden in entsprechender Weise übernehmen und solange behalten, bis es wieder möglich sein wird, diese Helden in ihrem Vaterland entsprechend zu ehren.“ „Land der Verheißung" vor den Genfer Diplomaten Genf, 29. Oktober. (2. T. A.) Auf Einladung der V ertretung de r J ewish Agency beim V öl k erbund wohnten sämtliche Mitglieder der Ständigen Mandatskommission mit dem Vorsitzenden, Graf T he o doli, an der Spitze, Vertreter der Genfer Regierung, alle beim Völkerbund akkreditierten Diplomaten, das Konsularkorps einschließlich der Vertreter von Staaten, die dem Völkerbund nicht angehören, etwa 300 Beamte des Völkerbundsekretariats und des Internationalen Arbeitsamtes, unter ihnen die leitenden Männer dieser Institution, Vertreter aller in Genf ansässigen internationalen Organisationen, die meisten Professoren der Genfer Universität, etwa 60 Pastoren und andere geistliche Würdenträger und fast 100 Vertreter der schweizerischen und der internationalen Presse einer Vorführung der Keren Ha j es so d-F ilms „Land der Verheißung“ in dem größten Lichtspieltheater Genfs bei. Der etwa 1200 Plätze fassende Saal war voll besetzt. ln einleitenden Worten wies der Vertreter der Jewish Agency, Dr. Nahum Gold mann, auf die bisherigen Errungenschaften des Zionismus in Palästina hin. Er unterstrich die Bedeutung des Wiederaufbaues des Jüdischen Nationalheims sowohl für das jüdische Volk wie für die ganze Kultur w eit als eines von hohem Idealismus getragenen Friedenswerkes, durch dessen unaufhaltsame Entwicklung die Völkerversöhnung gefördert werde. Der Redner hob auch die wohltätigen Folgen der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes für die arabischen Einwohner hervor; der diesen erwachsende Nutzen werde besonders ersichtlich, wenn man die Lage der arabischen Bevölkerung in Palästina mit der in allen Nachbarländern vergleicht. Zum Schluß sprach Dr. Goldmann von dem unerschütterlichen Glauben des jüdischen Volkes an die Völkerbundsidee und von der symbolischen Bedeutung dieser Idee für die Juden, die in Palästina das Jüdische Nationalheim aufbauen. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß die ideellen Bande, die Palästina an Genf und an den Völkerbund knüpfen, auch den Völkerbund und Genf immer enger an Palästina binden werden. Die Ansprache sowie der Film selbst fanden bei den Gästen, dem gewähltesten und politisch bedeutsamsten internationalen Forum, das jemals in Genf außerhalb des Völkerbundpalais versammelt war, stärksten Beifall. ACHTUNG - BRUCHLEIDENDE! A .MIM, Vol/e Aktionsfähigkeit and Beseitigung von allen Beschwerden auch bei schwersten Bruchleiden durch Speziatbandagen nach Dr. Batrire (ohne tedern) und „A BS 0‘~ Bruchbänder mit drehbaren Schwammgummipelotten. (Eck« Tein- Alleinverkauf. INSTITUT BS tANDIS, Wien /, Freyunq 5 Deutschland und die Olympischen Spiele Tatsachen über die Behandlung der jüdischen Sportler. Ale im Jahre 1934 Mr. Everage Brundage, der Beauftragte des Olympiakomitees der Vereinigten Staaten von Nordamerika, nach Deutschland kam, um auch die Beteiligungsmüglichkeiten für Juden an der Olympiade zu prüfen, fühlte die deutsche Sportbehörde die Notwendigkeit, die der Olympiade drohende Gefahr abzuwenden. Sie verhandelte mit den beiden großen jüdischen Sportverbänden, dem M a k k a b i und dem Sportverband Schild (des Reichßbundes jüdischer Frontsoldaten). Sie autorisierte diese beiden Verbände, den Reiohsaussohuß der jüdischen Sportverbände als Spitzenkörperschaft des jüdischen Sports in Deutschland zu bilden und legte mit ihnen Richtlinien für die Sportbetätigung der Juden in Deutschland fest. In diesen Richtlinien wurde ausdrücklich festgelegt, daß die jüdischen Sportler zu Wettkämpfen mit den allgemeinen Sportlern zugelassen werden sollten, daß sie bei der Auswahl der Olympiakämpfer berücksichtigt werden würden und daß ihnen Trainingsgelegenheiten, soweit solche verfügbar wären, zur Verfügung gestellt werden sollten. Schon damals mußte man stärkste Bedenken gegen dieses Abkommen haben. Die Entwicklung des letzten Jahres bat diesen Befürchtungen in vollem Umfang recht gegeben. Von einer Gleichberechtigung des jüdischen Sports in Deutschland kann überhaupt keino Rede sein. Das für jeden Sportbetrieb entscheidende Moment nämlich ist die Frage der Trainingsmöglichkeiten. Die Schaffung eigener Sportplätze durch die jüdischen Gemeinden war jedoch fast durchwegs unmöglich. Als wirklich gut ausreichender Sportplatz ist nur der Sportplatz der Berliner jüdischen Gemeinde anzusehen, obwohl auch dieser keineswegs erstklassig ist. Das Gros der jüdischen! Sportler muß heute auf behelfsmäßigen1 Plätzen trainieren, auf denen weder eine; Aschenbahn noch andere Einrichtungen 1 vorhanden sind. Meistens handelt es sich um irgend eine Wiese oder ein Gartengrundstück, das einem jüdischen Besitzer gehört. Angesichts dieses Zustandes war das Versprechen der Richtlinien, daß verfügbare Plätze zur Verfügung stehen würden, für den jüdischen Sport um so wichtiger. Praktisch ist dieses Vensprechen völlig sabotiert worden. Es kommen in Frage die städtischen Anlagen sowie die Sportplätze von privaten Verbänden und Vereinigungen. Die städtischen Plätze sind überall den jüdischen Sportlern gesperrt worden. Da, wo noch Trainingsmöglichkeiten bestanden, sind sie in der allgemeinen antisemitischen Welle des Sommers 1935 definitiv verloren gegangen. Reichssportkommissar v. Techammer- Osten und sein Stellvertreter L ü 11 w i t z mußten zugeben, daß sie den Parteistellen im Lande gegenüber völlig machtlos seien. Selbst von den eigenen Provinzialbeauftragten des Reichssportkommissars wird Sabotage getrieben. Die privaten Vereine, insbesondere k atholische Vereinigungen, die noch bereit waren, jüdischen Sportvereinigungen ihre Plätze zum Training zu überlassen, worden überall unter den schärfsten Druck gesetzt, um sie zu zwingen, ihre Gastfreundschaft zu beenden. Es wird ihnen mit Anprangerung in der Partoipresse gedroht, mit Spielsperre und anderen Zwangsmitteln. Es kann als eine Tatsache bezeichnet werden, daß die jüdischen Sportler praktisch keine Möglichkeit haben, von elni-j gen wenigen Ausnahmen abgesehen, auf städtischen oder privaten Sportplätzen zu trainieren und daß sie auf ihre eigenen, ungeheuer primitiven Trainingsmöglichkeiten angewiesen sind. Daß es unter solchen Umständen nahezu unmöglich ist, begabten Nachwuchs sportlich so zu schulen, daß er für ernsthafte internationale Wettkämpfe in Frage kommt, ist klar. Nooh schlimmer liegen die Verhältnisse Wenn Raucher der Verfärbung der Zähne vor beugen wollen, denn hilft nur die regelmlBige. ttg liehe Pflege mH OOOL- Zahnpaste. m Kleine Tube S —50 Groß« Tube 8 1.40 für die Schwimmsportler, da hier nicht einmal die behelfemäßigen Trainingsmöglicbkeiten durch eigene jüdische Anlagen bestehen. Nicht nur die Hallenbäder wurden überall im Reich für Juden gesperrt, auch die Freiluftbadeansta-lteu mußten oft gezwungen die bekannten Sperrechilder für Juden anbringen. Selbst ein Training irgendwo in einem See wurde gefährlich, da schon eine Ansammlung von einigen badenden Juden, wie sie beim Training notwendig ist, die Sportler in die Gefahr brachte, Opfer eines Überfalls zu werden, oder der Ausgangspunkt einer neuen Zeitungshetze wegen „anmaßenden Auftreten der Juden“. Eine Intervention des Reiohsaussohusses der jüdischen Sportverbände beim Stellvertreter des Reichesportkommissars blieb ohne jeden Erfolg. Unter den zahlreichen städtischen Hallenbädern Berlins stand nur noch ein einziges einmal in der Woche für zwei Stunden zum Training zur Verfügung. Als die jüdischen Sportler vor drei Wochen dort erschienen, standen 18 junge Leute in Zivil in zwei Reihen dort und hielten jeder in der Hand vorgestreckt eine „Stürmer“- Nummer. Es kann als eine gegebene Tatsache angesehen werden, daß jüdische Schwimmsportler zur Zeit in Deutschland keine Trainingsmöglichkeit haben. Die Voraussetzungen für einen richtigen geordneten Trainingsbetrieb, wie er für die Heranziehung olympiareifen Nachwuchses die erste Voraussetzung ist, ist nirgendwo gegeben. Versuche, diesen Zustand zu ändern, haben keinen Erfolg. Die Reichssportbehörde gibt sich den Anschein der Loyalität, erklärt aber, gegenüber Parteiwünschen machtlos zu sein. Zu den weiteren Voraussetzungen für einen gleichberechtigten Sportbetrieb gehört der Genuß der besonderen Vorteile, Gegen den Strich zeigt sich die Qualität. Elastisch, rasch uad sicher gleitet di die der Staat dem Sportbetrieb in finanzieller Beziehung einräumt. Die Sportler genießen in Deutschland bei Fahrten zu sportlichen Veranstaltungen eine bedeutende Fahrpreisermäßigung auf der Eisenbahn. Diese Fahrpreisermäßigung wurde den jüdischen Sportlern entzogen. Das bedeutet, daß es auf diese Weise den jüdischen Sportlern fast unmöglich gemach*- worden ist, im Wettkampf untereinander so oft, wie es für einen normalen Sporfcbetrieb nötig ist, ihre Kräfte zu erproben. Wettkampfmöglichkeit ist aber die wichtigste Voraussetzung für die Heranziehung begabten Nachwuchses zur Olympiarou«. Deshalb legte Mr. B r u n d a g e bei seiner Unterredung in Berlin mit Recht größten Wert auf die Beantwortung der Frage, ob die jüdischen Sportler freie Wettkampfmöglichkeiten mit den Sportlern der allgemeinen Verbände hätten. Diese Frage wurde ihm unter Hinweis auf die gerade vereinbarten Richtlinien bejaht. Diese Zusage ist im Verlauf des letzten Jahres auf das schwerste verletzt worden, und man kann heute praktisch davon sprechen, daß überhaupt keine Wettkampfmöglichkeit für jüdische Sportler außerhalb der eigenen Reihen besteht. Es ist nicht entscheidend, ob einmal ein einzelner Sportler nach vielen Bemühungen'' Gelegenheit erhält, an einem Ausscheidungswettkampf teilzunehmen, sondern ob