Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 494 (29.10.1935)
- Date
- 1935-10-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3053752-3054243-3054250--5419-3061151- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 Dil STIMMI Nr. 49-1 — 29. Oktober 1035 Der Berliner Korrespondent der „Neuen Freien Presse“ Wie uns mitgeteilt. wird, hat die .,Neue Freie Presse“ an St eile des verstorbenen Pr. Paul Goldmann den Rittmeister a. D. Otto von Heydobreek zu ihrem Berliner Berichterstatter bestellt. Dieser Mann, ein Bruder des am 30. Juni 1934 erschossenen •SA.-Obergruppenführers in Pommern, ist im Ministerium Goebbels ein ständiger Gast. Pie Haltung der ..Neuen Freien Presse'1 gegenüber dem Dritten Reich hat schon bisher viel Unmut und Zorn erweckt und zu einer Abwanderung der jüdischen Leser Anlaß gegeben. Die Bestellung eines Protektionskindes des Goebbels zum Berliner Vertreter wird wohl den Niedergang des Blattes beschleunigen. Ein deutsches Gericht Berlin, 28. Oktober. Wie aus Frankfurt a. d. Oder gemeldet wird, befaßte sich das dortige Landgericht mit einem Prozeß, in dessen Hintergrund ein Stürmerkasten stand, in dem eine 35jährige Hildegard S. T. angeprangert wurde, weil sie in jüdischen Geschäften kaufte und eine Duzfreundin der Jüdin Regine W. war. Die Angeprangerte stellte den Antrag, eine einstweilige Verfügung zu erlassen, die Bemerkung zu entfernen. Ihr Antrag wurde vom Gericht a tage wiesen mit der Begründung: „Es gilt als eine selbstverständliche Ehrenpflicht eines jeden Volksgenossen, daß er auch in seinem persönlichen Verkehr mit Juden die erforderliche Zurückhaltung an den Tag legt und sogar persönliche Freundschaften der Treuepflicht gegen das eigene Volk zum Opfer bringt. Die Aufgabe jedes deutschen Volksgenossen ist, überall das seine zu tun, um den jüdischen Einfluß im öffentlichen Leben zurückzudrängen. Dazu gehört aiuch der gesellschaftliche Verkehr und die soziale Absehließung gegen Sen einzelnen Juden.M Cuzisten-Kongreß in Czerä nowitz Czernowitz, 24. Oktober. (2. T. Ä.) Der mit Rücksicht auf die jüdischen Feiertage von den Behörden verschobene Kongreß der national-christlichen Cuza- Goga-Partei hat am 20. Oktober in Czernowitz hei Anwesenheit von mindestens 20.000 Teilnehmern stattgefunden. Der rumänische „Apostel des Antisemitismus“, Prof. A. C. C u z a, der vor kurzem bei Hitler in Berlin zu Gast war, und der ehemalige Innenminister Okbavian G o g a waren die führenden Figuren des Kongresses. An den Wänden vieler Häuser der inneren Stadt und in den Vorstädten wurden Plakate mit dem Programm der national-christlichen Partei affichiert, welches dann auch vom Kongreß zum Beschluß erhoben wurde. Darin werden die Juden als „kifta jidoveasca“ (jüdisches Gesindel) bezeichnet. Neben einigen ■allgemeinen Forderungen wird auch verlangt: Konfiskation des jüdischen Vermögens auf dem Lande, Reinigung des öffentlichen Dienstes von jüdischen Angestellten, Expropriierung der jüdischen Industrie und dergleichen mehr. Cuza hielt auf dem Kongreß scharfe antisemitische Hetzreden und erklärte, seine Partei werde früher oder später die Regierung übernehmen und das Programm verwirklichen. Zu Ruhestörungen kam es in Gzernowitz DEN PRIVATANGESTELLTEN DIE VORSORGE-VERSICHERUNG MONATLICH! PRÄMIE I C H I L U H G) 3*60 STERBEGELD RENTE UNFALL-TOD UNFALL- INVALIDITÄT KOSTEN- BEITRAGE: SPITAL OPERATION ’ V t” „DU UISTUNO 5 IOO•— S 15— S 300— S ICO— l rs wo*— LEBENSVERS.-GES. PHÖNIX WIEN, L, R I E ME.RGAS.SE 2 nicht, aber du jüdischen Kreisen wurde es sehr schmerzlich empfunden, daß die Regierung die Affichierung eines Flakattes gedes jüdischen Volkes, die zur Zeit der französischen Revolution ihren Anfang genommen hat, ihren Zusammenbruch. Sie hat im jüdischen Volk fürchterliche Verheerungen angerichtet. Hekatomben von Opfern sind ihr zum Opfer gefallen, und was vom jüdischen Volk noch übrig blieb, ist vom Standpunkt der Ewigkeitswirkung des jüdischen Geistes gesehen in der Seele wund. Wäre uns nicht rechtzeitig in Theodor H e r z 1 ein Retter entstanden, hätten wir Zrionißten nicht mit zusammengebissenen Zähnen und unter Anspannung aller unserer Kräfte sein Werk fortgesetzt und P a- 1 ä s t i n a aufgebaut, unser Schicksal wäre durch Hitler endgültig besiegelt worden. Furchtbar hat sich eben die Schuld unserer Ahnen gerächt, die sich der Assimilation verschrieben haben. Sie empfingen die Gleichberechtigung um den Preis ihrer nationalen Kapitulation. Sie rannten blindwütig in den Irrgarten der Assimilation hinein, immer darauf bedacht, ihr Mimikry den politischen Tageserfordernissen anzupassen. Sie rannten hinter der schwarz-rot-goldenen Fahne und hinter allen anderen Farben des politischen Spektrums einher, und nicht nur das, sie marschierten oft als Fahnenträger am der Spitze und verringerten den Wert aller politischen Fahnen für diejenigen, die zu führen sie sich vermessen hatten. Es ist die Schuld unserer Ahnen, daß sie nicht den schlüpfrigen Boden erkannten, auf dem sie ihre Emanzipation erhalten hatten und es ist die Schuld ihrer Befreier, daß sie ihnen nicht sagten: „Wir geben euch die Freiheit und die Gleichberechtigung, aber wir geben 6ie euch als den Angehörigen der jüdischen Kation, die wir durch euch als gleichberechtigt anerkennen. War erwarten von euch, daß ihr national, religiös und kulturell ein jüdisches Leben führt.“ Das ißt leider nicht geschehen und jedermann sieht heute die traurigen Folgen an den deutschen Juden. Nicht jedermann. Es gibt Juden in Deutschland, die nach wie vor mit der Besessenheit von Irrsinnigen schreien, die seien Deutsche. Das ist Herr Naumann und sein Anhang. Und es gibt Juden in Deutschland, deren Führer, Herr Hauptmann Löwenstein, vom Reiohsbund jüdischer Frontkämpfer erklärt: „Wir wünschen dem Export Palästinas nach Deutschland alles Gute. Aber jüdischnationale Ideen, die auf diese Weise nach Deutschland kommen, müssen ausgerottet werden.“ Und ©3 gibt noch weitere traurige Assimilationstypen — in Palästina: Einige jüdische Kommunisten, die sich für die „unterdrückten proletarischen arabischen Brüder“ einsperren lassen, die „Linken Paole Zion“, die den Zionißtenkongreß nicht anerkennen und — wer hätte das jemals für möglich gehalten — Antizionisten, konfessionslose und getaufte Juden, die sich im Lande unserer Sehnsucht breitmaohen, weil sie dort dick verdienen. Zusammenbruch der Assimilation? Nein, neue Metastasen des Assdmilationskarzinoms. Überall, wo Juden wohnen, sind sie zu beobachten. Sie marschieren überall mit den stärkeren Batailloneu. „Wo es Schwächere gibt, immer auf der Seite der Stärkere n.“ Wenn diese Spezies heatte auf Grund des zionistischen Einflusses auch nur eine kleine Minderheit ist, so versucht sie durch ihr aufdringliches Gebaren und marktschreierische« Werben die Aufmerksamkeit und die Gunst der Machthaber auf sich zu lenken. Sio trägt die politische Modefarbe. War sie nach der politischen Modo von gestern freidenkerisch und stattet hat, welches eine Million jüdischer Staatsbürger Rumäniens als „jüdisches Gesindel“ beschimpft. republikanisch, Bettgenossin der herrschenden Sozialdemokratie, so ist sie heute k o nsorvatdv, religiös, 1 e g i t i m istdsch und kolossal patriotisch. Gewiß, patriotisch waren die Juden immer. Sie haben weder nach Deutschland geschielt, noch Bomben geworfen und sie waren nie Hochverräter. Sie geben immer dem Staate was des Staates ist, denn Patriotismus ist seit eh und je ein sittliches und religiöses jüdisches Gebot Nichts ist also verständlicher und selbstverständlicher als der Patriotismus der Juden und seine Bekundung. Was aber den Patriotismus, von dem wir hier sprechen, charakterisiert, ist die Art und Weise, wie er sich kundtut. Da wagen ee politisch bankerotte Assimilanten, in dieser schrecklichen Zeit, in der Zeit Hitlers und seiner Judengesetze, ihren Patriotismus rühmend dem Patriotismus der Zionisten gegenüberzustellen, die angeblich keine guten österreichischen Patrioten sein könnten, weil sie angeblich — zwei Vaterländer hätten, Österreich und Palästina. Diese Gemeinheit ist so abgrundtief, daß nicht nur die Zionisten Österreichs, sondern alle anständigen Juden sich vor Ekel schütteln. Hier manifestiert sich das abscheulichste, widerlichste und verlogenste Denunziantentum. Darauf stand einmal im Judentum die Todesstrafe und man soll diese Menschen, die den jüdischen Namen vennmglimpfen, mit dem bürgerlichen Tode bestrafen, indem man sie gesellschaftlich ächtet und sie von allem, was jüdisch ist, davonjagt Hier stehf die Ehre des ganzen Judentums auf dem Spiele. Wir Zionisten erachten es als unter unserer Würde, unseren Patriotismus zu betonen. Wir haben das Gott sei Dank nicht notwendig, ebenso wenig wie andere Juden, Wir lassen uns ebenso wenig Jerusalem zum Vorwurf machen, als es uns einfallen könnte einen österreichischen Katholiken darum in seinem Patriotismus zu verdächtigen, weil Rom ihm heilig ist. Dieses schändliche Treiben offenbart eine Verwilderung politischer Sitten, die nicht ruhig hingenommen werden kann, nicht von uns und von keinem anständigen Menschen, ob er nun Zionist oder Antizionist, Nichtzionist oder Unionist ist. Wer auf politische Reinlichkeit hält, wird zwischen sieh und den Verleumdern, die in der „Wahrheit“ und an anderen Orten offen und versteckt ihr Gift verspritzen, um politisch wieder in den Sattel zu kommen, einen dicken Trennungsstrich ziehen. Man muß sich von Menschen distanzieren, die so oft rührselig von der gewiß notwendigen einigen jüdischen Front sprechen und gleichzeitig in der hinterhältigsten Welse den widerlichen Versuch machen, einen Teil der jüdischen Bevölkerung zu verleumden und so dem Antisemitismus Vorspanndienste leisten. Und das alles in der Zeit Hitler«! Es ist keine Freude für uns, das einmal anzunagein. Aber es mußte einmal geschehen. Wir tun os nicht nur in unserem Namen. Wir tun es im Namen aller anständigen und aufrechten Juden Österreichs, Im Namen aller Judeu, die ihr Vaterland mit der Waffe in der Hand verteidigt haben, die an der Front ihr Leben oder ihre Gesundheit gelassen haben, im Namen ihrer Witwen und Waisen, und wir rufen den verleumderischen Assimilanten e 1 n 1 a 11 t e s Hai t entgegen. Did Schande, die sie uns zufügen, ist für uns schmerzlicher als alles, wa*s une der Nationalsozialismus zufügt. Das ist die Assimilation in Wien 1935. Merkt euch das, Juden! Macht eineni dicken Trennungsetrich zwischen! euch nnd den Denunzianten, damit unsere Umwelt weiß, wo diie anständigen, aufrechten Juden sind und wo die politischen Ehrgeizlinge und Verleumderl Ihr könnt die Verleumder und Denunzianten nicht aus dem Judentum ausschließen. Distanzieren aber könnt ihr euch von ihnen und das müßt ihr tun. Eure Ehre und eure Zukunft ist. durch diie Denunzianten in Gefahr. Reinliche Scheidung tut not« Zur Gründung des Cha\esm Realgymnasiums Eine Zuschrift Adolf Böhms Herr Adolf Böhm übermittelt uns die folgende Zuschrift: Anläßlich der Feier des „Chajes-Rcalgymnasiums“ möchte ich zur Steuer der Wahr-' heit richtigstellen, daß die Schule vom J fiel i s c h e n Nationalrat gegründet worden ist. Dessen Kultursektion, deren Präsident ich selbst und dessen Sekretär Univ.- Brof. Dr. Bernhard Geiger waren, hat diesen Plan in der Plenarsitzung des Jüdischen Nationalrates vom 16. März 1919 (Bericht darüber: „Jüdische Zeitung“- 1919, Nr. 12, Seite 5) zur Annahme gebracht. Wir haben auch dem Präsidium Prof. Dr. Kellner als Direktor vorgeschlagen und die Verhandlungen mit ihm eröffnet. Zur Führung der Schule wurde im Herbst 1919 der „Jüdische Schulverein gegründet. An die Spitze desselben trat Dr. Ohajes, der von der Eröffnung der Schule an (Oktober 1919), deren Führer wiaa*, wie das j.a bekannt ist. Da die Tätigkeit des Jüdischen Nationalrates in Vergessenheit geraten ist, wollte* ich seinen Anteil an dem Bestände des Chajes-Realgymnasiums in Erinnerung rufen, Jabotinshywill den Mahhabt sprengen Der ’JTA wird mitgeteilt: Im HinbUcK auf die Beschlüsse des Brünner Makkabi-Koagresses, der sich ganz auf den Boden der alten zionistischen Organisation gestellt haf und auf die Konsequenzen, die einige Malekabi-Landesorganisationen (zum Beispiel diel in der Tschechoslowakei) aus den Brünnen Beschlüssen gezogen haben, nämlich daß „die Zugehörigkeit zu der neuen zionistischen Organisation unvereinbar se! mit der Mitgliedschaft des Makkabi“, hat das Exekutivkomitee der NZO. an alle Landesorganisationen der Zionisten-Revisionisteü ein Zirkular mit der folgenden Weisung versandt: In den Ländern jüdischer Ma&sensiedlung, wie Polen, Palästina, Rumänien usw., in denen sowohl unter den Mitgliedern, als auch unter der Führerschaft des Makkabi eine Opposition gegen die Brünner Beschlüsse vorhanden ist, mögeu die Revisionisten diese Opposition verstärken und dahin wirken, daß die betreffenden Landesorganisationen sich gegen die Brünner Beschlüsse! erklären, eventuell ihre Beziehungen zu der in Brünn gewählten Weltleitung des Makkabi abbrechen. In den Ländern, in denen die Landesleitungen auf dem Boden der Brünner Beschlüsse stehen, müssen alle Mitglieder des Brit hazohar und seiner Zweige aus dem Makkabi ausschelden. Diö revisionistische Exekutive! ordnet die Gründung nationaler Sportvereine für diejenigen an, denen die Brünner Beschlüsse ein Weiterbleiben im Makkabi unmöglich gemacht haben. Hebräisch im Postverkehr. Potent nach Palästina Warschau, 21. Oktober« Das polnische Post- und Telegraphenministerium hat ein Rundschreiben an alle Postämter und Postagenturen horausgegebon, in dem festgestellli wird, daß die Adressierung von Sendungen nach Palästina ln hebräischer Sprache und Schrift zulässig ist. Nur die Bezeichnung des Landes muß in lateinischen Lettern geschrieben sein. Das Rundschreiben wurde erlassen, weil in letzter Zelt einige polnischo Postämter für Palästina bosfcimmto hebräisch adressiert© Sendungen zurückgewlesgö faabgOi Zionistische Bezirkssektion Leopoldstadt und Klub Erez Israel, II., Praterstraße 13 Donnerstag, den 31. Oktober 1935, halb 9 Uhr abends KONGRESS DR. OSKAR GRUNBAUM llJ I IITERM« Präsident des Zionistischen Landesverbandes förOesterreidi in blMiBlin« Reinliche Scheidung llllIIBlilllllllilllllllll In unseren Tagen erlebt, die Assimilation