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Die Stimme · 1935-10-29 · Heft 494 (29.10.1935) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 494 (29.10.1935)
Date
1935-10-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 494 — 29. Oktober 1936 Dtl STIMM! Sott« 3 Yizebürgermeister Kresse in zwei Lesarten Wie der „Telegraf am Mittag“ vom 25. Oktober meldet, erklärte Vizebürgermeister Kresse bei einer Versammlung des österreichischen Gewerbebundes, die am 24. Oktober beim „Grünen Tor“ in der Lerchenfelderstraße stattfand, u. a, folgendes: „Oer christliche Staat schließt jede Übervorteilung aus, gleich, ob es sich um Preistreiberei oder um Schleuderer hau delt (Großer Beifall.) Meine Erfahrung zeigt, daß es immer eine und die selbe Sorte von Menschen ist, die solche Dinge treibt und ich werde konsequent alle ausschalten, die sich auf Kosten der bodenständigen Wiener bereichern wollen. (Stürmische Bravorufe.)“ Schließlich erklärte dre Vizebürgermeister Kresse noch: „Keinem ehrlichen Menschen wird ein Haar gekrümmt werde n.“ Diese Rede hat in den Kreisen der jüdischen Gewerbetreibenden Empörung ausgelöst. Es unterliegt keinem Zweifel, daß mit dem Passus, daß es „immer ein und dieselbe Sorte von Menschen ist, die solche Dinge treibt“ und und die der Herr Vizebürgermeister konsequent alle ausschalten“ will und im Gegensatz zu den „bodenständigen“ Wienern stellt die jüdischen Gewerbetreibenden gemeint waren. Was berechtigt den Herr Vizebürgermeister zu dieser Pauschalbeleidigung der jüdischen Gewerbetreibenden? Gerade die jüdischen Kaufleute waren es und sind es weiter, die unermüdlich an der Wieder aufrichtung des jüdischen Wirtschafts lebens arbeiten. Sie waren es auch die dank ihrer ausländischen Beziehungen die zusammengebrochene Wirtschaft wieder in Gang brachten und nicht gerade diejenigen, die heute in Versammlungen als Retter des Gewerbes auftreten. Die jüdischen Gewerbetreibenden sind eines Sinnes mit jenen Kreisen, die auf ge schäftliche Moral achten und für die Ausschaltungen von Schädlingen der Wirtschaft sind. Geschäftliche Anständigkeit ist aber von „Bodenständigkeit“ unabhängig. Jedes Volk hat seine Lumpen und seine Ehrenmänner. Reden aber wie die vorliegende sind nicht dazu angetan, den so notwendigen inneren Frieden zu fördern, auch dann nicht, wenn man das odiose, aus Nazi-Deutschland importierte Schlagwort gebraucht, es werde keinem ehrlichen Men sehen „ein Haar gekrümmt“ werden. Wir wissen ja, daß Hitler den Juden wirklich kein Haar gekrümmt hat. Er bringt sie nur um. Das peinliche Aufsehen, das die wörtlichen Zitate aus der Rede des Herrn Vizebürgermeisters in der Öffentlichkeit hervorgerufen haben, veranlaßten die „R e i c h s p o s t“ zu einem abschwächenden Bericht. Wir lesen in der „Reiohspost“ vom 26. Oktober als wesentlichen Inhalt der Rede u. a.: , „Wenn einmal die Zünfte straff organi siert sein werden, dann wird das Gewerbe aus eigener Kraft mit jenen Leuten abrechnen, die sich auf Kosten anderer bereichern; für derartige Gewerbetreibende ist im Ge werbebund kein Platz und es wird Sorge getragen werden, daß diesen Schädlingen die Gewerbeberechtigung entzogen wird. Nur so kann den Spekulanten und Freibeutern das Handwerk gelegt und den Anständigen der Weg zu einem bescheidenen Wohlstand eröffnet werden. Man muß trachten, den guten Geist, der in zahllosen Handwerkern lebt, in allen zu wecken und allen begreiflich zu machen, was sie in der neuen Zeit zu tun und zu unterlassen haben.— Der Gewerbestand muß eine Auslese ] darstellen; unanständige, unlautere Ge i schäfteleute, gleich, aus welchem Lager sie ] sind, haben im Gewerbebund nichts verloren.“ Damit kann man sich einverstanden er klären, wenn diese Lesart der Rede in die Tat umgesetzt wird und nicht die Lesart des „Telegraf am Mittag“, die authentischer zu sein scheint, weil sie wörtliche Zitate bringt, und wenn eine vollkommen objektive Beurteilung jedes einzelnen Gewerbetreibenden ohne Rücksicht darauf, ob er aus Wien, Leitomischl, Ohio oder Lemberg stammt, Jude oder Christ ist, gewährleistet ist. Die Bestimmungen über die gleichen Rechte aller Bürger sind durch die Bundesverfassung und den Friedens vertrag garantiert und das Bild vom „vorbildlichen Rechtsschutz“, das der Herr Bundeskanzler geprägt hat, muß sich in der Praxis durchsetzen. Es wird Sache der Regierung sein, diesen vom Bundeskanzler verkündeten und durch die Verfassung gewährleisteten rechtlichen Zustand zu sichern und Beleidigungen der jüdischen WTirtsehaftskreise unmöglich zu machen. Die Enteignung der Juden in Deutschland Im „Völkischen Beobachter“ veröffentlicht Dr. Nonnenbruch, der verantwortliche Wirtschafteschriftleiter des Blattes, einen Aufsatz über die jüdischen Geschäfts Verkäufe. Die Zielsicherheit und Wirksamkeit der nationalsozialistischen Politik sei dadurch bezeugt, daß der Rückzug der Juden aus dem Wirtschaftsleben in größerem Umfange eingesetzt hat, und daß irgendwelche beachtlichere Wirtschafts- Störungen sich nicht gezeigt haben. Es heißt dann weiter: „Verhältnismäßig einfach liegt die Frage der jüdischen Geschäfte Verkäufe dort, wo es sich um Kleinbetriebe handelt, etwa um Einzelhandelsgesohäfte. Diejenigen deutschen Volksgenossen, die ein früher jüdisches Geschäft erwerben wollen, können sich an die Beratungsstelle für Geschäftsverkäufe im Einzelhandel wenden, die von der Arbeitsfront eingerichtet worden ist. Der ,Wirtschaftepolitische Dienst1 schlägt vor, daß die jüdischen Verkäufer bei ihrem Auszug aus Deutschland einen Teil des Verkaufserlöses in Deutschland stehen lassen sollen, damit aus dieser Summe Ansprüche, die der Käufer nach Recht und Gesetz an den Verkäufer stellen könnte, befriedigt werden könnten. Es soll so die Möglichkeit, daß der jüdische Verkäufer den deutschen Käufer übervorteilen könnte, ausgescbaltet werden. Es ist ohnehin unmöglich, daß der jüdische Verkäufer den vollen Geldbeutel mit ins Ausland nehmen kann. Die Devisennot verbietet e s. Diese Verkaufserlöse, die im Inlande bleiben, stehen also dem Rückgriff] des Käufers offen, der duroh amtliche Entscheidung als berechtigt anerkannte Ansprüche zu stellen hat. ...Der Einzelhandel ist soweit in örd nung. Anders ist es bei der Ausschaltung des jüdischen Einflusses bei größeren Wer ken. Das ist neben der rassenpolitischen auch eine wrrtsobaftspolitische Frage.“ In diesem Zusammenhang wird der Vor schlag gemacht, daß demjenigen, der ein früher jüdisches Unternehmen aufkauft, die Verpflichtung auferlegt werde, während eines gewissen Zeitraumes keine deutschen in den gekauften Werken beschäftigten Arbeiter und Angestellten zu entlassen. Dieser Zeitraum könnte auf zwei Jahre bemessen werden. Eine zweite Auflage an den Käu fer soll dahin gehen, daß er alle jüdischen Angestellten zu entlassen hat, ihre Stellen aber mit deutschen Volksgenossen besetzen muß. hat. Er wurde an den Füßen gebunden, auf die Erde geworfen und über steinigen Boden gezerrt wie ein Stück Holz ...“ Ein neuer Aufruf Streichers Berlin, 28. Oktober. Der „Stürme r“ veröffentlicht einen neuen Aufruf seines Herausgebers Julius Streicher. Streicher nimmt Stellung zu den Nürnberger Gesetzen und sagt, daß viele nun glaubten, der Kampf gegen die Juden sei damit schon entschieden. Viele glaubten, nun könnten die Waffen und Fahnen in die Arsenale und Zeughäuser gebracht werden. Die so glaubten, waren nur Soldaten, die wohl ihrem Führer Folge leisten, nicht aber teil haben an den Wissen von den letzten Zielen des weitgestreckten Kriegsplanes. Der politische Soldat muß wissen, warum er nicht ruhen und rasten darf. Wer die Rassenfrage als Schicksalsfrage der Menschheit begriffen hat, wird immer ein zuverlässiger Soldat Adolf Hitlers sein und bleiben. Der „Stür tner“ hat eine Millionengefolg schaft um sich versammelt, die diese Er kenntnis in sich trägt. Wer mit dem „Stür mer“ im gleichen Schritt marschiert, ist Kämpfer für die letzten großen Ziele des Volkes im neuen Reiche. Wer sich dem . Stürmer“ entgegenstellt, ist entweder mit Dummheit geschlagen oder offener Feind je nes Geistes, der das Gute will. falsch; Baumgartner wurde nicht im Station selbst, sondern außerhalb desselben getötet. Noch während die ersten Exemplare der „Breslauer Nachrichten“ mit der Nachricht von der Ermordung Baumgartners in den Straßen verkauft wurden, griff die G ehei me Staatspolizei ein und beschlagnahmte sämtliche bereits ausgedruckten Exemplare der Zeitung. Die weiteren Exemplare von diesem Tage enthielten die Nachricht nicht mehr. Die irrtümliche Meldung, daß Baumgartner in Ratibor getötet wurde, ist darauf zurückzuführen, daß am gleichen Tage wie in Breslau, nämlich am 15. September, auf dem Ratiborer Sportplatz ein Fußballmatch zwischen einer Ratiborer und einer Rybniker Mannschaft ausgetragen werden sollte; dieses Match wurde aber in zwölfter Stunde abgesagt, weil das Ratiborer Team nach Breslau gehen mußte. Baumgartner war der Sohn eines Breslauer jüdischen Bürgers, der im Weltkriege auf deutscher Seite gefallen ist. SciiwerhranEter. arbeitsunfähiger Hann verwitwet, mit 3 unversorgten Kindern, bittet edle Menschen um Unterstützung. Die Administration der „Stimme“ ist bereit, Spenden entgegenzunehmen und auszuweisen. Die deutsche Schande „Pariser Tageblatt“ reproduziert den folgen den, an eine Privatperson gerichteten Brief aus der sächsischen Industriestadt Meerane: „.. .Eine nahe Verwandte von mir liegt Im Krankenhaus und wir fürchten, daß sie nicht mit dem Leben davonkommen wird und sie ist noch so jung. Sie wurde eines Tages plötzlich verhaftet und wir hörten längere Zeit nichts von ihr. Da sie völlig unpolitisch ist, standen wir vor einem Rät sei Kurz vor ihrer Verhaftung war im ,Stürmer‘-Kasten ihr Bild ausgestellt, weil sie mit dem Sohn des hiesigen Fabrikanten V. schon seit Iahren befreundet ist. Nach langen Bemühungen gelang es meinen Verwandten endlich, zu erfahren, daß das junge Mädchen im Konzentrationslager wäre und nach einiger Zeit hörten sie, daß sie im Krankenhaus läge. Der Besuch der Kranken wurde verweigert. Dann wurde plötzlich die Haft aufgebobey, weil, meine Verwandte Jeider * lebensgefährlich erkrankt sei; sie lag bandagiert im Bett nnd konnte nur mit Mühe sich vernehmbar machen. Sie war im Lager in der entsetzlichsten Weise geschlagen und gefoltert worden, hatte sogar noch einen Revers zu unterschreiben, daß sie ,gut‘ behandelt worden sei und mußte außerdem ein Protokoll unterfertigen, in dem genau angegeben war, wann und wie sie ,Rassenschande' getrieben habe. Während das Mädchen im Krankenhaus lag, wurde ihr Freund, der gleichfalls verhaftet war und ins Konzentrationslager geschleppt wurde, auf dem hiesigen Friedhof der jüdischen Gemeinde begraben. Er soll regelrecht zu Tode geprügelt worden sein.., Man erzählt sich schreckliche Dinge von den Mißhandlungen, die der junge Mensch erlitten Edmund Baumgartner ist ermordet worden Das Deutsche Nachrichtenbüro hat be kanntlich die durch viele Zeitungen der Welt gegangene Nachricht, daß der junge jüdische Sportler Edmund Baumgartner, der bei einem Fußballmatch in Ratibor, Deutsch-Oberschlesien, als Mitglied eines polnischen Teams aus Rybnik, Polnisch- Oberschlesien, spielte, von der nationalsozialistischen Zuschauermenge angegriffen und tödlich verletzt wurde, glatt abgeleugnet. Von deutscher Seite wur den sogar ausländische Journalisten veranlaßt, nach Ratibor zu reisen um sich unmittelbar von der Unrichtigkeit dieser Auslandsmeldung zu überzeugen. Wie nun die Warschauer Jüdische Telegraphen-Agentur durch eingehende Recherchen feststellen konnte, ist dieses Dementi des offiziellen DNB. irreführend: Der junge Edmund Baumgartner wurde tatsächlich von einer nationalsozialistischen Menge in barbarischer Weise überfallen und so schwer mißhandelt, daß kurz danach sein Tod eintrat. Der Vorfall spielte sich aber nicht in Ratibor, sondern in der schlesischen Hauptstadt Breslau ab. Daß der Vorfall nicht gleich bekannt wurde, liegt daran, daß von deutscher amtlicher Seite sofort alle Maßnahmen ergriffen wurden, damit nichts über ihn in die Öffentlichkeit komme. Wie der Mord geschah Am 15. September d. J. wurde im Stadion zu Breslau vor etwa 50.000 Zuschauern ein Fußballmatch zwischen einem polnischen und einem deutschen Team ausgetragen. Juden war der Zutritt zu den Tribünen als Zuschauer streng verboten. In der polnischen Mannschaft spielte ebensowenig wie in der deutschen ein Jude mit. Als nach Schluß des Match die Menge das Sportfeld verließ, kam es zu Unruhen, als Rufe laut wurden, daß doch Juden „getarnt“ unter der Zuschauer menge sich befanden. Es wurden jüdische Passanten in dem dem Stadion naheliegenden Stadtteil angegriffen und blutig geschlagen. Unter den Angegriffenen befand sich auch Edmund Baumgartner, dessen Verletzungen so schwerer Natur waren, daß er kurz danach verschied. Die „Breslauer Nachrichten“ berichteten noch am selben Tage über diesen Fall und teilten mit, daß Edmund Baumgartner gelyncht wurde, weil er trotz Verbotes des Zutritts von Juden zu den Tribünen doch als Zuschauer dem Match i beigewohat hatte. Diese Begiüaduug jvar 1 geben gilt, hervorragt. Das jüdische Winterhilfswerk in Deutschland Am 24. Oktober wurde in Berlin das jüdische Wintenhilfswerk offiziell eröffnet. Rabbiner Dr. B a e c k hielt eine Ansprache, in der er unter anderem sagte: Vor 36 Jahren war über unsere Brüder im Osten Not und Elend hereingebrochen. Damals hat Chaim Nachman B i a 1 i k ein Gedicht an das jüdische Volk hinousgeschickt, das bewegteste, das erregteste, das er gedichtet hat. Er sagte in den Versen diese« Liedes: „Ruft auf das Volk! Jeden Funken Kraft und Licht, den Gott in die Brust uns gegeben, wir wollen ihn sammeln, alle zusammen fügend zu einem! Richtet auf euer Volk, hebt empor euer Gesohleehtl Holt hervor das Licht!,Holt hervor das Licht!“ Direktor Heinrich Stahl, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, führte aus: Wir schätzen die Zahl der zu Betreuenden in Berlin auf 30.000. Zu diesen kommen aber noch etwa 6000 Menschen hinzu, die wir in unseren Listen nicht erfassen können, weil sie in den letzten anderthalb Jahren aus der Provinz zu uns gekommen und in den meisten Fällen auf unsere Hilfe angewiesen sind. Sie alle sollen betreut werden. Kein Gebender und auch kein Nehmender soll ausgelassen werden. Wir wissen sehr wohl, di;ß eine täglich wachsende Zahl von Menschen kein Einkommen mehr hat. Aber es sind auch solche vorhanden, die sich selbst nicht verschweigen, daß sie noch über Vermögen verfügen. Deshalb mögen sie in diesem Augenblick nicht zulassen, daß andere hungern. Trotzdem wird das alles nicht ausreichen, eine Summe auf Zubringern die in Berlin eineu Millionenbetrug übersteigt. Kohle, Kleidung, Brot und Fett müssen zur Verfügung gestellt werden. Wir wollen dafür sorgen, daß wenigstens einmal in der Woche, vielleicht am Schabbat, ein Stückchen Fleisch im Hause der Armen ist. Für Kinder muß Milch beschafft werden. Für die Bekleidung wird die Kleiderkammer der Gemeinde einstehen. Höher aber als das Materielle jeder Wohlfahrtsbestrebung schätzen wir den moralischen Gewinn, den unbeugsamen Willen, den wir alle haben wollen, und den wir so zum Ausdruck bringen wollen, daß es unsere Brüder in den fernen Ländern hören. Wir woljen nicht nur bezeugen, wir wollen beschwören, daß wir uns der geschichtlichen Größe unserer Aufgabe bewußt sind.“ Das offizielle Abzeichen der jüdisch eh Winterhilfe ist ein blauer Kreis auf weißem Untergründe, in dem sich ein Magen David mit den Initialen JWH befindet und aus dessen Mitte eine brennende Kerze gleichsam als Symbol des Lebens, das es durch die Winterhilfe zu bewahren und weiterzu-

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