Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 493 (25.10.1935)
- Date
- 1935-10-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Salt« 4 Dil ITIMMI Nr. 493 — 25. Oktober 1935 RABENSTEIG3 jjlMMaPfORTOS KOLLN ERHOFG. 1 SÄMTLICHE ARTIKEL IN WÄSCHE UND WIRKWAREN SPOTTBILLIG! FÜHREND IN ETERNA-HEMDEN (von S 680 aufw.) Der Terror dauert fort Hitlers Sklaven Berlin, 21. Oktober. Reichsminister Dr. Goebbels sprach auf einem Kameradschaftsabend im Sportpalast, wobei er auf die Nürnberger Judengesetze einging. Nach einem Bericht des ..Angriff" stellte Dr. Goebbels unter dem Beifall der SA fest: ..Die Judenfrage wird nicht vom einzelnen, sondern nach Gesetzen gelöst, die wir erlassen, weil wir eine antijüdische Regierung sind. Das zu tun, ist uns ein pol itisches Be dürfnis, an das wir von niemandem erinnert zu werden brauchen. Es bedarf dazu aber der Disziplin der Parteigenossen. Es kann nicht jeder so' vergehen, wie es ihm paßt, so ■wenig, wie der Soldat im Kriege selbst bestimmen kann, wann und wo eine Offensive gemacht wird.“ Die Judengesetze im Unterricht Die „Frankfurter Zeitung“ berichtet, der sächsische Volksbildungskommissär habe angeordnet, daß in allen Schulen die Gesetze, die für den Aufbau des nationalsozialistischen Staates erlassen werden, künftig im nationalpolitischen .Unterricht behandelt werden sollen. Aus dem letzten Halbjahr werden unter anderen das Reichsflaggengesetz, das Reichsbürgergesetz und das Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre genannt. Die Juden in den Gemeinden rechtlos Die „Berliner Börsenzeitung“ weist auf die Rückwirkungen hin, die das Reichsbürgergesetz auf das Gemeindebürgerrecht im Sinne des § 19 der Deutschen Gemeindeordnung hat. In dem Artikel heißt es: „Das Gemeindebürgerrecht hat das Reichsbürgerrecht zur Voraussetzung. Bürger der Gemeinde kann also künftig nur sein, wer das Reichsbürgerrecht nach dem Reichsbürgergesetz und den zu erwartenden Durchftihrungsbestimm u n g e n erworben hat. Der Kreis der Gemeindebürger kann in Zukunft nicht mehr über den der Reichsbürger hinausgehen. Allein die Reichsbürger können auch in den Gemeinden Träger des politischen Lebens sein.“ Gaststätte für Alle Wiedereröffnung Samstag II.Taborstr.4 unter neuer Leitung Juden vom Hochschulstudium aus* geschlossen Zur Immatrikulation wird zur Zeit der Nachweis der arischen Abstammung bis zu den Großeltern einschließlich der Vorlage Standes-, beziehungsweise kirchenamtlicher Urkunden gefordert. Abiturienten und Studenten, die sich für das kommende Semester inskribieren lassen -wollen, werden aufgefordert, sich sofort die erforderlichen Urkunden zu beschaffen, da sonst eine Immatrikulation nicht möglich ist. FÜR MÄDCHEN belüjüdischer Familie, akademisch gebildet, musikalisch, häuslich, mit Beruf und Barmitgiff, passende Partie gesucht. Unter «Auch Palästina“. Jüdische Angestellte bis Jahresende zu entlassen Wie die „Frankfurter Zeitung“ mitteilt, sind ansämtlichoarischenFirmon Deutschlands offiziell Weisungen ergangen, ihre sämtlichen . jüdischen Angestellten und Vertreter bis spätestens 31. Dezember d. J. zu entlassen. Das Pressedepartornent der Deutschen Arbeitsfront in Bremen unterstreicht in einer Erklärung diese offizielle Weisung und führt dann aus, die Arbeitsfront erachte es als ihre Pflichtdarauf zu sehen, daß in Zukunft keine arische Firma die Möglichkeit haben soll, jüdische Vertreter mittels Tarnung zu feeschMtigeöi Der letzte Bericht der Deutschen sozialdemokratischen Partei, der den Monat September behandelt, verzeichnet wiederum eine große Reihe antijüdischer Tcrrorfälle, die in fast allen Teilen Deutschlands vorgekommen waren. P f al z: Die Stimmung unter den Winzern des pfälzischen Weinbaugebietes ist denkbar schlecht. Die NSDAP, verbietet den Winzern, ihre Moste an die jüdischen Weinhändler abzug-eben. Wer aber sonst den Wein aufkaufen und — das ist das wichtigste — bezahlen soll, ist nicht geklärt. Die im vorigen Jahr gegründeten Absatzgenossenschaften haben bis jetzt kaum ein Drittel des Geldes für den ihnen im vorigen Jahre gelieferten Wein gezahlt. Die meisten Winzer sind deshalb völlig verschuldet. Die Absatzgenossenschaften verwenden das für den Wein einlaufende Geld nur zur Bezahlung der Angestellten, die natürlich immer „alte Kämpfer“ sind und Gehälter bis zu 500 Mark erhalten. Die jungen Leute aber sind immer dabei, wenn Juden „ausgesungen“ werden sollen. Aber es gibt viele Eltern, die ihren Söhnen verbieten, sich an der Sache zu beteiligen. Die Arbeiter haben es schwer, da sie von den Amtswaltern der Arbeitsfront aus den Betrieben gedrängt werden, wenn sie bei Juden kaufen. Überall sieht man Transparente: „Juden ist der Aufenthalt hier verboten!“ Die Transparente werden, obwohl sie in die Kategorie der verbotenen „Einzelaktionen“ gehören, von den Polizeibehörden geduldet, bestraft wird nur, wer ein solches Plakat beschädigt. In Herxheim war ein jüdischer Viehhändler von einem Bauern aufgefordert worden, zum Verkauf bereites Vieh anzusehen. Der Viehhändler kam auch. Mittlerweile hatten sich vor dem Hause Burschen zusammengerottet, die den Viehhändler mit Hieben davonjagten. Ein anderer Bauer öffnete dem gehetzten Juden sein Hoftor, gab ihm Unterschlupf bis zum Abend und brachte ihn dann in seine Wohnung. Als der Bauer zurückkam, fand er sein Haus von SA.-Leuten belagert. Sie riefen im Spreöhchor: „Heraus mit dem Judenknech t!“ und drangen in das Haus ein, das sie vollständig demolierten. Noch schlimmer erging es dem Wirt vom „D ürkh e im er Faß“. Ihm war gekündigt worden, weil er bei einem Juden Fleisch gekauft hatte. Er legte Beschwerde ein, die abgelehnt wurde, und mußte 8000 Mark an Prozeßkosten zahlen. Er sollte am 1. Oktober das „Faß“ räumen, aber schon unmittelbar nach der Urteilsverkündung versammelten .sich um 9 Uhr abends etwa 800 SA.-Leute vor dem „Faß“ und machten mit Sprechchören einen solchen Skandal, daß die Polizei „gezwungen“ war, das „Faß“ zu schließen. Die Metzgerei des Wirtes am Römerplatz wurde ebenfalls geschlossen. Zum Lohn wurde die SA. in der Kellerei des Wirtes Schuster, des Hauptinteressenten an dem ganzen Kesseltreiben, bewirtet. Nach Mitternacht zog der ganze Trupp vor das Haus des Juden Franz L ö b und rief im Sprechchor: „Heraus mit dem Rassenschände r!“ Es fielen auch zwei Schüsse. Schließlich wurde das ganze Haus durchstöbert, aber Löb nicht gefunden. Die Polizei, die nur einen Steinwurf entfernt ihr Büro hat, schritt nicht ein. Baden: Im Grenzgebiet wurde bis vor kurzem nicht viel von einem Kampf gegen die Juden gemerkt; vor einigen Wochen aber setzte der Kampf mit einer Wucht ein, die überrascht hat. Niemand getraut sich mehr, ein jüdisches Geschäft zu betreten. Besondere Aktivität entfalten die Nazis in M ü 11h e i m, wo der Hauptantreiber der Zahnarzt Dr. Michel ist. Es wird dafür Propaganda gemacht, daß die Juden durch Verweigerung von Lebensrnitteln ausgehungert werden. Seit dom 28. August haben alle Mannheimer Gaststätten das Plakat „.Juden sind unerwünscht“ an den Fenstern angebracht. Der Inhaber des großen Mannheimer jäpeMokals MZur Landjkutsohe“* J. Schlipf, der sich dagegen wehrte, das Plakat anzubringen, wurde in Haft genommen. Der Oberbürgermeister von Freiburg Dr. Kerber läßt alle städtischen Beamten einen Revers unterschreiben, <$iß sie und ihre Angehörigen nichts bei Juclen kaufen, sonst würde fristlose Entlassung erfolgen. Ebenso sei das Grüßen von Juden verboten. In Randegg wurde der jüdische Pferdehändler Karl Wein wegen Rassenschande festgenommen und kurz darauf in das Singener Krankenhaus, von dort wegen der schweren Verletzungen in die Freiburger Klinik eingeliefert. Nach den Berichten seiner Nachbarn wurde er bei der Festnahme von SA.-Leuten durch Haus und Hof gejagt und zweimal angeschossen. Er erhielt eine Arm- und eine Hüftverletzung, die beide schwerer Natur sind. Hessen: In Hessen wurde die Hitlerjugend in den Kampf gegen die Juden eingespannt. Die Kinder werden auf ein Lastauto geladen und schreien im Sprechchor: „Juda verrecke!“, oder sie marschieren durch Straßen, in denen Juden wohnen und singen: „Wenn’s Judenblut vom Messer SEVILLA PASTOR KOMMT spritzt, dann gebt’s nochmal so gut“, oder das andere „Kampflied“: „Köpfe rollen, Juden heule n.“ Die so angestachelten Radauinstinkte toben sich namentlich gegen die weniger geschützten ärmerenJuden aus. In Wiesbaden wird die Entjudung der Geschäftswelt mit allem Nachdruck be-, trieben. Jetzt ist auch das bekannte Kaufhaus Blumenthal in den Besitz des SA.- Sturmführers Krüger übergegangen. Das Modehaus Herz übernahm der SA.-Mann Bender, das Modehaus Gutmann ein gewisser Gibbrich. Wo diese das Geld für den Kauf herhaben, ist unbekannt geblieben. Im Kaufhaus Blumenthal wurden sofort etwa 50 Angestellte, darunter 17 Juden, gekündigt. Der berüchtigte Judenhetzer Beckel übernahm eine jüdische Althandlung, er wurde aber bald darauf wegen Hehlerei zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. In Wetzlar wurde ein Plakat von der SA.-Standarte 88 angeschlagen, das den Riesentitel trägt: „Macht Schluß mit dem Juden!“ Den städtischen Arbeitern und Beamten in Worms wurde mit Entlassung gedroht, wenn sie bei Juden kaufen. Auf dem Lande droht man den Erwerbslosen mit dem Entzug der Unterstützung, wenn sie beim Juden ednkehren. Eine private Schwimmanstalt, die nur von Juden besucht wird, wurde gestürmt und die Badenden aus der Anstalt getrieben. D e r Besitzer wurde in Schutzhaft genommen. Rheinland: In einem kleinen Städtchen wurden zwei Juden wegen „Rassenschande“ verhaftet. Überall wurden Plakate angeklebt, in denen die Bevölkerung auf dieses „fluchwürdige Verbrechen“ aufmerksam gemacht wurde. Und was ist die Wahrheit? Zwei jüdische Viehhändler sitzen in einer Wirtschaft bei einem Glas Bier. SA.- Leute belästigen sie. Es entsteht eine Keilerei, die mit einer Niederlage der SA.-Loutc endet. Die beiden Juden aber werden wegen „Rassenschande“ verhaftet. Die Staatsanwaltschaft aber mußte das Verfahren als gegenstandslos einstellen. Die roten Plakate aber hängen noch immer. Die deutsche Schande. Nachstehend die Schlagzeilen einer einzigen Nazi-Zeitung, des „Hakonkreuzb a n n e r“ in Mannheim, vom August/September: 1. August: „Ein Heidelberger Judo als Rassonschänder.“ 3. August: „Jüdischer Arzt mit seinem Judonliobchen eingesperrt.“ 10. August: „Jüdischer Rassonschänder festgenomjnehj“ 13. August: „Jüdische Sadisten und Rasseschänder.“ 22. August: „Rasseschänder werden ausgerottet!“ 23. August: „Wieder mehrere jüdische Volksverseucher in Haft.“ 26. August: „Rassenschänder in Schutzhaft.“ 28. August: „Rasseschänder Moch in Schutzhaft.“ 5. September: „Zwei jüdische Scheusale.“ 10. September: „Rassenschändor werden ausgerottet.“ 11. September: „Rasseschänder.“ 17. September: „Jude vergewaltigt zwölfjähriges Mädchen.“ 18. September: „Fünf Rasseschänder nach Kislau gebracht.“ 20. September: „Zwei Rasseschänder zur Strecke gebracht.“ Ein jüdischer Redakteur in Ranzig verurteilt Der jetzige Redakteur des „Danziger Echo“, der einzigen jüdischen Zeitung Danzigs, Paul Berm a n, der polnischer Staatsangehöriger ist, wurde vor einigen Tagen wegen eines Artikels, in dem er die Judenpolitik der Hitler- Regierung kritisiert hatte, verhaftet und nun vom Schnellgericht wegen „Be sch im pf u n g“ der deutschen Regierung zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Das Urteil erregt Sensation, da jeder weiß, daß von einer „Beschimpfung“ keine Rede sein kann. Berman ist schwer krank. Das Urteil wird wahrscheinlich den Völkerbund beschäftigen. Der Wortbruch im Saar- Gebiet Gautier St. Ambroise veröffentlicht Im! „Pariser Tageblatt“ einen „Brief aus der Saar“, in dem ein völliges Versagen des Obersten Abstimmungsgerichtes in Sachen der Juden festgestellt' wird. Das Gericht sieht nicht nur zu, wie Vermögensforderungen der Saar-Emigranten unerfüllt bleiben, es sieht auch untätig zu, wie die in Genf übernommenen feier-. liehen Verpflichtungen des Dritten Reiches, daß kein Bewohner des Saar-Gebietes eine Schlechterstellung wegen seiner politischen Überzeugung, wegen seiner Rassenzugehörigkeit oder wegen seiner Religion erfahren darf, täglich verletzt werden. Alle Juden, die finanziell dazu in der Lage waren, sind ausgewandert. Kaum zehn Prozent sind zurückgeblieben. Die Synagogen in Saarlouis, Spiesen, Neunkirchen usw. stehen zum Verkauf, weil die Kultusgemeinden die Unterhaltungskosten nicht mehr aufbringen: können. Alle Schikanen sind erlaubt, jeder’ Gang zu den Behörden bringt neue Schwierigkeiten. Die Juden müssen ihren Ge-i schäfts- und Grundbesitz zu Spottpreisen verkaufen. Die Hetzo gegen die Juden läßt sich im Druck nicht wiedergobon, wenn man die pornographische Schreibkunst eines Julius Streicher nicht zur Anwendung’' bringen will. Dio früheren „liberalen“ Zeitungen, voran dio „Saarbrücker Zeitung“, machen heute in schlimmstem Antisemitismus. Beleuchtung der Höhenstraße — Safety first In richtiger Erkenntnis der außerordentlichen Bedeutung, welche der guten und zweckmäßigen Beleuchtung für dio Verkehrssicherheit zukommt, wurdo auch für Qino durchaus zoitgeinäßo Beleuchtung der neuen Ilöheußtraßo Sorge getragen. Daß zu lösendo Problem war durch die zahlreichen Kurvon und dio Forderung unbedingter Blendungsfreiheit und größter Gleichmäßigkeit im vorliegenden Pall bosondors schwierig. Dio voll befriodigondo und vom technischen Standpunkt intcrossanto Lösung wurdo durch dio „Abteilung für öffentliche Beleuchtung“ des Magistrates der Stadt Wien zur Ausführung gebracht. Selbstverständlich wurden auch hier ausschließlich österreichische Lieferanten und hnimischcß Fabrikat herangozogen. Dio vorwendeten T u n gß r a m- Lampen gehören der gleichen IIochwatt-Typo an, wie sie iu der Wiener Straßenbeleuchtung in Benutzung stehen. Dio Höhenslraßo wird bis 11 Uhr nachts unter Vollbolouchtung gehalten, nach 11 Uhr bleibt jede 3. Lampe in Betrieb, wodurch immerhin noch eine aus-< reichende Helligkeit ßichcrgestellt lat,