Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 493 (25.10.1935)
- Date
- 1935-10-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jfc m - SS. i»B@r 1935 Dil STIMM! Seit« 3 Begegnung mit Henrietta Szold Von Dr, Jakob Kosenthal „Lomer all in onem, all In enem, Miss ) Szold mekabel panim sein.. (Aus einem Bericht der „Jüdischen Rundschau“, Berlin.) So klang es vor einigen Wochen in den Räumen des jüdischen Kinderheimes „A h a w a h“ in Berlin, das gemeinsam mit dem Berliner Palästina-Amt und der „Jüdischen Jugendhilfe“, einer Selbsthilfeorganisation der jüdischen Jugend Deutschlands, eine Arbeitsgemeinschaft für Palästina bildet. Dieses ostjüdische Willkommenslied aus den Kohlen der Jungen, die sich gleich ihren vielen Brüdern und Schwestern, die bereits in Palästina sind, für die Jugend- Alijah nach Erez Israel vorbereiten, galt jener Frau, die man mit Fug und Recht als die Mutter der deutschjüdischen Kinder und Jugendlichen in Palästina bezeichnen kann, jener greisen Frau, die ein Menschenalter lang sich nur dem Ziel der Hilfe und Linderung von Not widmet, Miss Henrietta Szold. Wer ist Miss Szold? Die große Vorkämpferin der zionistischen Frauenbewegung in Amerika, die Schöpferin der auf sozialmedizinischem Gebiet bahnbrechenden „H ad as sa h“, die Initiatorin der sozialen Fürsorge für die russischen Flüchtlinge, die der Strom des Judensohicksals noch vor 50 Jahren aus Rußland nach Amerika hinüberspülte, und die nun jetzt als Fünfundsiebzigjährige mit jugendlichem Elan das schöne Werk der deutschen Jugend-Alijah, der Überpflanzung jüdischer Jugendlicher aus der Haß- und Peinsphäre ihrer bisher! gen Wohnstätte in die freie Luft Palästinas so erfolgreich durchführt. * Wenn man im Jordantal Daganjahs, auf den Fluren von Ejn Charod, in den schönen weiten Gartenanlagen Ben Schemens und auf den Hügeln von Giwath Brenner bei Rechowoth jungen Juden begegnet, jüdische Jungens und Mädels emsig und eifrig bei 'der Arbeit oder froh und heiter einen Reigen aufführen sieht, so weiß man: Es sind dies Mitglieder der Jugend- und Kinder- Alijah, jener segensreichen, schöpferischen Institution, der Miß Henrietta Szold ihre ganze Erfahrung, ihr ganzes reiches Können und ihre große Liebe zu Volk und Land geschenkt bat. Nur die Gemeinschaft der Eltern dieser Kinder und jene, die für das Schicksal der Juden im Reich sich verantwortlich fühlen, können es ermessen, was diese Verpflanzung jüdischer Jugendlicher imd Kinder in das freie Erez Israel für diese Menschen Belbst und für die ganze deutschjüdische Gemeinschaft bedeutet. Denn nur eo ist es zu verstehen, welch übergroße Liebe der tatkräftigen Frau, die diese Aktion eo erfolgreich leitet, bei ihrem küirzilichen Aufenthalt in Deutschland von der gesamten jüdischen Bevölkerung Berlins entgegengebracht, mit welch großen und vom Herzen kommenden Ehrungen diese Frau dort überhäuft wurde. Es ist die Frau, vor der jede Kritik schweigen, vor der jede innerjüdische Differenz verstummen muß. So wurde sie von allen jüdischen Parteien und Gruppen Berlins gefeiert und geehrt als die Mutter der 800 Kinder und Jugendlichen, die bereits in Palästina untergebracht sind und der vielen Hunderte, die darauf mit Sehnsucht warten. •i* * 4c Auf ihrer Rückreise nach Palästina hielt sicli Frau Henrietta Szold kurze Zeit auch in Wien auf. Ich hatte das Glück, dieser gütigen und edlen Frau, die wohl zu den markantesten Erscheinungen der jüdischen Renaissancebewegung gehört, knapp vor ihrer Abreise zu begegnen und sie auf ihrer Fahrt nach Triest ein Stück Weges zu begleiten. Während der Fahrt wird Frau Szold nicht müde, von den Eindrücken ihres jüngsten Aufenthaltes in Berlin zu erzählen. „Es ist einfach ergreifend, zu sehen“, erzählt Frau Szold, „mit welch innerer Kraft, Haltung und Willen zur Selbsthilfe die deutschen Juden ihr Geschick tragen. Ich hatte Gelegenheit, die deutschen Zionisten an der Arbeit zu seihen, ihren Sitzungen und Kundgebungen beizuwohnen, SEVILLA PASTOR KOMMT gerade in den schwerem entscheidenden Tagen. Mutig und männlich, kraftvoll und würdig besprachen die verantwortungsvollen Führer der Zionisten die Situation, vor die die deutsche Judenschaft gestellt wurde, und erörterten die Fragen der Selbsthilfe und Lösung. Ich mußte in jenen Tagen, wenn ich diese Menschen an der Arbeit sah, oft an den englischen Satz denken: ,Sweet are the uses ofadvers i t y.‘ Im Laufe meines Besuches konnte ich den gewaltigen Fortschritt der jüdischen Selbsthilfe, insbesondere auf dem G ebiete der jüdischen Schule, feststellen. Es ist seit meinem letzten Besuch in Deutschland vor zwei Jahren Gewaltiges auf diesem Gebiete von den deutschen Juden geschaffen worden. Und noch immer wird an dem Ausbau des deutschjüdischen Schulwesens gearbeitet. Das deutschjüdisohe Kind und der deutschjüdische Jugendliche finden in den bereits sehr zahlreichen jüdischen Schulen aller Typen und Kategorien ihr Heim.“ Ich lenke das Gespräch auf das Lieblingsthema der Frau Szold, auf die Jugend- Alijah, deren erster Grundgedanke, wie sie sagt, von Frau Recha Freier, Berlin, ausgegangen war. „Bisrnim“ — erzählt Frau Szold weiiter — „sind seit Februar 1934 750 Kinder im Wege der Jugend- und Kinder-Alijah (auf Grund der von der Palästina-Regierung besonders zur Verfügung gestellten Jugendzertifikate) nach Palästina gebracht worden. Die Kinder lind Jugendlichen im Alter von 15 bis 17 Jahren werden in Palästina sowohl in der Kinder- und Jugenderziehungsanstalt Ben Schemen, als auch in einer Anzahl von Kwuzoth untergebraebt. Besonders interessant ist der Prozeß der Eingliederung der deutschen Jugendlichen in die kollektiven Siedlungen, in die Kwuzoth. So vor allem in Daganiah, das etwa 60 Mitglieder der Jugend-Alijah hat, in Ejn Charod und schließlich in Giwath Brenner, das auch sonst zu einem großen Teil von deutschen Chaluzim besiedelt ist. Die Einordnung der Jugendlichen in das Leben und in die Arbeit der Kwuzah erfolgt in sehr zufriedenstellender Weise. Die neuen Jugendlichen fühlen sich bald der Siedlung verbunden und nehmen am Schicksal ihrer neuen Heimatstätte regsten Anteil. Für die Siedlung wieder bedeuten die deutschjüdischen Jugendlichen zweifellos eine frische Z u f u h r von Idealismus, jugendlicher Begeisterung und jugendlichem Eifer. So ist von dieser Seite aus die Einordnung und Eingliederung der jüdi sehen Jugendlichen aus Deutschland ein einziger bestechender Erfolg.“ „In diesem Zusammenhang muß eines feetgehalten werden“ — und auf dieße Feststellung legt Frau Szold besonderen Wert- „Ohne die Institution der Kwuzah, ohne das Bestehen der chaluzischen Siedlung in Palästina gäbe es auch keine erfolgreiche Jugend-Alijah.« Bis jetzt sind insgesamt 53.000 Pfund für die Jugend - Alijah aufgebracht worden. Fast unmöglich wäre es aber gewesen, die Mittel für eine private Unterbringung ,von 800 Kindern aufzubringen. Abgesehen davon, daß diese Jugend lange nicht von jenem Geist der Gemeinsamkeit, der Volks Solidarität erfaßt und beeinflußt wäre, wie dies in so reichem und schönem Maße in der Kwuzah der Fall ist. Selbstverständlich genießen die Jugendlichen von der Jugend- Alijah in den Kwuzoth außer ihren praktischen Arbeiten, die auf vier Stunden im Tage verteilt werden, auch einen vierstün digen theoretischen Unterricht, der ihnen nebst den theoretischen Fachkenntnissen auch die Erlernung der hebräischen Sprache und jüdisches Wissen vermittelt. Recht bemerkenswert ißt die Tatsache, daß die Mitglieder der Kinder- und Jugend-Alijah, die ihre für zwei Jahre berechnete Lernzeit in den Kwuzoth verbringen, nach Ablauf dieser Zeit selbst zu entscheiden haben, ob sie weiter das Leben in der Kwuzah führen oder.in die Stadt ziehen, ob sie diesen oder jeden Beruf ergreifen wollen. Höchßt charakteristisch für den Geist, der diese jugendlichen Menschen, aber auch ihre älteren Gastgeber in den Kwuzoth beseelt, ist es, daß die meisten in den Kwuzoth lebenden Mitglieder der Jugend- Alijah die Frage ihres weiteren Verbleibens dortßelibst mit einem kräftigen Ja beantworten. So eng und schicksalsverbunden fühlen sie sich mit der neuen Erde, mit dem neuen Boden Daganiahs, Ejn Charodas und den Hügeln des Giwath Brenner.“ „Die deutsche Jugend-Alijah“, verzeichnet Frau Szold mit allem Nachdruck, ,yhat sich als die beste v o r ch a 1 uz i s ch e Institution erwiesen. Sie ist die neue Kraftquelle für weitere große Teile der jüdischen Jugend aus Deutschland, die heute noch nicht das Glück haben, in Palästina zu sein. Für die nächste Zeit hofft man weitere 450 Jugendliche im Wege der Jugend-Alijah nach Palästina bringen zu können. Mit ihnen wird neues, wertvolles Schon Kinder sollen die Zähne mit O DOL- Zahnpasta pflegen. ODOL-Zahn pasta erhält die Zähne schön und gesund m m«! IDÜS \€ Kleine Tube S — .90 Große Tube S 1.40 Jüdische Jugend aus Deutschland in Giwath Brenner Menschenmaterial dem Erlösungswerk in Erez Israel zugeführt. Die Jugend- und Kinder-Alijah birgt natürlich in sich auch viele Probleme. Eines vielleicht der wichtigsten ist, daß man die Jugend-Alijah nicht nur wie bisher auf Fünfzehn- bis Siebzehnjährige, sondern schon auf Dreizehn- bis Vierzehnjährige erstreckt. Es sind bereite Pläne ausgearbeitet, um diesen Jahrgang, der in schultechnischer Beziehung seine eigene Probleme hat, in den Kreis der Jugend-Alijah einzubeziehen.“ * $s 4$ Frau Szold ist voll neuem Arbeitswillen, neuen Plänen und neuen Streben erfüllt. Das Sinnen und Trachten dieser Frau, die ihr Leben lang durch ein glückliches Geschick die Kraft hat, unsägliches Leid zu lindem und Not zu stillen, und die a-uoh heute.das weite Gebiet der sozialen Fürsorge in Palästina mit Kraft und Energie betreut, ist auf die Zukunft des Volkes gerichtet. Ihr warmes, edles Herz schlägt für die jüdische Jugend, das jüdische Kind, die sie mit der großen, allumfassenden Liebe einer Mutter umgibt. Und groß, wie ihre Mutterliebe zoim Kinde, ist die Liebe, die ihr selbst von den Kinderherzen entgegensohlägt. „Wer ist Miß Szold?“ Auf diese Frage hat kürzlich ein Kind in Berlin kurz und bündig die Antwort gegeben: „Das ist doch die Frau, die uns alle nach Palästina bringt!“ Und so spricht von ihr mit Dankbarkeit und Ehrfurcht das deutschjüdische Kind in Ben Schemen, der Jugendliche im Emek und der befürsorgte Mittelständler in Tel-Aviv, der mit seiner Familie ohne Kapital ins Land gekommen ist, nun ohne Arbeit und ohne Mittel diasteht, und nur durch die mildtätige Fürsorge der Frau Szold sein Dasein zu fristen vermag. Und in Liebe und in Ehrfurcht sprechen auch die Erwachsenen den Namen Henrietta Szold aus. Ehe ich das Coupe dietr Fraiu Szold verlasse, erinnere ich mich an den großen' und starken Eindruck eines Kongreßvormittags in Luzern. Es war das stdmimungsvollßte Bild des letzten Zionistenkongresses. Am zweiten Kongreßtag hatte Henrietta Szold ihr mit Spannung erwartetes Referat über Jugend-Alijaih und Erez Israel gehalten. Wenige Referate hatten den Kongreß so sehr in den Bann zu ziehen vermocht, wie diö Ausführungen dieser stillen und bescheidenen Frau mit dem interessanten, feinen, weißen Kopf. Nur Dr. Weizmann, der den Vorsitz führte, konnte mit seinem für besondere Ereignisse stets abgestmuntan Sinn jener Stimmung entsprechenden Ausdruck verleihen. Uud nur der Scharm dieses Mannes konnte auch dio richtige Form finden. Sinnvoll und bezieluingsreioh war das, was jetzt folgte. Der ganze Kongreß erhob sich von den Sitzon, jubelte der Rednerin zu und feierte sie mit minutenlangen Ovationen. Dr. Weizmann beglückwünschte Henrietta Szold zu ihren großen Taten und obendrein zum 75. Geburtstag, der gerade auf jenen Tag fiel, indem er ihr einen herrlichen Rosenstrauß überreichte und dabei die beziehungsreichen Worto sprach: Frau Henrietta Szold bietet den Beweis, daß auch Zionisten bisweilon Roßen auf d o n Weg gestreut worden... Der Zug, der Henrietta Szold dem Lande näher führt, in dem ihrer neue Arbeit, neuer Segen harren, rast längst durch das Dunkel der Nacht. Ich aber muß an dio duftenden Rosen aus den Wundergärten des Jordantales, aus Daganjah und aus Chefzibah am Fuße des Oillmah denken, die eine dankbare Jugend wohl bald auf den Weg der Szold Streuen wird.