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Die Stimme · 1935-10-15 · Heft 490 (15.10.1935) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 490 (15.10.1935)
Date
1935-10-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 20 g V. t». b» Sr. 490 | Wien, 15. Oktober 1935 | KCTkJS | (»7- Tlschrl S696) | 9. Jahrgang REICH OFEN IV. Preßg. 28 b 20-2-38 I. Parkring 12 R 20-3-57 JÜDISCHE ZEITUNG Das Märchen vom jüdischen Richter Brodsky Gestapo verhaftet deutsche Judenführer ..■■■.................. Politische Laubhütten Ein beziehungsreiches jüdisches Fest ist ins Land gezogen: Sukkoth, das Fest, das uns daran erinnert, daß unsere Vorväter in ihrer vierzigjährigen Wüsten Wanderung in labilen, für den Tag gebauten Hütten wohnten. Nie noch war dieses Fest im Laufe der letzten Jahrhunderte so beziehungsreich wie gerade jetzt unter dem unmittelbaren Eindruck der Katastrophe der deutschen Juden. Zu Rosdh-Haechanah und zu Jom Kippur rollten in den Synagoge^ Berlins erschütternde menschliche Tragödien qb. Nach außenhin kamen sie nur in den besorgten Mienen der Beter, in ihren Seufzern und Tränen zum Ausdruck. Aber innerlich, da hat “eich so manches Herz zusammengekrampft, wurde so manche Selbstanklage laut, gelobten tausende Lippen Buße, Umkehr und Rückkehr zum Judentum. Das ist ja das Erschütternde an der Tragödie des deutschen Judentums, daß hier Menschen leiden, die nicht verstehen, warum sie leiden, weil ihnen der Begriff des Judeseins und damit jeder Zusammenhang mit dem Geist und dem Sinn der jüdischen Geschichte abhanden gekommen oder bisher nicht klar geworden äst. Nie noch hat eine geistige Richtung bessere Absichten gehabt, als die gerade in Deutschland von Moses Mendelssohn propagierte Assimilation, und doch hat sie dem Judentum einen fast tödlichen Schlag versetzt. Sie mußte es wider Willen tun, weil ihre Grundlagen auf dem Flugsand einer gerade Mode gewordenen Geistesrichtung beruhten, die von der Französischen Revolution her ihren Ausgang genommen hatte. Max Nordau hat einmal treffend gesagt, man ha.be den Juden die Emanzipation nicht ihrer schönen Augen zuliebe gegeben, sondern nur deswegen gegeben, weil man eben Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit für alle Menschen predigte. Da man damals noch nicht so tief gesunken war, um die Juden als Flöhe, Wanzen, Untermenschen und Köterrasse zu denunzieren — damals schöpfte man Wissenschaft noch aus wissenschaftlich erhärteten Argumenten und nicht aus einem Parteiprogramm — waren eben die Juden noch Menschen, ebenso im Ebenbild Gottes geschaffen wie Angehörige der anderen Völker. Die Verfechtung der Gleichheit auch der Juden war sicher kein Fehler der Assimilation. Die Gleichberechtigung der Juden wurde und wird mit Fug und Recht verlangt. Die Todsünde der Assimilation aber bestand darin, daß sie das Judesein über Bord warf, sobald im Reichsgesetzblatt die Gleichberechtigung gedruckt stand, oder das Judesein zu einer Angelegenheit für die hohen Feiertage, K a d d i s c h s a g e n, Hochzeiten und Begräbnisse degradierte. Die furchtbaren politischen Folgen büßen heute die Enkel und die Urenkel. Deswegen Ist das Laubhitttettfeat so b^ehungßredch Berlin, 11. Oktober. Am Jom Kippur ist hier Rabbiner Doktor Leo Baeck, der Präsident der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, von Beamten der Berliner Gestapo in Haft genommen worden. Er wurde 24 Stunden lang in dem berüchtigten Columbia-Haus gehalten und dann freigelassen. Es verlautet von deutscher Seite, daß diese Verhaftung wegen einer von Dr. Baeck im Namen der Reichsvertretung der Juden in Deutschland an die deutsche Judenheit erlassenen Botschaft, die während des Jom Kippur-Gottesdienstes in allen Synagogen Deutschlands zur Verlesung . gelangen sollte, erfolgt war. Die geheime Staatspolizei hat denn'auch durch telegraphische Instruktionen an sämtliche Polizeibehörden der deutschen Städte die Verlesung dieser Botschaft in den Synagogen im letzten Augenblick verhindert. Die Botschaft hatte die Form eines .Gebetes der Judenheit um Hilfe in der Not, war also rein religiösen Charakters, doch Jerusalem, 10. Oktober. Die arabische Presse meldet, daß der Plan der Einsetzung eines Legislative Council für Palästina bis zur Klärung der internationalen Lage zurückgestellt worden sei. „Felestin“ behauptet, die Besprechungen über die Schaffung eines Legislative Council seien unterbrochen worden und würden geworden und wühlt die jüdischen Herzen auf, wiie noch selten. Gewiß, das Judentum hat auch in anderen Zeiten Katastrophen erlebt und die Vernichtung großer jüdischer Massen in verschiedenen Ländern schaudernd erlebt. Wie groß ist aber der Unterschied zwischen jenen Juden in den Gemeinden am Rhein, die zur Zeit der Kreuzzüge „ins Feuer und ins Wasser gingen zur Verherrlichung Seines Namens“, die in unseren Tagen zu ungezählten Tausenden in der U k r a i n o von entmenschten Horden niedergemetzelt wurden und der heutigen Generation. Dort Menschen, denen Religion und Volkstum eine unzerstörbare Einheit waren und hier irregeführte Menschen, an denen sich die Entgeistigung und Verzerrung dos Juden tumbegriffes durch ihre Väter und Großväter bitter rächt. Dort Menschen, die wußten, daß sie für ihr Volk litten, hier Menschen, die man für verantwortlich für ihr Judentum hält, von dem sio wenig oder nichts wußten oder wissen wollten. Dort Menschen, für welche die Gebete für Zion die Erlösung im Lande der Väter erflehen, hier Menschen, denen Geschichte, Sprache und Gebete ihres Vaters ein mit sieben Siegeln verschlossenes Buch waren. Dort Menschen, die wußten, »daß de in aohw.aakeadeo Laubwar auch in ihr von der Unter d r ii kkung der Juden die Rede. Sie endete mit der Bitte um Läuterung der Herzen. Dr. Hirsch verschollen Mit Dr. Baeck sollte auch der geschäftsführende Direktor der Reichsvertretung, der frühere Ministerialrat Dr. Otto Hirsch, am Jom Kippur in Haft genommen werden, doch weilte Dr. Hirsch zufälligerweise außerhalb Berlins und kam erst am 9. Oktober zurück. Er wurde sofort in Haft genommen und bis heute noch nicht freigelassen. Seine Angehörigen und die .jüdischen Behörden w i s*-' sen nicht einmal, wohin er von den Gestapo-Beamten gebracht worden ist. Die Verhaftung der beiden obersten Leiter der Reichsvertretung der Juden in Deutschland hat auf alle jüdischen Kreise in Deutschland konsternierend gewirkt. Die Zeitungen durften über den Fall nicht berichten, so daß erst erst wieder aufgenommen werden, sobald die internationale Lage übersichtlicher geworden sei. Die Zeitung weiß ferner zu melden, daß High Commissioner Sir Arthur Wauchope erst nach Beendigung seiner Verhandlungen mit den Ministerien für die Kolonien und für Krieg zurückkehren werde. hütten auch in ruhigen Zeiten lebten, hier Menschen, die ihre politischen Kartenhäuser für festgefügte, vor allen Stürmen und Angriffen Schutz bietende Festungen hielten. Heute sehen die Juden Deutschlands und auch die Juden in anderen Ländern, daß ihre ökonomischen, politischen und geistigen Festungen schwankende Laubhütten sind. Urplötzlich stehen sie ohne Haus und Heim, ohne geistige Fundierung einsam da. Das ist die große Tragödie. Einsam sind die deutschen Juden, aber doch nicht verlassen. Juden haben für sie ein festes Haus gebaut und nicht ihre falschen Freunde: Juden, oft verlacht und verhöhnt, Theodor Herzl und seine Jünger, die Zionisten. Die deutschen Juden erkennen heute, daß in Deutschland ihre Laubhütten stehen, ihre festen Häuser aber in Erez Israel. Letzter Trost und einzige Hoffnung ist ihnen Erez Israel. Ihnen und allen Juden in der ganzen Welt, die heute aus der Erstarrung ihres jüdischen Herzens erwachen. Allen Juden? Noch immer gibt es Juden, die sich gleich Ertrinkendon an die Strohhalme der Assimilation klammern, die nicht hören und nicht sehen wollen, oder ohnmächtig ihr Gift gegen den Zionisjmmi yerspritzeiij der .einzig und allein da* nacli und nach die erschütternde Tatsache durch Mitteilung von Mund zu Mund bekannt geworden ist. Es ist dies das erstemal, daß Nationalsozialisten sich an Persönlichkeiten der obersten jüdischen Führung in dieser Weise herangewagt haben; die Verhaftung des leitenden Rabbiners, noch dazu am höchsten religiösen Feiertag, wird als ein neuerlicher krasser Eingriff in das innerreligiöse Leben der Juden empfunden. Bodenkauf durch Ausländer in Transfordanien zulässig?> Jerusalem, 10. Oktober. Einer bisher offiziell noch unbestätigten Meldung zufolge ist die Regierung von Transjordanien mit der Ausarbeitung eines Gesetzes beschäftigt, das die Möglichkeit der Registrierung von Grund und Boden auf den Namen von Ausländern vorsieht. Ein arabischer Boden« makler aus Palästina hat vor einigen Tagen bei Amman ein Grundstück von 270 Dunam in der Erwartung angekauft, daß die Regierung den Kauf auf Grund des neuen Gesetzes bestätigen werde. Wegen Schafarblasens an der Klagemauer verhaftet Jerusalem, 10. Oktober. Am Ausgang des Jom Kippur hat der, Jugendliche Schragia H a i k i n, ein vor kurzem aus Kaunas nach Palästina gekommenes Mitglied des Bnith Trump eldor, an der Klagemauer den Scholar geblasen. Die Polizei, die hierin eine Verletzung der Bestimmungen über die Erhaltung des Status quo an der Klagemalier erblickte, nahm Haikin in Haft. zu ausersehen ist, auch sie aus den Laubhütten zu retten, die ihnen über den Kopf zusammenbrechen. Wir wollen nicht mit diesen Juden reellten. Wir wollen Nadelstiche gegen den Zionismus, ihre Verunglimpfungen, ja ihre Denunzationen nicht beachten und unseren schweren Weg des Palästinaaaufbaues unbeirrt weiter gehen. Wir* sind dazu ausersehen, dem jüdischen Volk ein festes Haus zu erbauen. Mögen andere politische Laubhütten bauen. Wir fußen in der Ewigkeit des jüdischen Volkes und wollen für die Ewigkeit ein festes Haus für alle Söhne unseres alten Volkes bauen. Wir wollen noch in unseren Tagen das Laubhüttenfest feiern, das neben dem Pessachfest das nationale Fest der Befreiung sein wird aus der zwei tausendjährigen Not der Galuth. VII., UAISERSTRASSE 123 ★ IX., ALSERSTBASSE 6 Legislative -Plan zuriickgestellt 1

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