Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 489 (11.10.1935)
- Date
- 1935-10-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Mf 6 Oll STIMMI Nr. 489 — 11. Oktober 1935 Eine Rede Roosevelt San Diego, 6. Oktober. Der Präsident der Vereinigten Staaten, Franklin Roosevelt, hielt anläßlich der Eröffnung der Internationalen Ausstellung in San Diego vor 60.000 Menschen eine Rede an die amerikanische Nation, in der er erklärte, die Vereinigten Staaten seien fest entschlossen, sich allen künftigen Kriegen fernzuhalten. Diese Entschlossenheit, fügte Präsident Roosevelt hinzu, könne allerdings die Amerikaner nicht hindern, Teilnahme zu empfinden, wenn Ideale und Grundsätze, die in den Vereinigten Staaten gepflegt werden, verletzt würden. Roosevelt erwähnte bei dieser Gelegenheit religiöse Verfolgungen und die Verweigerung des Prinzips der Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz außerhalb der Vereinigten Staaten. Diese Ideale und Grundsätze seien untrennbar mit dem amerikanischen Nationalcharakter verbunden. „Obwohl es nicht unserer Rechtsprechung untersteht“, fuhr der Präsident fort, „wenn andere Länder Gesetze einführen, die mit unseren Anscha-u- * ungen unvereinbar sind, so ist man hier doch in dem Glauben, daß Religion und ihre Ausübung nur durch Vernunft und Überzeugung, nicht aber durch Gewalt und Zwang bestirnt werden kann.“ Wenn auch Präsident Roosevelt es vermieden hat, direkt auf das deutsche Regime und auf die Nürnberger Judengesetze hinzuweisen, so haben sich doch alle seine Hörer verstanden, daß er mit seinen Worten eine .Verdammung der Judenverfolgungen und der religiösen Verfolgungen in Deutschland Überhaupt, speziell aber der Nürnberger 'Judengesetze aussprechen -wollte. Protest der Jüdischen Frontkämpfer Frankreichs Der Bund jüdischer Frontkämpfer Frankreichs hat an den Völkerbund eine Eingabe gerichtet, in welcher er schärfsten Protest gegen die neuen deutschen Judengesetze einlegt. In dem Protestsohresben der französischen jüdischen Frontkämpfer wird daran erinnert, daß während des Krieges 90.000 in der deutschen Armee zum Felddienst eingerüokt waren. Von ihnen sind 12.000 auf den Schlachtfeldern gefallen. Der Bund der jüdischen Frontkämpfer Frankreichs appelliert an den Gerechtigkeitssinn des Völkerbundes und foidert die Liga auf, gegen diese „barbarischen Maßnahmen“ aufzutreten, welche „eine Herausforderung der zivilisierten Menschheit“ darstellen. Protestresolution der Linzer Kultusgemeinde gegen die deutschen Judengesetze Zu Beginn der am 1. Oktober abgehaltenen Sitzung des Kulfcusvorstandes wurde folgende Protestresolution angenommen: „Die schwere Bedrückung und die unmenschliche, an das tiefste Mittelalter erinnernde Behandlung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland, ihre soziale und politische Ächtung, der gegen sie systematisch geführte wirtschaftliche Vernich tungskampf und die Sanktionierung ihrer Entrechtung durch die Gesetzesbeschlüsse des Nürnberger Reichstags haben in der jüdischen Bevölkerung Mitgefühl und tiefste Entrüstung ausgelöst. Die österreichische judenschäft protestiert gegen die zur Begründung der judenfeindlichen Maßnahmen vorgeeohützten, unwahren und böswilligen, gegen die gesamte Judenschaft erhobenen Anklagen. Sie richtet an das durch den Völkerbund repräsentierte Weltgewissen, an alle an der Spitze der Staaten stehenden verantwortlichen Männer den Appell, die gegen die Juden gerichteten deutschen Gesetze, die ihnen zugrundeliegenden Motive und Ziele als den Grundsätzen der Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Wahrheit und Kultur widerstreitend zu verurteilen, und erklärt sich feierlich mit allen Bestrebungen solidarisch, die einer Beseitigung der der gesamten Judenschaft angetanen Schmach herbeiführen wollen.“ Kuitusgemeindewahlen in Linz Wie bereits verlautbart wurde, finden die Wahlen der Vertretung der Kuitusgemeinde am Sonntag, den 27. Oktober 1935, in der Zeit von 9 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr statt. Proklamation des neuen Jüdischen Parlamentsklubs in Polen Warschau, 8. Oktober. Die Abgeordneten Rabbiner Jizchak R u b i n s t e i n und Dr. Emil S o m m e rstein sowie Senator Prof. Dr. Moses Schorr, die sich soeben zum Jüdischen Parlamentsklub in Polen zusammengeschlossen haben, erlassen folgende „Proklamation an dag Jüdische Volk“: „Juden! Wir haben heute für Sejm und Senat einen Jüdischen Parlamentsklub als die nationale Vertretung gebildet, die unter Fortführung der bisherigen unabhängigen jüdischen Politik auf der Wacht stehen wird und für unser Recht und die unseren Beschwerden, unseren Bedürfnissen und unseren Forderungen Ausdruck verleihen wird. Die neue Wahlordnung hat es unmöglich gemacht, der dreieinhalb Millionen zählenden jüdischen Bevölkerung — selbst in rein jüdischen Wahlkreisen eine entsprechend starke Vertretung in den gesetzgebenden Körperschaften zu sichern. Daher ist die uns als euren Repräsentanten aufgebürdete Last ungeheuer und übersteigt die Kräfte einzelner. Seit Jahrzehnten an dem Werk unserer nationalen Erneuerung aktiv beteiligt, werden wir auch jetzt treu und ohne Wanken zu unserer nationalen Fahne stehen und um die uns gebührenden Rechte auf volle Entwicklung eines selbständigenkulturellenund religiösen Lebens kämpfen. Wir werden die volle Verwirklichung jener Losung anstreben, die ihren Ausdruck in dem Satze der Verfassung gefunden hat, daß der Staat das gemeinsame Gut aller Bürger ist. Wir werden für die alle bürgerlichen Pflichten opferwillig erfüllende jüdische Bevölkerung nicht nur gesetzliche, sondern auch tatsächliche Gleichberechtigung verlangen. Viel Aufmerksamkeit werden wir der k a t a s t r o p h a 1 e n wirtschaftlichen Lage der jüdischen Bevölkerung widmen. Wir werden uns gegen die unausgesetzte planmäßige Verdrängung der Juden aus Ihren Positionen und Arbeitsstätten wenden, wir werden für die jüdische Bevölkerung das Recht auf Arbeit auf allen Gebieten fordern, auch im Staats- und Gemeindedienst sowie in den staatlichen und kommunalen Unternehmungen. In der unmittelbar gesetzgeberischen Tätigkeit werden wir bestrebt sein, eine Änderung derjenigen Gesetze und Verordnungen herbeizuführen, welche neben den allgemeinen, mit der Wirtschaftskrise verbundenen Verhältnissen die Pauperisierung und Deklassierung der jüdischen Bevölkerung verstärken und beschleunigen. Wir werden darauf hinweisen, daß der Ruin von dreieinhalb Millionen jüdischer Bürger die Grundlagen der sozialen Wirtschaft des Staates unterhöhlen muß. Durch keinerlei Schwierigkeiten werden wir uns abhalten lassen vom Kampf um unsere Ehre und um unser Recht, um die wirtschaftliche Existenz der jüdischen Bevölkerung. Von euch verlangen wir, daß ihr unter Zurückstellung von Kämpfen und Meinungsverschiedenheiten, aus Spaltung und Zersplitterungheraus euch sammelt unter der Fahne der nationalen Ehre und der Verteidigung unseres Rechtes; daß ihr euch nicht von Verzweiflung und Resignation beherrschen lasset, sondern gemeinsam mit uns aktiv mitwirket bei der Erfüllung unserer schweren und so verantwortungsvollen Aufgabe.“ Die Ermordung Jecheshel Delmans Am 2. d. begann vor dem Warschauer Kreisgericht unter Leitung des Senatspräsidenten D e m b i c k i der Prozeß gegen die Teilnehmer an den pogromartigen Ausschreitungen, die im Sommer 1934 im Warschauer Powonski-Viertel durch Anhänger der antisemitischen nationalradikalen Partei verübt wurden, und in deren Verlauf der 32jährige Jecheskel Delman getötet wurde. Die Anklage vertritt Staatsanwalt Kocuchowski. Die Verteidigung haben die bekannten antisemitischen Rechtsanwälte Demowski, Sokolowski, Tarkowski inne. Als Vertreter der Privatbeteiligten hat sich im Auftrag der Mutter des ermordeten Delman Rechtsanwalt Nathan S u r o w i c z zu einer formellen Entschädigungsforderung im Betrag von einem Zloty dem Verfahren angeschlossen. Angeklagt sind insgesamt 22 Personen im Alter von 14 bis 31 Jahren, unter ihnen befindet sich auch eine Frau Dzew i e c k a, die die Menge zu Exzessen aufgehetzt hat. Die Ausschreitungen am 8. Juni v. J. haben nach dem Ergebnis der Voruntersuchung folgenden Verlauf genommen: Gegen 9 Uhr abends bewegte sich eine katholische Ki r c h e n p r o z e s s i o n gegen das Powonski-Viertel. Zu derselben Zeit fand in der Nähe eine Versammlung statt, in der über einen Überfall auf die jüdische Bevölkerung beraten wurde. Die Versammlungsteilnehmer gingen mit Stöcken und Schlagringen bewaffnet auf die Straße und verbreiteten das Gerücht, Juden hätten die Prozession mit Steinen beworfen. Es wurden Juden auf der Straße mißhandelt. Der von der Arbeit nach Hause zurückkehrende Bäcker Jecheskel Delman brach, aus acht Kopfwunden blutend, zusammen. In rohester Weise wurde der schon auf dem Boden liegende Delman mit Messern und Eisenstangen bearbeitet; er erlag bald darauf seinen Verletzungen. Inzwischen waren die Exzedenten auch in W ofh nungen und Geschäfte eingedrung e n; sie mißhandelten die Bewohner und zerstörten die Einrichtungen. Auch die Perez-Llbliothek wurde bei den Ausschreitungen vernichtet. Aussagen der Verhafteten ergaben, daß es sich um einen von der national-radikalen Partei planmäßig vorbereiteten Überfall gehandelt hat. Der Priester Krieger, der die Prozession am 8. Juni geführt hat, erklärte in der Voruntersuchung, die Prozession sei in vollster Ruhe verlaufen und es sei auf keinen Teilnehmer von irgend jemand ein Angriff verübt worden. Das Urteil im Warschauer Pogromprozeß Warschau, 9. Oktober. Das Warschauer Distriktsgerioht hat gestern abends das Urteil im Prozeß gegen 21 Personen, die wegen Teilnahme an den pogromartigen Ausschreitungen im Warschauer Powonski-Viertel, bei denen der Jude Delman ermordet wurde, beschuldigt waren, gesprochen. Vi e An geklagte wurden zu je dreieinhalb, sechs Angeklagte zu je zwei ZIONISTISCHE BEZIRKSSEKTION VI/VII, Loqualplalx 11 Donnerstag, den 17. Oktober 1935, v.9 Uhr abends Dr. Oskar Grünbaum Landesverband«, für Österreich „Der Luzcrner Kongreß u. seine fluswirKuns auf das Jüdische Leben“ Zionistische Bexlrkssektlon Wieden-Margarton, IV.,Hauslabgasse2 (Eingang Drasohepark) Mittwoch, den 16. Oktober 1935, </,9 Uhr abends Dr. Oskar Grfinbaum Landesverbandes für Österreich ..Der ZionistenkongreB ln Luzern und seine Bedeutung für das Judentum" jCau&Uüttc Sic /iahen eine Laube Aus Tannengrün gebaut. Es hat so manche Taube Neugierig zugeschaut. Sie schmückten reich mit Blumen Die Laube innen aus Und streuten Semmelkrumen Den Tauben vor dem Haus. Der Vater und. die Buben, Sie setzten sich zum MaM, Die Tochter aus der Stuben, Her schielte vielemal. Ich ließ mir Wein kredenzen Als Gast beim MaM und schwieg, Indes den grünen Kränzen Ein milder Duft entstieg. Doch nachts als Mensch und Taube Und alles sc/Uief, da schlich Die Tochter in die Laube Zu mir und küßte mich. Marek Scherlag. Jahren Kerkers verurteilt, elf Angeklagte wurden freigesprochen. Die Familienangehörigen der meist der Unterwelt angehörenden Verurteilten, die stich vor dem Gerichtsgebäude versammelt hatten, versuchten nach der Verkündung des Urteils, jüdische Straßen passanten anzugrelfen, wurden jedoch von der Polizei daran gehindert. Tiefen Eindruck machte das Plaidoyer des Vertreters der Witwe Delmans, Adv« Nathan Surowicz, der ein Bild der während der Pograimausischreitung angerichteten Verwüstungen in jüdischen Geschäften und Wohnungen entwarf und die Leiden der zahlreichen verletzten Juden schilderte. Die vorbestraften Verbrecher, die auf der Anklagebank sitzen, waren nur ein b l i o* des Werkzeug in der Hand gewisser politischer Drahtzieher, die die Judenhetze für ihre Zwecke ausnutzen wollen. Der Schlüssel zu diesen Ereignissen liegt im Lokal der Nationalradikalen in deT Dzikagasse 13, von wo die judenhetzerischen Parolen ausgingen. Daß von jüdischer Seite keinerlei Anlaß zu den Ausschreitungen gegeben wurde, hat der Staatsanwalt bereits aktenmäßig und einwandfrei fest gestellt. Adv. Surowicz konnte sein Plaidoyer nicht zu Ende führen, weil der Vorsitzende die Erörterung der Rolle der Nara, wie überhaupt Anspielungen auf die politischen Hintergründe nicht zuließ. Adv. Surowicz appellierte an den Gerichtshof, der aber den Entscheid des Vorsitzenden, der ihm endgültig das Wort entzog, bestätigte. Vaclav Wyszlichi gestorben Am Donnerstag, den 3. d., verstarb in Warschau an Herzschlag der bekannte jüdische politische und wirtschaftliche Führer Vaclav Wyszlicki, der seit einer längeren Reihe von Jahren dem polnischen Sejm angehörte und bei den letzten Sejm-Wahlen als einziger jüdischer Abgeordneter Warschaus auf der Regierungsliste gewählt worden ist. Wyszlicki gehörte dem Sejm seit 1922 als Repräsentant der jüdischen Handels- und Industriekreise an. Er stand der Orthodoxie nahe und befand sich oft in Gegnerschaft zu den Repräsentanten der jüdisohnatdonalen Politik. Er wurde aber als mutiger Kämpfer für jüdische Rechte vou allen jüdischen Kreisen sehr geachtet. Er gründete und leitete das Anti-Hitler-Komit e e, welches den Anti-Nazi-Boykobt in Polen organisierte. Viel beachtet wurde sein kürzlich es Auftreten im Prozeß gegen den Juden Halberstadt, der wegen brüsker Zurückweisung eines deutschen Warenangebots und angeblicher Beleidigung des deutschen Staatsoberhauptes von einem Warschauer Gericht zu acht Monaten Gefängnis verurteilt worden ist. Wyszlicki trat mit großer Wärme für den Angeklagten ein und erbot sich, dessen Stolle oinzunehmen. Soin plötzliches Ableben hat unter den Juden Polens Trauer hervorgerufen. Juden! Spiel .t Mkotli-Felertase mieih 1 den Keren Kalemelhl 88