Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 489 (11.10.1935)
- Date
- 1935-10-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4S9 — H. Oktober 193.5 DIE STIMM! Sette 3 REICH- ÖFEN a IV. Preßg. 28 B 20.2-38 I. Parkring 12 R 20-3-57 Alle jüdischen Büro-Angestellten unter ZS Jahren brotlos Berlin, 6. Oktober. Auf Grund einer soeben erlassenen Order müssen alle jüdischen Mädchen u n t, e r 25 J ah r e n, die als Verkäuferinnen, Stenotypistinnen oder in sonstigen Biirobenifen beschäftigt sind, ihre Stellungen ,.f ii r ein .Jahr4* verlassen. Die Order wird damit begründet, daß die Mädchen in diesem Jahr Hauswirtschaft erlernen sollen. Die Mädchen, sogar die von j iid i sehen Finnen beschäftigten, werden durch Arierinneii ersetzt werden. Es ist klar, daß sie die jetzt zwangsweise aufgegebenen Stellungen nie wieder werden bekleiden können. Die Order ist nicht nur ein schwerer Schlag für die betroffenen Mädchen, sondern auch für viele hunderte jüdischer Familien, die jetzt völlig auf den Verdienst ihrer Kinder angewiesen sind.; Streichers glücklichster Tag ' 'Julius Streicher erklärte auf einer Kundgebung in Hannover, der Tag, au dem in Nürnberg die Judengesetze verkündet worden waren, sei der glücklichste Tag seines Lebens gewesen. Streicher griff heftig den Bürgermeister von Hannover an, der die Anbringung eines „Stürmers-Plakates im Stadthaus mit der Bemerkung verboten hat, der „Stürmer“ sei ein Privatgeschäft des Herrn Streicher, der die antijüdische Propaganda zu persönlichem Nutzen betreibt. CHULBÜCHER für Volks-, Haupt- und Mittelschulen, neu und antiquarisch in den vorgeschriebenen Auflagen in der Buchhandlung Mi Rat», Wien, II., Tabor. Straße 20 A. Telephon R 45-305 Ankauf und Umtausch antiquarl« scher Bücher zu höchsten Preisen „Rassenschänderu ins Verbrecher• album Der Leipziger Polizeipräsident teilte mit, d,aß von jetzt ab jüdische M ä nner und arische Mädchen, die miteinander Verkehr pflegen, nicht nur nach den Gesetzen wegen Rassenschandu bestraft, sondern überdies ihre Bilder dem polizeilichen Verbrecher alb u m beigefügt werden würden. War mit Juden verkehrt, variiert das Bürgerrecht Koblenz, 9. Oktobern. Das „Nationalblatt.“ du Koblenz meldet, daß in Hals e n b a c h nach einem Beschluß des Geincindebürgerin eisters künftig die Bürgerrechte an Personen, die mit Juden gesellschaftlichen oder sogar noch geschäftlichen Verkehr unterha 11*n, nicht mehr verliehen werden. Künftig eintretenden Bürgern kann, wenn ihnen ein solches „verräterisches Treiben“ nachgewiesen wird, das Bürgerrecht entzogen werden. Im gleichen Beschluß ist auch festgelegt worden, daß „J u d unk n c ch t. e von der Gern c i n d « k e ino A u f t r ä g c“ m e h r erb a 11 e n k ö n n o n. Aus dein weit über die Grenzen Schlesiens bekannten Leinenhaiis Bi olschowsky in Breslau, G. m. b. H. sind di(3 ehemaligen jüdischen Inhaber durch Verkauf ihrer Anteile nunmehr gänzlich aus dem Unternehmen nusgesohiieden. Die Geschäftsführung war bereits im Jahre 1933 in andere Hände übergegangea* Jüdisches Winterhilfswerk in Deutschland Berlin, 9. Oktober. Nachdem klargestellt worden ist, daß infolge der Nürnberger Gesetze eine Beteiligung von Juden weder als Spender noch als Unterstützungsempfänger am Wintcrhilfswerk des deutschen Volkes in Frage kommt, wird der Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde im Einvernehmen mit der Reichsleitung des Winterhilfswerkes des deutschen Volkes ein jüdisches Hilfswerk einleiten. Die Ankündigung dieses Winterhilfswerkes der Gemeinde erfolgte am Ausgang des Versölmungstages in allen Berliner Synagogen und Betsälen, die in diesem Jahr noch mehr als ani letzten Jom Kippur überfüllt gewesen sind. Die deutschen Lehrbücher in Eng• 1 and London, 9. Oktober. Die Arbeiterpartei hat auf ihrer Konferenz in Brighton eine Kommission zur Prüfung aller deutschen Lehr b ü c h e r eingesetzt. Es ist festige*teilt worden, daß an einer Londoner Schule ein deutsches Lesebuch verwendet wird, daß antisemitische Aufsätze enthält. Die Angelegenheit wird auch im Pariam (3 n t zur Sprache kommen. Nürnberger Judengesetze brechen das Saar»Abkommen London, 9. Oktober. „Manchester Guardian-1 weist darauf hin, daß durch die Nürnberger Judengesetze das von der deutschen Regierung am 1. März Unterzeichnete S a a r - A b kommen, worin sie sich feierlich verpflichtet hat. während eines Jahres im Saargebiet keinerlei Diskriminierung ans politischen, religiösen oder rassischen Motiven platzgreifen zu lassen, e k 1 a t a n t v e r 1 e t z t worden ist. Die Zeitung führt weiter aus, die Nürnberger Rassciigesetze seien dem .indischen Kastenwesen zu vergleichen und eines zivilisierten Staates unwürdig. Sie seien von Hitler in seinem Buch „M e i n Kampf“ bereits vorgezeichnet worden. Gegen die Nürnberger Gesetze Genf, 6. Oktober. Der Präsident der jüdischen Gemeinde von Madrid, Ignacio Bauer, der in Genf als Delegierter der spanischen V ö 1 k e r b un d 1 ig a an den Sitzungen der Kommissionen und des Rates des Weltverbandes der Völkerbundliga teil genommen hat, wurde vom Präsidenten der Völkerbundversammlung, Dr. Benes, empfangen und überreichte ihm den Protest der jüdischen Gemeinden in Spanien gegen die Nürnberger Judengesetze, ABESSINIEN-DI IX. PORZELLANGASSE 39 TÄGLICH 9-4 UHR FRÜH Es spielen: Jules Carp, Gottlieb Neumann, Ferry Harsch und Max Vielgut Nürnberg Nürnberg, durch Wagnern Oper jedem Gebildeten in unzerreißbare Vorstellungsassoziation mit den Meistersingern, mit Kunst, Poesie und Kultur gerückt, ist zu einem Symbol jüdischer Tragik geworden. Die Stadt, in der vor vier Jahrhunderten Hans Sachs den Verdeutscher der jüdischen Bibel als „Wittenbergische Nachtigall“ gefeiert und selbst außer biblischen Stoffen auch ein Motiv aus dem Talmud poetisch gestaltet hat („Wie die Kahlköpfe entstanden4-), hat jetzt die Scheidungdes deutschen Geistes vom jüdischen durch die formale Entrechtung der deutschen Juden sanktioniert, nachdem allerdings die faktische schon lang Wirklichkeit geworden war. Wo einst ästhetieierende Handwerker pedantisch über die Reinheit von Reim und Rhythmus wachten, dort hat jetzt Hitler die Reinheit der germanischen Rasse gesetzlich verankert. Göring, der Gatte der Frau Sonnemann, empfahl das Verbot arisch-jüdischer Mischehen und der Reichstag, zum erstenmal seit 400 Jahreu in Nürnberg versammelt, hat den deutschen Juden ihre staatsbürgerlichen Rechte aberkannt, und damit dem Genius loci verständnisvoll gehuldigt. Denn die Unterdrückung der Juden ist in Nürnberg uralte Tradition. Schon um 1180 und um 1200 haben dort Judenverfolgungen stattgefundeu, also zu einer Zeit, in der Deutschland im allgemeinen zur religiösen Toleranz neigte und die deshalb von dem Literarhistoriker Wilhelm Scherer als einer der bisher im ganzen drei erreichten Höhepunkte der deutschen Kultur gepriesen wird. Ein Jahrhundert später batte Nürnberg schon einen Vorläufer von Julius Streicher in der Person des Edelmanns Rindfleisch, der vorgab, vom Himmel zum Vernichter der Juden berufen zu sein, und mit einer Rotte hab- und blutgieriger Freibeuter Franken und Süddeutschland brandschatzte. Über 140 jüdische Gemeinden und 100.000 Juden, deren Gedächtnis in den Nürnberger Memoirbüclieru fortlobt, fielen diesem Vorbild aller Pogromisten zum Opfer, desseu Treiben erst der Habsburger Albrecht von Österreich nach seiner Wahl zum Deutschen Kaiser oiu Ende machte. Albrecht legte den bayrischen Städtern, die mit Ausnahme von liegensburg und Augsburg, ihre Juden preisgegeben hatten, Straf steuern auf und siedelte wie in arideren Städten auch in Nürnberg neuo jüdische Familien an. Die Juden in Nürnberg waren, wie im ganzen Reiche, Kamtnerkneohfce der Kaiser, die ihre Privilegien aus fiskalischen Gründen — wegen der Rentabilität der Judensteuern — zwar stets wieder erneuten, es jedoch mit dem Schutze der. Juden nicht immer genau nahmen. König Heinrich VII. schränkte die Juden 1310 in ihren Handelsgeschäften und sogar in ihrem Fleischkonsum ein, Ludwig der Bayer legte ihnen 1331 drückende Steuern auf, Karl IV. entband 1347 die Burggrafen von Nürnberg der Rückzahlung ihrer Schulden an die Juden. Im Pestjahre 1349 wurden 562 Juden unter der Beschuldigung der Brunnenvergiftung verbrannt, die übrigen wurden aus der Stadt verjagt, doch kehrte eine Anzahl von ihnen 1352 wieder zurück. 1385 wurden die Nürnberger Juden vom schwäbischen Bund, 1390 vom Kaiser Wenzel um ihr Vermögen gebracht. 1414 legte ihnen Kaiser Sigismund einen Kostenanteil am Konstanzer Konzil, 1422 eine Hussiten-Steuer auf. Dafür gab er ihnen 1416 ein weitgehendes Schutzprivileg. Auch Friedrich III. verlieh ihnen wiederholt Privilegien, doch verschlimmerte sich ihre Lage in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. 1499 mußten die Juden Nürnberg verlassen. Erst 1693 konnten Juden die Stadt wiederbetreten, doch mußten sie dafür nicht nur einen Leibzoll entrichten, sondern auch den Schimpf einer Judengarde in Kauf nehmen. Anfangs bestand diese Garde in einem Musketier, später in einem — alten Weibe. Erst ab 1800 wurde nur noch Eintritts- und Passieiigeld von ihnen erhoben. 1839 erhielten sie das Wohnrecht in Nürnberg-, wo sich dann die dritte Gemeinde rasch bis in unsere Tage reich entwickelte, bis Streicher dieser Entwicklung ein gewaltsames Ende bereitete. Er hat es bekanntlich durchgesetzt, daß Nürnberg zum Tagungsort aller nationalsozialistischen Parteitage erklärt wurde und im Rahmen des heurigen zur Geburtsstadt der neuen Judengesetze geworden ist. Im Mittelalter besaßen die Nürnberger Juden eine Synagoge, ein Tanzhaus, ein Krankenhaus, ein Schlachthaus und einen eigenen Backofen. Sie lebten von Pfandleihe und Viehhandel; Handwerk und kaufmännische Tätigkeit waren ihnen nur ausnahmsweise gestattet. Für diese soziale Einschränkung hielten sio sich durch reges Geistesleben schadlos: Die Talmudschulen in Nürnberg waren berühmt, die Anordnungen der Nürnberger Rabbiner galten als maßgebend. In inner jüdischen Prozeßsachen und in religiösen Streitfragen genossen die Nürnberger Juden Autonomie. Kompetent zur Entscheidung hierin war der Judenrat, der aus fünf jährlich gewählten Persönlichkeiten bestand und die Judenschaft dem städtischen Magistrat und dem Reich gegenüber zu vertreten sowie für die Einhebung der Judengteuern zu sorgen hatte. An der Spitze dieses Judonrat.es stand der Rabbiner, Judcnmeister, Hochmeister, auch Bischof genannt. KAUFT SCHULBÜCHER HERMANN IM ANTIQUARIAT lUCHHER WIEN, II., ECKE TABORSTRASSE 52 MITTEL-, HAUPT- U. VOLKSSCHULBÜCHER NEU UND ALT IN GRÖSSTER AUSWAHL, SPESENFREIE ZUSENDUNG BILLIGSTE PREISE FÜR AUSKÜNFTE: TELEPHON R 41-4-20 Von jüdischer Literatur sind der Nürnberger M. a c li s o r und das Nürnberger M emorbuch erhalten als kostbare Zeugen gesteigerten jüdischen Gemüts- und Geisteslebens, als Antwort auf die sieh von .außen gegen das Judentum auswirkende Barbarei und Unmenschlichkeit Unsere Freunde Raufen Klassen« lose beim Ziehung I. Klasse 19. u. 22. Nov. 0CKS9ÄU£^ Haupt« treffer Eine Million Schilling S 400.000 S 200.000 usw. usw. Glücksbauer IV., Favoritenstraße 4 Tel. II 47-5-20 FILIALE! II., Leopoldsgasse 25 Tel. A 46-6-81 Gebet der Welt-Judenheit Der Vorstand der Israelitischen Kultus« gemeinde Wien sendet uns nachstehende. Mitteilung: „Am Versöhniungstiage, dem heiligsten jüdischen Feiertage, wurde gleichzeitig in tausenden jüdischen Bethäusern der Welt ein feierliches Gebet, überall mit demselben Text, für die deutschen Juden . und ihre Verfolger von der Kanzel verlesen. Die mächtige religiöse Kundgebung war von dem Großrabbiner des Britischen Rei*. dies Dr. I. H. He r t z, London, dem Großrabbiner von Frankreich Israel L e v i, Paris, dem Warschauer Rabbiner Professor Dr. M. Schorr, dem Oberrabhiner von! Stockholm Dr. M. Ehrenpreis, denn Oberrabbiiner von Wien Dr. D. Feucht« wang, dem Bukarester Oberrabbiner Dr. I. N i e in i r o w e r und verschiedenen andern weltbekannten religiösen Führern des Judentums angeregt worden. Das in schlichten, demütigen Worten gehaltene Gebet wurde in den überfüllten Gotteshäusern von hunderttausenden Andächtigen! mit größter Rührung, von Schluchzen unterbrochen, angehört. In diesem einzigartigen' Gebet heißt es? „Unsero verwundeten Herzen wenden sich in teilnehmender Trauer imsern schwergeprüften Brüdern zu, die in ihrer Existenz als Menschen und Juden vernichtet werden, Machtlose werden ihrer Menschenrechte! und ihrer Menschenwürde beraubt. Die Einheit des im Ebenhildc Gottes geschaffenen: Menschengeschlechtes wird durch eine auf Rciisseninstinkten gebaute Wahnlehre zerrissen. Die religiösen und sittlichen Grundlagen der Menschheit sind erschüttert. Das Leid unserer Brüder ist somit unser Leid, und ihr Kampf ein unmenschlicher Kampf. Es ist der Kampf $iir das Göttliche, den cs gilt.“ Am Schlusso heißt es: „0 Gott, Vater der Menschen und Lenker der Völker, der du die Welt errichtet hast auf Liebe und Gerechtigkeit, öffne die Augen der Verblendeten, läutere die Herzeu der Irrenden, schenke allen Einsicht, erfülle alle mit Barmherzigkeit. Hilf uns allen, den Weg zu finden zu dir — den Weg aus dem Dunkel zum Licht, aus Verwirrungzur Klarheit, aus Schuld zur Vergebung, aus Kampf zur Versöhnung.“