Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 488 (4.10.1935)
- Date
- 1935-10-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 8 Dil »TIMMI Nr. m — T ÖkTobe* 1885 HUtyUedec du i+euei* iiotUsiiscUeH &ceUuiü/c Nahum Sokolow, der neu-gewählte Ehrenpräsident der Zion. Org. und der Jewish Agency Dr. Rottenstreich (Allg. B.) David Ben Gurion (Arb.) Professor Selig Brodetsky (Allg. A.) -dr-' Simon Dubnow 75 Jahre Der repräsentative jüdische Historiker Professor Simon Dubnow, Verfasser der vielbändigen „Weltgeschichte des jüdischen Volkes” und vieler anderer Werke der geschichtlichen Darstellung und Forschung, vollendete am 29. September sein 75. Lebensjahr. Simon Dubnow wurde 1860 in Mstislawl (Gouv. Mchilev) geboren, lebte und schuf eine lange Reihe von Jahren in wissenschaftlichen Zentren Rußlands, dann, nach dem Durchbruch des Bolschewismus, in Berlin. von wo er, nach dem Siege des Nazismus. nach Riga übersiedelte. Seine jetzige Adresse lautet: S. Dubnow, Meza Parka, Meza Prospekt 68, Riga. Dubnows Geschichtsauffassung ist „soziologisch“, er will sich von der landläufigen geistesgeschichtlichen Einstellung emanzipieren, und zwar nicht allein für die älteste Geschichte, sondern auch für die Diaspora- Geschichte, in der dem jüdischen Volk lediglich eine geistige Aktivität zugebilligt wurde, während es im sozialen Leben nur als Objekt gewertet wurde. Nach Dubnows Auffassung ist das jüdische Volk stets Subjekt, Schöpfer seiner Geschickte auf allen Gebieten des Lebens gewesen; eine lebendige Nation mit jenen Besonderheiten, die sich aus dem Leben in der Zerstreuung ergeben. Neu ist bei ihm auch die Periodisierung des historischen Stoffes. Er geht von zwei Gesichtspunkten aus: dem der geschichtlichen Umgebung und dem der Hegemonie des einen oder anderen nationalen Zentrums gegenüber unbedeutenderen Zentren in anderen Ländern. So ergeben sich für die jüdische Geschichte zwei große Perioden: die orientalische mit den nationalen Hauptzentren in Palästina, Syrien, Mesopotamien und Nordafrika, und die westliche, deren Schauplatz Europa ist, und die in folgenden Stadien verlauft: nationale Hegemonie des arabischen und christlichen Spanien (11. bis 14. Jahrhundert), des südlichen und dann des nördlichen Frankreich (11. bis 13. Jahrhundert), der deutschen Judenheit (13. bis 14. Jahrhundert). In der Neuzeit (16. bis 18. Jahrhundert) rivalisieren die jüdischen Zentren in Deutschland und Polen um die Hegemonie. Der Verlauf der neuesten Geschichte (1789 bis 1914) wird auf die Prozesse Emanzipation und Reaktion einerseits, Assimilation und Nationalismus anderseits zurückgefiihrt. Am Schluß dieser Entwicklung entstehen in den letzten Dezennien vor dem Weltkriege zwei große Judenzentren: Amerika und Palästina. Dubnows geschichtliche Werke erschienen in mehreren Sprachen, die „Weltgeschichte des jüdischen Volkes“ erschien in zehn Bänden im Jüdischen Verlag, Berlin. Seine Arbeiten zeichnen sich durch fesselnde Darstellungskunst und übersichtliche Gliederung aus. Dubnow entw -kelte von je auch eine fruchtbare publizistisch-kritische Tätigkeit. Er bekennt sich als Anhänger des nationalen Prinzips, aber nicht allein mit dem Palästina-Ziel, sondern mit dem Ziel der Zusammenfassung des gesamten Judentums zu einem national* sozial-kulturellen Volksganzen, dem in den einzelnen Ländern national-kulturelle Autonomie zuzubilligen sei. Nach ihm bilden die Juden keinen Staat im Staate, sondern eine Zehn Jahre mag wohl Leibele alt sein — ein Knabe mit blassen Wangen, dunklen, verträumten, umflorten Augen und schwarzem Haar. Wie angewachsen sitzt ihm die Mütze auf dem Kopf, denn Leibele ist ein frommes Kind. Und nur wenn ein Sturmwind sie ihm vom Kopfe bläst, flattern ihm seine leichten Locken um die Stirne. So manche Dinge liebt Leibele, die er niemals besitzen kann oder niemals ganz besitzen wird. Und deshalb sind auch seine Augen immer so verträumt, so versonnen, und dunkle Sehnsucht brennt darinnen. Er liebt den Sommer! Aber den ganzen Tag muß er im Cheder sitzen und lernen. Er liebt die Sonne! Aber der Rebbe verhängt zumeist mit seinem Rock die Fenster des Cheders, daß es dunkel wird und drückend schwül. Er liebt die Nacht! Er liebt den Mond! Aber der Vater schließt daheim die Fensterladen und ihm ist in seinem Bettchen, als sei er lebendig begraben ... Und Leibele kann nicht verstehen, wie es auf der Welt so eigen ist: Wenn die Sonne durchs Fenster lacht — sinnt er — ist es so belebend und erquickend. Und so gut und so fröhlich. Und verhängt sie dann der Rebbe, dann gibts keine Sonne mehr. Wäre er dreister gewesen, so hätte er den Rebben gefragt: „Was stört es euch, daß die Sonne ins Fenster guckt?“ Und wagt doch keinmal zu fragen! Der Rebbe ist ein so großer und kluger Jude. Wahrscheinlich versteht er’s besser; und Leibele ist nur ein kleiner Junge, und wird er erst größer, vielleicht wird er die Fenster dann selbst verhängen! Allein trösten kann ihn dieser Gedanke nicht, und er glaubt sich immer wie beleidigt von den älteren Menschen... Abends geht er aus dem Cheder heim. Die Sonne ist schon untergegangen. Wie ist’s so lustig und fröhlich auf der Straße. Maikäfer surren und fliegen ihm gegen Stirn und Ohr und Nase. Wie gern hätte er ein bißchen auf der Gasse gespielt und am liebsten auf das ganze Abendbrot daheim verzichtet! Aber er hatte Angst vor dem Vater. Und der Vater ist nur gut, wenn er mit fremden Leuten spricht, gut und weich und zugänglich. — Aber zu ihm, zu Leibele, ist er bös, schreit immer und schilt, und käme er einmal ein paar Sekunden später aus dem Cheder, dann würde er ihn hart anfahren: „Wo warst du, feiner Mann? Du hattest wohl wichtige Geschäfte?“ Nun geh mal einer und erzähle denn Vater, daß eB auf der Gasse jetzt gar nicht so Übel ist, daß auf der Gasse die Maikäfer surren, .da£ es üm Iftk&fc ist» ihrem Summen Nation unter Nationen. Seine These bildet das Programm der in einer Reihe von Ländern Osteuropas bestehenden „Jüdischen Volkspartei“ (Folkisten). zu lauschen, und daß es so lieb ist und kameradschaftlich, selbst wenn sie einem an den Kopf fliegen! Und doch: ist es nicht eine große Narretei?! Er, Leibele, ist ja ein kleiner, dummer Junge, und darum hat er an Maikäfern und Frühlingslüften seine Freude. Und der Vater ist ein erwachsener Mann, der mit Weizen und Korn handelt, und der immer den Marktpreis kennt, wann das - Korn billiger, wann es teurer ist, und der Vater kann so gut polnisch sprechen und kann feilschen und versteht sich sogar auf die deutsche Dezimalwage... Ps! Mein Vater! (Und Leibele schüttelt verzückt seinen Kinderkopf!) Und nun geh mal einer und erzähle dem Vater, daß es auf der Gasse jetzt so lustig ist... Und Leibele eilt schnell vom Cheder nach Hause, und gleich fragt ihn der Vater, wieviel Kapitel im Thanaoh er heute gelernt hat. „Fünf“, antwortete er. Und der Vater sagt nichts dazu unid brummt seinen Singsang weiter, ohne ihn anzugucken. Wenn er einmal aber antwortet: „Nur drei“, dann wird der Vater böse: „Was ist das für eine Sache, daß dlhr so wenig gelernt habt, was?!“ Und Leibele würde schweigen und sich wie schuldbeladen dem Vater gegenüber Vorkommen... Dann prüft der Vater: „Übersetze kim’lunoh!“ „Kim’lunoh — wie eine Naohthütte“, antwortet Leibele erschreckt. Und der Vater schweigt, ein Zeichen, daß er zufrieden ist. Man setzt sich an den Tisch zum Abendbrot. Ununterbrochen fixiert ihn der Vater, ihm immer neue Lehren predigend und Anstandsregeln, daß dem armen Jungen das Abendbrot kaum noch schmecken mag. Nach dem Essen muß Leibele das Tischgebet sprechen, ganz laut. Und verschluckt er auch nur ein Wort, dann schreit ihn der Vater an: „Wie heißt das? Nochmal! Nicht so eilig; nicht fliehen, es brennt ja nicht!“ Und Leibele wiederholt nochmals. Und doch hätte er so gern das Gebet heruntergerast, und doch wäre er so gern auf die Straße geeilt — und doch brennt es in ihm — so wild, so wild... Und wenn es draußen finster wird, muß er noch das Maaniw, das Abendgebet, spre-j eihen. Schon bei der Lampe! Immer wieder packt ihn der Vater bei einem Fehler. Und, es wird doch Leibele so schwer, die Fehler j zu meiden, Denn der silberhelle Vollmond | schwebt schon am Himmel, und Leibele betet und blickt empor, und es zieht ihn so auf die Straße. Nur seine Lippen beten noch. Er tollt schon längst miit den Genossen durch die Gasse. Nach dem Abendgebet stiehlt er sich unter irgend einem Vorwand vor die Tür hinaus. Nur noch ein Weilchen möchte er draußen sein. Er starrt zum Monde empor, der mit bleichen Strahlen die Welt überschüttet. Bald aber hört er die Stimme des Vaters: „Komm in die Stube und geh schlafen!“ So warm ist’s auf der Gasse. Kein Windhauch weht. Nur als er des Vaters Ruf vernahm, war’s ihm, als ob ein Sturm darinnen bliese. Wie ein Erfrorener geht er du die Stube zurück, stellt «ich ans Fenster und starrt und. starrt auf den Mond. „Wir müssen jetzt die Fenster schließen. Es ist spät genug!“ — Dia fällt Leibele eine dumpfe Angst an. Aber der Vater geht aus dem Zimmer und man hört, wie die Fensterladen klappen und sich zu sträuben, scheinen, als würden sie gegen ihren Willen geschlossen! Nur einen Augenblick! — Und dann ein kräftiger Ruck — und der Mond ist nicht mehr da... Der Vater hat ihn gestohlen! ... Eine Weide später wird die Lampe ausgelöscht. Die Stube ist finster. Die Eltern schlafen schon. Nur Leibele, der dicht am Fenster liegt, kann noch nicht znr Ruhe kommen. Wie gern hätte er noch auf der Straße gespielt, auf der Straße, von der durch die Fenaterspalten noch dumpfes Stimmengewirr herklingt. — Er setzt sieh auf und will versuchen, durch die Spalten zu lugen. — Vielleicht ginge es gar, dm aller Stille einen Laden zu öffnen und zu schauen und zu schauen... Doch es gelingt ihm nicht. Der Vater springt auf und fragt zornig: „Was wirtschaftest du da am Fenster herum, was? Ich soll dir wohl mit meinem Leibriemen ein paar überziehen?!“ Und Leibele drückt sich schnell in seine Kissen, zieht sich die Decken bis über die Ohren und ihm ist, als liege er nun wie im Grabe ... „Der Versuch, dm Juden auszuroUen, ist unter den günstigsten Auspizien und im größten Maßstabe unternommen worden. Die bedeutendsten Mittel, über welche Menschen jemals verfügen konnten, wurden fast während unserer ganzen Zeitrechnung hartnäckig an dieses Ziel gewendet. Ägyptische Pharaomen, assyrische Könige, römische Kaiser, skandinavische Kreuzfahrer, gotische Fürstenund Heilige Inquisition haben gleichmäßig ihre Kräfte an die Erfüllung dieses Zweckes gesetzt. Ausweisung, Verbannung, Gefangenschaft, Vermögensentziehung, die erfinderischeste Folter, die umfassendsten Massenmorde, ein seltsames System entehrender Bräuche und erniedrigender Gesetze, lauter Dinge, die ein jedes andere Volk zerbrochen haben würden — an die Juden wurden sie vergeblich versucht.“ Disraeli. Wie im Grabe Von Abraham Reisen